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Corona-Impfung und Impfskepsis im Medizinbereich: Interview mit Natalie Grams bei rbbKultur

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Heute Abend (14. Januar, 19 Uhr) bei rbbKultur:

Natalie Grams und der Kinderarzt Martin Terhardt (Mitglied der Ständigen Impfkommission des Robert Koch-Instituts) im Gespräch mit der Moderatorin Natascha Freundel (zirka 37 Minuten).

Die Sendung steht bereits online zur Verfügung.

Wie unser Kommentator Udo Endruscheit heute dargelegt hat, ist seit unserem Artikel vom letzten Samstag („Verschwörungsmythen und Fake News reduzieren die Impfbereitschaft von Pflegekräften“) eine breite Diskussion um die Impfverweigerung im Medizinbetrieb entbrannt.

Sowohl Spiegel-Online als auch Zeit-Online bringen dabei den Gedanken von der „Impfverweigerung als Widerstand“ gegen unzumutbare Verhältnisse im Pflegebereich in die Debatte ein.

Dem hatte bereits am Dienstag Grams in ihrer Spektrum-Kolumne widersprochen:

Impfgegnerschaft aus Trotz, dazu noch in Gesundheitsberufen? Und das zudem öffentlich rundheraus erklärt? Das geht über eine falsche individuelle Entscheidung weit hinaus, weil es gravierenden Einfluss auf alle verunsicherten medizinischen Laien haben kann und sie womöglich auf die Seite der Verweigerer bringt.

Wie auch immer:

Dass auch unser Ausgangsgedanke (Fake News und Verschwörungsmythen) durchaus eine größere Rolle spielt, belegt ein anderer Artikel bei Zeit+:

Der Autor erklärt, dass seine Mutter kurz vor Weihnachten mit der „Videobotschaft“ einer einschlägig bekannten Verschwörungsideologin konfrontiert wurde:

Die Videobotschaft hat mich ziemlich geärgert. Nicht wegen des Inhalts – die Theorien sind und bleiben Unsinn. Sondern weil diese Frau vor der Kamera es irgendwie geschafft hat, meine Mutter zu erreichen.

Meine Mutter ist Altenpflegerin, sie arbeitet täglich mit Menschen aus der Risikogruppe. Sie ist es, die mir das Video per WhatsApp weitergeleitet hat.

Ich rufe sie sofort an. Sie wirkt verunsichert, fragt mich, ob sie sich impfen lassen soll. In England sei schon jemand an der Impfung gestorben, ich solle mir das Video anschauen. Vielleicht wäre es besser gewesen, mir Zeit zu nehmen, ihr in Ruhe zu erklären, was Verschwörungstheorien sind, wie sie Ängste schüren. Ich beschäftige mich beruflich gerade viel damit.

Stattdessen sage ich vielleicht genau deswegen etwas genervt: Das ist Quatsch, Mama, einfach ignorieren. Wir beenden unser Gespräch.

Im Weiteren streift Behroz mehrere Gründe für die Impfskepsis seiner Mutter, die in der aktuellen Debatte auch vorkommen, aber unterschiedlich stark akzentiuiert werden:

Viele Pflegeeinrichtungen scheinen nicht vorbereitet auf die Skepsis ihrer Mitarbeitenden zu sein. Ich kontaktiere stichprobenartig verschiedene Heime. Die meisten wollen sich nicht äußern […]

Die Bundesregierung kennt die Gefahren, die von Falschinformationen ausgehen. Wäre es dann nicht auch ihre Aufgabe, die Pflegereinrichtungen darauf vorzubereiten, ihnen Argumente an die Hand zu geben und sie anzuhalten, diese auch ungefragt an das Pflegepersonal weiterzugeben? Viele Pflegekräfte sprechen nicht offen über ihre Einstellungen. Die Sorgen meiner Mutter müssten längst entkräftet sein […]

Ich bin milde mit ihr, weil ich ihren Alltag kenne. Sie arbeitet sich müde, kommt nach Hause und dann schickt ihr jemand eine Information. Sie hat nicht die gleichen Ressourcen wie andere Menschen, um Fakten zu überprüfen und Quellen zu hinterfragen […]

Was ist, wenn meine Mutter sich nicht impft und sich ansteckt? Nicht nur meine Mutter war mit der Situation überfordert. Ich war es auch. Wir versuchten es mit Geduld. Es funktionierte. Meine Mutter hat ihr Denken über die vergangenen Wochen mehrfach verändert. Bei einem unserer letzten Telefonate sagte sie schließlich: Natürlich lasse ich mich impfen. Ich fragte sie, woran das liegt. Sie sagte: an dir. Tatsächlich glaube ich, das ist das Geheimrezept.

