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„Verschwörungstheorien“ im Spiegel: „Herumfackeln mit dem Ausnahmezustand“

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Warum geriet Angela Merkel zuletzt auf Empfängen so verdächtig ins Zittern? Und gleich zweimal gerade dann, als die Nationalhymne gespielt wurde? Da hatten die Echsenwesen aus dem All offenbar ein Problem mit der Steuerung der Kanzlerin.

So beginnt der Artikel „Weltmacht Paranoia“ im aktuellen Spiegel (37/2019).

Der Beitrag knüpft nahtlos an die kürzliche Warnung des amerikanischen FBI vor …

… conspiracy theory-driven domestic extremists as a growing threat

an und widmet sich ausführlich den Gefahren von Verschwörungstheorien. Etwas Neues steht eigentlich nicht drin, es ist das übliche feuilletonistisch-überbordende Zusammenspiel vieler Informationssplitter zu einem Surrogat für Fachliteratur.

Wissenschaftsredakteur Manfred Dworschak beschreibt Verschwörungsdenken als eine Art „Herumfackeln mit dem Ausnahmezustand“:

Wer darauf aus ist, kann eine Verschwörungstheorie als Lizenz zur Gewalttat verstehen. Sie malt das Bild einer derart unfassbaren Übermacht, dass gegen sie jedes Mittel der Notwehr gerechtfertigt wäre.

Konspirologische Szenarien wie etwa „Der große Austausch“, Chemtrails, Big Pharma oder die Illuminaten-Weltregierung bieten Dworschaks Auffassung nach „möglichen Tätern auch moralische Deckung“:

Eine Tat, begangen aus den schäbigsten Motiven [wie beispielsweise in Christchurch und El Paso], lässt sich mit ihrer Hilfe zum Akt des Widerstands zurechtlügen […] Den neuen Verschwörungstheoretikern geht es um Effizienz, Tempo und Schlagzahl, um das Einhämmern simpler Botschaften, die das verhasste System in Verruf bringen. Auf jedes passende Unglück, auf jede Schreckenstat reimen sie den immer gleichen Refrain: Die da waren es! Gemeint sind die „Lügenpresse“, die „Systemparteien“ oder einfach „die da oben“.

Leider viel zu kurz gerät dabei die wichtige Frage, wie man Verschwörungstheorien von fundiertem Zweifel und kritischen Fragen unterscheidet – gerade dazu könnte ein investigatives Medium wie der Spiegel doch eigentlich sehr viel mehr sagen als diese vier dürren Allgemeinsätze:

Natürlich ist die Frage nie verkehrt, ob in der Politik womöglich verdeckte Interessen zugange sind. Aber wer glaubt, dass Politiker willenlos an den Drähten von Puppenspielern baumeln, hat sich in einen dystopischen Kinothriller verirrt. In der Realität wäre keine Verschwörergruppe imstande, die arglose Bevölkerung über Jahrzehnte hinweg nach sinistren Plänen zu steuern. Vollends unmöglich wäre es, solche Umtriebe auch noch die ganze Zeit geheim zu halten.

Bei der Motivsuche gibt der Artikel die beiden Standarderkenntnisse wieder: „Bedürfnis nach Einzigartigkeit“ und Machtlosigkeit:

Hauptmotiv, aus dem der Verschwörungsglaube sich speist: „das Gefühl, machtlos zu sein, oder die Angst, es bald zu werden“. Männer mit althergebrachtem Rollenbild werden besonders schlecht damit fertig. Die gewohnten Privilegien drohen zu entschwinden, die Welt wird unübersichtlich – da kommt eine Verschwörungstheorie gerade recht. Sie verwandelt die gefühlte Randständigkeit in etwas Glorioses.

Fazit:

Die raunende Esoterik enthält, zu Ende gedacht, das Programm einer menschenfeindlichen Radikalisierung.

Klar, das ist sicher nicht falsch. Deshalb engagieren sich Menschen ja auch ganz konkret zum Beispiel gegen einen Auftritt von Xavier Naidoo in Gießen.

Zum Weiterlesen:

  • Weltmacht Paranoia, Der Spiegel 37/2019
  • Protest gegen Xavier Naidoo: Gefahr von Verschwörungstheorien wird unterschätzt, FR am 4. September 2019
  • Verschwörungstheorien: Wer glaubt denn sowas? BR am 5. September 2019
  • Verschwörungstheorien in den soziale Netzwerken: „Was provoziert, wird stärker verbreitet“, uni-hamburg.de am 10. September 2019
  • Videos: Illuminaten, Rap und Reichsbürger: Fachtagung der bpb zu Verschwörungstheorien, GWUP-Blog am 10. August 2019

7 Kommentare

  1. Gerade mal wieder aktuelles Beispiel:

    https://www.heise.de/tp/features/9-11-Studie-schliesst-Feuer-als-Einsturzursache-des-dritten-Turms-aus-4518328.html

    Gelesen hat diesen „Draft“ dieser Studie oder Bericht offensichtlich kaum jemand, geschweige denn verstanden. Richtig verstanden. Fachlich gesehen und engeordnet.

    Bei Metabunk setzt man sich bereits damit auseinander und ist zu Recht verwundert ;-)

    https://www.metabunk.org/sept-3-2019-release-of-hulseys-wtc7-draft-report-analysis.t10890/

  2. Der heise Artikel ist von Paul Schreyer, also nicht wundern. Von dem Herrn Schreyer darf man keine Fakten erwarten, die das Schwurbelweltbild ins Wanken bringen würden.

  3. @Mario:

    Danke, wir schauen uns diese Studie in den nächsten Tagen mal an.

  4. Der Paul Schreyer?

    https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Schreyer#9/11-Anschläge,_2006_bis_2013

    Ok, dann wundert mich nichts.

    Aber warum bloß bietet Heise online diesen and anderen VTlern immer wieder eine Plattform? Damit sich die VT-Gläubigen in den Kommentarspalten kräftig auf die eigene Schulter klopfen können, wie gut sie doch „das System“ durchschaut haben?

  5. Ich kenne den Originalartikel nicht, aber Sascha Lobos Kolumne zu VT ist auf alle Fälle lesenswert.

    https://www.spiegel.de/netzwelt/web/9-11-in-zwoelf-phasen-in-die-verschwoerungsgalaxie-a-1286272.html

  6. Als jemand, der in seiner unmittelbaren Nachbarschaft erleben musste, wie mehrere Menschen diesem Wahn anheimgefallen sind und sich vollständig gegen /jede/ sachliche Kritik selbst immunisiert haben, möchte ich das Fazit von Bernd Harder hier deutlich unterstreichen.
    Den Artikel kann ich auch wärmstens empfehlen.

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