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Impfungen: ARTE macht mal wieder den Sieveking

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Was macht ein Fernsehsender, wenn eine Koproduktion zum Thema Impfen („Eingeimpft“) bei Fachkritikern so richtig durchfällt?

Die eigenwilligste Antwort auf diese Frage gibt mal wieder ARTE: Man beauftragt einfach eine Schwurbel-Regisseurin („Cholesterin – Der große Bluff“) damit, sowas Ähnliches nochmal zu drehen.

Dann hat man’s aber allen gezeigt, dass man sich von so Kleinigkeiten wie Fakten und Studien nicht beeinflussen und von den ewigen Besserwissern nicht unterkriegen lässt.

Umgekehrt gibt’s allerdings auch den damals aufgelegten Eingeimpft-Blog noch – und dankenswerterweise hat sich Udo Endruscheit auch den neuesten ARTE-Quark angetan.

Hier geht es zu seiner Rezension:

Eine Engelsgestalt mit einem heiligen Kelch (dem Gral?) in Händen und davor montiert ein pseudo-mittelalterlicher Schriftzug „SCIENCE“. Recht eindeutig: eine offenbar abfällig gemeinte Allegorie auf die vorgebliche alleinwissende und nur Segen bringende Wissenschaft. Kein guter Anfang.

Und in der Tat.

Fast eineinhalb Stunden wird der geduldige Zuschauer mit einer Anhäufung von Narrativen malträtiert, die nirgendwo eine explizit impfgegnerische Haltung einnehmen, aber – genau wie Sievekings „Eingeimpft“ – insgesamt den Eindruck hinterlassen, das mit dem Impfen sei ja vielleicht ganz interessant, aber unter dem Strich doch eher eine zweifelhafte und deutlich zu hinterfragende Angelegenheit.Wenn es dabei wenigstens noch um wirkliche Probleme des Impfthemas ginge.

Aber nein, mit rhetorischem Aufwand und gutem handwerklichem Geschick werden dort Narrative aufgewärmt, die teils längst geklärt, teils randständig bis exotisch sind und den Blick auf das Gesamtthema Impfen nicht eröffnen, sondern verstellen.

Zum Weiterlesen:

  • Déja vu? – „Impfen – die ganze Geschichte“ bei ARTE, eingeimpft am 19. Oktober 2022
  • Kardiologen kritisieren Sender ARTE wegen „gefährlicher Desinformation“, ÄrzteZeitung am 5. Dezember 2017

13 Kommentare

  1. Ein Griff ins Archiv für alle, denen das Thema „ARTE und die Wissenschaftsthemen“ nicht so geläufig ist. Aus einem Kommentar zu „Die Akte Aluminium“, bis heute das Glanzstück der Verbreitung von Pseudokram, Hype und auch Angst durch öffentlich-rechtliche Sender. Das stammt aus 2013 (von der Psiram-Seite) und wie es scheint, ist davon nichts revisionsbedürftig:

    „ARTE und ZDF sind zwar durchaus seriöse und m. E. auch anspruchsvolle Sender, aber mit naturwissenschaftlichen Sendungen ohne Gefahren oder Verschwörungstheorien lockt man doch keinen Hund hinter dem Ofen vor. Schon in den allerersten Sendungen von ARTE wurde etwas über das „Wassergedächtnis“ gesendet. Trotzdem: Es gibt aber auch bei ARTE anspruchsvolle Wissenschaftssendungen. Man muss sie nur finden.

    Leider sind die Macher von ARTE und auch den anderen Sendern mangels naturwissenschaftlicher und medizinischer Grundkenntnisse (IrgendwasmitMedien ist halt leichter zu studieren als Chemie, Physik oder Medizin) nicht in der Lage Wissenschaft von Esoterik und/oder Verschwörungstheorie zu unterscheiden. Daher werden Machwerke wie dieses äußerst unkritisch betrachtet.

    Es fehlen eben die Naturwissenschaftler bei der Programmauswahl. Ich habe es mir zwischenzeitlich angewöhnt, bei Themen wie diesen ein anderes Programm zu wählen, damit mein Blutdruck in verträglichen Größenordnungen verbleibt.“

    Letzteres kann man sich allerdings als Skeptiker nicht erlauben. Und Schmerzensgeld gibts auch keines.

  2. Hallo,
    ….und lieben Dank für den Beitrag!

    Ja, diese Reportage ist ziemlich schlimm.

    Kann es sein dass die Regisseurin Anne Georget, ist Tochter von Michel Georget, ein recht bekannte Impfgegner in Frankreich? Siehe hier:

    https://www.amazon.de/-/en/Michel-Georget/e/B004MORIZU/ref=dp_byline_cont_pop_book_1

    Ich finde leider aber keinen Infos ins Internet.

