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Österreichische Ärztekammer: Kritik an Pseudomedizin ist „anmaßend und unkollegial“

| 20 Kommentare

Die neu gegründete „Initiative für Wissenschaftliche Medizin“ ist in den Dialog mit der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) getreten.

Dazu muss man wissen, dass die ÖÄK es 2012 zum Finalisten für das „Goldene Brett vorm Kopf“ gebracht hatte, da sie

… keine Berührungsängste mit paramedizinischen Heilmethoden zeigt, im Gegenteil: Für teils haarsträubende Therapiemethoden bietet die ÖÄK sogar Ausbildungsdiplome an und verleiht ihnen damit ungerechtfertigterweise die Aura von anerkannten Methoden.“

Die Initiative für wissenschaftliche Medizin fordert die Ärztekammer auf, „den Unsinn endlich abzustellen“.

Am 22. April fand in Wien ein Gespräch statt, das die Kritiker der Pseudomedizin so zusammenfassen:

Von Seiten der Österreichischen Ärztekammer kommt eine klare Abgrenzung gegen die Scheinmedizin, eine Stellungnahme dagegen oder gar eine Warnung vor ihr nicht in Frage.“

Tatsächlich winden sich die Vertreter der berufsständischen Selbstverwaltung der Ärzte in recht kurioser Weise, wenn es um ihre kommerzgetriebenen Jodeldiplome für Kinesiologie, Homöopathie und Co. geht:

Wir halten nichts von der Homöopathie, doch wir werden weiterhin solche Kurse abhalten, da es besser ist, wenn Ärzte so etwas tun als Nichtmediziner, die viel mehr Schaden anrichten können. So können wir eine qualitativ gute Ausbildung (in Homöopathie, Anthroposophie etc.) anbieten.“

Wie eine „qualitativ gute Ausbildung“ in Fächern aussehen soll, die auf faktischem Blödsinn und Selbsttäuschung beruhen, bleibt das Geheimnis der Österreichischen Ärztekammer.

Klar, dass die „Initiative für wissenschaftliche Medizin“ sich damit nicht zufrieden gibt.

Gründungsmitglied Dr. Theodor Much hakte per E-Mail nach:

Was bedeutet „hochwertig“ bei medizinischen Unsinnsverfahren? Wie kann eine Ausbildung in z. B. Kinesiologie „hochwertig“ sein, wenn die Methode genau genommen verboten gehört?“

Kammerpräsident Wechselberger fiel dazu nicht mehr ein, als das „Beharren“ der Skeptiker „anmaßend, intolerant und unkollegial“ zu nennen – mit Argumenten hat der Mann es anscheinend nicht so.

Daraufhin verfasste Dr. Much eine weitere E-Mail:

Kritik an scheinmedizinischen Verfahren, die z. T. klar widerlegt und oftmals gefährlich sind, als „anmaßend und intolerant“ zu bezeichnen, ist mehr als problematisch. Die Fortschritte der Medizin sind und waren nur möglich, weil die seriöse Wissenschaft – im Gegensatz zur Scheinwissenschaft bis hin zur Astrologie – immer Kritik akzeptiert hat.“

Eine Antwort Wechselbergers steht bislang aus. Und einer neuerlichen Nominierung der Österreichischen Ärztekammer für das „Goldene Brett vorm Kopf“ offenkundig nichts im Wege.

Zum Weiterlesen:

  • Initiative für Wissenschaftliche Medizin: gegen Nonsens und Irreführung der Patienten, GWUP-Blog am 7. März 2015
  • Von Seiten der Österreichischen Ärztekammer kommt eine klare Abgrenzung gegen die Scheinmedizin, eine Stellungnahme dagegen oder gar eine Warnung vor ihr nicht in Frage, FSMoSophica am 30. April 2015
  • Nein, Ärzte dürfen ihren Patienten nicht jeden Blödsinn verschreiben, Die Presse am 27. März 2015
  • Aufruf gegen Scheinmedizin, derStandard am 4. April 2015
  • Pseudomedizin: Warum dürfen Ärzte Unsinn behaupten? profil am 7. März 2015
  • Initiative für wissenschaftliche Medizin, Kritisch gedacht am 8. März 2015
  • Der große Bluff: “Alternativmedizin”, GWUP-Blog am 29. März 2013
  • Der Heilige Wissensschatz über die Wirkungslosigkeit der Homöopathie, FSMoSophica am 5. August 2014
  • Wissenschafter machen Fehler – Esoteriker nicht, NZZ Campus am 9. April 2015

20 Kommentare

  1. Liebe Ärztekammer Österreichs!

    Ich bitte Sie, im Namen der Glaubensgleichberechtigung, auch die heilige, traditionelle und sanfte FSMoPathie http://fsmosophica.org/2014/06/04/die-fsmopathie/ in Ihr Weiterbildungsprogramm für Ärzte zu integrieren.

