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Neu im Skeptiker: „False Memories“ – Falscherinnerungen durch Traumatherapie

| 24 Kommentare

Nachdem die geplante Fachtagung

Rituelle Gewalt: Streitpunkte – Argumente – Klärungen

im März ausfallen musste, befasst sich der aktuelle Skeptiker (3/2020) mit einem speziellen Aspekt des Themas:

Falsche Erinnerungen durch Psychotherapie

Der Physiker und ehemalige Vorsitzende des Vereins „False Memory Deutschland e.V.“ Dr. Hans Delfs zeichnet anhand seiner persönlichen Geschichte („Ich selbst werde seit über 22 Jahren von meinen Töchtern eines sexuellen Missbrauchs beschuldigt, von dem ich besser als jeder andere weiß, dass es ihn nie gegeben hat“) nach, was falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch sind, wie sie entstehen und was sie von wirklichen Fällen sexuellen Missbrauchs unterscheidet.

Zudem zeigt er die Folgen von Falscherinnerungen für Therapierte und Beschuldigte auf.

Im Magazin-Teil gibt es ein Interview mit dem derzeitigen Vorstand von False Memory Deutschland (FMD), Federico Avellán Borgmeyer und Heide-Marie Cammans. Der Verein ist unabhängig von der False Memory Syndrome Foundation in den USA, die 2019 ihre Arbeit eingestellt hat.

Ein Auszug:

Skeptiker: In der FAZ vom 24. August 2020 ist ein Artikel über rituellen Missbrauch erschienen, in dem implizit der Vorwurf aufscheint, die False-Memory-Bewegung sei so etwas wie eine Täterschutzorganisation.

Cammans: Diese Unterstellung ist nicht neu und wird üblicherweise anonym im Internet gestreut. Wir würden darüber gerne einen offenen Dialog führen, das ist aber gar nicht möglich, weil die Verbreiter dieser Desinformationen sich einem persönlichen Austausch verweigern.

Der FAZ-Autorin habe ich einen Brief geschrieben und darin ein Gesprächsangebot unterbreitet. Wir nehmen keinen Krieg an. Die uns zur Verfügung stehende Zeit möchten wir nutzen, um Menschen zu helfen. Und dabei gehen wir äußerst sorgfältig vor, um herauszufinden, ob es sich bei den hilfesuchenden Personen tatsächlich um zu Unrecht Beschuldigte handelt.

Und wie überprüfen Sie das?

Borgmeyer: Im Prinzip anhand von Indizien. Natürlich kann kein Außenstehender mit absoluter Gewissheit sagen, was wirklich passiert ist, aber mit einer Plausibilitätsprüfung kann man sich der Wahrheit zumindest annähern.

Wir versuchen herauszufinden, wann und wie die Erinnerungen an den sexuellen Missbrauch entstanden sind und welchen Einfluss die Therapie dabei hatte. Es ist etwas komplett anderes, ob die Erinnerungen schon seit dem Kindesalter bestanden und nicht verarbeitet wurden oder erst nach Jahrzehnten plötzlich in einer Therapie „erinnert“ werden.

Unsere Fragen sind zum Beispiel: Zu welchem Zeitpunkt, in welcher Situation, unter welchen Umständen kam es zu den Erinnerungen? Gibt es Hinweise darauf, dass die traumatischen Erinnerungen mit therapeutischer Unterstützung entstanden sind? Welche therapeutischen Maßnahmen sind zum Einsatz gekommen und gehören dazu auch suggestive, hypnotische oder tranceartige Verfahren, Familienstellen oder esoterische Methoden?

Welche Hinweise oder Beweise gibt es, dass die Beschuldigung nicht auf realen Erlebnissen beruhen kann? Und vieles mehr.

Cammans: Genaue Informationen zur Entstehung der Erinnerungen sind eine von mehreren Säulen unserer Einschätzung. Daneben führen wir intensive Gespräche mit der beschuldigten Person und nach Möglichkeit auch mit weiteren Mitgliedern der Familie, etwa mit dem Partner oder der Partnerin und den Geschwistern der beschuldigenden Person.

Wir lassen uns die gesamte Familiensituation ausführlich schildern. Diese Kommunikation gibt uns wichtige Hinweise, der unmittelbare Eindruck der Betroffenheit, Traurigkeit und Verzweiflung, den die Beschuldigten machen, spricht eine deutliche Sprache und kann nicht leicht vorgetäuscht werden.

Wenn wir uns in der Einschätzung unsicher sind, weisen wir die Person ab und empfehlen, sich einen Anwalt zu suchen.

Kommen wir zu den Therapeuten, die Scheinerinnerungen „aufdecken“. Was ist das für eine Szene?

Cammans: Konkrete Zahlen zu dieser Community gibt es nicht. Wir beobachten aber, dass bei größeren Veranstaltungen, zum Beispiel von einschlägig bekannten Trauma-Instituten, schon mal einige Hundert Teilnehmer anwesend sind.

Diese Szene von Traumatherapeuten/innen – überwiegend sind es Frauen – ist sehr aktiv, untereinander gut vernetzt und in sich geschlossen. Eine kritische Außensicht ist nicht erwünscht und wird heftig abgewehrt, auch leider mit Desinformation in den sozialen Medien.

Wichtig ist mir dabei zu betonen, dass die ideologisch geprägten, „aufdeckend“ arbeitenden Traumatherapeuten nur ein Teil der Traumatherapeuten sind. Die allermeisten Traumatherapeuten arbeiten seriös und stehen dieser speziellen Richtung skeptisch oder ablehnend gegenüber.

Wie gerät man als Patient oder Patientin da rein beziehungsweise wie kann man sich davor schützen?

Cammans: Es ist tatsächlich eine Art Glücksspiel, an welchen Therapeuten ich gerate, wenn ich Hilfe bei seelischen Problemen suche. Da gibt es das ganze Spektrum, vom hochqualifizierten Facharzt an einer renommierten Klinik über spirituelle Lebensberater bis hin zum Schamanen und Gesundbeter.

Sehr auffällig ist bei der Entstehung von Scheinerinnerungen der Heilpraktiker als Lebensberater. In unserer Statistik rangieren die zweitmeisten unserer Fälle bei dieser Art von Hilfestellung.

Wir empfehlen bei der Suche nach therapeutischer Hilfe, sich zunächst einmal einen persönlichen Eindruck zu verschaffen: Wie wirkt diese Person auf mich? Bekommt man sofort eine Zusage von Heilung, kaum dass man sein Problem vorgetragen hat? Welche Ausbildung hat der Helfer? Welche Verfahren sollen zur Anwendung kommen?

Auf jeden Fall sollte man sehr aufmerksam sein beziehungsweise die Therapie sofort beenden, wenn man vom Therapeuten wiederholt und mit immer größerem Nachdruck dazu gedrängt wird, sich zu „erinnern“, ob da nicht mal etwas in Richtung sexuellem Missbrauch gewesen sein könnte.