    Besten Gruß aus Fuchstal in Bayern!
    Mario Techera

  3. Ich habe doch was gefunden. Anne Georget ist tatsächlich die Tochter von Michel Georget:

    https://www.aimsib.org/en/2019/03/21/lhommage-de-laimsib-a-michel-georget/

    Ganz am Anfang der Artikel

    „Nous adressons toutes nos pensées à sa très gentille épouse ainsi qu’à Anne sa fille dont les qualités professionnelles pourraient nous faire penser que celles-ci seraient héréditaires.“

    Der Apfel fällt nicht weit von Baum.

  4. @Udo Endruscheit

    Das Infotainment der öffentlich-rechtlichen Sender (Precht, TerraX, Arte-Doku etc.) ist für Geisteswissenschaftler genauso unerträglich, wenn die Folgen in den meisten Fällen weniger gravierend sind. Ein Abschluss in diesen Fächern zu erhalten, ist sicherlich einfacher als in den Naturwissenschaften.

    Ich weiß nicht wie in den Redaktionen gearbeitet wird und nach welchen Kriterien Dokumentarfilmer ausgewählt werden. Bei den sich wiederholenden Narrativen habe ich folgenden Verdacht. (Man möge mich korrigieren, wenn ich falsch liege.)

    1. Den Redaktionen fehlt es an fachlicher Kompetenz (verständlich). Sie greifen dann auf Menschen zurück, die laut schreien und Zeit dafür haben, was nicht unbedingt ein Qualitätskriterium sein muss.

    2. Wie bei politischen Statements präferiert man jene Thesen, die kontrovers oder interessant klingen.

    Beispiel: Wenn die 50ste Dokumentation über die Cheops-Pyramide darüber berichtete, dass die (neu gefundenen) Hohlräume vor allem Bauschutt zur Auffüllung erhalten. Dass es aber unwahrscheinlich ist, hinter einer Wand das nächste Königinnen-Grab zu finden, wäre diese Information keine 45minütige Dokumentation wert.

    3a. Man hat schon eine Ahnung, wie es sein könnte und sucht sich jemanden, der das bestätigt.
    3b. Alle Standpunkte einer öffentlichen Diskussion werden gleichwertig dargestellt.

    4. Mit dem Format spricht man eine bestimmte Zielgruppe an, die bestimmte Narrative erwarten. Um diese Zielgruppe auch beim nächsten Mal anzusprechen, bedient man auch beim nächsten Mal dieselben Narrative.

    Anstatt einer begründeten inhaltlichen Kritik, halte ich eine Medienkritik für sinnvoll (nein, nicht Precht und Welzer), die es schon gibt (z. B. für Politisches das vom NDR produzierte Medien-Magazin zapp), aber in den Redaktionen anscheinend nicht ankommt.

    Wenn es jemand besser weiß, lerne ich gerne hinzu.

  5. Ich frage mich, welche Strukturen im Sender arte (den ich in anderen Bereichen durchaus schätze) die Entstehung von solchen Sendungen begünstigen.

    Wenn Frau Georget nun tatsächlich die Tochter eines bekannten Impfgegners ist, dann wollte man wohl mit voller Absicht so etwas produzieren. Mit einem Beitrag zur Meinungsvielfalt hat das meines Erachtens nichts zu tun.

  6. Ich habe mit ARTE schon mehrfach diskutiert und ihnen dort auch richtige Vorwürfe gemacht, was ihren Umgang mit Wissenschaft und dessen ständige Perpetuierung (aka Unbelehrbarkeit) angeht. Man kann meinen Eindruck (mehr ist es natürlich nicht) eher so zusammenfassen:

    Die Ästhetik des Beitrags ist wichtiger als der Inhalt. Und Naturwissenschaften sind ja auch nicht „der Weisheit letzter Schluss“, sie brauche „Infragestellung“. Was von einem haarsträubenden Wissenschaftsbild zeugt.

    Ich weiß nicht wirklich, ob diese Analyse zutrifft. Aber sehr stark ist mein Eindruck, dass der Aspekt einer wie auch immer definierten „Ästhetik“ dort eine nähere Befassung mit Naturwissenschaften überflüssig erscheinen lässt. Die Frage ist zudem, was der französische Teil von ARTE zu dieser Richtungsbestimmung beiträgt. Schwierig.