    Danke.

    Hail Eris & Ramen,
    Mr. MIR

  2. Welch ein Armutszeugnis für die Österreichische Ärztekammer … !
    Man weiß nicht mehr, was man sagen soll !

  3. Nachtrag:

    Geht es der Österreichischen Ärztekammer hier um Standesdünkel im Sinne von: „eine Krähe sollte der anderen keine Auge aushacken“ („Kritik an Pseudomedizin ist anmaßend und unkollegial“) –

    wo es doch um eine bessere Medizin bzw. ein besseres Gesundheitswesen mit vernünftigen Richtlinien für zertifizierte ärztliche Weiterbildungen gehen sollte?

    Wird jedes schwarze Schaf (und davon gibt es eine Menge, nicht nur in Österreich) in den eigenen Reihen akzeptiert?
    Einmal approbiert – immer approbiert?

  4. Es ist nun mal so, dass die Kassentarife besonders für Allgemeinmediziner in Österreich nicht besonders rosig sind (siehe http://www.aekwien.at/media/tarif_AM_14.pdf).

    Und da medizinisch notwendige Dienstleistungen (also die wissenschaftliche Medizin / Schulmedizin) per Definition über diese Tarife abgerechnet werden müssen, muss sich ein Kassenarzt, der was dazuverdienen will eben nach medizinisch nicht notwendigem umsehen.

  5. Der Vorwurf der Unkollegialität ist eigenartig.

    Die Kritik kommt von rund 700 ärztlichen Kammermitgliedern. Und die meisten davon sind aktiv tätig.

  6. @ Michael:

    Das ist leider auch in Deutschland so.
    Es gibt z. B. kaum noch Allgemeinmediziner/Hausärzte, die im Notfall und/oder bei bettlägerigen Patienten notwendige Hausbesuche machen – weil sie sie nur für`n Appel und`n Ei vergütet bekommen.
    Deshalb müsste die GOÄ geändert werden – und dafür müssten sich (Kassen-) Ärzte und ihre Standesorganisationen selbst auf die Hinterbeine stellen und sich dafür stark machen.
    Statt dessen wächst die Anzahl der Privatpraxen für privat Versicherte und Selbstzahler – mit ausuferndem Angebot an fragwürdigen, ominösen und überflüssigen „medizinischen Dienstleistungen“.
    Das ist bequemer und lukrativer …

    @ Dr. E. Berndt:

    Wenn nicht mal die Kritik von 700 (!) ärztlichen Kammermitgliedern ernst genommen und als bloße „Unkollegialität“ abgetan und disqualifiziert wird – ist das wahrlich eigenartig.
    Vielleicht wäre das anders, wenn es (noch) mehr Kritik aus den eigenen Reihen gäbe.
    Aber wie gesagt: der andere Weg (Privatpraxen etc.; siehe oben) ist attraktiver – in jeder Beziehung.

  7. Wenn die Ärztekammer die Vodoodiplome in Scheinmedizin ( ja da gibts viele Geldscheine, deswegen Scheinmedizin) nicht abschafft, muss man die Ärztekammern abschaffen – nicht nur zum Schein, sondern richtig.

  8. „Es gibt z. B. kaum noch Allgemeinmediziner/Hausärzte, die im Notfall und/oder bei bettlägerigen Patienten notwendige Hausbesuche machen – weil sie sie nur für`n Appel und`n Ei vergütet bekommen.“

    „Kaum“ ist falsch. Bisher war JEDER Allgemeinmediziner/Hausarzt, den ich darauf ansprach, dazu bereit!

  9. @Wolfang:

    Und die KV’en gleich dazu, zumindest in Deutschland.

  10. „Kaum“ ist meiner langjährigen Erfahrung nach NICHT falsch – sonst hätte ich es nicht berichtet.
    Es ist kaum möglich, einen Allgemeinmediziner zu dringend notwendigen Hausbesuchen bei bettlägerigen, pflegebedürftigen, greisen Kassenpatienten zu bewegen.
    Es gibt Hausärzte, die alle ihre Patienten in Altersheimen abgegeben haben, weil sich der Zeitaufwand finanziell nicht lohnt.
    Und man muss sich glücklich schätzen, wenn ein Urologe zum regelmäßigen Wechsel eines Bauchdecken-Dauerkatheters alle paar Wochen ins Haus kommt.
    Obwohl er skandalös wenig dafür bei der GKV abrechnen kann.

