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Feinstaub-Desaster: Warum die Wissenschaft sich von einem Lungenarzt vorführen ließ

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Möglicherweise ein Lehrbeispiel:

Wie konnte ein pensionierter Arzt eine ganze etablierte Forschungsdisziplin in die Defensive drängen?

1. Die Antwort beginnt mit der Erkenntnis, dass Köhlers Kritik auch deshalb so eine Wirkung entfaltete, weil sie vielen Auto-Lobbyisten hervorragend ins Konzept passte und nach allen Regeln der medialen Kunst eskaliert wurde […]

2. Es reicht längst nicht mehr, nur in großen Qualitätszeitungen zu Wort zu kommen. Wer aktuelle Debatten prägen will, muss auch auf allen anderen Kanälen präsent sein – von der Tagesschau bis Twitter. Vor allem muss die Reaktion schnell sein: Eine Woche ist in der heutigen Erregungsgesellschaft eine Ewigkeit […]

3. Eine solche Krisenreaktionsfähigkeit aber erfordert ein Umdenken auf mehreren Ebenen. Dazu müssen Forscher zum Beispiel die Scheu ablegen, andere Fachkollegen zu kritisieren. Anders als Dieter Köhler, der einer ganzen Disziplin pauschal Unwissenschaftlichkeit unterstellte, schrecken etablierte Forscher vor deutlichen Worten oft zurück.

4. Aus dem Stickoxid-Debakel lassen sich also gleich mehrere Lehren ziehen. Dabei sollte sich keine Disziplin in Sicherheit wiegen: Was heute den Epidemiologen widerfuhr, kann morgen Klima- oder Genforscher treffen, Biomediziner oder Robotiker.

Zum Weiterlesen:

  • Stickoxid-Grenzwerte: Die Fachleute blieben unsichtbar, Zeit-Online am 6. Februar 2019
  • Hört auf die Nörgler! FAZ am 9. Februar 2019
  • Die Feinstaub-Debatte: Florian Aigner mit einer Einordnung, GWUP-Blog am 30. Januar 2019
  • Rumms! Adipositas und Sterbefälle: Was sagen die Lungenärzte? Gesundheits-Check am 5. Februar 2019
  • Eine Anmerkung zum Satz „Die Erde ist eine Scheibe“, Gesundheits-Check am 2. Februar 2019
  • Meinungspersistenz – etwas Küchenpsychologie zur aktuellen Dieseldebatte, Gesundheits-Check am 27. Januar 2019
  • Dieselgate: Toxische Gemische von Abgasen und Gedanken, Gesundheits-Check am 26. Januar 2019

16 Kommentare

  1. Normalerweise erfährt Streit unter Wissenschaftlern kaum mediale Aufmerksamkeit. Was war in diesem Fall anders?

    Analysen wie im verlinkten Zeit-Artikel, die sich nur mit den Reaktionen der verschiedenen Seiten beschäftigen und nicht mit der zugrunde liegenden Stimmung, sind meines Erachtens grob unvollständig.

    Ohne Zweifel liegt uns in Deutschland das Automobil ganz besonders am Herzen, aber das Verhältnis ist in den letzten Jahren auf eine harte Probe gestellt worden. Dabei hat es besonders den Diesel erwischt, der in der Öffentlichkeit als Trickser und Schmutzfink dasteht und sich zunehmend mit Fahrverboten konfrontiert sieht.

    Die öffentliche Meinung war also stark vorgespannt, denn natürlich wollen alle saubere Luft atmen, gleichzeitig will sich aber niemand vorschreiben lassen, wann wohin und mit welchem Auto gefahren darf. Dazu kommt für Millionen von Dieselbesitzern noch die Verletzung ihres Gerechtigkeitsgefühls.