Auch ist Vorsicht geboten, wenn Symptome abgefragt werden, die als absolut sichere Hinweise auf einen zu einer früheren Zeit erlebten und verdrängten Missbrauch gedeutet werden. Diese Symptome sind in der Regel so vage und allgemein, dass man damit fast jeden Menschen zum „Betroffenen“ stempeln kann.

Genau so schildern Ratsuchende uns gegenüber ihren Therapeutenkontakt und die Art und Weise, wie iatrogene – also vom Therapeuten induzierte – Scheinerinnerungen entstanden sind.

Borgmeyer: Bei unserer ersten FMD-Fachtagung 2018 in Frankfurt fanden immerhin auch einige dieser speziellen Therapeutinnen den Weg zu uns – eingeladen hatten wir eigentlich alle uns bekannten, darunter auch die Szene-Protagonistin Michaela Huber, die sich aber jede Kontaktaufnahme durch uns verbeten hat.

Wir empfanden die Anwesenheit unserer Gäste als Bereicherung, wenn auch nicht gerade der Dialog zustande kam, den wir uns wünschen. Ich wollte unter anderem von ihnen wissen, wie sie feststellen können, ob ein Patient/eine Patientin echte oder falsche Erinnerungen wiedergibt. Die lapidare Antwort: „Das können wir nicht und interessiert uns auch nicht.“

Meinen Einwand, dass durch Falschbeschuldigungen ganze Familien zerstört werden, fegte man lässig vom Tisch: Das sei dann Sache der Gerichte. Nach dieser Erfahrung glaube ich, dass diese Therapeutinnen sich auf einer Mission wähnen, von der sie selbst zutiefst überzeugt sind: nämlich die Welt vor einer unsichtbaren, aber allgegenwärtigen Bedrohung retten zu müssen.

Den Tagungsband zur FMD-Fachtagung 2018 verschickt die EZW in Berlin (5 €).

Hans Delfs hat das Buch

False Memory: „Erinnerungen“ an sexuellen Missbrauch, der nie stattfand

geschrieben. Den Erfahrungsbericht einer Betroffenen („Zersplitterung nach Therapie“) kann man beim Sekteninfo NRW nachlesen.

Den neuen Skeptiker kann man hier bestellen, das ePaper hier.

Zum Weiterlesen:

  • #ferngespräch: „Satanic Panic – Echtes Leiden, falsche Fakten“ jetzt als Video und Podcast, GWUP-Blog am 24. Juni 2020
  • Zersplitterung nach Therapie, Sekteninfo NRW am 16. April 2020
  • Rituelle Gewalt aus psychologischer Sicht, EZW-Materialdienst 8/2019

24 Kommentare

  1. Diese Geschichte erinnert mich an einen Fall aus dem Zeit Online Kriminal-Podcast, bei der einem kleinen Mädchen, von der Mutter ihrer Freundin, bei der sie zu Besuch war, ebenfalls ein Missbrauch durch den Vater eingeredet wurde.

    Was dann natürlich zu einem herzzereißendem, Jahre währenden, Chaos geführt hat. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte sich die Dame vom Jugendamt auch nach dem Richterspruch, noch lange geweigert das Kind wieder heraus zu geben und die Kleine hat in ihrem Vater inzwischen ein Monster gesehen.

    Da dreht sich einem der Magen um!

    Und nun stelle man sich vor, so etwas ähnliches, passiert in der geschützten Atmosphäre, einer Psychotherapie. Man kommt aus dem Gruseln gar nicht mehr heraus.

    Wie soll man bei psychischen Problemen nach Hilfe suchen, wenn man sich nicht sicher sein kann, ob sein Therapeut noch ganz bei Trost ist und eigentlich selber Hilfe benötigt?

  2. Leider scheint unter einigen Psychotherapeuten heutzutage immer noch die Ansicht zu herrschen, dass es immer noch hidden memories gibt die man ausgraben muss.

    https://www.psychologytoday.com/us/blog/women-who-stray/201910/forget-me-not-the-persistent-myth-repressed-memories

  3. Nicht erst seit der Replikationskrise fragt man sich, ob Psychologie überhaupt eine „richtige“ Wissenschaft ist.

  4. Einfach mal auf der Webseite von Michaela Huber blättern

    https://www.michaela-huber.com/vortraege-folien

    Und https://www.michaela-huber.com/pressespiegel

    Es ist so schrecklich und ekelhaft, wenn Kinder missbraucht werden siehe auch denn widerlichen Fall in Bergisch Gladbach

    https://www.tagesschau.de/regional/nordrheinwestfalen/bergisch-gladbach-missbrauch-urteil-103.html

    Umso schrecklicher ist es, wenn Familien durch Inkompetenz und Pseudoexpertentum bei Traumatherapeuten Erinnerungen gesetzt werden und so ggf. Familien zerstört werden.

    Frau Huber schreibt ständig über Dissoziative Identitätsstörung (früher Multiple Persönlichkeiten)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Dissoziative_Identitätsstörung

    Ich dachte das wäre ein Mythos, wisst ihr Skeptiker mehr darüber?

  5. Interessant

    https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fpsyg.2015.01100/full

    (17) Multiple personality disorder.

    Although the term “multiple personality disorder” was expunged from the American Psychiatric Association’s (1994) diagnostic manual over two decades ago and has since been replaced by “dissociative identity disorder” (DID), it persists in many academic sources (e.g., Hayes, 2014).

    Nevertheless, even ardent proponents of the view that DID is a naturally occurring condition that stems largely from childhood trauma (e.g., Ross, 1994) acknowledge that “multiple personality disorder” is a misnomer (Lilienfeld and Lynn, 2015), because individuals with DID do not genuinely harbor two or more fully developed personalities.

    Moreover, laboratory studies of the memories of individuals with DID demonstrate that the “alter” personalities or personality states of individuals with DID are not insulated by impenetrable amnestic barriers (Merckelbach et al., 2002).

    Oder hier

    Can People Have Multiple Personalities? Although many therapists think it is possible, research raises doubts By Scott O. Lilienfeld, Hal Arkowitz

    https://www.scientificamerican.com/article/can-people-have-multiple-personalities/

    Oder hier

    http://www.haraldmerckelbach.nl/artikelen_engels/2020/Dissociation%20And%20Its%20Disorders%20Competing%20Models,%20Future%20Directions,%20And%20A%20Way%20Forward.pdf

    Dissociation and its disorders: Competing models, future directions, and a way forward☆Steven Jay Lynn , Reed Maxwell , Harald Merckelbach , Scott O. Lilienfeld ,
    Dalena van Heugten-van der Kloetc, Vladimir Miskovica
    a Binghamton University (SUNY), United

  6. Die hier in Kommentaren angesprochene Dissoziative Identitätsstörung gibt es, sie ist wissenschaftlich anerkannt.

    Sie eindeutig zu diagnostizieren mit Hilfe wissenschaftlicher Tests ist aufwändig und braucht Zeit.

