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Corona und die „Spaltung der Gesellschaft“: asymmetrisch, nur gefühlt – oder was?

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Spiegel-TV hat die dreiteilige Doku

Pandemie der Wut – hat Corona die Gesellschaft gespalten?

veröffentlicht.

In Teil 1 geht es unter anderem um

… eine Ärztin, die massenhaft Maskenbefreiungsatteste ausstellt [Carola Javid-Kistel], einen Aktivisten, der vor einem Privathaus einer Politikerin protestiert, und einen Nationalsozialisten [Martin Kohlmann], der die Pandemie für seine rechten Ideen nutzt.

Teil 2 zeigt das „Wiedersehen mit einem Querdenker“, nämlich Prof. Werner Müller, der im vergangenen Jahr ungeimpft und schwer erkrankt auf der Corona-Station des Klinikums Darmstadt lag:

Spoiler: Müller gibt weiterhin den unbelehrbaren Großsprecher.

Teil 3 widmet sich dem „Querdenken“-Anwalt Markus Haintz:

Die Pandemie hat die Gesellschaft nicht nur gespalten, sie hat sie auch reduziert. Menschen sind gestorben […] Die vielen Toten – sie sind die eigentliche Tragödie, alles andere können wir wieder hinkriegen. Allerdings nur gemeinsam, nicht gegeneinander.

heißt es am Ende.

So verständlich es auch sein mag, wenn die Autoren wenigstens in den letzten paar Sekunden der deprimierenden Bestandsaufnahme etwas Optimismus versprühen wollen – aber wie realistisch ist dieses arg bemüht wirkende Statement?

Die internationale gemeinnützige Organisation „More in Common“ hatte bereits vor der Pandemie Daten zum gesellschaftlichen Zusammenhalt erhoben:

Im Ergebnis zeigte sich schon 2019:

70 Prozent der Menschen in Deutschland sind der Meinung, dass sich das Land in die falsche Richtung bewegt. Jeder zweite ist unzufrieden damit, wie die deutsche Demokratie funktioniert. Die Mehrheit findet, dass sich die gesellschaftliche Lage in den letzten fünf Jahren verschlechtert hat, während nur fünf Prozent erwarten, dass sie sich in den kommenden Jahren verbessern wird.

Die deutsche Gesellschaft war mithin „nicht unbedingt in Bestform, als sie 2020 in die Corona-Pandemie
ging“, schreibt More in Common jetzt in einer neuen Erhebung, für die im Dezember 2021 mehr als 2000 Erwachsene befragt wurden.

Obwohl Deutschland zunächst „harmonischer“ und mit „größerer Zuversicht in die gemeinsame Krisenbewältigung“ gestartet sei, ist davon nicht viel übriggeblieben:

55 Prozent sind mittlerweile vom Land „enttäuscht“. Viel stärker noch als von der Politik (der Anteil derer, deren Vertrauen in die Bundesregierung unter Corona gelitten hat, hat sich verdoppelt) sind viele bezüglich ihrer Mitmenschen ernüchtert:

dass „die Sorge der Menschen um das Wohlergehen anderer“ während der Pandemie nachgelassen habe, glauben heute 42 Prozent von ihnen – eine Vervierfachung im Vergleich zu 2020,

steht in dem zehnseitigen PDF, das hier zum Download bereitsteht.

Als „besonders brisant“ heben die Forschenden hervor:

Unzufrieden sind längst nicht mehr nur jene, die schon vor der Pandemie misstrauisch waren, sondern nun auch diejenigen, deren Glaube an den Zusammenhalt eigentlich besonders groß ist. Es besteht deshalb akute Zynismus-Gefahr.

Was speziell die Corona-Maßnahmen angeht, gebe es allerdings – wenn überhaupt – eine „asymmetrische Spaltung von 70 zu 30 Prozent“:

Über 70 Prozent lehnen Querdenker-Positionen ab, vertrauen den veröffentlichten Corona-Informationen und setzen auch beim Impfen auf einen entschiedenen Kurs der Regierung.

Es gibt also eine klare Mehrheit für die Pandemie-Bekämpfung. Trotzdem empfinden die Menschen die Gesellschaft als gespalten, erklären zwei der Studienautoren in der Zeit:

59 Prozent sagen, der Ton der öffentlichen Debatte habe sich in der Pandemie verschlechtert. 52 Prozent sehen die Gesellschaft derzeit als gespalten, nur 19 Prozent betrachten sie als eher geeint.

Bezeichnenderweise hat dieses negative Gefühl unmittelbar mit Corona zu tun: 62 Prozent der Menschen nennen die Unterscheidung zwischen Geimpften und Ungeimpften als derzeit größte Spaltungslinie in Deutschland – noch vor der Arm-Reich-Schere (55 Prozent) oder politischen Kategorien. Dies ist ein größerer Anteil als in anderen europäischen Ländern.

Vordergründig sei „Geimpft versus Ungeimpft“ die neue gesellschaftliche Trennlinie.

Allerdings gebe es

… eine Reihe an Indizien, dass sich hier gesellschaftliche Dynamiken freisetzen, die nicht unbedingt etwas mit der individuellen Entscheidung für oder gegen eine Impfung zu tun haben.

