gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

Neuerscheinung: „Die Illusion der Vernunft“ von Philipp Sterzer

| 9 Kommentare

Interessante Buchvorstellung bei titel thesen temperamente:

Die Illusion der Vernunft – Warum wir von unseren Überzeugungen nicht zu überzeugt sein sollten

von Philipp Sterzer.

Die Erde ist eine Scheibe – daran glauben sogenannte „Flat-Earther“ felsenfest. Belegbar falsch. Aber für Mike Hughes, einen Stuntman aus Kalifornien: alles Lüge. Vor zwei Jahren schoss er sich mit einer Selfmade-Rakete in den Himmel, um die Wissenschaft zu widerlegen – und starb im Dienste des Irrsinns.

Aber wie entstehen solche Überzeugungen und andere absurde Verschwörungstheorien, gegen alle Fakten?

Der Neurowissenschaftler und Psychiater Philipp Sterzer hat ein Buch geschrieben: „Die Illusion der Vernunft“. Er legt dar, wie unser Weltbild im Kopf entsteht und dass wir eigentlich alle ziemlich irrational sind.

„Also, ich würde nicht sagen, dass die Vernunft ausgespielt hat,“ so Sterzer. „Ganz im Gegenteil. Wahrscheinlich brauchen wir zurzeit die Vernunft und das rationale Argumentieren mehr denn je.“

Der Schweizer geht davon aus, dass wir alle einer Art „Rationalitätsillusion“ unterliegen:

Das heißt, dass wir mit unserer eigenen Irrationalität einen Umgang finden müssen […] Andere von einer Überzeugung abzubringen mit Daten und Fakten birgt das Risiko, verfestigte Meinungen eher noch zu zementieren. Sterzer plädiert trotzdem dafür, es immer wieder mit Vernunft zu versuchen.

Das ist natürlich nicht neu und hier im Blog schon häufig diskutiert worden, gerade im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien. Sterzer erklärt das Ganze nun speziell unter dem Aspekt der Hirnforschung und Wahrnehmungspsychologie.

Hier geht’s zu dem ttt-Beitrag (zirka sechs Minuten).

Zum Weiterlesen:

  • Philipp Sterzer: Die Illusion der Vernunft. Ullstein 2022, 320 Seiten, 23,99 €
  • Wer hat recht? ttt am 28. August 2022
  • llusion der Vernunft: Warum wir oft an falschen Überzeugungen festhalten, Deutschlandfunk am 30. August 2022
  • Philipp Sterzer: „Vernunft ist eine Illusion“, rbb am 6. September 2022
  • Die Illusion der Vernunft: Warum wir die Welt im Kopf konstruieren und welche Rolle Überzeugungen dabei spielen, Leipziger Zeitung am 11. September 2022
  • Warum wir nicht glauben, was uns nicht passt: eine Analyse, GWUP-Blog am 8. August 2017
  • Warum wir unsere Meinungen nicht ändern, Richard Dawkins Foundation am 24. April 2018
  • Wieso Menschen ihre Meinung nicht ändern, GWUP-Blog am 1. Mai 2018
  • Den kleinen Riss im Denksystem verursachen: Interviews mit Holm Hümmler und Ulrike Schiesser, GWUP-Blog am 10. Dezember 2021
  • Philipp Schmid u.a.: The psychological drivers of misinformation belief and its resistance to correction, Nature Reviews Psychology, volume 1, pages 13–29 (2022)

9 Kommentare

  1. Alternative Darreichungsform der Botschaft:

    https://www.mimikama-shop.at/tasse_fake-off_2

  2. Der Schweizer geht davon aus, dass wir alle einer Art „Rationalitätsillusion“ unterliegen

    Eine recht pessimistische Weltsicht. Bestimmt hatte er beim Schreiben seinen Kant aufgeschlagen nahebei. Und ich fühle mich an den alten Spruch erinnert: Die Realität ist nur eine alkoholmangelbedingte Wahrnehmungsstörung.

  3. Das Buch scheint ganz interessant zu sein. Allerdings ist der Titel sehr marktorientiert/marktschreierisch. Dieter Mohr hat da auch eine gewisse Skepsis in seiner Anmoderation bei TTT durchblicken lassen.

    Ich frage mich schon lange, wie es möglich ist, dass im Buchmarkt so viele Bücher erfolgreich sind, die mehr oder weniger rational erklären, dass „die Menschen“ unfähig zu rationalem Denken sind.