    DIS-Betroffene leiden unter einer Vielzahl unterschiedlicher dissoziativer Symptome, die ebenfalls bei ihnen stärker ausgeprägt sind als sonst bei Menschen, die im Rahmen anderer psychischer Störungen dissoziative Symptome oder komorbide dissoziative Störungen.

    Zudem haben DIS-Betroffene zwar nicht immer, aber doch häufig komorbid eine Persönlichkeitsstörung oder sie erfüllen zumindest einzelne Kriterien davon, was die bei der Diagnostik zu berücksichtigen ist und das macht es praktisch nicht unbedingt einfacher.

    Bei der Diagnostik ist dabei immer auch das zu berücksichtigen und ebenfalls mit Hilfe wissenschaftlicher Tests zu untersuchen und jeweils ggf. auszuschließen. Es ist an sich so und trifft auch hier zu, dass es Symptome gibt, die als solche nicht spezifisch sind und bei unterschiedlichen psychischen Störungen vorkommen können. Eine korrekte Diagnose ist erforderlich für die Wahl der geeigneten Psychotherapie.

    Dass bei einem Menschen – zutreffend – eine Dissoziative Identitätsstörung festgestellt wird, bedeutet seit Jahren nicht mehr zwangsläufig Traumaexposition, denn eine solche kann bei DIS-Betroffenen auch kontraindiziert sein. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab wie der Komorbidität, die gleichzeitig neben der DIS besteht.

    Zudem ist das Funktionsniveau bei den Betroffenen sehr verschieden. Während es DIS-Betroffene gibt, die trotz ihrer komplexen dissoziativen Symptomatik erstaunlich gut zurechtkommen und vollzeitlich arbeiten können, versinken andere möglicherweise im Chaos, das auch wiederum auch mitbestimmt sein kann beispielsweise von einer komorbiden Persönlichkeitsstörung oder auch einer Suchterkrankung. Bei der Wahl der individuell geeigneten Therapie ist all das zu berücksichtigen.

    Und es ist zudem, gerade wo es hier um Erinnerungen geht, keinesfalls so, dass dann tief gegraben werden müsste, um etwas zu „finden“ oder „aufzudecken“. Vielmehr befindet sich das Erlebte dicht unter der Oberfläche, das ist auch keine neue Erkenntnis (siehe dazu das Buch „Diagnose und Behandlung der Dissoziativen Identitätsstörung“ von Frank Putnam, erschienen 2003 bei Junfermann).

    20190325_Lichtenegger_Präsentation.pdf

    Die komplexe dissoziative Symptomatik ist ein Bewältigungsmechanismus, der sich bei DIS-Betroffenen besonders ausgeprägt und im Alltagsleben auf verschiedenen Eben verselbstständigt hat. Es ist als Strategie entgegengesetzt zu Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und betrifft weder allein Erinnerungen an traumatische Erlebnisse und auch keineswegs allein die Identität bzw. die Wahrnehmung einer in sich geschlossenen Identität.

    So gesehen bedeutet das eine früh im Leben begonnene automatisiert ablaufende Vermeidung aufmerksam zu sein und zieht sich durch den Alltag. Auch wenn sich um eine wissenschaftlich anerkannte Traumafolgestörung handelt, heißt das damit nicht, die Dissoziation im Alltag Betroffener hat damit im Hier und Jetzt nicht unbedingt je nach Situation mit etwas aus der Vergangenheit zu tun.

    Sich im Alltag (!) schon nicht an eben Alltägliches nicht erinnern zu können, von anderen Menschen aber von Verhalten zu erfahren, ist längst nicht das einzige, aber ein wesentliches Problem, wobei die Häufigkeit der Wechsel und der damit verbundenen fehlenden Erinnerungen unterschiedlich ausgeprägt sein kann und auch bei einzelnen Betroffenen phasenweise mal mehr, dann wieder schwächer ausgeprägt.

    Das beeinflusst neben anderen Symptomen auch die Beziehungen zu anderen Menschen und auch andere Bereiche des Lebens. Einerseits bringt diese Bewältigungsstrategie einen Nutzen für die Betroffenen, sie schützt auch vor schmerzlichen oder zumindest unangenehmen Emotionen beispielsweise, langfristig erschwert sie das Leben ungemein.

    Im Alltag konfrontiert zu werden mit „eigenem“ Verhalten und sich nicht erinnern zu können, bedeutet auch, wie sich leichter vorstellen lässt, einen mehr oder weniger regelmäßigen Kontrollverlust. Genau das mit macht m.E. DIS-Betroffene anfälliger, wenn sie an eine Anhängerin der Satanic Panic als Therapeutin geraten, zu vertrauen darauf, welche Erklärungen für fehlende Erinnerungen geboten werden oder eben andere als die eigenen.

    Innerhalb der Therapie der DIS geht es also gar nicht vorrangig und das geht auch wie oben erklärt nicht bei allen, um Traumaexposition. Sondern es geht sehr viel um Akzeptanz in Bezug auf die Persönlichkeitszustände, um „gemeinsame“ Verantwortlichkeit, Wahrnehmen dissoziativer Symptome und damit umzugehen zwecks Reduzierung der Symptomatik, die eben sehr komplex ist und nicht im engeren Sinne allein die Identität betrifft.

    Aufgeben dieser praktisch seit der Kindheit begonnenen Bewältigungsstrategie verlangt schon im Alltag unangenehme Emotionen auszuhalten und auch konkrete individuell schwierige Situationen ohne Dissoziation zu bewältigen und das auch zu lernen. Das bedeutet zugleich die Erfahrung, es hat Vorteile nicht zu dissoziieren und auch wenn es mühsam ist, verbessert das langfristig das eigene Leben.

    Damit ist nicht gesagt, die Vergangenheit und traumatische Erfahrungen wären nicht Thema oder wesentlich. Weil hier die Frage nach der DIS als Störung selbst ist, habe ich erklärt, was das für Betroffene bedeutet in der Therapie, worum es da inhaltlich auch geht und was ihnen das Leben erschwert, sie zugleich auch anfälliger macht m.E. gegen über Anhängerinnen dieses Verschwörungsmythos unter den Therapeutinnen.

    Sieht man DIS-Betroffene jeweils als die Gesamtperson, die sie sind, dann ist eben auch ersichtlich, dass da nicht grundsätzlich etwas aufgedeckt werden muss, wovon sonst nichts zu sehen oder was noch nie bemerkt worden wäre bisher. Das Erlebte ist aufgeteilt.

    Erschwerend kommt hinzu, dass jedoch das „Fehlen von Zeit“ von Betroffenen nicht unbedingt bewusst als solches wahrgenommen wird im Alltag, d.h. sich nicht bewusst erinnern zu können an Aktivitäten innerhalb eines bestimmten Zeitraums.