    Vielleicht sieht das bei privat Versicherten anders aus, weil es dort andere, bessere Abrechnungsmöglichkeiten für die gleiche ärztliche Leistung gibt.

  11. @Beobachter/Pierre Castell:

    Meine langjährige Erfahrung mit gesetzlich versicherten Angehörigen ist auch eine andere und normalerweise sollte auch ein Altersheim gute Kontakte zu einem ortsansässigen Arzt pflegen, der regelmäßig vorbeischaut (und auch damit meine ich keine private Nobelherberge) – aber ich weiß nicht, was diese Diskussion zum Thread-Thema „ÖÄK“ beitragen soll und beende sie an dieser Stelle.

  12. @ Pierre Castell:

    Ich habe die selben Erfahrungen auch bei uns in Österreich gemacht. Unser Hausarzt, den wir erst seit kurzem konsultieren, hat am Ostersonntag sogar kurz seine Ordination geöffnet, um meinem Mann zu behandeln. Es gibt sie sehr wohl die engagierten Ärzte, die auch ohne Hokuspokus auskommen.

  13. @ trixi:

    Sorry – danke für den Hinweis.

    Für gesetzlich Krankenversicherte gilt der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) der Kassenärztlichen Vereinigung(en) (KV):

    //www.kvberlin.de/20praxis/30abrechnung_honorar/

    Für privat Krankenversicherte gilt die GOÄ, deren Vergütung etwa 2,5-mal so hoch ist wie die kassenärztliche Vergütung derselben Leistungen:

    https://www.test.de/Gesetzliche-Krankenversicherung-Mehr-Geld-fuer-den-Arzt-4225340-4225345/

    Und es gibt Mischformen aus beidem – je nach Wahltarif bei der Krankenkasse.

    Insofern hängen kassenärztliche Vergütung und GOÄ zusammen; bei der GOÄ wird „nur“ mit bestimmten Faktoren multipliziert.
    Also müsste sich beim EBM der KV Einiges ändern.

    Was ich meinte, war die Tatsache, dass medizinische Notwendigkeiten (wie z. B. eben Hausbesuche, regelrechte Anamneseerhebung; Beratungsgespräche, Aufklärung über Untersuchungen/Therapien) zu gering vergütet werden –
    was dazu führt, dass sich Ärzte zu wenig Zeit nehmen; man im Minutentakt abgefertigt wird –
    was dazu führt, dass sich viele Patienten nicht mehr „aufgehoben“, menschlich zu wenig wahrgenommen fühlen –
    was dazu führt, dass das Vertrauen in die „Schulmedizin“ zunehmend schwindet –
    und so viele Patienten in die Hände von sog. „Alternativ-Medizinern“/Pseudomedizinern oder Heilpraktikern getrieben werden – oder gar zur Selbstmedikation auch bei behandlungsbedürftigen Erkrankungen.
    Es steigt so die Nachfrage nach pseudomedizinischen „Therapien“, wo man sich i. d. R. für den Patienten mehr Zeit nimmt, ihm verständnisvoller begegnet, ihn ernst nimmt.
    Ob diese „Therapien“ (z. B. nach Vorstellungen der Homöopathie, Kinesiologie, Anthroposophie etc.) wissenschaftliche Grundlagen haben oder nicht, scheint zweitrangig bzw. unwichtig zu sein – für Ärztekammern und Krankenkassen.

    @ Bernd Harder:

    Schön, dass auch Sie andere, bessere Erfahrungen gemacht haben.
    Abschließend anmerken möchte ich, dass ein Altersheim keine „guten Kontakte zu einem ortsansässigen Arzt pflegen“ kann, wenn dieser aus abrechnungstechnischen (finanziellen) Gründen nicht mehr dort erscheint.

  14. @Pierre Castell
    Ja, das wäre mir auch fremd: ein „Hausarzt“ ist verpflichtet, Hausbesuche bei immobilen Patienten zu tätigen – jedenfalls denke ich das, aber man kann mich eines bessern belehren…
    (und mir ist auch nicht das Gegenteil bekannt – jedenfalls, bei den mir bekannten Ärzten)

    Zitat Artikel

    Österreichische Ärztekammer: Kritik an Pseudomedizin ist „anmaßend und unkollegial“

