„Aussteigen“: TV-Doku über die Psycholyse-Gemeinschaft von Samuel Widmer

In einem der ersten Medienberichte über die verunglückte “Psycholysesitzung” in Handeloh, bei der sich 2015 fast 30 Ärzte und Heilpraktiker eine schwere Amphetaminvergiftung zuzogen und notärztlich versorgt werden mussten, wurde auch die Journalistin und Drehbuchautorin Ariela Bogenberger zitiert.

Bogenberger war 18 Jahre lang Mitglied der sektenähnlichen “Kirschblütengemeinschaft” des Schweizer Psychiaters Samuel Widmer, auf den die “Psycholytische Therapie” zurückgeht.

Dessen Anhänger …

… glauben an esoterische oder spirituelle Heilsvorstellungen und sind überzeugt, dass Drogen die Türöffner ins Unbewusste oder zu einer magischen, übersinnlichen Welt sind. Deshalb gehören vor allem Naturheilpraktiker, Homöopathen und esoterisch verblendete Ärzte und Therapeuten zu dieser Szene”,

schreibt der Schweizer Sektenexperte Hugo Stamm.

Mittlerweile hat der BR eine anderthalbstündige Dokumentation über Bogenberger und ihre “Kirschblüten”-Zeit gedreht:

Ariela Bogenberger spricht beeindruckend offen und schonungslos über ihre Zeit in der Gemeinschaft und was sie dazu bewog, den Ausstieg zu wagen. „Ich habe am eigenen Leib herausgefunden, dass es möglich ist, tiefgreifend manipuliert zu werden. (…). Meine Geschichte ist kein Einzelfall. Deshalb spreche ich.“

Zum Video geht es hier.

Bei dem Massenrausch in Handeloh sollen unter anderem das Psychedelikum 2C-E (“Aquarust”) und die Forschungschemikalie Bromo-DragonFLY verabreicht worden sein. Gegen zwei Verantwortliche wurde Anklage erhoben.

Ein Prozesstermin vor dem Landgericht Stade steht noch nicht fest.

Zum Weiterlesen:

  • Autorin erzählt: Im Bann der Psychosekte, merkur.de am 25. Juli 2017
  • Gruppensex, Drogen und Gehirnwäsche: Erfolgreiche Drehbuchautorin erzählt über ihre Zeit in einer Psycho-Sekte, meedia am 21. Juli 2017
  • Der Drogentrip der Homöopathen, Hugo-Stamm-Blog am 12. September 2015
  • Die „torkelnden Heilpraktiker“ von Handeloh gingen wohl bewusst auf einen Drogentrip, GWUP-Blog am 17. September 2015
  • Die „torkelnden Heilpraktiker“ von Handeloh: kontrovers geht auf Spurensuche, GWUP-Blog am 19. April 2017

7 Kommentare zu “„Aussteigen“: TV-Doku über die Psycholyse-Gemeinschaft von Samuel Widmer”


  1. 1 Michel 26. September 2017 um 23:01

    Mit Homöopathie wäre das nicht passiert.

  2. 2 Ali Kerim Bey 27. September 2017 um 10:26

    Zusätzlich zu den Infos im Psiram-Wiki, sollte man fairerweise auf den möglichen therapeutischen Nutzen der Psycholyse hinweisen.
    Neben den oben erwähnten spirituell verblendeten Ausschweifungen wird das Thema auch ernsthaft untersucht, was aufgrund der Gesetzeslage in den meisten Ländern natürlich recht schwierig ist.

  3. 3 Bernd Harder 27. September 2017 um 10:42

    @Ali Kerim Bey:

    – Die “Gesetzeslage” ist schlicht die, dass Psycholyse “absolut illegal” ist:

    https://www.aerzteblatt.de/archiv/66307/Psycholytische-Therapie-Absolut-illegal

    – Wer genau sieht denn einen “möglichen therapeutischen Nutzen”, außer dem verstorbenen Herrn Widmer?

    Der BDP sagt: “Psychoaktive Substanzen können lediglich dabei helfen, sich die Welt schöner zu malen – aber nicht dabei, ein einziges Problem zu lösen.”

