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Kranke Kassen und Voodoo

| 18 Kommentare

Gesetzliche Krankenkassen müssen homöopathische Arzneimittel nur bei ausreichend belegter medizinischer Wirksamkeit bezahlen, hat dieser Tage das Bundessozialgericht in Kassel entschieden.

Die Qualität und Wirksamkeit müsse nach den wissenschaftlich anerkannten Standards belegt werden.

Das ist erfreulich.

Allerdings dürfen gesetzliche Krankenkassen Homöopathie und anderen Voodoozauber bezahlen, als sogenannte Satzungsleistungen, und eine unglaubliche Vielzahl von Kassen macht davon auch weidlich Gebrauch.

Eine Skeptikerin hat 98 Krankenkassen angeschrieben und nach den freiwilligen Zusatzleistungen im Bereich „Alternativmedizin“ gefragt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

da meine Krankenkasse jetzt dazu übergegangen ist, auch sogenannte alternative Behandlungsmethoden zu finanzieren, bin ich auf der Suche nach einer neuen Krankenkasse. Insbesondere meine ich solche Methoden:

  • Alternative Krebstherapie
  • Anthroposophische Medizin
  • Ayurveda
  • Chelattherapie
  • Eigenbluttherapie
  • Homöopathie
  • Irisdiagnostik
  • Osteopathie
  • Reflexzonenmassage
  • Shiatsu
  • Traditionelle chinesische Medizin

In Anbetracht der Tatsache, dass Hausärzte für Gespräche und Zuwendung sehr schlecht bezahlt werden (m.W. 35 Euro pro Quartal, egal wie oft der Patient kommt), finde ich es eine Unverschämtheit, mehrere hundert Euro Zuschuss für „alternative“ Behandlungen, deren Wirksamkeit nicht belegt ist, auszugeben.

Meine Fragen nun an Sie:

  • Bezahlen Sie auch die o.a. Methoden?
  • Wenn ja, gibt es einen Wahltarif, bei dem ich diese Behandlungen abwählen kann?“

Das Ergebnis kann man in zwei Teilen bei Psiram nachlesen:

Von den 98 Krankenkassen bezahlen 95 mindestens ein paramedizinisches Verfahren.

Und keine einzige Kasse bietet einen kostengünstigeren Tarif an, der die Erstattung solcher Leistungen ausschließt.

Bezeichnend ist die Antwort der actimonda BKK:

Die actimonda krankenkasse ist sehr froh, ihren Versicherten durch diese und viele weitere Mehrleistungen das bieten zu können, was sie sich wünschen. Und für Sie ist bestimmt auch das Passende an Mehrleistungen dabei.“

Nun ja, Menschen wünschen sich vieles – aber die Frage der Wirksamkeit ist damit nicht beantwortet.

Kurios auch, dass manche Kassenfunktionäre sich vollkommen ernsthaft auf die „Hufelandliste“ berufen, so zum Beispiel die IKK Brandenburg und Berlin:

Bezuschussungsfähig sind alle in der Hufelandliste genannten alternativen Heilmethoden im Rahmen des Naturheilkontos außer Osteopathie und Akkupunktur für Wirbelsäule und Kniegelenk. Diese beiden Methoden sind gesondert erstattungsfähig.“

Gemeint ist wohl das Leistungsverzeichnis des Lobbyverbands „Hufelandgesellschaft“, mit dem einige Dutzend Nobelpreise nach Deutschland geholt werden könnten, würden die darin beschriebenen Methoden und Phänomene nachweislich funktionieren.

Vollends absurd wird es, wenn die BKK Akzo Nobel Bayern solchen Nonsens nicht nur anbietet, sondern entflammt anpreist:

Zugegeben – der Begriff Homöopathie wirkt auf den ersten Blick sehr kompliziert, für manchen auch befremdlich. Lassen Sie sich nicht irritieren! Dahinter verbirgt sich etwas recht Einfaches, Wunderbares – der sanfte Weg, gesund zu werden. Wir bieten Ihnen die Möglichkeit, homöopathische Leistungen in Anspruch zu nehmen.“

Spätestens hier ist in der Tat von „halb- bis viertelseidenen Krankenkassenaktivitäten“ (Psiram) am Rande der Legalität zu sprechen.

Oder einfach nur von kranken Kassen.

Zum Weiterlesen:

  • Kassen müssen Homöopathie nur bei nachgewiesener Wirksamkeit zahlen, anwalt.de am 28. Oktober 2014
  • Die Krankenkassen und die Paramed… äh, Alternativmedizin (1), Psiram am 4. November 2014
  • Die Krankenkassen und die Paramed… äh, Alternativmedizin (2), Psiram am 4. November 2014
  • Umfrage-Sensation: 87 Prozent der Homöopathie-Fans finden Homöopathie gut, GWUP-Blog am 14. September 2014
  • Homöopathika-Hersteller fühlen sich diskriminiert, Ratgeber-News-Blog am 2. November 2014
  • Württembergische Krankenversicherung führt Zusatzversicherung für Heilpraktiker-Quacksalberei ein, Ratgeber-News-Blog am 17. September 2014
  • Krankenkassenvoodoo und Voodookrankenkassen, Wahrsagerchecks-Blog am 4. Februar 2014

18 Kommentare

  1. Ein Skandal!

    Die Verantwortlichen der Kassen sollten gefeuert werden.

