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Schweizer Psychiater warnen vor „Satanic Panic“ und induzierten Scheinerinnerungen

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In der Schweiz ist etwas in Bewegung gekommen.

Auch die Konsumenten- und Beratungszeitschrift Beobachter nennt das „Rituelle Gewalt“-Narrativ eine „Mär“ beziehungsweise „Verschwörungstheorie“, die von „gewissen Traumatherapeuten“ fest geglaubt werde.

Außerdem zitiert das Blatt den Präsidenten von Swiss Mental Healthcare (einer gesamtschweizerischen Vereinigung der psychiatrischen Kliniken und Dienste), Erich Seifritz, der sich von „den entsprechenden Therapiemethoden“ distanziert:

Dabei legen die Therapeuten ihren Traumapatienten den Gedanken nahe, dass sie Opfer ritueller Gewalt geworden seien. Und sie „helfen“ ihnen mittels therapeutischer Techniken, sich an vermeintlich Verdrängtes zu erinnern. Es werden Scheinerinnerungen, sogenannte False Memories, quasi eingepflanzt.

„Dieses Herbeiführen von Scheinerinnerungen ist eine hochproblematische Nebenwirkung der jeweiligen Therapie – in gewissen Fällen sogar ein Kunstfehler“, sagt Erich Seifritz, SMHC-Präsident. Denn diese induzierten Scheinerinnerungen können laut Seifritz selber zu Traumatisierungen führen – mit schwerwiegenden psychosozialen Folgen für die betroffenen Personen wie auch für ihr Umfeld.

„SMHC weist klar auf die Gefahren solcher Behandlungen hin. Während einer Psychotherapie auftauchende Hinweise auf rituelle Gewalt sind deshalb mit allergrösster professioneller Zurückhaltung zu behandeln.“

In der Stellungnahme der SMHC, die auch uns vorliegt, wird ebenso klargestellt:

In der Schweiz ist bisher kein Fall ritueller Gewalt […] nachgewiesen oder strafrechtlich verurteilt worden. Darüber hinaus bestehen auch keine wissenschaftlich erhärteten Hinweise für die Möglichkeit einer gezielten Aufspaltung und Fremdsteuerung der Persönlichkeit durch Mind Control-Techniken.

In den USA wird gerade wieder ein Fall von False Memories vor Gericht verhandelt.

Vor 30 Jahren beschuldigte der damals zehnjährige John Parker seinen Vater Melvin Quinney, Mitglied in einem satanischen Kult zu sein und ihn und seine Schwester rituell missbraucht zu haben. Quinney wurde für schuldig befunden und als Sexualstraftäter zu 25 Jahren Haft verurteilt.

Heute versucht Parker selbst, seinen Vater zu entlasten und zu rehabiltieren. Die Geschichte, die er damals erzählt hat, sei eine Lüge gewesen, die ihm von seiner Mutter und anderen Erwachsenen aufgezwungen worden war:

I was told good memories I had were put there by Satanists to cover up the other bad memories in my past. Our whole life revolved around ‘a Satanic cult was after us‘.

Zum Weiterlesen:

  • Rituelle Gewalt: Therapien können zusätzliche Traumata hervorrufen, beobachter am 9. Juni 2022
  • Man who accused father of sex assault, satanic worship now seeks his exoneration 30 years later, ksat am 17. Juni 2022
  • Video: Q&A mit Lydia Benecke zur Doku „Jetzt reden die Opfer – Satanic Panic in der Schweiz“, GWUP-Blog am 24. Mai 2022
  • SRF-Doku: „Jetzt reden die Opfer“ von induzierten Erinnerungen an satanistisch-rituellen Missbrauch, GWUP-Blog am 17. Mai 2022
  • The return of a myth: Satanic ritual abuse and the sacred status of Argos, The Skeptic am 16. Mai 2022
  • Fantasien von mörderischen Ritualen: Vor 20 Jahren geriet schon einmal eine Thurgauer Therapiestation in die Schlagzeilen, tagblatt am 31. Mai 2022
  • Der Glaube an satanistischen Missbrauch breitet sich in der Schweiz aus, NZZ am 21. Mai 2022

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