    Das kann etwas ganz Gewöhnliches sein letztlich, aber es nicht zugänglich und wird Amnesie für die Amnesie bezeichnet. Betroffene sind es aber so gewohnt, Dinge nicht wiederzufinden oder ganz woanders und auch ihnen bislang Fremdes vorzufinden oder sich selbst irgendwo, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen sind und warum.

    Das heißt, sie machen für den Alltag in Gegenwart und das lange zurück immer wieder die Erfahrung, dass ihnen nicht nur tatsächlich Ereignisse nicht erinnerbar sind, sondern das nicht wahrnehmen zu können, obwohl sie sich immer wieder mit Belegen dieser Lücken konfrontiert erleben.

    Darin liegt ein erhebliches Risiko in der Therapie, wenn eine als vertrauenswürdig erlebte Therapeutin Antworten und Erklärungen für als solche nicht gar nicht wahrgenomme Erinnerungslücken anbietet, die abweichen von eigenen Erinnerungen und inneren Bildern.

    Denn wenn dann Zweifel immer wieder zerstreut werden, da geht es auch wesentlich um Vertrauen in die Therapeutin, dürfte dieser Aspekt der Symptomatik das Risiko erhöhen, auf diese Erklärungen eher zu vertrauen als auf eigene Erinnerungen.

    Zudem macht dieser Aspekt der Symptomatik der DIS auch rational logisch verstehbarer, warum dieser Verschwörungsmythos gerade eben mit dieser Traumafolgestörung in Verbindung gebracht wird bzw. warum es auch begünstigend wirken dürfte dafür, dass überhaupt Anhängerinnen dieses Verschwörungsmythos bei DIS-Betroffenen oder anderen Menschen mit schwer ausgeprägter komplexer dissoziativer Störung satanistisch-rituellem Missbrauch „aufdecken“ oder was sonst mit unter dem Begriff des rituellen Missbrauchs zusammengefasst ist.

    Damit möchte ich einen wesentlichen Aspekt der Symptomatik DIS verdeutlichen. So wenig die dissoziative Identitätsstörung als wissenschaftlich anerkannte Traumafolgestörung an sich geeignet ist, satanisch- oder sonst als rituell bezeichneten Missbrauch zu belegen, nämlich gar nicht, so bedeutet das allerdings auch nicht, weil es sich bei der Satanic Panic um einen Verschwörungsmythos handelt, die DIS gäbe es nicht.

    DIS-Betroffenen wird von Anhängerinnen dieses Verschwörungsmythos in der Therapie die Möglichkeit genommen, das wirklich Erlebte zu bewältigen, während sie etwas bewältigen sollen, das sie in Wirklichkeit gar nicht erlebt haben.

    Als in den USA dieser Verschwörungsmythos aufkam, war die wissenschaftliche Forschung zur DIS und zu Dissoziation überhaupt nicht auf dem heutigen Stand. So ist diese Störung heute weit besser verstehbarer als zur Zeit, als 1995 Michaela Huber ihr Buch „Multiple Persönlichkeiten“ herausbrachte.

    Hier ist, möchte ich betonen, auch zu sagen, sie ist einerseits eine anerkannte Traumaexpertin, was die Aufklärung zur Satanic Panic nicht einfacher macht, sie dabei nämlich leider selbst Anhängerin dieses Verschwörungsmythos. Im Mai vergangenen Jahres schaffte sie es mit einem Aufruf zu einer Protestbriefaktion in einem berufsbezogenen Newsletter, einen der Aufklärung dienenden Vortrag von Lydia Benecke in Frankfurt zu verhindern.

    Zugegeben, das als Antwort Geschriebene ist sehr lang, mir ist jedoch daran gelegen zu verdeutlichen, dass es bei der Therapie der DIS zum einen nicht um das „Aufdecken“ von verborgenen Erinnerungen geht und es gehe allein oder immer um Traumatherapie im Sinne von Traumaexposition und zudem möchte ich einen wesentlichen Aspekt der Symptomatik verstehbarer machen, der hierbei schon im Alltag Betroffener ein Problem ist und von ihnen so auch erlebt wird.

    Das soll auch veranschaulichen, welche Sorgfalt geboten ist im Umgang mit Erinnerungen und eben der „Amnesie für die Amnesie“, wenn Betroffene so innerhalb der therapeutischen Beziehung kaum oder nicht werden unterscheiden können, ob es sich um echte fehlende Erinnerungen handelt oder da gar keine wirkliche Lücke handelt, wenn ihnen Erklärungen oder Antworten angeboten werden im Sinne dieses Verschwörungsmythos, während diese abweichen von ihren eigenen bewussten Erinnerungen oder inneren Bildern, die sich als Intrusionen aufdrängen.

    Auch wenn ich das so nicht belegen kann, dürfte dieser mehr oder weniger ausgeprägte Aspekt der dissoziativen Symptomatik der DIS zumindest auch mit förderlich sein für falsche Erinnerungen, umso mehr, wenn als solche nicht in der Traumatherapie gebräuchliche psychoanalytische Techniken eingesetzt werden, die ohnehin die Wahrscheinlichkeit falscher Erinnerungen wahrscheinlicher machen.

    Zu letzterem möchte ich verweisen auf das Buch „Das trügerische Gedächtnis“ der Rechtspsychologin Julia Shaw und den Vortrag, den Lydia Benecke 2018 während der SkepKon in Köln gehalten hat.

  7. Auf Facebook wird diskutiert, dass das False Memory Syndrome gar nicht belegt sei. Aber ohne Quelle:

    Ich hab das hier gefunden

    Julia Shaw: https://www.drjuliashaw.de/forschung

    https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/falsche-erinnerungen-wie-unser-gedaechtnis-uns-truegt-a-1106007.html
    dann diesen Artikel: Memory Recovery Techniques in Psychotherapy

    https://www.researchgate.net/publication/232484773_The_remembrance_of_things_past_Problematic_memory_recovery_techniques_in_psychotherapy

  8. Als wohl immer noch berühmteste Forscherin auf dem (weiten) Gebiet der „Erinnerungsfälschungen“, „-täuschungen“, „-irrtümer“… darf wohl nach wie vor Dr. Elizabeth Loftus gelten. Der Spektrum-Verlag hat mal dankenswerterweise einen (langen) Artikel von Dr. Loftus ins Deutsche übersetzt und online verfügbar gemacht.

    Enthält etliche grausliche „Anekdoten“ aus völlig zerstörten Leben und ist insofern nicht zu empfehlen für Leute, die alles aus der akademischen Abstraktion in normale Wahrnehmungen übersetzen:

    https://www.spektrum.de/magazin/falsche-erinnerungen/823559

  9. Zur Information: Dr. Elizabeth Loftus ist eine von inzwischen 18 Fellows der GWUP.

    Sie erhielt 2016 den John Maddox Prize. Der Guardian berichtete auch darüber.