    Die Frage, die zumindest in meiner Wahrnehmung kaum diskutiert wurde: Inwieweit helfen uns Fahrverbote – und speziell solche nur für Diesel – bei der Einhaltung der Immissionsgrenzwerte? Und welche Folgen hätte das für die Gesundheit der betroffenen Stadtbewohner? Wissenschaftlich gesehen sind die Argumente für das selektive Aussperren der Dieselfahrzeuge jedenfalls sehr dünn…

    Vielleicht sollte die richtige Lektion aus der aktuellen Diskussion daher sein, dass „die Wissenschaft“ sich frühzeitig an solchen Diskussionen mit aktuellem Bezug beteiligt, zumal ihre Ergebnisse als Rechtfertigung politischer Forderungen herangezogen wurden, und nicht erst wenn eine bestimmte Disziplin unter Beschuss gerät.

    Nebenbei noch gesagt:

    – Einen zimperlichen Umgang mit Köhler und seinen Mitstreitern kann ich beim besten Willen nicht erkennen.

    – Twitter und schnelle Reaktionen sind für mich zwei Dinge, die zur Wissenschaft gar nicht passen…

  2. Fruchtbarer Boden für Köhlers Medienerfolg war auch, dass sich viele Autofahrer zu Recht über die – von der Industrie der Politik fahrlässig herbeigeführten – Fahrverbote ärgern. Dieser Ärger war offensichtlich leicht auf die Wissenschaft umzuleiten.

    Um politische oder rechtliche Regulation (Grenzwerte, Fahrverbote, Klimaschutz, Nichtraucherschutz …) anzugreifen, scheint es manchmal eben erfolgversprechend, auf die Wissenschaft zielen.

    Das Beeindruckende an Köhler ist, dass er dabei allein mit unbelegten Behauptungen so weit gekommen ist. Wakefield hatte bei der Masernimpfung immerhin eine gefakte „Studie“, ähnlich die HPV-Impfgegner in Japan.

  3. @Philippe Leick:

    „Twitter und schnelle Reaktionen sind für mich zwei Dinge, die zur Wissenschaft gar nicht passen…“

    M.E. sagt der Zeit-Autor dazu völlig Richtiges:

    „Zur Löschung der Aufregung hätten die Münchner Forscher Köhlers Argumente grob, aber schnell einordnen müssen …“

    Oder sollen wir Natalie Grams ihren Twitter-Award wieder aberkennen, weil das „nicht wissenschaftlich“ ist?

    Ich persönlich finde in der Tat, dass die Zeiten für diesen unerträglichen Wissenschaftsdünkel langsam vorbei sind.

  4. @Joseph Kuhn
    „Fruchtbarer Boden für Köhlers Medienerfolg war auch, dass sich viele Autofahrer zu Recht über die – von der Industrie der Politik fahrlässig herbeigeführten – Fahrverbote ärgern.“

    Industrie und Politik waren sehr froh, dass mit „der Wissenschaft“ ein Sündenbock gefunden war (grob vereinfacht gesagt). So wurde von ihrem eigenen Versagen abgelenkt, um Geld (Industrie) bzw. Wählerstimmen (Politik) zu retten.

  5. @ Bernd Harder:

    „Ich persönlich finde in der Tat, dass die Zeiten für diesen unerträglichen Wissenschaftsdünkel langsam vorbei sind.“

    Schön wäre es. Gefühlt nimmt er aber schon seit geraumer Zeit wieder zu.

  6. @ Joseph Kuhn: Stimme deiner Diagnose absolut zu, am liebsten wäre es Politik und Industrie jetzt wohl, wenn „die Wissenschaft“ über ihren Schatten springen und „schnell mal“ etwas andere Grenzwerte vorschlagen könnte. (Vergessen wir schnell, dass Grenzwerte letztendlich von der Politik entschieden werden).

    Weniger begeistert bin ich über den Umgang mit Köhlers Positionspapier – die Kritik an ihnen, insbesondere in den ersten Tagen, kam m.E. sehr arrogant rüber, war sehr persönlich bzw. beschränkte sich darauf, Referenzen zu zählen oder auszurechnen, welcher Prozentsatz seiner Fachkollegen seine Stellungnahme (nicht) unterzeichnet hat.

    Mehr geholfen ist uns allen mit einer detaillierten Auseinandersetzung mit den Argumenten – dafür benötigen aber selbst Fachleute Zeit.

