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Homöopathen: Keine Ahnung, aber Corona „heilen“ wollen

| 15 Kommentare

Udo Endruscheit hatte schon am 10. September hier im Kommentarbereich und lange davor in seinen Blogposts darauf hingewiesen, dass die Homöopathen keineswegs gedenken, sich aus dem Thema Corona herauszuhalten, wie die Lobbyverbände zunächst suggerierten.

Gestern berichtete das Schweizer Boulevardmedium Blick über den berüchtigten Homöopathen Jens Wurster, der

… Corona-Patienten in seiner Praxis in Locarno «erfolgreich» mittels Homöopathie helfen konnte.

Die Zeitung nimmt Bezug auf einen Artikel Wursters in dem Schwurbelblättchen natur & heilen (Oktober 2020). Darin schildert der Privatarzt „sieben Fallbeispiele aus meiner homöopathischen Praxis“, die sich zum Beispiel so lesen:

Wenn man all diese Symptome [Schwäche, starke Glieder- und Kopfschmerzen] genauer analysiert, so sind sie typisch für Bryonia – vor allem die extreme Schwäche. Also gab ich ihm Bryonia aufgelöst in Wasser, 3 Tage lang. Daraufhin verschwanden seine Schwäche und sein Husten. Nach 1 Woche war er wieder fit.

Einer seiner Freunde je­doch, der mit ihm beim Karneval gewesen war, hatte die gleichen Symptome, die gleiche Schwäche. Er hatte kein Bryonia genommen und kam mit einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus. Hätte auch er Bryonia bekommen, hätten wir vielleicht die Schwere seiner Erkran­kung verhindern können. Deshalb ist es wichtig zu wissen, dass wir mit der Homöopathie Prophylaxe betreiben können. Man kann damit Krankheitsverläufe sehr schnell abmildern.

Insgesamt offenbart der Artikel ein erschreckendes Unwissen über die Aussagekraft von Anekdoten, Korrelation vs. Kausalität, natürliche Verläufe, Placebo sowie die Plausibilität von Homöopathie.

Außerdem fabuliert Wurster über die Stärkung des Immunsystems (dazu: „Immunsystem – Mythen und Fakten“ Teil I und II) und zieht weitere Anekdoten aus Indien heran (wo sich die Indian Medical Association gerade von den AYUSH-Quacksalbern distanziert hat):

Daneben steuert der Heilpraktiker und Globuli-Publizist Aleksandar Stefanovic ein Propagandastück über „Homöopathie bei epidemischen Erkrankungen“ bei, das ebenfalls wenig mit der Realität zu tun hat (vgl. „Homöopathie bei Epidemien“ in der Homöopedia).

Welt-Online hat auf diese dreisten Behauptungen mit dem Artikel „Die tödliche Gefahr des deutschen Homöopathie-Glaubens“ reagiert:

Bei den historischen Epidemien der Cholera, des Gelbfiebers, von Scharlach und Enzephalitis sei der Erfolg der Homöopathie gut dokumentiert.

Was Homöopathie-Prediger heute lieber nicht erwähnen oder auch nicht wissen: Der Erfolg war kein Erfolg, weil die Homöopathie zu Zeiten der Cholera und des geschäftstüchtigen Homöopathie-Erfinders Samuel Hahnemann tatsächlich einen Vorzug besaß. Sie bewahrte die geschwächten Patienten vor den zeitgenössischen Behandlungsmethoden. Heilsam erschien die Alternativmedizin nur, weil die Standardbehandlung mit Aderlass, Abführmitteln und Brechkur den meisten Patienten den Rest gegeben hatte.

Hahnemann reichte stattdessen sein selbsterfundenes Mittelchen: Kampfer. Und Mineralwasser.

Hahnemann wusste es vermutlich wirklich nicht besser. Seine heutigen Epigonen haben entweder ebenfalls keinen Blick mehr für die Wirklichkeit – oder aber für Anstand und Redlichkeit.

Zum Weiterlesen:

  • Die tödliche Gefahr des deutschen Homöopathie-Glaubens, Welt+ am 15. Oktober 2020
  • Deutsche Homöopathen starten Placebo-Offensive gegen Corona, derStandard am 28. September 2020
  • Homöopathen und Corona, GWUP-Blog am 25. März 2020
  • Noch einmal: Jens Wurster, die homöopathische Krebsbehandlung und instrumentalisierte Patiententestimonials, Gesundheits-Check am 5. Dezember 2015
  • Jens Wurster, die Homöopathie und die unerträgliche Leichtigkeit der Lüge, Gesundheits-Check am 30. Oktober 2015

15 Kommentare

  1. Hahnemann reichte stattdessen sein selbsterfundenes Mittelchen: Kampfer. Und Mineralwasser.

    Zudem hat er den Kampfer gegen Cholera ja auch nicht homöopathisch aufbereitet, sondern – soweit ich weiß – „grobstofflich“ verabreichen lassen. Deshalb wären etwaige reale Behandlungserfolge immer noch kein Beispiel für erfolgreiche Anwendung der Homöopathie.

