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Mord, Hasskampagnen und Justizmissbrauch im Umfeld einer „kleinen, fanatischen“ Esoterik-Gruppe

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Eine Geschichte, die …

… in der Welt des Spiritismus spielt, der Anthroposophie, des Paranormalen, der Weltanschauung – Rationalität zählt da nur wenig

erzählt die Süddeutsche Zeitung auf epischen drei Seiten.

Es geht um den „Neuen Yogawillen“ eines gewissen Heinz Grill, der von der SZ als „Metzgerssohn aus Soyen bei Rosenheim, Yoga-Lehrer, Bergführer, Freidenker, autodidaktischer Heiler und Anthroposoph“ beschrieben wird:

Heinz Grill, ein feingliedriger, asketisch wirkender Mann mit grauem, luftigem Haarkranz, genießt höchste Verehrung unter seinen Anhängern. Er lehrt sie seit 30 Jahren nicht nur das von ihm entwickelte Yoga, sondern weist seinen Schülern den Weg auf eine höhere Stufe ihres Seins. Erleuchtung, nicht weniger, wird versprochen.

Allerdings führt der Artikel von Julius Heinrichs und Ralf Wiegand gerade nicht zu den „höheren“ Ebenen des Seins – sondern hinab in die niedrigsten.

Ausgangspunkt ist der Selbstmord des Untersuchungshäftlings Klaus O. am 21. Dezember 2018 in einer Zelle der Justizvollzugsanstalt von La Farlède in Frankreich. Klaus O. hätte sich demnächst vor Gericht verantworten sollen. Ihm wurde zur Last gelegt, im September 2015 seine Schwiegereltern ermordet zu haben, ein bekanntes Ärzteehepaar aus München. Beide, Christine und Wilhelm B., gehörten lange Zeit zum Umfeld des „Neuen Yogawillens“. Die gemeinsame Tochter Cornelia O. soll dem „Guru“ Heinz Grill bis heute treu ergeben sein.

https://www.tz.de/muenchen/stadt/trudering-riem-ort43347/muenchen-trudering-ehepaar-arzte-suedfrankreich-ermordet-5595804.html

Mehr noch: Nach dem Zerwürfnis der studierten Medizinerin Christine B. mit Grill und seinem „Neuen Yogawillen“ (laut SZ ging es dabei möglicherweise um die eigenwilligen Auffassungen Grills bezüglich Krebs und Krebsheilung) habe Cornelia O. sich aktiv an einer Hexenjagd gegen ihre Mutter beteiligt, die in einem „Hagel von Anzeigen und Zivilklagen“ bei der Münchner Justiz gipfelte.

Tatsächlich finden sich noch heute, vier Jahre nach dem Tod von Christine B., regelrechte Internet-Pranger, mit denen die Ärztin selbst als angeblich fundamentalistische und seelisch gestörte Sektenherrin verleumdet wird (Gegenreden dazu existieren indes ebenfalls).

www.rosenheim24.de/bayern/skurriler-prozess-muenchen-yoga-gruppe-verklagt-erben-zweier-mordopfer-7623079.html

Der Suizidant und mutmaßliche Mörder von Christine und Wilhelm B., Klaus O., war mit Cornelia O. verheiratet. War das Gewaltverbrechen an dem Ärzteehepaar in dessen Ferienhaus in Südfrankreich der unfassbare Schlusspunkt einer aberwitzigen Hass- und Rufmord-Kampagne gegen zwei abtrünnige Sektenaussteiger, maßgeblich getriggert von der eigenen Tochter, die dafür ihren Ehemann instrumentalisierte? Oder ging es „nur ums Geld“, wie die Bild-Zeitung damals mutmaßte?

Der Prozess um die Ermordung von Christine und Wilhelm B. hätte eine Chance sein können, sich der Masche der Yoga-Jünger vor großer Öffentlichkeit zu nähern, in einem Strafprozess und weit weg von der hierzulande bereits vom Grill-Schwarm bedrängten Justiz. Der Tod von Klaus O. hat das verhindert. Auch die Ermittlungen sind nicht bis zum Ende gekommen, es wird offenbleiben, mit wem Klaus O. in der Woche vor dem Mord in der „L’Auberge des Pins“ in Bandol das Zimmer geteilt hat. Dass er nicht allein war, gilt als erwiesen.

