Weltuntergang als Tagesjob: Die Ballade von den traurigen Klimaforschern

Im aktuellen NEON-Magazin (12/2015) findet sich die Geschichte

Das Klima-Burn-out – Wie Forscher und Aktivisten gegen den Weltuntergang kämpfen:

Auf dem 21. Klimagipfel in Paris müssen sich die Staaten der Welt auf einen Vertrag einigen, der die Erderwärmung aufhalten soll. NEON-Textchef Tobias Moorstedt traf im Vorfeld Forscher, Diplomaten und Aktivisten, die sich täglich mit dem möglichen Weltuntergang beschäftigen – und konnte gut verstehen, warum viele von ihnen an Stress und Burn-out leiden.”

neon

Ein ähnlicher Artikel stand im Sommer im Esquire:

When the End of Human Civilization Is Your Day Job”

oder

Ballad of the Sad Climatologists”

Heute widmet sich auch die Süddeutsche den “Sad Climatologists”:

Matthew England wirkt auf dem Foto wie traumatisiert. Shauna Murray scheint vergeblich nach Worten zu suchen. In den Augen von Tim Flannery ist Schmerz zu lesen. Die verstörenden, dunklen und kontrastreichen Schwarz-Weiß-Portraits der australischen Klimaforscher spiegeln ihre Gefühle […]

Wissenschaftler sehen sich Attacken von Lobbygruppen der Öl- oder Kohleindustrie und durch Privatleute ausgesetzt, die sich vernetzt haben. Sie greifen die akademische Arbeit und Qualifikation der Forscher und oft genug auch ihren Charakter an.”

Nebenbei erklärt Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, warum selbsternannte “Klimaskeptiker” keine Skeptiker, sondern eigentlich Leugner sind:

Das könnte auch helfen, den sogenannten Klimaskeptikern das Wort Skepsis wieder zu entwinden. Die Menschen und ihre Lobbyvereine, die reflexhaft Ergebnisse der Klimaforschung infrage stellen, beanspruchen dieses Etikett. Es gesteht den so Bezeichneten eine wissenschaftliche Kerntugend zu. “Klimaspektiker” zu sagen, ist eigentlich eine unzulässige Aufwertung dieser Leute”, sagt Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.

“Ich wünschte, mir könnte jemand eine Strategie verraten, wie wir das Wort zurückbekommen.” “Radikale Klimaschutzgegner”, wie Hans Joachim Schellnhuber, der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, die Leugner nennt, hat sich nicht durchgesetzt.”

Die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) hat kürzlich die sperrige Bezeichnung

climate change doubters or those who reject mainstream climate science”

vorgeschlagen, um sowohl den Begriff “skeptics” als auch “deniers” zu vermeiden.

klama

Dem Umweltbundesamt hat ein Gericht gerade erst das Recht eingeräumt, Journalisten für ihren Standpunkt zum Klimawandel als “Klimawandel-Skeptiker” zu bezeichnen. Dagegen geklagt hatten die Publizisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch.

Der juristische Sieg des UBA ist zwar ermutigend – aber “Klimawandel-Skeptiker” sind nun mal keine Skeptiker. Über den Unterschied haben wir hier geschrieben:

Echte Skepsis fördert eine wissenschaftliche Überprüfung, kritische Untersuchungen und den Einsatz von Vernunft, um kontroverse Themen und außerordentliche Behauptungen zu untersuchen.

Leugnung dagegen ist die A-Priori-Ablehnung von Erkenntnissen ohne objektive Betrachtung.”

Und genau darum geht es, schreibt auch die Süddeutsche:

Ein Einwand ist für Torsten Wilholt von der Universität Hannover unproduktiv und destruktiv, wenn er nicht auf einen bisher ignorierten blinden Fleck einer Hypothese verweist. Mit Wilholts Kriterium lassen sich viele Einwände gegen die Klimaforschung als unproduktiv erkennen. Es sind die leichten Fälle, in denen zum Beispiel Kritik wieder und wieder vorgebracht wird, obwohl die Gegenargumente längst präsentiert wurden.”

Zum Weiterlesen:

  • Wie Klimaskeptiker Forscher attackieren, Süddeutsche am 23. November 2015
  • Klimawandel: Leugner, Skeptiker und Wissenschaft, GWUP Blog, Juli 2015
  • Bill Nye to Climate Change Deniers: You Can’t Ignore Facts Forever, Big Think, August 2014
  • Globale Erwärmung: Leugner sind keine Skeptiker, GWUP-Blog am 12. Dezember 2014
  • When the End of Human Civilization Is Your Day Job, esquire am 7. Juli 2015
  • Naomi Oreskes/Erik M. Conway: Die Machiavellis der Wissenschaft – Das Netzwerk des Leugnens. Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2014
  • Lobbyarbeit der US-Klimaskeptiker, taz am 20. Januar 2014
  • Klima: Kein Ende der Rekordtemperaturen, GWUP-Blog am 22. August 2015
  • Umweltbroschüre darf Journalisten “Klimawandel-Skeptiker” nennen, Welt-Online am 19. November 2015
  • Global Warming & Climate Change Myths bei Skeptical Science

8 Kommentare zu “Weltuntergang als Tagesjob: Die Ballade von den traurigen Klimaforschern”


  1. 1 Alexxis 24. November 2015 um 09:15

    Ehrlich gesagt finde ich das Herumgeheule etwas peinlich. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Weltuntergangsmahner in der öffentlichen Diskussion zu kurz kommen – ganz im Gegenteil. Und liederliche ad hominem Attacken gibt es auf beiden Seiten.