  2. Ich beobachte die homöopathische Hybris nicht umsonst von Anfang an. Denn, wie ich auf Twitter schon schrieb:

    „Wenn die Politik JETZT nicht mal langsam erkennt, welcher Hybris von „homöopathischen Therapeuten“ sie mit der gesetzlichen Privilegierung der Methode in Arznei- und Sozialrecht Vorschub leistet („so okay“), dann muss man ihr Blindheit und Ignoranz hohen Grades bescheinigen.“

    Derzeit wird zwar kaum etwas wirklich erreichbar sein – aber man wird die Politik zu gegebener Zeit, wenn sich wieder Handlungsräume eröffnen, damit konfrontieren müssen. Insofern hege ich die Hoffnung, dass Absurditäten wie die aus dem Tessin, aber auch die Statements deutscher Homöopathievertreter – wie im WELT-Artikel erwähnt – letztlich das Sägen an dem Ast sind, auf dem sie zu sitzen meinen.

  3. @Gnaddrig:

    Korrekt. Gerade bei der Cholera hatte Hahnemanns Vorgehen mit Homöopathie genau Null zu tun:

    “In jenem ersten Krankheitszustande also muss man dem Kranken so oft als möglich, wenigstens alle 3 Minuten, einen Tropfen Campherspiritus (von einem Lothe Campher in 12 Loth Weingeist aufgelöst) auf einem Stückchen Zucker oder mit einem Löffel Wasser eingeben. Campherspiritus in die hohle Hand gegossen, wird dem Kranken in die Haut der Arme, der Brust und der Beine eingerieben, auch kann man ihm ein Klystier aus einem halben Pfunde warmen Wassers, mit zwei guten Kaffeelöffeln voll Campherspiritus gemischt, in den Mastdarm einspritzen und von Zeit zu Zeit etwas Campher auf einem heißen Bleche verdampfen lassen …”

    Hahnemann, „Die Heilung der asiatischen Cholera und das sicherste Schutzmittel gegen diese“, Münster 1831

    Wollte die Autorin durchaus auch zum Ausdruck bringen. Gehe ich von aus. Aus Gründen. ;-)

  4. Hinzu kommt, dass die Homöopathiefreunde oft multipel abgedreht sind, siehe z.B. den Fall Hans Gschwender:

    https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2020/04/04/scharlatane-gefaehrden-ihre-gesundheit/

  5. „Zuckerkugeln statt Notarzt: Schweizer Arzt behandelt Corona-Kranke mit Globuli“:

    https://www.derstandard.at/story/2000120562609/zuckerkugeln-statt-notarzt-schweizer-arzt-behandelt-corona-kranke-mit-globuli

  6. Habe mich als Nicht-Lateiner und Hahnemann-Abstinenzler hier über Bryonia informiert. Mußte mehrmals langanhaltend lachen.

    Lediglich der Gedanke daran, wieviele Leute einen solchen Unfug für bare Münze nehmen, liess mir das Lachen im Halse stecken. Da fällt mir ein: Gibt’s Globuli für im Halse steckengebliebenes Lachen?

  7. Vielleicht könnte ein Anticoronagloboli eine Erstverschlimmerung auslösen und der drauf folgende Hustenreiz das Lachen wieder auswerfen… oder so..

    xund bleim

    Felix

  8. @Passavant-Textor

    Ja, dann kann man nur drüber lachen. Bei dieser Passage ist dann allerdings Schluß mit Lustig:

    „Bryonia-Kinder haben häufig dunkles Haar und einen dunklen Teint. Sie haben häufig schlechte Laune und sind sehr reizbar. Bereits in früher Kindheit sind die Kinder sehr materialistisch. Geld ist ihnen schon früh wichtig. Sie lassen andere Kinder nicht mit ihren Spielsachen spielen.“

    Liest sich wie eine Sehung des Herrn Steiner. Alles miteinander verwoben und verstrickt, dieser braune pseudowissenschaftliche und durch und durch rassistische Quark.

  9. „Corona? Nie gehört!
    Irre Personenzahl: Polizei löst Großfamilien-Treffen in Brühl auf!“

    https://www.express.de/koeln/corona–nie-gehoert-irre-personenzahl–polizei-loest-grossfamilien-treffen-in-bruehl-auf-37918726

    Wann werden die Dummen und Ignoranten endlich verstehen, um was es geht? Die Geldstrafen sollten MINDESTENS einem Monatsgehalt entsprechen. Nein, Korrektur: Man sollte diese Idioten 24 Stunden am Stück auf der Intensivstation festbinden und anschließend 3 Monate in den Knast stecken!

  10. @Pierre Castell:

    So’ne Meldung eines brechreiz-erregenden Boulevard-Blattes ist etwa so seriös, wie der Bullshit der Covidioten.
    Irgendwelche rechtsstaats-wiedrigen Strafen (inkl. Gewalt-Phantasie) zu fordern, (ernstgemeint oder nicht ) finde ich überhaupt nicht hilfreich.