  10. Julia Shaw beantwortet die Frage, ob es ein False Memory Syndrome gibt auf S. 261 ihres Buchs „Das trügerische Gedächtnis“ ganz eindeutig.

    Es gibt falsche Erinnerungen, das ist aus der Gedächtnisforschung belegt. Falsche Erinnerungen beruhen darauf, wie unser Gedächtnis funktioniert. Dass sich Erinnerungen verändern und auch beeinflussbar sind, ist etwas ganz Normales. Der Begriff eines Syndroms bedeutet jedoch immer, es handelt sich um etwas Krankheitswertiges.

    Das jedoch trifft auf falsche Erinnerungen nicht zu. Daher, so erklärt es Julia, gibt *kein* „False Memory Syndrome“.

  11. @Monika Kreusel:

    Wo genau findet sich denn in dem Artikel oder dem Interview der Begriff „False Memory Syndrom“?

    Soweit ich sehe, wird er nirgendwo verwendet.

    Zudem gibt es verschiedene Definitionen eines „Syndroms“, darunter auch:

    … ein Symptomenkomplex ohne Krankheitswert.

  12. @Bernd Harder,

    ich beziehe mich hier auf den Kommentar von @Skeptikantia weiter oben zur Diskussion auf Facebook, da darunter geantwortet wurde. :)

    Ich weiß nicht, warum man entgegen der Gedächtnisforschung, die zeigt, es handelt sich bei falschen Erinnerungen um etwas ganz Normales, diesen Begriff weiter verwenden sollte. Es würde meines Erachtens eine weniger emotionale Diskussion ermöglichen und fördern, darauf zu verzichten und stattdessen von falschen Erinnerungen sprechen. :)

  13. Aufgrund des Artikels von Hans Delfs möchte ich deutlich machen, dass moderne Psychotherapie damit allgemein nicht sonderlich viel zu tun hat und abzugrenzen ist von älteren Annahmen über Ursachen psychischer Störungen und auch Techniken, um die es hier in diesem Kontext geht.

    Die als solche unterschiedlichsten psychischen Störungen können durch wissenschaftliche Forschung längst besser verstanden werden und so gibt es auch unterschiedliche Herangehensweisen bei ihrer Behandlung.

    Es ist zwar ein Artikel zu falschen Erinnerungen in der Psychotherapie an sexuellen Missbrauch, angesprochen wird auch die Psychotherpie im Kontext des rituellen Missbrauchs. Aufklärung ist hier erforderlich, unbedingt.

    Allerdings wird ein Bild von Psychotherapie und Traumatherapie dargestellt, dem ich nicht so zustimmen möchte und auch der Darstellung der Dissoziativen Identitätsstörung widerspreche ich. Zur Psychotherapie ist hier meines Erachtens eine differenziertere Betrachtung erforderlich und auch zum Verständnis der Ursachen psychischer Störungen.

    Dieser Artikel erscheint mir vom eigenen Bezug zum Thema geleitet. Hans Delfs räumt seinen diesen auch ein. Ich will auch nicht damit an sich in Frage stellen, die Perspektive eines Vaters, der sich infolge falscher Erinnerungen an sexuellen Missbrauch im Rahmen einer Psychotherapie ungerechtfertigten Beschuldigungen ausgesetzt sieht, dürfe keinen Raum haben. Ich setze auch nicht voraus, dass er sich so weitreichend damit beschäftigen müsste.

    Was im Artikel fehlt und so einen allgemein so nicht zutreffenden Eindruck vermitteln kann, ist wie psychische Störungen diagnostiziert werden, nämlich anhand wissenschaftlicher Kriterien und mit Hilfe wissenschaftlicher Tests. Unter den in ihrer Art unterschiedlichsten psychischen Störungen gibt es auch verschiedene Traumafolgestörungen, was demnach zweifellos nicht allein oder eben zwangsläufig mit sexuellem Missbrauch gleichzusetzen ist.

    Ich stimme ihm zu, dass es kein Symptom einer psychischen Störung gibt, das sich ausschließlich auf sexuellen Missbrauch zurückführen ließe. Nicht jeder Mensch reagiert gleich auf vergleichbare traumatische Erfahrungen und es gibt verschiedene Faktoren, die dabei zu berücksichtigen sind. Das trifft nicht weniger zu, wenn Erwachsene therapeutische Hilfe suchen, weil sie unter einer psychischen Störung leiden oder auch negativen Konsequenzen, die infolge einer Störung entstehen können.

    Letzteres ist bei Persönlichkeitsstörungen zu berücksichtigen, die als ich-synton erlebt werden. So können durchaus grundsätzlich traumatische Erfahrungen bei verschiedenen Traumafolgestörungen angenommen werden, was so noch nichts darüber aussagt, um welche Art traumatischer Erfahrungen es sich handelt. Dann gibt es auch Störungen, wo eine Kombination von genetischen Faktoren auch Umweltfaktoren als Ursache gesehen wird, wobei zu den Umweltfaktoren auch traumatische Erfahrungen wie beispielsweise wiederholte Beziehungstraumata gehören können.

    Zu den letzteren Störungen zählen bestimmte Persönlichkeitsstörungen. So reichen traumatische Erfahrungen nicht aus als Ursache für die Borderline – bzw. emotional instabile Persönlichkeitsstörung. Vielmehr haben die Betroffenen auch eine Anlage zu emotionaler Instabilität.

    https://link.springer.com/article/10.1007/s00115-012-3489-6

    https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/b7d6e351610631daac5ef08f6cde9fb3c4dd3600/155-001l_S3_Posttraumatische_Belastungsstoerung_2019-12.pdf

    https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-540-79543-8_27

    https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-540-68287-5_3

    https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-662-58639-6_3

    Es ist nicht so, dass Erwachsene, die therapeutische Hilfe suchen und bei denen dann eine psychische Störung, sei es einer Traumafolgestörung und/oder einer Persönlichkeitsstörung, mit Hilfe wissenschaftlicher Tests festgestellt wird, ein übereinstimmend gleiches Bild geboten sein muss, was ihre Symptomatik betrifft, damit sich sagen lässt, diese Menschen sind traumatisiert. Es gibt nicht die eine Reaktion auf traumatische Erfahrungen im Sinne wiederkehrender Erinnerungen.

    So ist zu berücksichtigen, dass sich Erwachsene ohnehin nicht zeitlich unbegrenzt erinnern können an Ereignnisse in ihrer Kindheit. Daran würde auch eine Psychotherapie nichts ändern. Dennoch kann es nachweislich sehr frühe schwerwiegende und sogar lebensbedrohliche Ereignisse im Leben eines Erwachsenen gegeben haben, die in einem Alter stattfanden, das ein Erinnern unmöglich macht.

