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Homöopathen: Keine Ahnung, aber Corona „heilen“ wollen

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Udo Endruscheit hatte schon am 10. September hier im Kommentarbereich und lange davor in seinen Blogposts darauf hingewiesen, dass die Homöopathen keineswegs gedenken, sich aus dem Thema Corona herauszuhalten, wie die Lobbyverbände zunächst suggerierten.

Gestern berichtete das Schweizer Boulevardmedium Blick über den berüchtigten Homöopathen Jens Wurster, der

… Corona-Patienten in seiner Praxis in Locarno «erfolgreich» mittels Homöopathie helfen konnte.

Die Zeitung nimmt Bezug auf einen Artikel Wursters in dem Schwurbelblättchen natur & heilen (Oktober 2020). Darin schildert der Privatarzt „sieben Fallbeispiele aus meiner homöopathischen Praxis“, die sich zum Beispiel so lesen:

Wenn man all diese Symptome [Schwäche, starke Glieder- und Kopfschmerzen] genauer analysiert, so sind sie typisch für Bryonia – vor allem die extreme Schwäche. Also gab ich ihm Bryonia aufgelöst in Wasser, 3 Tage lang. Daraufhin verschwanden seine Schwäche und sein Husten. Nach 1 Woche war er wieder fit.

Einer seiner Freunde je­doch, der mit ihm beim Karneval gewesen war, hatte die gleichen Symptome, die gleiche Schwäche. Er hatte kein Bryonia genommen und kam mit einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus. Hätte auch er Bryonia bekommen, hätten wir vielleicht die Schwere seiner Erkran­kung verhindern können. Deshalb ist es wichtig zu wissen, dass wir mit der Homöopathie Prophylaxe betreiben können. Man kann damit Krankheitsverläufe sehr schnell abmildern.

Insgesamt offenbart der Artikel ein erschreckendes Unwissen über die Aussagekraft von Anekdoten, Korrelation vs. Kausalität, natürliche Verläufe, Placebo sowie die Plausibilität von Homöopathie.

Außerdem fabuliert Wurster über die Stärkung des Immunsystems (dazu: „Immunsystem – Mythen und Fakten“ Teil I und II) und zieht weitere Anekdoten aus Indien heran (wo sich die Indian Medical Association gerade von den AYUSH-Quacksalbern distanziert hat):

Daneben steuert der Heilpraktiker und Globuli-Publizist Aleksandar Stefanovic ein Propagandastück über „Homöopathie bei epidemischen Erkrankungen“ bei, das ebenfalls wenig mit der Realität zu tun hat (vgl. „Homöopathie bei Epidemien“ in der Homöopedia).

Welt-Online hat auf diese dreisten Behauptungen mit dem Artikel „Die tödliche Gefahr des deutschen Homöopathie-Glaubens“ reagiert:

Bei den historischen Epidemien der Cholera, des Gelbfiebers, von Scharlach und Enzephalitis sei der Erfolg der Homöopathie gut dokumentiert.

Was Homöopathie-Prediger heute lieber nicht erwähnen oder auch nicht wissen: Der Erfolg war kein Erfolg, weil die Homöopathie zu Zeiten der Cholera und des geschäftstüchtigen Homöopathie-Erfinders Samuel Hahnemann tatsächlich einen Vorzug besaß. Sie bewahrte die geschwächten Patienten vor den zeitgenössischen Behandlungsmethoden. Heilsam erschien die Alternativmedizin nur, weil die Standardbehandlung mit Aderlass, Abführmitteln und Brechkur den meisten Patienten den Rest gegeben hatte.

Hahnemann reichte stattdessen sein selbsterfundenes Mittelchen: Kampfer. Und Mineralwasser.

Hahnemann wusste es vermutlich wirklich nicht besser. Seine heutigen Epigonen haben entweder ebenfalls keinen Blick mehr für die Wirklichkeit – oder aber für Anstand und Redlichkeit.

Zum Weiterlesen:

  • Die tödliche Gefahr des deutschen Homöopathie-Glaubens, Welt+ am 15. Oktober 2020
  • Deutsche Homöopathen starten Placebo-Offensive gegen Corona, derStandard am 28. September 2020
  • Homöopathen und Corona, GWUP-Blog am 25. März 2020
  • Noch einmal: Jens Wurster, die homöopathische Krebsbehandlung und instrumentalisierte Patiententestimonials, Gesundheits-Check am 5. Dezember 2015
  • Jens Wurster, die Homöopathie und die unerträgliche Leichtigkeit der Lüge, Gesundheits-Check am 30. Oktober 2015

5 Kommentare

  1. Hahnemann reichte stattdessen sein selbsterfundenes Mittelchen: Kampfer. Und Mineralwasser.

    Zudem hat er den Kampfer gegen Cholera ja auch nicht homöopathisch aufbereitet, sondern – soweit ich weiß – „grobstofflich“ verabreichen lassen. Deshalb wären etwaige reale Behandlungserfolge immer noch kein Beispiel für erfolgreiche Anwendung der Homöopathie.

  2. Ich beobachte die homöopathische Hybris nicht umsonst von Anfang an. Denn, wie ich auf Twitter schon schrieb:

    „Wenn die Politik JETZT nicht mal langsam erkennt, welcher Hybris von „homöopathischen Therapeuten“ sie mit der gesetzlichen Privilegierung der Methode in Arznei- und Sozialrecht Vorschub leistet („so okay“), dann muss man ihr Blindheit und Ignoranz hohen Grades bescheinigen.“

    Derzeit wird zwar kaum etwas wirklich erreichbar sein – aber man wird die Politik zu gegebener Zeit, wenn sich wieder Handlungsräume eröffnen, damit konfrontieren müssen. Insofern hege ich die Hoffnung, dass Absurditäten wie die aus dem Tessin, aber auch die Statements deutscher Homöopathievertreter – wie im WELT-Artikel erwähnt – letztlich das Sägen an dem Ast sind, auf dem sie zu sitzen meinen.

  3. @Gnaddrig:

    Korrekt. Gerade bei der Cholera hatte Hahnemanns Vorgehen mit Homöopathie genau Null zu tun:

    “In jenem ersten Krankheitszustande also muss man dem Kranken so oft als möglich, wenigstens alle 3 Minuten, einen Tropfen Campherspiritus (von einem Lothe Campher in 12 Loth Weingeist aufgelöst) auf einem Stückchen Zucker oder mit einem Löffel Wasser eingeben. Campherspiritus in die hohle Hand gegossen, wird dem Kranken in die Haut der Arme, der Brust und der Beine eingerieben, auch kann man ihm ein Klystier aus einem halben Pfunde warmen Wassers, mit zwei guten Kaffeelöffeln voll Campherspiritus gemischt, in den Mastdarm einspritzen und von Zeit zu Zeit etwas Campher auf einem heißen Bleche verdampfen lassen …”

    Hahnemann, „Die Heilung der asiatischen Cholera und das sicherste Schutzmittel gegen diese“, Münster 1831

    Wollte die Autorin durchaus auch zum Ausdruck bringen. Gehe ich von aus. Aus Gründen. ;-)

  4. Hinzu kommt, dass die Homöopathiefreunde oft multipel abgedreht sind, siehe z.B. den Fall Hans Gschwender:

    https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2020/04/04/scharlatane-gefaehrden-ihre-gesundheit/

  5. „Zuckerkugeln statt Notarzt: Schweizer Arzt behandelt Corona-Kranke mit Globuli“:

    https://www.derstandard.at/story/2000120562609/zuckerkugeln-statt-notarzt-schweizer-arzt-behandelt-corona-kranke-mit-globuli

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