    Wahrscheinlich denken auch der Käufer und die Leserin, dass sie die berühmte Ausnahme sind, die die Regel bestätigt. Für diese „Relativitätswahrnehmungsverzerrung“ gibt es im Buch auch viele Beispiele.

  4. Unser Bewußtsein ist eine Illusion… nicht nur unsere Vernunft… das ist schon lange neurowissenschaftlich bestätigt.

    Unser Gehirn trifft Entscheidungen, bevor sie uns bewusst sind.

    Unser „Sein“ ist die Summe dessen, was unser Gehirn für „akzeptabel“ erachtet und was es in unser Bewußtsein „sendet“.

  5. @ Ralf voll geimpft (mit Booster):

    Wenn unser Bewusstsein „eine Illusion“ ist:

    – in welcher Form tritt diese Illusion auf, bewusst?
    – wer wird durch die Illusion getäuscht, unser Gehirn?
    – hat sich das Gehirn für die Täuschung „entschieden“, wenn ja, „bewusst“?
    – warum sollte unser Gehirn sich selbst täuschen?

    Und wer anders als „unser Gehirn“ sollte Entscheidungen treffen? Es gibt keinen Homunkulus, der neben dem Gehirn im Kopf sitzt und den Entscheidungen des Gehirns – illusionär getäuscht – zusieht.

    Als Verständnishilfe: https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2018/06/24/was-ist-bewusstsein/

  6. … und wenn etwas „neurowissenschaftlich bestätigt“ ist:

    – braucht man Bewusstsein, um das zu wissen?
    – ist die Wahrnehmung des „Bestätigtseins“ eine Illusion?
    – oder sind gar neurowissenschaftliche Erkenntnisse, sobald sie uns bewusst sind, eine Illusion?

    Fragen über Fragen, warum wir von manchen neurowissenschaftlich gekleideten Überzeugungen nicht zu überzeugt sein sollten ;-)

  7. Die Idee mancher Nero-Wissenschaftler, dass unser Gehirn für uns entscheidet, bevor wir uns dessen bewusst werden, wurde in den 1990er-Jahren propagiert und traf damals schon auf entschiedenen Widerspruch bei vielen Philosophen.

    Das Hauptproblem dieser Idee ist dann klar zu erkennen, wenn man sich mit Entscheidungen beschäftigt, die einen langen Atem für die Umsetzung benötigen, wie z.B. ein Buch schreiben.

    Egal wie unbewusst diese Entscheidung angebahnt wurde, man braucht später dann sehr häufig bewusste Bestätigungen dieser Entscheidung, um sie durchhalten zu können.

  8. @Rainer Meyer

    Bestätigend und ergänzend möchte ich anmerken:

    Der „Streit“ zwischen Psychologie/Kognitionsforschung auf der einen und der Philosophie auf der anderen Seite ist – wie Sie sicherlich wissen – so alt wie die Psychologie selbst. Schon im 19. Jahrhundert hat die Psychologie Widerspruch durch die Philosophie erfahren (z. B. Husserl, Logische Untersuchungen). Die Argumente haben sich seitdem meiner bescheidenen Meinung auch kaum verändert.

    Letztlich geht es um die Deutungshoheit, was der Mensch sei und letztlich geht es um die Unterscheidung von Glauben/Meinen und Wissen oder einer individuellen/psychischen Konstruktion der Wirklichkeit und der faktischen Wirklichkeit.

    Die Psychologie/Kognitionsforschung beschäftigt sich mit der individuellen/psychischen Konstruktion der Wirklichkeit und leistet damit ein Verständnis der faktischen Wirklichkeit, nämlich wie der Mensch sein eigenes Welt- und Selbstbild konstruiert.

    Wenn jemand naiv behauptet, dass sei die einzige Wirklichkeit, die der Mensch kennt und fähig sei zu erkennen, kommt es zu so schönen „Paradoxien“ wie sie @Joseph Kuhn andeutet – Psychologismus nannte man dies früher.

    Wenn wir Meinen/Glauben und Wissen oder die individuelle/psychische Konstruktion der Wirklichkeit und die faktische Wirklichkeit zumindest analytisch sauber trennen und dazu ist unser kognitive Apparat anscheinend auch in der Lage, gibt es diese Probleme nicht.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.