gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

„Falscher, problematischer Weg“: Ethik-Journal kritisiert bayerische Homöopathie-Studie

| 8 Kommentare

Während die Homöopathen-Lobby in peinlichster Verzweifelung das Blaue vom Himmel herunterlügt, veröffentlicht das Journal Ethik in der Medizin einen fundierten Kommentar zu der vom bayerischen Landtag beschlossenen Studie, bei der untersucht werden soll, ob Homöopathika
und andere „alternativmedizinische“ Methoden den Einsatz von Antibiotika verringern können.

Die Autoren zeigen auf, dass eine zentrale Behauptung der Antragsteller zur Wirksamkeit von Homöopathie bei schwerer Sepsis „grob falsch“ ist und weisen zudem auf zahlreiche Fake News von Globuli-Promotern in den sozialen Medien hin.

Ihr Fazit:

Der Bayerische Landtag [kommuniziert] mit seiner Entscheidung, Homöopathie als Alternative zu erforschen, einen falschen, ethisch problematischen Weg.

Homöopathie ist eine umstrittene alternativmedizinische Methode. Seit der Entwicklung der homöopathischen Lehre im 18. Jahrhundert fehlt ein wissenschaftlicher Beweis für die Wirksamkeit. Da diese Lehre naturwissenschaftlichen Gesetzen widerspricht, ist es sehr wahrscheinlich, dass dieser Nachweis auch in Zukunft nicht erbracht werden kann. Trotzdem wird die Homöopathie und werden auch andere alternativmedizinische Methoden immer beliebter. Durch seinen Vorstoß fördert der Bayerische Landtag diese Entwicklung.

Doch dadurch entstehen einige Probleme. So greifen Patienten auch bei schweren Erkrankungen zuerst zu Globuli und erst später zu wirkenden Mitteln. Allerdings ist es dann meistens bereits zu spät.

Zum Weiterlesen:

  • Borkens, Y., Plasberg, Y.: Der Bayerische Landtag und die Homöopathie – ein kritischer Kommentar zum Antrag „Todesfälle durch multiresistente Keime vermeiden IV“ (Drucksache 18/3320), Ethik Med (2020)
  • Offener Brief an die bayerischen Landtagsabgeordneten: Homöopathie ist keine Antibiotika-Alternative, INH am 4. November 2019
  • Statt Antibiotika: Bayerische Politiker wollen gefährliche Keime mit Homöopathie bekämpfen, medwatch am 24. Oktober 2019
  • Jetzt ist es raus: Gut informierte Gesundheitspolitiker gaben die Homöopathie-Studie in Auftrag, GWUP-Blog am 16. November 2019
  • Bayern: Homöopathie-Debatte geht weiter, GWUP-News am 20. Februar 2020
  • Auch die ärztlichen Verteidiger der Homöopathie haben keine Ahnung davon, GWUP-Blog am 13. Juli 2020
  • Die zehn skurrilsten Homöopathika, derStandard am 16. Juli 2020

8 Kommentare

  1. Der Beitrag ist schon deshalb zu begrüßen, weil es an einem mangelt: An der Stimme der Wissenschaft zu all dem Unsinn, der sich im Beschluss des bayerischen Landtags zu einer Last für den Steuerzahler und einer Hypothek für die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung verdichtet.

    So eine Veröffentlichung in einem anerkannten Journal – zumal für medizinische Ethik – kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Ich würde händeringend darum bitten, dass die „schweigende Mehrheit“ der Wissenschaftler endlich die Haltung ablegt, die Beschäftigung mit okkultem Irrsinn lohne sich nicht. Sie ist sogar nötig, den einer der Effekte der Ausbreitung erbarmungswürdigen Hohlwissens ist das Untergraben des Vertrauens in die Wissenschaft. Und das sind nicht einfach Worte.

    Es geht ganz konkret um das Untergraben der gesellschaftlichen Bereitschaft, der Wissenschaft im Wortsinne Kredit zu geben. Es mag der Punkt kommen, wo die Bereitschaft zur vorbehaltlosen Förderung von Wissenschaft als Gemeinaufgabe in ernste Gefahr geraten wird. Schon jetzt knirscht es, beispielsweise durch die kaum noch vorhandenen Anreize für junge Wissenschaftler, freie Forschung an Unis zu betreiben oder durch den unglaublichen Druck, den die Drittmitteleinwerbung auf die Mitarbeiter der Lehrstühle ausübt.

    Zunehmende Wissenschaftsskepsis in der Allgemeinheit ist noch eine weit größere Gefahr. Das demonstriert uns eindrücklich die Entwicklung während der Corona-Krise, die massiv mit einem WELT-Artikel (GWUP Blog vom 23.04.2020) von Anfang der Krise kollidiert, der durch Corona das Ende von Pseudowissenschaft und -medizin und allerlei sonstigem Geschwurbel kommen sah. Von wegen.