Was bleibt, ist die erschreckende Erkenntnis, dass es „mehr als 600 kleine, fanatische Esoterik-Gruppen in Deutschland“ gibt. Und dass es den „beseelten Anhängern“ von Heinz Grill gelingt,

… eine sehr irdische Institution massiv zu stören. Sie machen das Zivilgericht zum Ort eines Glaubenskrieges und blockieren damit zunehmend die Justiz. Auch die Staatsanwaltschaft München beklagte schon vor Jahren einen systematischen Missbrauch der Justiz […]

Die Kampagne gegen die tote Christine B. geht weiter, die Verfahren dauern an, vermutlich bis weit ins nächste Jahr. Alle Versuche, sich außergerichtlich zu einigen, scheitern regelmäßig […] Das Münchner Gericht steht dieser Flut von irrationalen Verfahren offenbar machtlos gegenüber […] Wer sich heute dem Grill-Kosmos nähert, spürt eine diffuse Angst.

https://chiemgaugemseneier.wordpress.com

Grill hat mittlerweile ein Video mit Stellungnahmen zu den Recherchen der Süddeutschen veröffentlicht. Allerdings bestätigt auch der Blog Chiemgau Gemseneier in Teilen die Vorwürfe gegen Grill und seine „Yogaschule“:

Grill ist ganz schlicht, auch wenn die etwas anderes behaupten wollen, das Abziehbild eines klassischen Gurus: Jemand, der Freiheit predigt, aber im Hintergrund eine sehr starre Lehre hat, die exakt auf sich und seine Person ausgerichtet ist. Und damit kann man seinen Verein auch eine Sekte nennen […]

Die Leute, die ich von damals kenne, waren die ersten kompletten Verschwörungstheoretiker, denen ich begegnet bin: Leute, für die Dinge wahr waren, nur weil sich andere sehr rational und faktenbasiert gegen diese ausgesprochen hatten. Leute, die dadurch praktisch auf jedes Pseudogedöns aufgesprungen sind, und sich damit ein total paranoides Weltbild “erarbeitet” haben.

Zum Weiterlesen:

  • Der Guru, Süddeutsche Zeitung vom 13./14. April 2019
  • Todesfälle in der Nähe zur Sekte „Neuer Yogawille“ von Heinz Grill, Chiemgau Gemseneier am 16. April 2019
  • Erfahrungsbericht zur Yogaschule Heinz Grill, relinfo.ch am 18. Januar 1998
  • Yoga-Gruppe verklagt Erben zweier Mordopfer, rosenheim24 am 12. März 2017
  • Trudinger Ehepaar in Frankreich ermordet, tz am 4. Oktober 2015

15 Kommentare

  1. Was für ein Sumpf.

  2. Wer oder welche Behörde kann diesen Wahnsinn stoppen?

    Schreitet nicht eine übergeordnete Stelle ein, laufen diese unsinnigen, konstruierten Prozesse noch bis ins Jahr 2035. Auch der „göttliche“ Heinz Grill findet sich unter den Klägern.

    Gibt es weitere Geschädigte, die anhand unserer Justiz von dieser Sekte abgezockt wurden? Wenn ja, bitte melden.

    Ich beobachte die Prozesse vor Ort in München, Kläger und Zeugen kommen ausschließlich aus dem Dunstkreis des Heinz Grill. Schauen Sie sich diese „edlen Yogalehrer“ life vor Gericht an. Eintritt kostenlos!

    Die Termine veröffentliche ich auf http://www.christine-bornschein.de

  3. Die Konsequenzen dieser ganzen Umstände sind einfach nur entsetzlich.

    Da vergleicht sich einer mit Yogananda aber hinterlässt nur Menschen in Angst, viel Hass und sogar Tote.

    Ich meiner esoterischen Zeit vor über dreissig Jahren las ich mal „Der rote Löwe“ von Mária Szepes, ein hervorragender Abriss über die karmischen Irrwege des Lebens, wo u.a. auch solche Typen beschrieben werden, die auf dem Weg der Erleuchtung stecken geblieben sind und dann mit ihrem kümmerlichen Können billigen Budenzauber veranstalten. „Schwarze Priester“ nennt man sie dort.

    Weder Grill noch sein Schwarm hat auch nur einen Schimmer von Erleuchtung. Erleuchtete lieben das Leben, umarmen es, liebkosen es, Lachen und Weinen von Herzen mit den Menschen und bekennen mit Demut, daß sie nichts wissen.

    Was Grill macht ist nur ein einfältiges, überzogenes Getänzel eines spirituell Blinden.

  4. Wirklich notwendig wäre es, einmal eine grundlegende ehrliche Erforschung der Realität zu machen. Dazu gehört vor allem eine fundierte Studie der Inhalte und Gedanken vin Menschen, welche man anprangert. Zuallerallererst beginnt eine Recherche und auch ein Gespräch mit den Menschen, über welche man schreibt. Dazu gehört Mut! Diese Tugend ist heutzutage sehr rar, wie man in alle den Artikeln lesen kann . Eine Beschreibung von einer Sache zu machen ohne diese zu kennen, heißt sich selbst in den Status eines Besserwissers zu erheben und das ist nichts anderes wie ein Projektionsfeld von sich selber auf jemanden anderen zu errichten. Wohin soll das führen, als zu einem Anprangern wie es im Mittelalter gängig war. Ein Wiederaufflammen von vergangenen Zeiten ist alles andere als eine Bewusstseinsentwicklung des Menschen.