    Zu den Traumafolgestörungen zählen auch die im Artikel thematisierte Dissoziative Identitätsstörung sowie ihre kleine Schwester DDNOS, die weniger schwer ausgeprägt ist und weniger selten ist als die DIS selbst. Da es im Artikel um falsche Erinnerungen an rituellen Missbrauch geht, möchte ich hier noch mal gesondert darauf eingehen, da im Artikel etwas dazu steht, das so nicht korrekt ist. Zum einen ist die Dissoziative Identitätsstörung sehr wohl wissenschaftlich anerkannt.

    Hans Delfs schreibt:

    „Es gibt viele Gründe, das Problem als iatrogen anzusehen. So tritt es ohne Therapie praktisch nie auf. Nur ein kleiner Teil der Psychitherapeuten hat jemals eine Person mit diesem Problem gesehen, doch diese wenigen haben meist eine Vielzahl solcher Fälle. Schließlich zeigen das auch die Berichte von Therapierten.“

    Als Quelle gibt er „z.B.“ diesen Blogartikel der gwup | die skeptiker an, in dem das Ferngespräch zur Satanic Panic am 16.Juni bei WildMics angekündigt wird. Im Artikel geht es um eine einzelne Frau, bei der eine falsch positive DIS-Diagnose gestellt worden war und die leider an eine Anhängerin dieses Verschwörungsmythos geraten war. Das im Artikel beschriebene Verhalten der Therapeutin steht stellvertretend für Menschen, die an jene Therapeutinnen geraten, die diesem kleinen Kreis angehören.

    Da sind dann falsche Erinnerungen und im Rahmen der Psychotherapie eingesetzte Techniken tatsächlich das Thema, um das es hier geht und das Aufklärung bedarf.

    https://blog.gwup.net/2020/06/16/im-ferngespraech-satanic-panic-echtes-leiden-falsche-fakten/

    Allerdings belegt dieser Artikel nicht, die DIS sei nicht wissenschaftlich anerkannt und auch nicht, sie trete nur in Therapie auf, wobei Hans Delfs vermeidet, sie als Störung zu bezeichnen. Und es lässt sich auch nicht belegen damit, generell arbeiten Therapeutinnen so mit Menschen, bei denen sie – ob nun tatsächlich zutreffend oder auch mal nicht – eine DIS diagnostiziert haben. Es geht bei Traumafolgestörungen keineswegs allein um konkrete sich aufdrängende Erinnerungen, um das nochmal zu betonen.

    Traumafolgestörungen können sich somit auch auf komplexe und unterschiedliche Weise sehr nachteilig auf das Leben der Betroffenen auswirken. Und es können zudem verschiedene Störungen komorbid gleichzeitig nebeneinander bestehen. Das lässt sich individuell mit Hilfe wissenschaftlicher Tests feststellen.

    Die dissoziative Identitätsstörung und ihre kleine Schwester DDNOS treten nie isoliert allein auf. Die Betroffenen haben immer eine komplexe und stark ausgeprägte dissoziative Symptomatik, die ihr Alltagsleben mehr oder weniger schwerwiegend beeinflusst. Auch die Komorbidität ist zu berücksichtigen und bei der Diagnostik genau zu betrachten.

    https://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=YzSSLYLWfroC&oi=fnd&pg=PA2&dq=info:94BtXi8_JqMJ:scholar.google.com/&ots=SQaElfnVvr&sig=zYdcDJYwgOEoRic_cBSv0BDjNc4#v=onepage&q&f=false

    https://books.google.de/books?hl=de&lr=&id=DdPes5bmlHkC&oi=fnd&pg=PP1&dq=info:EYB7RGXf5A4J:scholar.google.com/&ots=HSMqg7vWgi&sig=-xS-buxwvirvaY5qOgTJg4J6qHU#v=onepage&q&f=false

    https://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-662-58418-7_10

    https://link.springer.com/article/10.1007/s00739-008-0066-7

    https://econtent.hogrefe.com/doi/full/10.1024/1422-4917/a000745

    Zur komplexen PTBS:

    https://elibrary.klett-cotta.de/article/99.120110/aep-14-1-18

    https://www.degpt.de/informationen/fuer-betroffene/trauma-und-traumafolgen/wie-%C3%A4u%C3%9Fern-sich-traumafolgest%C3%B6rungen/komplexe-posttraumatische-belastungsst%C3%B6rung/

    Wie sich auch bei der evidenzbasierten DBT-PTBS für Menschen mit komplexer PTBS zeigt, geht es in der Therapie nicht allein um Traumaexposition, was auch nicht mit „Aufdecken“ zu verwechseln ist, sondern um eine Verbesserung der Symptome in der Gegenwart. Da dreht sich nicht alles um Erinnerungen, sondern da geht es sehr viel um belastende Emotionen und eben um eine Reduktion der Symptome.

    https://www.awp-freiburg.de/uploads/media/Abstract_DBT-PTSD.pdf

    Nun möchte ich abschließend nochmal überleiten zum Artikel von Hans Delfs und dessen Annahmen zur Therapie der DIS sowie zur Störung selbst. Auch die Therapie der DIS bewegt sich keineswegs vorwiegend in der Vergangenheit, wie ich es im Kommentar weiter oben bereits angesprochen hatte. Vielmehr geht es auch da um Stabilisierung, Reduktion der Symptome. Hier kommt dem Umgang mit der komplexen und stark ausgeprägten dissoziativen Symptomatik eine besondere Bedeutung zu.

    Da diese sich bei den Betroffenen verselbständigt hat und sich in der Gegenwart in allen Lebensbereichen bemerkbar macht, bewegt sich die Therapie auch deshalb inhaltlich weitgehend in der Gegenwart. Eine Traumatherapie gehört soweit möglich zwar auch dazu. Diese ist nicht gleichzusetzen mit dem, worum es im Artikel von Hans Delfs geht und eben wenn es zu falschen Erinnerungen im Kontext des Verschwörungsmythos der Satanic Panic leider geschieht.

    Da bedarf es tatsächlich Aufklärung, aber den betreffenden Menschen ist auch nicht geholfen damit zu behaupten, die DIS gebe es nicht wirklich. Auch sollte hier nicht ein falscher Eindruck von Psychotherapie erweckt werden. Gerade um zu verdeutlichen, wo sich etwas ändern müsste im Interesse der Betroffenen, gehört auch dazu aufzuzeigen, dass heutzutage traumatisierte Menschen anders behandelt werden.

    Es ist auch zu differenzieren zwischen der DIS als wissenschaftlich anerkannter Störung und dem, was auch im Dienste dieses Verschwörungsmythos daraus gemacht wird mitsamt der emotionalisierten öffentlichen Darstellung.