    Daher sollten die Wissenschaftler die Anzeichen für noch Schlimmeres ernst nehmen. Wir brauchen March for Science 2.0, mindestens. Besser Stand Up for Science 1.0 final. Und viel mehr klar kritische Veröffentlichungen wie von den beiden Yannicks.

  2. @Udo Endruscheit:

    Ich würde händeringend darum bitten, dass die „schweigende Mehrheit“ der Wissenschaftler endlich die Haltung ablegt, die Beschäftigung mit okkultem Irrsinn lohne sich nicht.

    Derzeit eher wenig populär:

    https://medwatch.de/2020/07/22/und-keiner-tut-was/

  3. Soweit mir bekannt müssen medizinische Studien von der Ethikkommission genehmigt werden.

    Wenn also jemand beweisen will, daß man mit homödingsbums eine Sepsis genauso erfolgreich behandeln kann wie mit AB, muß eine Gruppe (wer wohl) dabei das Handtuch werfen.

    Wer genehmigt sowas, wer stellt sich als Probant da zur Verfugung?

    Daher hatte ich den Beschluß garnicht erst Ernst genommen.

  4. @Bernd Harder

    Ich weiß nicht, wie oft ich in letzter Zeit in den Sozialen Medien geschrieben habe, die Kammern mögen ihre standespolitisch verwurzelte Zurückhaltung gegen Scharlanaterie mit Approbation endlich aufgeben.

    Da muss sich Grundsätzliches ändern. Jahrzehntelang haben sich die Kammern als Schutzraum für ihre Mitgliedschaft unter beinahe allen Umständen verstanden. Unter dem Dach einer scheinbar grenzenlos verstandenen Therapiefreiheit.

    Die Kammern sollten aber immer daran denken, dass ihnen im Rahmen der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen Aufsichtsaufgaben übertragen wurden, die woanders staatlichen Stellen obliegen. Ihre Verantwortung sollten sie deshalb unter diesem Blickwinkel sehen. Wenn der Staat findet, dass dieses Modell nicht funktioniert, kann er das auch wieder an sich ziehen. (Der derzeitige Gesundheitsminister ist ja auf dieser Schiene gegenüber dem G-BA schon unterwegs gewesen.)

    Also Vorsicht, obwohl ich nicht glaube, dass derzeit so Grundsätzliches in der Gesundheitspolitik geschehen wird. Die Corona-Krise hat uns weiter davon entfernt denn je… Ich setze auf die Kammern und das Aufkommen der jüngeren Generation in der organisierten Ärzteschaft.

    Übrigens hat der Artikel im Ethik-Journal bereits kurz nach dem Erscheinen einen ziemlichen Impact erreicht, wenn man mal bei Altmetric vorbeischaut. Das Thema Homöopathie-Unsinn ist viral, auch wenn das momentan nicht so sichtbar ist. Man wird sehen, ob man „nach Corona“ vielleicht den einen oder die andere in Berlin leichter als bislang zum Jagen tragen kann.

  5. @diabetiker:

    Genehmigt ist es schon, derzeit wird eine Uni gesucht, die das Ganze durchführen kann und will.

  6. @b. harder
    wenn bei dieser „studie“ AB +Homöozucker gegeben wird , gegen nur AB.
    kann man die Chose gleich in die Tonne werfen. Da ohne Aussagekraft.
    Ein Egebnis wäre nur Ab gegen Homöozucker und das wäre für die Homöogruppe
    das Abtreten.
    Ich hatte vor zwei Jahren eine geplatzte Gallenblase und habe nach der OP für drei Tage zweimal/d zwei versch. AB iv. bekommen(um eine Sepsis zu verhindern) wenn da jemand gekommen wäre und hätte mir „Globuli“ angeboten hätte ich das als Mordversuch bezeichnet und sehr wahrscheinlich zugeschlagen

  7. @diabetiker

    Man könnte bei einer Grippe eine Gruppe AB und eine andere Gruppe Homöopathie nehmen lassen. Ergebnisse sind vermutlich nicht signifikant verschieden. Und Tada, man kann mit Homöopathie AB ersetzen, hehe.

  8. soo einfach ist das nicht. Die wollen AB bei Sepsis also Blutvergiftung durch Zuckerkügelchen ersetzen, und das nenne ich Körperverletzung durch Blödheit.

    Daß AB nicht gegen Viren wirkt sollte inzwischen bekannt sein. Also Grippe und grippale Infekte(allgemein Erköltung genannt)–nutzlos, „aber“ sollte bzw eine Lungenentzündung dazukommen, die bakteriell zb Pneumokokken ausgelöst ist , dann sind doch wieder AB nötig.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.