    Was ist das für ein Schwachsinn? Kritik ist niemals anmaßend und unkollegial…sondern ein natürliches demokratisches Recht und Gut. Kritik sollte niemals herablassend sein, sondern konstruktiv und der Wahrheit findend dienen…und es ist auch kollegial, wenn ich einem Kollegen mit einer konstruktiven Kritik helfe, seine Arbeit zu verbessern…

  15. @Beobachter:

    < < Insofern hängen kassenärztliche Vergütung und GOÄ zusammen << Nicht im Entferntesten, die GOÄ wird völlig unabhängig vom EBM gestaltet. Gesetzliche "Wahltarife" haben damit nichts zu tun. << Was ich meinte, war die Tatsache, dass medizinische Notwendigkeiten (wie z. B. eben Hausbesuche, regelrechte Anamneseerhebung; Beratungsgespräche, Aufklärung über Untersuchungen/Therapien) zu gering vergütet werden << Das haben wir allein hier in diesem Blog schon etwa 7580mal diskutiert und dürfte für niemanden mehr neu oder unbekannt sein. << Abschließend anmerken möchte ich << Wie üblich mit dem letzten Wort, weil es anscheinend unmöglich ist, mal eine andere Erfahrung/Meinung stehen zu lassen. << dass ein Altersheim keine “guten Kontakte zu einem ortsansässigen Arzt pflegen” kann, wenn dieser aus abrechnungstechnischen (finanziellen) Gründen nicht mehr dort erscheint. << Das ist a) rechtswidrig und b) stimmt so nicht. Es gibt Versorgungslücken in Heimen, das liegt mehr an den regionalen KV'en (also an der Standesvertretung) als am einzelnen Arzt, die versuchen, mit der "Drohung" eines teuren Krankentransports die Politik und die Kassen zu erpressen. Es gibt Ärzte, die das mitmachen - viele andere nicht. Der Arzt selbst ist kein "Unternehmer" und darf von sich aus keine Behandlung aus finanziellen Gründen verweigern. Die Heime wiederum sind gehalten, Kooperationsverträge mit Ärztenetzen etc. zu schließen. Haben Sie diese nicht, würde ich persönlich keinen Angehörigen dort unterbringen. Und damit ist diese völlig sachfremde und fruchtlose Diskussion endgültig beendet, alles weitere geht in den Spam. << Wenn Sie aus gesundheitlichen Gründen nicht selber in die Sprechstunde kommen können, muss Ihr Hausarzt Sie zuhause aufsuchen. Er darf den Hausbesuch nur aus schwerwiegenden Gründen ablehnen, etwa wegen der dringenden Behandlung anderer Patientinnen. In einem solchen Fall muss er jedoch für anderweitige Hilfe Sorge tragen, z.B.durch Benennung erreichbarer anderer Ärzte oder des ärztlichen Notdienstes. Werden Hausbesuche im Zuge einer Behandlung nötig, sind auch Fachärzte bei ihren Patienten dazu verpflichtet << http://www.gesundheits.de/bagp/BAGP-Dokumente/praep09geschuetzt.pdf

    http://www.experto.de/b2c/gesundheit/hausbesuch-verweigern.html

    http://www.wernerschell.de/Rechtsalmanach/Grundzuege/hausbesuche.php

  16. Die Motivation ist doch klar.

    Die ÖÄK möchte, dass das Geld im Kreis der Ärzte bleibt und wenn die Ärzte (bzw. die Ärztekammer) Alternativmedizin ablehnen würden, würde das Geld in alternative Kreisläufe fließen, in Deutschland geschieht das ja bspw. durch Heilpraktiker.

    Idealismus und Qualität in der Medizin wird auf dem Altar der Ökonomie geopfert. Peinlich und traurig.

  17. Der Markt für esoterischen Schwachsinn ist einfach zu lukrativ, dass Ärzte darauf verzichten können oder wollen.

    Zusammen mit Gesundheitskassen (ehemals Krankenkassen) wird erfolgreich Gesunden das Geld aus der Tasche gezogen.

    Die Verlierer sind dabei die Schwerkranken, die auf eine wissenschaftliche Medizin angewiesen sind, um bessere Therapien zu bekommen. Aber Hauptsache, das „Unwohlsein“ wird durch Globuli erfolgreich behandelt.

    Hoffentlich gibt es noch lange genug Ärzte, die auf Pseudomedizin verzichten.

  18. Leider gibt es sogar Univ. Prof´s die z.B. Homöopathievertreter sind.
    Und sogar einer der begleitende Krebsbehandlung via Homöopathie anbietet

    http://www.ordination-frass.at/index.php/homoeopathie

    Einfach unverständlich, dass das heute noch möglich ist, und das so jemand auch einen Lehrstuhl inne hat.

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