  5. @Walli:

    „Diese Tugend ist heutzutage sehr rar, wie man in alle den Artikeln lesen kann.“

    Sie haben offenbar keinen einzigen gelesen.

    Der SZ-Artikel, den wir hier referieren, geht über mehrere Seiten (und wir reden von großformatigen Zeitungsseiten) und bezieht alle nur denkbaren Gesprächspartner zur Sache mit ein.

    Nur von Herrn Grill und/oder seinen Anwälten war – laut SZ – trotz mehrfacher Anfragen keine Stellungnahme zu erhalten.

    Seine nachträglichen Einlassungen per Video sind oben im Beitrag verlinkt.

    Also schreiben Sie bitte keinen verschwurbelten Blödsinn.

  6. @Bernd Harder

    Lassen wir einmal außer Acht, jemanden beleidigen und mundtot machen zu wollen und gehen konkret auf die Inhalte ein:

    Sie schreiben:

    „Nur von Herrn Grill und/oder seinen Anwälten war – laut SZ – trotz mehrfacher Anfragen keine Stellungnahme zu erhalten.
    Seine nachträglichen Einlassungen per Video sind oben im Beitrag verlinkt.“

    Hört man sich das verlinkte Video „Zu den Mordbeschuldigungen in der Süddeutschen Zeitung“
    ohne Vorbehalte an, so kann man bei 5:27 Minuten bei der Frage der Interviewerin beginnen, welche heißt:
    „Was wurde da recherchiert? Hat Sie überhaupt jemand (d.h. Ein Reporter der Zeitung) gefragt, wie Sie dazu stehen?“
    Die Antwort war, dass von vornherein nur ein unpersönlicher, mit juristischem Ansinnen gestellter Fragenkatalog über 26 Fragen einging ohne dass ein Autor dahinterstand. Es fehlte ein menschliches Gegenüber!!.

    Das wird auch wohl einer der Gründe sein, warum soviel inhaltsleere Recherchen entstehen.
    Ohne ein mutvolles menschliches Angesicht und Gegenüber werden wir wohl in Zukunft weiterhin mit solchen mittelalterlichen Hetzkampagnen konfrontiert werden.

  7. @Walli:

    „Die Antwort war, dass von vornherein nur ein unpersönlicher, mit juristischem Ansinnen gestellter Fragenkatalog über 26 Fragen einging ohne dass ein Autor dahinterstand. Es fehlte ein menschliches Gegenüber!!“

    Wollen Sie Herrn Grill um jeden Preis verteidigen – oder sind Sie wirklich so naiv?

    Erstens funktioniert Medienarbeit so, denn auch der Reporter muss ja rechtsverbindlich nachweisen können, dass er den Fragenkatalog tatsächlich übermittelt hat – was Herr Grill auch ganz sicher weiß.

    Zweitens hätte Herr Grill problemlos mit dem Absender Kontakt aufnehmen und um ein persönliches Gespräch ersuchen können.

    Statt dessen gab es „keinerlei Reaktion“, wie die SZ schreibt. Also stellen Sie bitte nicht Herrn Grill als Opfer dar.

    Außerdem steht in der SZ noch mehr: Auch zu einem anderen ganz bestimmten Sachverhalt „wollte Grill trotz Nachfrage nicht Stellung nehmen“.

    „Ohne ein mutvolles menschliches Angesicht …“

    Sagt jemand, der hier anonym und unter Pseudonym kommentiert – genau mein Humor.

  8. @Bernd Harder
    Es geht mir um eine Erforschung.
    Und nehmen Sie bitte die Zitate nicht aus dem Kontext, es bezog sich konkret auf den Fragenkatalog der Zeitung.
    „Ohne ein mutvolles menschliches Angesicht und Gegenüber werden wir wohl in Zukunft weiterhin mit solchen mittelalterlichen Hetzkampagnen konfrontiert werden“

  9. @Walli:

    „Es geht mir um eine Erforschung.“

    Mir auch. Noch einmal:

    Es wäre ein Leichtes für Herrn Grill gewesen, dieses „menschliche Angesicht und Gegenüber“ herzustellen – schließlich war es keine anonyme Anfrage aus dem Nichts und er wusste auch ganz genau, dass es einen Artikel geben würde, ob mit ihm oder ohne ihn.