    Eine wesentliche Frage ist hier, wie wirken sich falsche Erinnerungen im Kontext dieses Verschwörungsmythos aus auf die bereits ohnehin bestehende komplexe dissoziative und komorbide Symptomatik aus, wenn nicht „nur“ wirklich Erlebtes nicht den nötigen Raum findet und an den falschen Erinnerungen mitsamt des Verschwörungsmythos festgehalten wird dahingehend, ob das nicht eher eine Festigen der dissoziativen Symptomatik als seit langen Jahren bestehende Bewältigungsstrategie fördert und so hinderlich ist diese aufzugeben.

  14. @Monika Kreusel:

    Ich weiß nicht, warum man entgegen der Gedächtnisforschung, die zeigt, es handelt sich bei falschen Erinnerungen um etwas ganz Normales, diesen Begriff weiter verwenden sollte.

    Klar kann und sollte man darüber diskutieren, ob der Begriff sinnvoll ist – tendenziell ist er es wohl eher nicht, deshalb wird er in Deutschland ja auch nicht oder kaum verwendet.

    Ich verstehe aber auch die Argumentation der FMSF USA, die dazu sinngemäß erklärt, dass es sich bei unserem Thema nicht bloß um ein paar ganz normale „falsche Erinnerungen“ handelt, wie sie jeder Mensch hat.

    Sondern es geht ja in der Tat um einen umfangreichen Komplex mit zahlreichen Implikationen psychologischer, sozialer, juristischer etc. Art für die Betroffenen.

    Dem versucht die US-Definition Rechnung zu tragen:

    Das Syndrom ist nicht durch falsche Erinnerungen als solche gekennzeichnet. Wir alle haben ungenaue Erinnerungen. Vielmehr kann man das Syndrom feststellen, wenn diese Erinnerung so tief verinnerlicht ist, dass sie die gesamte Persönlichkeit und ihren Lebensstil bestimmt.

  15. @Monika Kreusel:

    Danke, aber ich würde gerne darauf hinweisen, dass der Artikel von Herrn Delfs hier nicht vorliegt und daher von Nicht-Abonnenten des „Skeptikers“ nicht nachvollzogen werden kann – und dass das hier ein Kommentarbereich ist, kein Expertenforum für traumapsychologische Fachdiskussionen.

  16. @Bernd Harder:

    Verwendet wird es schon, sogar im Namen einer Stiftung, die aber Ende letzten Jahren aufgelöst worden ist:

    https://de.wikipedia.org/wiki/False_Memory_Syndrome_Foundation

    Umstritten ist die Bezeichnung „Syndrom“ in dem Sinne, dass der Begriff nicht durchgehend akzeptiert ist. Aber der Begriff ist noch in der Diskussion.

  17. @Amardeo Sarma:

    Weiß ich, aber nicht in Deutschland.

    Der Verein heißt nur „False Memory Deutschland“, von einem „Syndrom“ wie bei FMSF USA ist keine Rede und taucht auch in beiden „Skeptiker“-Artikeln nicht auf.

  18. Elizabeth Loftus schrieb mir eben, dass sie „syndrome“ selten benutzt. Sie tut es nur dann, wenn sie über die Stiftung spricht oder eventuell wenn sie über die Definition von FM Syndrom von Dr. Kihlstrom spricht.

  19. @Amardeo Sarma:

    Die Kihlstrom-Definition lautet:

    … ein Zustand, bei dem die Identität einer Person und ihre zwischenmenschlichen Beziehungen um eine Erinnerung an eine traumatische Erfahrung zentriert sind, die zwar objektiv falsch ist, an die diese Person jedoch fest glaubt.

    Das Syndrom ist nicht durch falsche Erinnerungen als solche gekennzeichnet. Wir alle haben ungenaue Erinnerungen. Vielmehr kann man das Syndrom feststellen, wenn diese Erinnerung so tief verinnerlicht ist, dass sie die gesamte Persönlichkeit und ihren Lebensstil bestimmt und alle Arten angepassten Verhaltens verhindert. Die Analogie zu Persönlichkeitsstörungen ist beabsichtigt.

    Das False Memory Syndrom ist besonders schädlich, weil die Person beharrlich jede Konfrontation mit allen Beweisen vermeidet, die die Erinnerung in Frage stellen könnten. Auf diese Weise bekommt diese ein Eigenleben, abgekapselt und nicht korrigierbar. Die Person kann so sehr auf Erinnerung fokussiert sein, dass sie praktisch von der Auseinandersetzung mit den realen Lebensproblemen abgelenkt wird.

  20. Das Treiben von offenbar lernresistenten Trauma“therapeuten“ ist eine ziemlich beängigende Geschichte.

    Bei dieser Belegstelle

    https://de.wikipedia.org/wiki/False_Memory_Syndrome_Foundation#cite_note-3 ,

    die ich ungern im Original zitiere, wird noch mal kräftig posthum auf die FMSF eingetreten.

    Ein australischer Professor https://www.organisedabuse.com/michael-salter/ meint anscheinend, dass die suggestiv ausgegrabenen „Erinnerungen“ im Wesentlichen zuverlässig seien, wenn er sagt: „But the legacy of their [the FMSF] lies and distortions remain, alongside unanswered questions about media ethics and academic accountability.“

  21. @Bernd, ich sehe das anders bzw. die konkreten tatsächlichen Auswirkungen sehe ich anders.

    Denn hier geht es gerade bei falschen Erinnerungen im Kontext des Verschwörungsmythos der Satanic Panic um Menschen, die bereits tatsächlich eine Traumafolgestörung haben mit einer Symptomatik, die ihr Leben doch wesentlich beeinträchtigt. Die komplexe dissoziative und weitere Symptomatik zieht sich lange Jahre zurück durch ihr Leben als eine Bewältigungsatrategie.

    Abgesehen davon, dass es in der Therapie von DIS und DDNOS sehr viel um die Gegenwart geht und den Umgang mit Symptomen, so ist es jedoch hier so, wenn eine Therapeutin motiviert ist, rituellen Missbrauch aufzudecken, dass so kein oder nicht genug Raum bleibt für wirklich Erlebtes zugunsten der falschen Erinnerungen.

    Es geht bei solchen komplexen Traumafolgestörungen auch um Beziehungstraumata, also nicht allein um klar umrissene konkrete traumatische Erfahrungen und das hat Einfluss auf die Beziehungen zu Menschen. Wie soll all das Raum bekommen, wenn es hinter den falschen Erinnerungen nicht angesehen wird?

    Mit den falschen Erinnerungen entsteht hier nichts an sich Neues, vielmehr wird die ohnehin bestehende Symptomatik eher gefestigt, nämlich die Dissoziation als Bewältigungsstrategie. Diese Menschen übernehmen mit den falschen Erinnerungen den Verschwörungsmythos und teilen diesen im Rahmen der Online-Selbsthilfe, so bestätigen sie sich fortwährend gegenseitig.