    @ Bernd, noch’n Flo: Wissenschaftliche Arbeit lässt sich nicht auf 140 (oder 280) Zeichen kondensieren. Das halte ich für eine Selbstverständlichkeit und keinen Dünkel.

  7. @Philippe:

    „Wissenschaftliche Arbeit lässt sich nicht auf 140 (oder 280) Zeichen kondensieren. Das halte ich für eine Selbstverständlichkeit und keinen Dünkel.“

    Darum geht es aus meiner Sicht nicht unbedingt in erster Linie. M.E. kommt das in dem Artikel gut zum Ausdruck: Die Erkenntnisse lagen ja längst vor und hätten nur kommuniziert werden müssen. Und zwar gleich, und nicht nach einer Woche.

    Und m.E. geht das durchaus in 140 Zeichen – zumindest dann, wenn es schnell gehen muss. Das muss und soll nicht der Wissenschaftler selbst machen – aber dafür leistet man sich ja hochbezahlte „Kommunikatoren“, die dann aber im Ernstfall anscheinend genauso dröge sind wie diejenigen, denen sie das abnehmen sollen.

    Vergleiche das doch ganz simpel mal mit den überaus bescheidenen Mitteln und Möglichkeiten der GWUP oder INH:

    Wenn bei Faceboook oder Twitter jemand nach dem aktuellen Wissensstand zur Homöopathie oder zum Impfen fragt – fangen wir dann erst mal an, die weltweiten Datenbanken zu durchsuchen und eine Woche lang die Treffer zusammenzutragen und nochmal auszudiskutieren?

    Natürlich nicht. Das dauert genau zwei Minuten, dann ist die Frage zumindest grob beantwortet, mit Links, Verweisen etc. Und das geht auch mit 140 Zeichen.

    Sorry, aber an dem Punkt kommen wir nicht zusammen. Dafür habe ich keinerlei Verständnis, wie das in dem Fall Köhler gelaufen ist.

    Haben die ganzen Diskussionen um „Wissenschaftskommunikation“ in den letzten drei, vier Jahren überhaupt nichts gebracht?

    Dann treten wir bitte den „March for Science“ und ähnliches gleich wieder in die Tonne, wenn es im Ernstfall dann so läuft wie in der Feinstaub-Debatte – nämlich so wie vor dreißig, vierzig Jahren.

  8. Ich denke auch, dass diese Geschichte ein Beispiel dafür ist, dass jahrelang über Wissenschaftskommunikation geredet wird und in der Praxis gleichwohl so etwas zu einem regelrechten Desaster führt.

    Kann nicht wahr sein.

    Selbst aus dem allgemeinen Argumentationsrepertoire hätte man aus dem Stand den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit zurückweisen und gegen Köhler drehen können – mit Hinweis darauf, dass der Parameter „haben wir in der Praxis nie gesehen“ außerhalb jeder Wissenschaftlichkeit steht.

    Das Erklären der Bedeutungslosigkeit von Einzelerfahrungen als Grundlage für allgemeine Schlüsse sollte doch nun wirklich zu den absoluten Basics von Wissenschaftskommunikation gehören.

    Bei vorhandenem Wissensstand wären 24 Stunden Reaktionszeit mE bereits überdimensioniert. Vielleicht nicht für ein abschließendes umfassendes Statement, aber doch für eine ausreichend klare, allgemeinverständliche Reaktion.

    Woran es offenbar fehlt, ist das Gefühl für den Impact solcher letztlich uniwssenschaftlich-populistischer Nebelkerzen. Denn: Das Publikum ist einerseits wissenschaftsskeptisch (vorsichtig ausgedrückt), hält andererseits jeden, der ein „Dr.“ vor dem Namen hat, für einen Wissenschaftler.

    Und greift begierig alles auf, was seine Bedürfnisse zu befriedigen scheint – und seine Neigung zur Beweiskraft „persönlicher Erfahrungen“.

    Erinnert mich sehr an die Kritik der „Expertenauswahl“ in Sievekings „Eingeimpft“-Film.

    Auf den Vorhalt, die sei ja nun eindeutig selektiv-manipulativ, meinte eine Redakteurin der Doku-Abteilung des BR (Trägerin des deutschen Fernsehpreises), sie finde „unsere Experten genauso legitim wie jeden anderen Experten, der meint, sich zu diesem Thema äußern zu müssen“.

