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Buch: Hexen, Wunderheiler und die Geister der Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland

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Die amerikanische Historikerin Monica Black hat ein Buch über „die unheimliche Gegengeschichte Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg“ geschrieben.

Deutschland ist nach dem Zweiten Weltkrieg keine wieder- oder neugeborene Demokratie, sondern eine besiegte Nation, die von Wunderheilern, Hexenprozessen, Obsessionen, apokalyptischen Visionen und Hoffnungen auf einen Messias heimgesucht und erschüttert wurde.

Breiten Raum nimmt darin der Wunderheiler Bruno Gröning ein.

In einem Zeit-Interview erklärt Black:

Mich interessiert, was die Menschen in ihm sahen. Einen Messias einerseits und andererseits einen Mann des Volkes. Gröning war ein Erlöser und doch auch einer von ihnen. Was seine Methode betraf: Eine wichtige Rolle schien das Gespräch mit den Kranken zu spielen. Er gab Menschen das Gefühl, dass er ihre Sorgen kannte und ernst nahm.

Zeit: Ihm gegenüber konnten sie äußern, worüber sie sonst schwiegen?

Das Schweigen und Zähnezusammenbeißen war bereits ein Signum der NS-Gesellschaft gewesen. Das setzt sich nach 1945 fort. Und, ja, tatsächlich scheinen die Menschen Gröning Dinge anvertraut zu haben, die sie sonst vielleicht für sich behalten hätten und derentwegen sie womöglich nicht zum Arzt gegangen wären.

In Deutschland hatte die Kritik an der „Schulmedizin“ eine lange Tradition; alternative Heilmethoden fanden viel Zulauf. Die Nationalsozialisten haben das Heilpraktikerwesen dann von 1939 an mehr und mehr zurückgedrängt – und das Ansehen der Medizin zugleich massiv beschädigt: durch die Euthanasie- und Krankenmorde, durch Sterilisierungen, Menschenversuche.

Auch dieser Hintergrund ist wichtig, um das Phänomen Gröning zu verstehen.

ZEIT: Das Psychoanalytikerpaar Alexander und Margarete Mitscherlich attestierte den Deutschen 1967 „Unfähigkeit zu trauern“. Nach dem Entzug des Liebesobjekts Hitler seien sie in eine Art emotionale Lähmung verfallen. Bot Gröning sich als neues Objekt der Verehrung an?

Alexander Mitscherlich selbst verfasste 1951 ein Gerichtsgutachten über Bruno Gröning, in dem er ihn als Wiedergänger Hitlers charakterisierte. Kein Wunder, wenn man die Bilder aus Rosenheim sieht. Die Menschenmassen, Gröning im Scheinwerferlicht auf dem Balkon.

Verglichen mit den NS-Parteitagen war das ein Witz, aber auch Gröning verhieß Erlösung und Führerschaft. Es müssen gespenstische Szenen gewesen sein, wenn er, so kurz nach Kriegsende, die Bühne betrat und die Menge „Heilung, Heilung!“ skandierte.

Die Süddeutsche Zeitung nennt Monica Blacks Buch „ein in jeder Hinsicht lesenswertes Werk“. Auch der Volkskundler Dr. Stephan Bachter (ehemals GWUP-Wissenschaftsrat) wird darin mehrfach zitiert.

Zum Weiterlesen:

  • Monica Black: Deutsche Dämonen – Hexen, Wunderheiler und die Geister der Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland. Klett-Cotta 2021, 432 Seiten, 26 €
  • Monica Blacks Buch „Deutsche Dämonen“: Im Bann der Schuld, Süddeutsche am 18. Oktober 2021
  • „Deutsche Dämonen“: Heilung, Heilung! Zeit-Online am 20. Oktober 2021
  • Neues Buch: Aberglaube in der alten Bundesrepublik, GWUP-News am 23. Oktober 2021
  • Bruno Gröning: „Es ist schwer, gegen den Scharlatan und seine Fans anzugehen“, GWUP-Blog am 18. Oktober 2018

5 Kommentare

  1. es gibt Bücher und dies ist eines von denen, wo ich das Gefühl habe in einem anderen Land zu leben.

    Als JG44 habe ich die gesamte Nachkriegsgeschichte miterlebt, seltsamerweise hatte ich, bis ich bei (GWUP oder Psiram) etwas über gröning las, den komischen Typ nicht gekannt und auch nie etwas über ihn gehört. Mir sind auch nie Hexen, Dämonen, Geister begegnet, von den betrügerischen Wunderheilern las man ab und zu was in der Zeitung.