    Es wäre für diese Menschen besser, sie könnten ihre bisherige Bewältigungsstrategie aufgeben, was jedoch mühevoll ist, emotional ausgehalten werden muss. Da hier leider die komplexe dissoziative Traumafolgestörung mit in den Dienst des Verschwörungsmythos gestellt wird, was ich als einen Missbrauch Betroffener solcher Störungen betrachte, wird leider zudem gewöhnlich diese Störung, die eigentlich das Leben erheblich beeinträchtigt, zu einer Art persönlichen Leistung verklärt.

    Auch das ist mehr als hinderlich, denn die Symptomatik betrifft in allen Lebensbereichen den Alltag. Hier sehe ich es so, dass bei solchen Traumafolgestörungen letztlich eine Festigung eintritt, nämlich auch aktives Festhalten an der Symptomatik. Man kann das auch auf dieser Ebene als ein Vermeiden betrachten, sehe da aber die das mittragenden solchermaßen motivierten Therapeutinnen in der Verantwortung.

    Ich halte es für sehr wichtig aufzuzeigen, welche sehr negativen Auswirkungen diese falschen Erinnerungen und das Übernehmen des Verschwörungsmythos mitsamt diverse Maßnahmen sich zu schützen für die Betroffenen selbst und auf ihr Leben haben.

    Man kann hier schwer davon sprechen, die Betroffenen setzen sich nicht mit realen Lebensproblemen auseinander, denn das verkennt die Echtheit ihrer Symptomatik, die ist als solche real, sie kennen praktisch ein Leben ohne diese bisher nicht. Diese falschem Erinnerungen mitsamt des Verschwörungsmythos sind ein Hindernis, all das zurückzulassen, neu zu lernen.

    Ich denke, da die falschen Erinnerungen selbst kein Syndrom sind, diese Auswirkungen, wie ich sie hier jetzt benannt habe und die zu erwarten sind, sind sehr schwerwiegend und sollten daher auch Bestandteil der Aufklärung sein.

  22. @Monika Kreusel:

    Nochmal: Ich verteidige nicht den Begriff „Syndrom“ – aber ich kann die US-Definition zumindest nachvollziehen.

    da die falschen Erinnerungen selbst kein Syndrom sind […] Diese Menschen übernehmen mit den falschen Erinnerungen den Verschwörungsmythos […] diese Auswirkungen […] sind sehr schwerwiegend und sollten daher auch Bestandteil der Aufklärung sein.

    Aber das ist doch exakt der Sinn bzw. sogar der Wortlaut der US-Definition: auch die schwerwiegenden Folgen und Auswirkungen auf das tägliche Leben sowie den Verschwörungsmythos selbst mit in die Definition hineinzunehmen.

    Genau so wird der Begriff „False Memory Syndrom“ doch von Kilhstrom erklärt.

  23. @Bernd Harder,

    Inhaltlich sehe ich da schon einen wesentlichen Unterschied.

    Das hier Wesentliche, denke ich, da entsteht keine neue Symptomatik, die man als als aus falschen Erinnerungen resultierendes Syndrom aufgefassen könnte, sondern die bereits Vorhandene wird eher noch gefestigt, die ohnehin zur vorhandenen Traumafolgestörung gehört. Daher ist diese Definition hier sogar hinderlich, denn sie erfasst bei genauer Betrachtung nicht, was die tatsächlichen konkreten Auswirkungen sind. Denn das Aufgeben dieser vielfältigen dissoziativen Symptomatik würde mit der Zeit das Leben erleichtern. Allerdings geschieht das Aufgeben dieser Symptomatik auch nicht durch eine Auseinandersetzung mit Problemen, sondern auf praktischer Ebene, nämlich durch das, was geeignet ist, mit dissoziativen Symptomen umzugehen. Daher ist das ein weiterer Punkt, wo ich diese Definition als ungeeignet ansehe.

    Die Definition wäre lediglich dann geeigneter zumindest, wenn es um Menschen ginge, die nicht traumatisiert sind und die keine komplexe Traumafolgesrörung haben und nun vermeiden, sich mit der in ihrer Art ganz anderen Störung auseinanderzusetzen. Das entfällt hier, hier ist es anders und um genau zu erklären und zu verstehen, was die schwerwiegenden Auswirkungen sein dürften, ist diese Definition hinderlich. Denn hier gibt es keine neu entstehende Symptomatik, die aus den falschen Erinnerungen resultieren würde. Das, was hier so destruktiv ist, ist diese praktisch seit langen Jahren bestehende Symptomatik somit eher festzuhalten und nicht das zu tun, was erforderlich wäre, um praktisch das Dissoziieren aufzugeben. Um das präzise zu erklären, ist diese Definition nicht wirklich geeignet. Es bedarf hier auch keines gesonderten Labels, um das zu beschreiben und deutlich zu machen, sondern es ist hier meines Erachtens zielführender im Rahmen der Aufklärung auch zu beschreiben, dass die Psychotherapie komplexer Traumafolgestörungen und so auch komplexer dissoziativer Störungen keineswegs in erster Linie aus Traumatherapie besteht, sondern im Hier und Jetzt stattfindet.

    Es ist hier im Gegensatz zu einer neu entstehenden aus den falschen Erinnerungen resultierenden Symptomatik im Sinne der Definition von Kihlstrom eben anders. Man hier kann so nicht von einem Syndrom sprechen, das ist auch meines Erachtens nicht erforderlich, um zum Ausdruck zu bringen, dass und auf welche Weise diese falschen Erinnerungen schädlich für die betreffenden Menschen selbst sind und warum hier Aufklärung so wichtig ist. :)

  24. @Monika Kreusel:

    Das hier Wesentliche, denke ich, da entsteht keine neue Symptomatik, die man als als aus falschen Erinnerungen resultierendes Syndrom aufgefassen könnte,

    Das behauptet doch auch niemand.

    Nochmal: Das „Syndrom“ entsteht laut US-Definition nicht aus einer neuen medizinischen/psychologischen Symptomatik, sondern aus den Begleitumständen und den Auswirkungen auf das ganze Leben:

    Das Syndrom ist nicht durch falsche Erinnerungen als solche gekennzeichnet. Wir alle haben ungenaue Erinnerungen. Vielmehr kann man das Syndrom feststellen, wenn diese Erinnerung so tief verinnerlicht ist, dass sie die gesamte Persönlichkeit und ihren Lebensstil bestimmt und alle Arten angepassten Verhaltens verhindert.

    „Man hier kann so nicht von einem Syndrom sprechen, das ist auch meines Erachtens nicht erforderlich, um zum Ausdruck zu bringen, dass und auf welche Weise diese falschen Erinnerungen schädlich für die betreffenden Menschen selbst sind.“

    Und mit welchem Begriff sollte man es zum Ausdruck bringen?

    Ganz sicher nicht mit „falsche Erinnerungen“, was rein gar nichts aussagt.

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