    Es bleibt die Notwendigkeit von Widerspruch. Ausreißer gibts allerdings auch anderswo, allerdings nicht so als „Linie“ und nicht unter dem Aspekt von „Ästhetik“ (z.B. den unsäglichen Report „Die Wahrheit über … Homöopathie“ des rbb, der sich bis hin zu Programmbeschwerden völlig uneinsichtig gegenüber dem wohlbegründeten Vorhalt zeigte, hier werde eine massiv unwissenschaftliche, einseitige Darstellung über den Anspruch der „Wahrheit“ gestellt).

    Es sollte nicht so sein, dass man schon bei der Vorankündigung von Wissenschaftsthemen bei ARTE zusammenzuckt, wie es mir auch diesmal wieder ergangen ist.

    Danke für den Hinweis der familiären Zusammenhänge, das ist sehr interessant!

  7. „ARTE und ZDF sind zwar durchaus seriöse und m. E. auch anspruchsvolle Sender, “

    Das bezweifle ich stark, Gerade ARTE hat aktuell mit „Gentechniklabor Afrika“ wieder übelsten Schund im Programm, und hat mit „Monsanto- Der Prozeß“, „Mit Gift und Genen“, „More than honey“, „Der sechste Sinn“, und „Augendiebe“, wirrste Esoterik in dümmlichsten Pseudodokumentationen gebracht, und tut das seit mitterweilen fast 20 Jahren regelmäßig und gegen besseres Wissen.

  8. Habe nach einer halben Stunde das Video abgestellt. Masern, die harmlose Kinderkrankheit, und das „belegt“ mit einer Comedyserie aus den 60ern – ich hätte kotzen mögen!!

  9. @ borstel

    Masern, die harmlose Kinderkrankheit, [..] ich hätte kotzen mögen!!

    Ist doch nur konsequent. Verglichen mit dem ebenso harmlosen Covid-19, bei dem einer von hundert stirbt, stirbt bei den Masern nur einer von tausend. Ergo: Harmlos.

  10. @udo Endruschelt

    „Die Ästhetik des Beitrags ist wichtiger als der Inhalt. Und Naturwissenschaften sind ja auch nicht „der Weisheit letzter Schluss“, sie brauche „Infragestellung“. Was von einem haarsträubenden Wissenschaftsbild zeugt.“

    Ich arbeite in Strasbourg und hatte immer wieder Journalistinnen und Praktikantinnen von ARTE in Französischkursen kennengelernt.

    Die waren durchwegs naturwissenschaftlich/ technisch unbedarft und desinteressiert, aber gleichzeitig sehr „woke“ und kritisch.

    Da vermute ich einfach Inkompetenz.

    Bei der Führung von ARTE muss man allerdings annehmen dass sie die „Qualität“ ihrer Dokumentationen sehr wohl kennen und allerdings auch die Erwartungshaltung ihres Zielpublikums kennen, ähnlich wie bei der Tagesschau die ja auch Hokuspokus wie „Gentech-Mücken breiten sich in Brasilien aus“ bringt und sich weder von Pressebeschwerden noch von Stellungnahmen beirren lässt.

  11. @thomas:

    Volle Zustimmung. Auf meinen Vorschlag, dann sollten sie doch naturwissenschaftliche Themen entweder beiseite lassen oder sich vernünftig rückversichern, antwortete ARTE mir seinerzeit damit, dass sie sich in ihrer redaktionellen Freiheit nicht einschränken lassen.

    Q.e.d.

  12. Aber das müssen wir doch verstehen! Wer will sich denn freiwillig von diesen ekelerregenden Fakten einschränken lassen?! Und da ist arte doch ein guter Vorreiter! Ich werde mich auf jeden Fall auf den Sender berufen, wenn ich demnächst versuche, ein Perpetuum mobile zu bauen, mich beamen zu lassen und der Schwerkraft zu trotzen (beim Sprung vom 10-m-Brett in ein leeres Schwimmbecken).

  13. Diese Anti-Impf-Hetze ist definitiv ein Tiefpunkt. Auffällig finde ich auch, dass ARTE auf Anfragen zu dieser Sendung überhaupt nicht reagiert. In Frankreich ist Impfskepsis wohl deutlich gesellschaftsfähiger. Und dass Ästhetik vor Inhalt oder gar Wissenschaft kommt, ist ein roter Faden. Hat auch Tracks von einer großartigen zu einer nur noch woken Sendung runtergewirtschaftet.
    Aber: den kompletten Sender möchte ich deshalb nicht aburteilen, haben sie doch andererseits auch Highlights wie Data Science vs. Fake- „Gegen Masern muss man nicht unbedingt impfen“. Interessante Ausgewogenheit…

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