    Zu dem zweiten Buch kann ich nur sagen weder meine Großeltern noch meine Eltern (wir haben oft darüber gesprochen) haben hitler geliebt.

    Dazu: die gesamte „Psychoanalyse“ ist mir suspekt(auf d ich halte sie für Humbug)

  2. Und was Sie nicht selbst erlebt haben, kann es demnach nicht gegeben haben, oder was möchten Sie uns mitteilen?

  3. „Mir sind auch nie Hexen, Dämonen, Geister begegnet, …“ (als öffentliche Themen in den Endvierzigern/50ern)

    Interessant. Selbst wenn Sie in einem strikt ev. orientierten Landstrich aufwuchsen:

    Sie erinnern sich nicht an (Massen-)Prozessionen, (Massen-) Wallfahrten, gequetscht volle Kirchen, allgemeine Anzeichen von „Volksfrömmigkeit“ wie z.B. die „Pflicht“ zur Teilnahme an Beerdigungen/Hochzeiten…, die *allesamt* super“konfessionell“ formiert waren?

    Das kommt mir seltsam vor. Die Ausläufer dieser Formierungen zogen sich in vielen Gegenden (West-) Deutschlands noch bis tief in die 60er.

    Bösartige Gerüchte besagen, dass sich manche Landstriche selbst heute noch so formieren ;-)

  4. @ Stefan R, bitte richtig lesen, ich wollte nur zeigen daß nicht „die“ Deutschen so bekloppt waren/sind. Und ich kenne ne Menge Freunde die auch so denken, und wir sind garantiert nicht die einzigen. Wieviele glauben denn an gröning? von damals rund 65Mio.

    @ajki du kannst mich ruhig duzen, ich bin in der Stadt aufgewachsen, natürlich gabs mal ne Prozession aber was daran riesig war? und gelesen hat man daß die Kirchen so schlecht besucht sind.(hat aber alles mit Geistern und Dämonen nach mM nix zu tun)

    Ich trenne da auch die Behauptungen in den zwei Büchern von dem kirchlichen Glauben, mir sagt das alles nichts aber ich respektiere Menschen die das glauben, solange sie nicht versuchen mich zu belabern.

    Beerdigungen haben mM nach etwas mit Respekt gegenüber dem Verstorbenen zu tun das Christliche ist (oft nicht ) nur Beiwerk. Ähnlich ists mit Hochzeiten bei mehreren meine eingeschlossen ging es ohne Kirche und das gut.

  5. diabetiker,

    (Unwesentlich: ich versuche mich auch im „Netz“ soweit als irgend möglich an allgemeine Sprachkonventionen im deutschsprachigen Raum zu halten – umso mehr, als ich [ohne belastbare Evidenz] immer vermutet habe, dass das „Netz-Du“ [oder auch das Vordringen der persönlichen Anrede im „akademischen“/studentischen Bereich] eine missliche Folge einer unreflektierten Übernahme des anglo-amerikanischen „You“ ist und damit/deshalb ganz außerordentlich kultur- und sprachfremd ist und bleibt)

    Sicher, das sind möglicher- oder wahrscheinlicherweise gravierende Unterschiede, ob man in Stadt, Stadt-nah oder auf dem Land aufwuchs.

    Ich bin „stadt-nah“ aufgewachsen, d.h. in der Nähe einer Mittelstadt, aber eben in den 50ern/auch noch 60ern = ländliches Dorf (= obwohl der größte Arbeitgeber durchaus ein „global“ agierender Konzern war/ist, aber der Charakter der Gemeinde bis tief in die 60er hinein bäuerlich/ländlich geprägt blieb).

    Insofern sind meine eigenen Erinnerungen sicherlich andere als diejenigen, die von einer (inner) städtischen Umgebung geprägt wurden.

    Ansonsten muss ich auf die Anführungszeichen hinweisen, in die ich das Wort „Volksfrömmigkeit“ gesetzt habe.

    Meiner Ansicht nach – und ohne das aus Raumgründen genauer begründen zu wollen/können, allerdings ist die Literaturlage hier reichhaltig – ist der Grund dafür darin zu sehen, dass ich diese Art des Sozialbefindens neben den üblichen Merkmalen (soziale Formierung, Alltagsriten, Sozialkorrespondenz, Sozialvergewisserung/-abstimmung….) AUCH (!) für ein klares Anzeichen von „echtem“ Aberglauben halte.

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