    Wundert es noch jemand – mein Thema, unvermeidlich – dass die Homöopathie-Fraktion nach wie vor Zuverlässig mit der „Beliebtheit“ der Zuckerkugel-Scheintherapie punkten kann?

    Das ist unwissenschaftlich zum Erbrechen, wird aber als Argument täglich benutzt fällt schlicht auf fruchtbaren Boden.

    Noch, füge ich hinzu…

  9. @ Udo Endruscheit:

    Was man in Sachen Reaktionszeit berücksichtigen sollte:

    Köhler ist mit der gleichen Botschaft seit Jahren unterwegs. Von daher war nicht abzusehen, dass er diesmal so einen Hype verursacht. Er ist zudem auch nicht der Einzige, der schon länger schräge Kritik an der Berechnung der vorzeitigen Sterbefälle übt (ganz davon abgesehen, dass es auch ernstzunehmende Kritik daran gibt).

    Was die Vermutung angeht, jeder mit einem Dr. vor dem Namen würde für einen Wissenschaftler gehalten: Zumindest mit dem Prof.-Titel funktioniert es meistens. Mit dem Dr. hat man mehr Chancen, für einen Arzt gehalten zu werden. Ärzte reagieren gelegentlich auf den Hinweis, man sei kein Arzt mit Verwunderung: „Ach, Sie sind gar kein richtiger Doktor?“

    „zum Erbrechen … auf fruchtbaren Boden“: Es soll einfachere Methoden zum Düngen geben. ;-)

  10. @Joseph Kuhn:

    „Köhler ist mit der gleichen Botschaft seit Jahren unterwegs.“

    Ja aber gerade dann kann und muss man doch sofort darauf reagieren, ohne erst eine Woche lang rum zu „recherchieren“.

    Wir kennen doch auch unsere Pappenheimer und können das.

  11. @ Bernd Harder:

    Viele Wissenschaftler/innen steigen nicht gern in so einen Morast und weichen einer Schlammschlacht lieber aus, wenn es geht. In dem Fall hat die Wissenschaft aber eigentlich recht schnell reagiert, sogar international, siehe z.B. https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/rapid-reaction/details/news/internationale-experten-zu-stellungnahme-von-lungenaerzten/.

    Was meist etwas länger dauert, sind Stellungnahmen von Fachgesellschaften.

    Bedenklicher finde ich, dass viele Medien Köhlers Zeug ungeprüft übernommen haben, obwohl z.B. beim Science Media Center gute Infos zur Verfügung standen, auch schon vor dem aktuellen Hype.

    Und wenn Köhler in seinem 2-Seiten-Papier z.B. davon spricht, eine „genauere Analyse der Daten“ zeige, dass die Daten einseitig interpretiert worden seien, hätte man auch mal nachfragen können, wo diese genaueren Analysen seien.

  12. @Joseph Kuhn

    „Bedenklicher finde ich, dass viele Medien Köhlers Zeug ungeprüft übernommen haben“

    Es wird doch schon seit längerem beklagt, dass die klassischen Medien zu schnell ungeprüfte Aussagen, Halbwahrheiten oder Fakes veröffentlichen.

    Der Druck, möglichst schnell auf „Breaking News“ zu reagieren und die Konkurrenz der Social Media verführen leider immer wieder dazu, eine genauere Recherche als zweitrangig anzusehen.

  13. Dieter Köhler hat mit seiner Kritik an den Grenzwerten für Stickoxid viel Staub aufgewirbelt. Die taz zeigt, dass er sich verrechnet hat.

    http://www.taz.de/!5572843/

  14. Kommt ein Kranker zum Lungenarzt. Das Schlusskapitel eines öffentlichen Spektakels, das als pseudowissenschaftliche Farce begann und mit einem auch politisch peinlichen Geständnis endete.

    https://www.faz.net/aktuell/wissen/wie-die-rechenschwaeche-des-lungenarztes-koehler-in-der-praxis-ankommt-16041547.html

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