    Ich würde mir eher eine offene, ruhige und sachliche Diskussion darüber wünschen, wie man mit den Herausforderungen eines Klimawandels umgehen sollte, ohne mit unseren Maßnahmen mehr Schaden als Gutes anzurichten.

    In der Ecke sitzen, schmollen und jammern hilft dabei sicher nicht.

  2. 2 Pierre Castell 24. November 2015 um 14:25
  3. 3 Bernd Harder 25. November 2015 um 00:16

    Dazu bei Quarks und Co. ein Interview mit “Merchants of Doubt”-Autorin Naomi Oreskes:

    http://www1.wdr.de/fernsehen/wissen/quarks/sendungen/klima-online-first-100.html

    Und die ARTE-Doku: Klimapolitik: Wann, wenn nicht jetzt?

    http://www.arte.tv/guide/de/20151124

  4. 4 akkordeonator 25. November 2015 um 05:31

    @ Bernd Harder:
    Danke für die Links. Ergänzend für diejenigen, die sich nicht die ganze Doku anschauen wollen: Das Interview mit Naomi Oreskes läuft von 20.45 bis ca. 25.00.

  5. 5 Michael Fischer 25. November 2015 um 18:28

    Uff. Das ist wirklich hart. Ein Meteorologe macht im öffentlich-rechtlichen auf doof und outet sich indirekt als Klimaleugner. Das gibts auch nur in Pegida-Land: https://www.youtube.com/watch?v=TwuSl9zvpsY

  6. 6 Josh 26. November 2015 um 18:36

    Auch dazu passend ein aktueller Artikel in der Washington Post:

    https://www.washingtonpost.com/news/federal-eye/wp/2015/11/24/noaa-chief-to-lawmaker-on-climate-change-inquiry-i-will-not-allow-anyone-to-coerce-the-scientists-who-work-for-me/

    Der republikanische Abgeordnete Lamar Smith (Texas) macht Druck auf Wissenschaftler der NOAA.

  7. 7 Ralf 27. November 2015 um 22:40

    @Michael Fischer
    Danke für den Link…das ist wirklich harter Tobak, der uns da geboten wird.
    Die Aussage: “Wer will, kann sich weiter im Internet informieren”, ist schon eine Aufforderung, um auf “Chemtrails” zu stoßen usw…
    Die Aussage, daß es schon erdgeschichtlich Perioden gab, die trotz hohen CO2-gehaltes, eine Eiszeit ermöglichten – ich weiß jetzt nicht, welche Perioden er meinte – aber ja, es bedurfte eines vulkanbedingten Co2-Ausstoßes, daß es überhaupt zu einer Erderwärmung kam, die die Erde vor einer dauerhaften Vereisung schützte.
    Dies war aber in einer frühen Periode der Erde, in der noch keine weitgehend homogene Atmosphäre durch ein Gleichgewicht der Photosynthese von Pflanzen gegeben waren – hier waren die Voraussetzungen andere.
    Natürlich stimmt es, daß man den Klimawandel nicht aufhalten kann, da das Klima immer im Wandel ist – aber man kann den “menschengemachten” Klimawandel aufhalten oder mindestens verringern.
    Ich bin jetzt kein Klimatologe, aber ich denke, daß ich ich schon einige “Gegenargumente” bringen konnte, vielleicht kann hier jemand genaueres sagen.

  8. 8 Michael Fischer 28. November 2015 um 09:59

    Also jetzt noch einen richtig starken TV-Tipp, weil mich die Doku zutiefst beeindruckt und auch begeistert hat: Gestern abend lief auf arte: “Klimawandel – woher kommen die Zahlen?” Beeindruckend für mich vor allem deshalb, weil man erfährt, wieviel Mathematik dahintersteht und wie komplex das Thema ist.

    Aus dem Inhalt: Drei Zahlen sind für das Verständnis des Klimawandels wichtig.

    Erstens: 0,85 Grad Celsius – um so viel Grad hat sich die Erde seit 1880 erwärmt.

    Zweitens: 95 Prozent – so wahrscheinlich ist es nach Angaben der Klimaforscher, dass der jüngste Temperaturanstieg mindestens zur Hälfte auf menschliche Einflüsse zurückgeht.

    Drittens: 1.000 Milliarden Tonnen – dies entspricht der Menge an Kohlendioxid, die die gesamte Menschheit bis 2050 maximal ausstoßen darf, wenn der Klimawandel die kritische Schwelle nicht übersteigen soll.

    In der zweiteiligen Dokumentation gehen britische Mathematiker der Berechnung dieser Zahlen auf den Grund.

    Lief zwar schon, gibts aber auch in der Mediathek von arte: http://programm.ard.de/Programm/Jetzt-im-TV?datum=27.11.2015&hour=22
    Wird am Montag vormittag um 08.55 auch nochmal im FS wiederholt.

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