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Demeter träumt von einer Welt ohne Wissenschaft und ohne „zerstörerische Geisteseliten“

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Warum gleich nochmal hat der Demeter-Verband 2018 das „Goldene Brett“ bekommen?

Wer Demeter-Produkte kauft, meint wohl oft, der Umwelt etwas Gutes zu tun – in Wahrheit wird damit ein vorwissenschaftlich magisches Weltbild gefördert, mit fragwürdigen Ritualen, willkürlich erfunden vom Esoteriker Rudolf Steiner,

hieß es damals in der Begründung.

Die biologisch-dynamischen Produzenten reagierten hinreißend verständnislos auf die Auszeichnung – aber dass Demeter eben doch mehr ist als nur kuschliges „Hornkiesel und Hornmist, Schafgarbe und Kamille“ konnte man gestern sogar im Münchner Merkur und in der FAZ nachlesen:

Was war geschehen?

In der Winter-Ausgabe des demeter journal findet sich der Artikel „Zeitalter des Vertrauens“, der vor wenigen Tagen auch auf der Demeter-Webseite erschien.

Klingt erst mal heimelig, offenbart aber zum einen eine tiefe Wissenschafts- und Fortschrittsfeindlichkeit („Ganz ohne Maße und ohne Gewichte, ohne Definitionen und Patente, ohne Forschung und ohne Meilensteine“ sollten die Menschen künftig leben) und zum anderen eine Nähe zu verschwörungsideologischem „Querdenken“:

Im verstörend warmen und trockenen Winter des Jahres 2020 gingen die Menschen auf die Straße und begannen das, was Historiker*innen später als nichts Geringeres einschätzten als die Rettung unseres Planeten – besser bekannt als die große Vertrauensrevoultion […] Das Zeitalter zerstörerischer Geisteseliten war überwunden.

Natürlich alles nur ein großes Missverständnis, heißt es mittlerweile auf der Homepage:

Bei dem Text handelt es sich nicht um eine politische Agenda, sondern um eine Utopie […] Der Witz der Geschichte ist also genau nicht, die nächsten politischen Schritte auszurollen, sondern eine totale Gegenalternative, einen Nicht-Ort zu entwerfen, zu dem sich die Leserin, der Leser dann positionieren kann. Auch in Ablehnung, natürlich, dies ist gewollt. Diese spielerische, oft ironische Reihe sollte zum Nachdenken anregen.

Nun ja.

Dass eine Zeitschrift beziehungsweise die Herausgeber auf Leserinnen und Leser zielen, die sich an einem „Nicht-Ort ohne Forschung und ohne Meilensteine“ positionieren möchten, lassen wir mal beiseite.

Bedeutsamer ist, was der AnthroBlogger (in einem eben erweiterten Artikel) dazu schreibt:

In anthroposophischen Praxisfeldern von Landwirtschaft, Pädagogik oder Medizin verbreiten die Anhänger des Hellsehers Rudolf Steiner zahllose solcher Verschwörungserzählungen […]

Wie die „Freiheit“ nicht nur in „freien“ Waldorfschulen gemeint ist, lässt sich erahnen: Man will sich frei machen von all dem verhassten Materialistischen, dem schnöden Messbaren, dem Beleg- und Beweisbaren. Statt dessen gilt es, Begriffe wie „Vertrauen“, „Toleranz“ oder „Respekt“ zu etablieren.

Vom Demeter-Bauern einen Nachweis dafür zu verlangen, warum sein Produkt angeblich kosmische Kräfte enthält und besonders gesund sei, soll zu einem Angriff auf die Freiheit werden: Auf die Freiheit, alternative Fakten unwiderlegt behaupten zu dürfen.

Auch die Salonkolumnisten weisen heute darauf hin, dass …

… landauf, landab Waldorfschullehrer, anthroposophische Mediziner und Magazine sich bei den Querdenkern engagieren, sich der Maskenpflicht widersetzen, die Existenz des Coronavirus bezweifeln und Impfungen auch gegen Polio, Masern und Tetanus ablehnen.

Aktuelle Beispiele finden sich in Karlsruhe und in einem Podcast der anthroposophischen „Akanthos Akademie“.

An der Begründung fürs Goldene Brett 2018 hat sich aktuell also nicht das Geringste geändert:

Zum Weiterlesen:

  • Demeter-Forschung: Das Zeitalter des Vertrauens, Anthroposophie.blog am 4. Januar 2020
  • Entrüstung über Demeter, FAZ am 5. Januar 2020
  • Demeter träumt, salonkolumnisten am 6. Januar 2012
  • Die DNA der Anthroposophie: „Wissenschaftsfeindlich und verschwörungsgläubig“, GWUP-Blog am 1. Dezember 2020
  • Corona-Schutz eingefordert: Waldorfschule Müllheim setzt Schüler unter Druck, anthroposophie-blog am 24. November 2020
  • „Von Demeter bis Waldorfschule: Eine kritische Betrachtung der Anthroposophie“ jetzt online, GWUP-Blog am 28. November 2020

6 Kommentare

  1. Das soll eine Utopie sein ? *LOL Also ich ordne das eher unter Dystopie ein.

  2. Ließt sich für mich wie das, was bei Demeter traditionell im Kuhhorn verscharrt wird…

  3. @ nihil jie:

    Warum so unromantisch? Jeder kriegt, wieviel er braucht, ganz ohne kleinliche Messstriche und Normen. Die gute Mutter Natur liefert gern, was wir brauchen. Statt Forschung gibt es Inspiration, und alle werden glücklich.

    „Wolf und Lamm sollen weiden zugleich, der Löwe wird Stroh essen wie ein Rind, und die Schlange soll Erde essen. Sie werden nicht schaden noch verderben auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.“

    Oder so in der Art…

  4. Messen und Rationalität braucht man auch in einer Gemeinwohlökonomie, sonst endet diese im Chaos und in endloser Ungerechtigkeit. Man kann sich nur gegen das Rationale im Kapitalismus aussprechen, denn hier bedeutet es immer auch Zerstörung des Planeten und des Menschen. Wenn man diese Unterscheidung nicht macht, gehen wir in Urzeiten zurück, in denen wir nicht leben wollen .

  5. Warum immer auch der Betrüger fordern mag, dass man Kontrollen abschafft.

    In den letzten 30 Jahren bin ich aus schlechten Erfahrungen ziemlich paranoid geworden.

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