    Sattdessen hat er sich versteckt und stellt sich im Nachhinein als eine Art Opfer böser Journalisten-Machenschaften dar. Ganz erbärmlich.

    Bitte verschwenden Sie Ihre Zeit und Ihr (sicher gut gemeintes) Engament nicht für solche Leute und solche Angelegenheiten.

  10. @Bernd Harder

    Ungeachtet ihrem Wandel von abwertenden Kommentaren und guten Empfehlungen zeigt sich die Vorgehensweise der Reportage: Es wird von einer Grundannahme der Verurteilung einer Person ausgegangen, die suggeriert, das mit den Formulierungen schon das Ergebnis der Recherche vorliegt.
    In die Fragestellung wird schon die unumstößliche Grundannahme mit hineingenommen. Das Forschungsergebnis liegt schon vor, bevor man überhaupt in die Erforschung darüber eingetreten ist.

  11. @Walli:

    „Es wird von einer Grundannahme der Verurteilung einer Person ausgegangen, die suggeriert, das mit den Formulierungen schon das Ergebnis der Recherche vorliegt.“

    Dan haben wir wohl eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung. Ich kann nichts dergleichen erkennen.

    „Das Forschungsergebnis liegt schon vor, bevor man überhaupt in die Erforschung darüber eingetreten ist.“

    Und wiederum habe ich Zweifel, dass Sie den Artikel überhaupt gelesen haben. Denken Sie wirklich, für das, was Sie behaupten, hätte der Reporter drei volle Zeitungsseiten gebraucht? Im Gegenteil, die Story wird umfangreich von allen Seiten her ausgeleuchtet.

    Pech fürn Herrn Grill, wenn er meinte, nur er bräuchte sich darin nicht zu äußern.

  12. …. das uralte (Netz)Pranger-Thema einmal mehr im vollen Schwange.

    Man sollte sich vor allen anderen Austäuschen über folgende Dinge klar sein (in Netzzeiten):

    1. Wenn eine Seite im Netz öffentlich verfügbare Informationen (sei es infolge Rechtsverfahren, eigenen Veröffentlichungen [z.B.: im Netz auf der eigenen Webseite…], journalistischen Arbeiten usw. usf.) zitiert, kompiliert, zusammenfasst… und dabei in der Wiedergabe „ordentlich“ verfährt (nicht tendenziös etwas auslässt oder hinzu erfindet), dann handelt es sich NICHT um einen „Netzpranger“

    2. Wenn ein Betroffener / Beschuldigter / Verurteilter (Nichtzutreffendes nach Bedarf streichen), über den auf Seiten im Netz einigermaßen ordentlich (s. 1.) berichtet wird, NICHT (öffentlich / im Netz) Stellung nimmt, dann ist das sein *gutes Recht*. Selbst in Strafverfahren und schon gar nicht sonst braucht irgendjemand Auskünfte über sich selbst und seine Angelegenheiten zu geben – vor allem nicht im „Netz“.

    2a. ABER: der Irgendjemand *darf* sich selbstverständlich auch nicht beklagen, wenn öffentlich verfügbare Informationen (s. 1.) von Seiten im Netz genutzt werden. Nur weil es dem Irgendjemand nicht „passt“, öffentlich Informationen über ihn (sie) auf irgendwelchen Seiten im Netz vorfinden zu können, kann diese/r Irgendjemand diese Seiten nicht als „Pranger“ beschuldigen.

    Alles asbachuralte esowatch/psiram-Themen, hundert-/tausendfach immer wieder wiedergekäut, weil „Betroffene“/“Kunden“ den Schritt von 2 zu 2a nicht gehen können (irgendwo: verständlicherweise – mir würde es auch nicht passen, wenn irgendwo im Netz meine eigenen Absonderlichkeiten aufgelistet sind).

  13. @ Walli:

    „Die Antwort war, dass von vornherein nur ein unpersönlicher, mit juristischem Ansinnen gestellter Fragenkatalog über 26 Fragen einging ohne dass ein Autor dahinterstand. Es fehlte ein menschliches Gegenüber!!.“

    Ja? Das heißt, der Herr Grill hätte wohl geantwortet, wenn man ihn gaaaanz lieb mit Samthandschuhen gestreichelt hätte und ihn am besten noch gemütlich am Kaminfeuer zu einer Tasse Tee eingeladen hätte?

    Diese Aussage von Ihnen ist beste Popcorn-Satire! Bitte mehr davon!!

  14. @borstel/ajki:

    Sehe ich auch so.

    Auf welchem Planeten diese Leute leben, frage ich mich zunehmend. Sicher nicht in der normalen Realität.

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