  11. @ Karsten Hilsen

    Ach, Sie halten Polizeimeldungen, die von diesem Blatt mehr oder weniger „nur weitergegeben“ werden, für unseriös. Dann gehen Sie doch mal auf die Presseseiten der zuständigen Polizei. Dann werden Sie lesen, dass dieses Blatt durchaus korrekt berichtet hat.

    „Irgendwelche rechtsstaats-wiedrigen Strafen (inkl. Gewalt-Phantasie) zu fordern, (ernstgemeint oder nicht ) finde ich überhaupt nicht hilfreich!“

    Ernstgemeint!
    Nur zu Ihrer Information: „Festbinden“ mag eine Form von Gewalt sein.

    Aber ansonsten würden solche Ignoranten ja aus der Intensivstation hinauslaufen, weil sie – wenn sie nur einen einzigen Funken von Menschlichkeit in sich haben – das traurige Elend nicht ertragen können. Solche Gestalten sind es aber, die Corona „fördern“.

    Nun können Sie meine überspitzten Formulierungen gern in brave Worte umwandeln.

    „Finde ich überhaupt nicht hilfreich!“

    Dann schlagen Sie mal bitte etwas vor, was solche Vollidioten vernünftig und solidarisch handeln lässt.
    Die Strafen können nicht hoch genug sein, damit endlich auch der Letzte kapiert, dass er sich den Regeln anpassen muss.

    So langsam habe ich die Schnauze von derartigen Leuten, die ihren puren Egoismus über das Allgemeinwohl setzen, gestrichen voll!

  12. @Pierre Castell:
    „Ach, Sie halten Polizeimeldungen, die von diesem Blatt mehr oder weniger „nur weitergegeben“ werden, für unseriös“
    ——————————
    Ja das auch, (sogar für /sehr/ unseriös. )
    Und es ist ein Riesenproblem, dass derlei Meldungen oftmals völlig unhinterfragt „nur weitergegeben“ werden.
    „Die Polizei“ ist keineswegs objektiv sondern immer Partei.
    „Die Polizei“ vertritt mit ihren Veröffentlichungen sehr oft auch ganz eigennützliche Interessen.
    Zum Kotzen finde ich aber vor allem, wenn’s diese Boulevard-Blätter machen und damit /genau/ die Emotionalität triggern, die sie hier gerade zeigen.
    Und Ja, „festbinden“ ist eindeutig Gewalt.

    Im übrigen ist diese Aufreger-Meldung hier reichlich OT. Hier geht es um Homöopathen, nicht um leichtfertig abgehaltene Familien-Treffen.
    Wobei die konkrete Umschreibung „Großfamilie“ für bestimmte Dauer-Konsumenten solcher Blätter natürlich auch wieder nicht zufällig ein Trigger-Begriff ist.

    Sie folgen in ihrer Argumentation der typischen Hollywood-Logik: „Nicht ganz richtig, aber…“
    Das, genau /diese/ Logik ist es, der u.a. die Trumpisten folgen.

    Ich schlage auch sehr gerne etwas vor:
    Einfach dem -ganz überwiegend gut funktionierendem- Rechts-Staat vertrauen und den zuständigen Behörden, ggfls einer Richterin einem Richter eine /angemessene/ Sanktion überlassen.

    Es ist nicht meine Absicht, Ihnen die Laune zu verderben.
    Daher wünsche ich einen ruhigen, entspannten Abend

  13. Jaja, die bösen Bullen! Herr Hilsen, ich verschließe nicht die Auge vor den Problemen, die in der Polizei in Bezug auf Rassismus herrschen, aber diese Pauschalurteile gehen mir auf den Geist.

  14. @ borstel:

    1. Die Frage lenkt vom eigentlichen Thema ab. I(ch gehe trotzdem mal drauf ein)
    Kein Pauschalurteil, sondern Einschätzung auf Basis von u.a. umfangreicher Aktenkentnissen aus dutzenden Prozessakten.

    Aktuelles Beispiel :

    Sie haben von dem Brand eines Baumhauses im Hambacher Forst gelesen? Wenn nicht, bitte ich sie selber nach Hambacher Forst und Baumhaus zu googeln.

    Kurz:

    Eine Person in dem Baumhaus wurde schwer verletzt Und von der Feuerwehr geborgen. Es gibt -auch von Seiten der Waldbesetzter- keinen Hinweis auf irgend ein Fremdverschulden.

    Die Polizei meldete dazu unter anderem:

    Zitat: „Die Löscharbeiten gestalteten sich schwierig. „Barrikaden auf den Wegen behindern die Löscharbeiten stark“

    Welche Vorstellung löst diese Meldung bei Ihnen aus? An welche Barrikaden denken Sie dabei?
    Bitte /erst / wirklich vorstellen. An was Sie dabei denken.

    Hier sind Bilder davon:

    https://twitter.com/sonntagsflo/status/1264865839783858178

  15. @ Karsten Hilsen
    „Einfach dem -ganz überwiegend gut funktionierendem- Rechts-Staat vertrauen!“

    Tun Sie das.

    Und ich vertraue der „ganz überwiegend gut funktionierenden“ POLIZEI.

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