Unser Vertrauensverhältnis ist viel wert in so einer Situation. Ich habe nicht das entscheidende Argument gebracht, es hat nicht plötzlich klick gemacht. Aber wir haben miteinander geredet, wir haben einander zugehört. Menschen, die so eine Art Auffangnetz nicht haben, denen fehlt diese Gegenrede, dieses Zusprechen.

Tatsächlich nimmt der Artikel einen guten Ausgang:

Selbstverständlich ist das nicht.

Zum Weiterlesen:

  • Endlich Impfung? Der Wissenschaft vertrauen, rbbKultur am 14. Januar 2021
  • Verschwörungsmythen und Fake News reduzieren die Impfbereitschaft von Pflegekräften, GWUP-Blog am 9. Januar 2021
  • „Impfverweigerung im Medizinbetrieb setzt ein fatales Signal“: Grams‘ Sprechstunde, GWUP-Blog am 12. Januar 2021
  • Impfpflicht für Pflegeberufe rechtlich kompliziert, mdr am 14. Januar 2021
  • Sind Pflegekräfte wirklich so impfunwillig? Zeit-Podcast „Was jetzt?“ vom 14. Januar 2021
  • Impfskepsis bei Pflegekräften: Jetzt wird’s persönlich, Zeit+ am 13. Januar 2021

5 Kommentare

  1. Jetzt dürft ihr mich alle für verrückt, durchgeknallt und sonstwas erklären – aber meine Hypothese von der maximal verbreiteten Faktenresistenz unter dem Titel „Fakten gibt es nicht – und deshalb habe ich immer Recht“ zeigt sich allerorten und ist vielleicht die Seuche unserer Zeit:

    SPON: „Anwohner sollen Evakuierung verzögert haben – »Da musste mitunter sehr viel diskutiert werden«: Polizei und Stadt Osnabrück hatten laut eigenen Angaben vor der Entschärfung eines Blindgängers Probleme – mit uneinsichtigen Anwohnern.“

  2. @Udo Endruscheit:

    Dann bin ich’s auch.

    Je nachdem in welcher Stadt ich gerade zu Gast war, habe ich vor zwei, drei Jahren meine Vorträge über Verschwörungstheorien immer mit einem lokalen Bombenfund aufgemacht:

    https://verschwoerungstheorien.fandom.com/de/wiki/Bombenentsch%C3%A4rfungen

  3. @ Udo Endruscheit:

    Wir haben keinerlei Informationen über die, Anzahl, Motive, Hintergründe der „Evakuierungs-Verweigerer“. Noch darüber wie groß die „Verzögerung“ war.

    Bei diesen Sicherheits-Evakuierungen wird nach Schema-F, bzw mit dem Zirkel ein Radius abgesteckt.

    Dabei werden Topographie, Bebauung, und andere individuelle Gegebenheiten für die betroffenen Menschen völlig unberücksichtigt (ich war in den letzten drei Jahren selber fünfmal! betroffen und hab‘ in jüngeren Jahren als Helfer im Katastrohenschutz an solchen Evakuierungen mitgewirkt).

    Weiter hinten im Artikel wird gemeldet, dass die Infektions-Schutz-Maßnahmen für die Evakuierung aufgegoben waren. Gerade vor /diesem/ Hintergrund kann es für zb. besonders Corona-gefährdete Menschen am Rande des Evakuierungs-Kreises sehr rational sein, für sich zu entscheiden, lieber in den Keller, (es gibt auch noch „richtige“ Bomben-Schutzkeller) als sich einerm zusätzlichen Infektions-Risiko auszusetzen.

    Den Vergleich mit Covidioten, Quarkdenkern etc halte ich daher für fragwürdig.

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