    – Und wo sehen Sie bei der Psiram-Zusammenfassung “Psycholytische Therapien sind seit mindestens 20 Jahren nicht mehr wissenschaftlich anerkannt” Lücken für einen etwaigen “therapeutischen Nutzen”?

  4. 4 Ali Kerim Bey 27. September 2017 um 11:41

    @Bernd Hader:

    – Die Gesetzeslage in Deutschland ist eindeutig, aber allein aus der Illegalität einer Substanz deren therapeutisches Potential abzuleiten ist schlicht falsch (siehe Artikel auf aerzteblatt.de unten).

    – Der Guru Widmer ist sicherlich nicht der einzige Mensch, der zu dieser Thematik etwas zu sagen hat. Der mögliche Nutzen psychoaktiver Substanzen wird vor allem bei der Therapie von Alkoholabhängigkeit und in der Palliativmedizin untersucht und diskutiert. Natürlich auch kontrovers diskutiert, aber das nennt man dann “wissenschaftlicher Prozess”.

    Das der BDP sich spätestens nach den Ereignissen 2009 klar abgrenzen muss ist selbstredend und richtig. Betonung liegt hier auch wieder auf dem D wie Deutschland in BDP (Stichwort: Gesetzeslage). Nebenbei: Auf welche Datenlage stützt der BDP seine Aussage “…Welt schöner zu malen…”? Und: Beruhen die Erfolge der kognitiven Umstrukturierung (VT) nicht genau auf diesem Mechanismus (mal konstruktivistisch provokativ gefragt)?

    – Es gibt zur Psycholyse wissenschaftliche Arbeiten, die jünger als 20 Jahre sind, also scheint dieses Thema nicht ad acta gelegt. Eventuell nicht in Deutschland, aber das hat dann wieder etwas mit der hiesigen Gesetzeslage zu tun, die jegliche Forschung unmöglich macht.

    Beispiele:

    https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/71786/Krebs-Pilz-Halluzinogen-lindert-Depression-und-nimmt-Angst-vor-dem-Sterben

    http://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0269881112439253

  5. 5 noch'n Flo 27. September 2017 um 12:16

    @ Bernd Harder:

    Es gibt durchaus Therapeuten, die im Rahmen von Forschungsprojekten völlig legal Designerdrogen in der Psychotherapie anwenden – Beispiel Prof. Xaver Wollenweider an der Uni Zürich oder PD Dr. Throsten Passie an der Medizinischen Hochschule Hannover – beide arbeiten schon seit langem sehr erfolgreich mit 2C-B (vor allem mit Borderline-Patienten), letztgenannter ausserdem mit LSD und Psilocybin.

    Letzteres wird in den USA derzeit ebenfalls für den Einsatz in der Psychotherapie erforscht.

  6. 6 nihil jie 27. September 2017 um 12:27

    @noch’n Flo

    Hatte ich auch geringe Mengen an LSD für eine Untersuchung am MRT bekommen. Es ging um Synästhesie. Aber das läuft alles sehr kontrolliert, und in strengen medizinischen Rahmen ab. Und die Mengen waren echt ein Witz. Zumindest reichte es nicht um eine psychedelische Abfahrt zu erleben.

  7. 7 anderer Michael 22. Oktober 2017 um 19:34

    Die Geschichte mit der Kirschblütengemeinschaft ist unglaublich.Für mich unerklärlich. Ich bin Arzt. In meinen Augen haben die Standesorganisationen der Ärztekammern( dort bin ich ungefragt gesetzlich verordnetes Zwangsmitglied) versagt.
    Zwar hat Ali Kerim Bey insofern Recht, als dass die Psycholyse Gegenstand seriöser Forschung ist. Aber die Voraussetzungen und Bedingungen dafür haben eine ganz andere Qualität.Keineswegs hat Psycholyse aktuell einen Bereich in der allgemeinen Krankenversorgung.
    http://www.ezw-berlin.de/html/3_6955.php
    https://m.aerzteblatt.de/print/517.htm

    Ich denke das sollte man tunlichst unterscheiden. Insofern ist wiederum die Kritik des Herrn Harder vollkommen berechtigt ( mit besagter Einschränkung )

    Wenn es stimmt , was in dem meedia -Link berichtet wird, dann ist das sexueller Missbrauch von Schutzbedürftigen und ethisch in aller entschiedenen Form abzulehnen.

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