Zum einen sehen wir unter den Ungeimpften viele aus dem Segment der „Wütenden,“ die ein relativ geschlossenes Weltbild aufweisen. Ihr Elitenmisstrauen, ihre Bedrohungsgefühle und eine ausgeprägte Systemfeindlichkeit haben in Corona ein neues Thema gefunden.

Gleichzeitig sind unter den Ungeimpften aber auch viele Menschen, bei denen naheliegt, dass sie grundsätzlich einen schwachen Bezug zum Gemeinwesen haben, ergo auch weniger von politischer Kommunikation erreicht werden.

So finden sich unter den Ungeimpften auch häufig Angehörige des „Unsichtbaren Drittels“: also Menschen, die von Haus aus schlechter eingebunden sind und in der Öffentlichkeit weniger Repräsentanz finden. Entsprechend viele Nichtwähler gibt es unter den Ungeimpften.

Die besonders gut eingebundenen, besonders vertrauensvollen „Stabilisatoren“ haben nach eigenen Angaben eine Impfquote weit über 90 Prozent. Das Impfthema legt somit auch offen, welche Gruppen gesellschaftlich gut und welche nicht so gut erreicht werden.

Mithin geht es auch um eine soziale Polarisierung, vor der der DIW-Präsident Marcel Fratzscher kürzlich in seiner Zeit-Kolumne warnte.

Aber was folgt daraus? Wie kann eine – auch nur „gefühlte“ – Spaltung der Gesellschaft überwunden werden?

Die More in Common-Autoren plädieren für

  • eine „gesellschaftliche und politische Aufarbeitung der Pandemie, in der transparent verhandelt wird, was gut lief und was schlecht – idealerweise in nüchternem Ton, der die Temperatur der gesellschaftlichen Debatte wieder auf ein Normalmaß zurückbringt“.
  • Außerdem brauche es „Anlässe für gesellschaftliches Miteinander und Begegnung – und zwar nicht, um Gegensätze zu diskutieren oder zu überzeugen, sondern um gemeinsam anzupacken“.

Aber sind das nicht genau jene „Selbstverständlichkeiten“, von denen der Spiegel-Redakteur Peter Maxwill vor vier Wochen schrieb?

Der Leipzig-Korrespondent vertritt die Auffassung, dass es an der Zeit sei, die Angst vor einer Spaltung der Gesellschaft abzulegen – „und diese Zersplitterung als normalen Zustand einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft zu akzeptieren“.

Es muss etwa möglich und völlig in Ordnung sein, sowohl eine allgemeine Impfpflicht als auch die „Querdenker“-Bewegung radikal abzulehnen. Und natürlich kann man sich über die Coronapolitik der Bundesregierung ebenso empören wie über Idioten, die Polizeiketten durchbrechen oder Journalisten verprügeln.

Maxwill geht es anscheinend darum, den Positionierungszwang abzulegen und sich „nicht darauf zu verlassen, bereits über eine Meinung zu verfügen“.

Aber auch das sollte eigentlich eine „Selbstverständlichkeit“ sein – und wäre natürlich von den „Spaziergängern“ und „Querdenkern“ ebenso einzufordern wie von deren verständnislosen Kritikern.

Der More in Common-Studie zufolge ist der einzige gemeinsame Nenner aller gesellschaftlichen Akteure ein „starker persönlicher Normalitätswunsch“. Aber der Streit darüber, wie man da hinkommt, scheint eher jeden Tag heftiger zu werden.

Auf absehbare Zeit gibt es dazu wohl mehr Fragen als Antworten

Zum Weiterlesen:

  • Corona und Gesellschaft: Wie finden wir aus der Spaltung heraus? Zeit-Online am 3. März 2022
  • Wer hat hier versagt? Wie Medienleute auf zwei Jahre Corona-Journalismus zurückblicken, übermedien am 9. März 2022
  • Die Deutschen sind in mentaler Quarantäne, Spiegel+ am 11. Februar 2022
  • Mut zur Unsicherheit, psychologie heute am 1. Januar 2020
  • Heike Geißler aus Leipzig schreibt über die Suche nach dem richtigen Protest, mdr am 9. März 2022
  • Heike Geißler: „Die Woche“ – Schule der Ratlosigkeit, Deutschlandfunk am 6. März 2022

3 Kommentare

  1. „Corona war gestern, heute ist Putin ihr Held“:

    https://hpd.de/artikel/corona-war-gestern-heute-putin-ihr-held-20205

  2. Erstaunlich viele Impfgegner sind gleichzeitig Putin-Anhänger – und umgekehrt. Warum gibt es diese bemerkenswerte Personalunion?

    https://www.spiegel.de/kultur/querdenken-im-ukrainekrieg-die-egozentrik-der-verschwoerungserzaehlungen-kolumne-a-0c21385e-3d6a-454b-86bb-75623a7e412c

  3. „Corona-Proteste in Sachsen: Telegram-Gruppen und -Kanäle beschleunigen Radikalisierung“:

    https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/corona-proteste-in-sachsen-telegram-gruppen-und-kanaele-beschleunigen-radikalisierung-82021/

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