    Ungeheuerlich!!!

  2. Es ist tatsächlich unglaublich.

    Irgendwelche Spinner, die an solchen esoterischen Unfug glauben, können sich ihre Zauberkugeln und anderen Unsinn auf Kosten der Allgemeinheit verschreiben lassen.

    Aber wenn jemand kein Geld für eine Brille oder einen Zahnersatz hat, muss er eben halbblind oder ohne Zähne rumlaufen.

    Wie rechtfertigen die Krankenkassen das?

  3. Die Tatsache, dass irrationale Quacksalbereien von den Krankenkassen bezahlt werden, wird z.B. von der Hamburger Finanzbehörde als Indikator dafür gesehen, dass die Homöopathie wissenschaftlich erwiesen sei:

    „Eine Förderung des öffentlichen Gesundheitswesens kann auch von Vereinen betrieben werden, welche sich mit neuartigen oder naturheilkundlichen Verfahren befassen. Eine Anerkennung des Vereins als steuerbegünstigte Körperschaft erfolgt in diesem Fall jedoch nur unter der Voraussetzung, dass das entsprechende Verfahren von der medizinischen Wissenschaft anerkannt wird. Hiervon ist i.d.R. dann auszugehen, wenn die Kosten des naturheilkundlichen Verfahrens von den Krankenkassen übernommen werden. So übernimmt z.B. die überwiegende Zahl der gesetzlichen Krankenkassen Kosten einer homöopathischen Behandlung, wenn diese durch einen hierfür ausgebildeten Arzt durchgeführt wird.“
    Siehe:
    http://ratgebernewsblog2.wordpress.com/2014/09/01/online-petition-homoopathen-ohne-grenzen-gemeinnutzigkeit-absprechen/#comment-5667

    So begründet sich eine Fehlentscheidung auf andere, vorhergehende Fehlentscheidungen inkompetenter Stellen. Bei der Wissenschaft mal direkt nachzufragen, auf die Idee kommt man dabei erst gar nicht. Wie kann so etwas auf Dauer funktionieren?

  4. Schöner Artikel. Und Dank an den fleißigen Rechercheur bei Psiram.
    Mal schauen, ob eine relevante Anzahl von KK-Mitgliedern gegen die Voodoo-Leistungen protestiert, wenn ab 2015 die kranken Kassen Zusatzbeiträge erheben dürfen/müssen.

  5. @Fjunchclick: Wenn jemand kein Geld hat, dann bekommt er Zahnersatz sehr wohl von seiner Krankenkasse bezahlt, zwar nur die einfachste Variante, aber immerhin.Bei Brillen kenn ich mich nicht aus.

    @alle: Schreibt eure Kasse an und beschwert euch. Das ist die einzige Möglichkeit, dass die mal das Denken anfangen. Ihr könnt ja auch wechseln.

    Leider gibt es ja, wie es aussieht, nur eine einzige Kasse (BKK Vital), die keine Voodoo-Medizin im Portfolio hat, und die ist auch nur für BaWü, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen zugelassen.

    Aber wenigstens in eine Kasse wechseln, die keine Homöopathie anbietet und keine Heilpraktiker bezahlt, das wär doch schon mal was.

  6. An die angebl. schlechte Bezahlung von Ärzten glaube ich nicht.

    Aber insb. in Anbetracht der sonst allgemein schlechten und mangelhaften Leistungen der GKV (z.B. Brille, Zahnersatz, Zahnbehandlung, Medikamente) mutet die Übernahme solcher Leistungen schon sehr fragwürdig an.

    Vermutlich nimmt es kaum jemand in Anspruch, so das die Kassen mit solchen „Zusatzleistungen“ werben, ohne unterm Strich viel Geld dafür auszugeben…

  7. @ thomas: Bin kein Arzt, aber nach dem was man so hört, sind die fetten Jahre vorbei.

    Wenn ein Hausarzt pro Patient und Quartal in der Größenordnung von 35 Euro erhält, egal wie oft der betreffende Patient vorbeischaut (gesunder Mittdreißiger, den er einmal im Jahr sieht oder kränklicher Rentner, der jede Woche mit was Kompliziertem und Sonderwünschen auf der Matte steht), klingt das nicht eben nach goldener Nase, die den Ärzten da nachgeworfen wird. Über die Vergütung von Impfungen kann man sich beim Kinderdoc hier schlaumachen.

    Die Vergütung von Ärzten mag nach Fachrichtung und abhängig von einer Reihe von Faktoren variieren, aber zumindest Haus- und Kinderärzte scheinen heute eben nicht die große Kohle zu scheffeln.

    Und gerade die Kinder- und Hausärzte sind die Mediziner, mit denen die meisten Leute zu tun haben und die besonderes Vertrauen genießen. Und gerade deshalb besetzen sie in Sachen Akzeptanz und Verwendung der Homöopathie eine Schlüsselposition.

    Wenn die also für Homöopathie o.ä. werben, wird das merkliche Auswirkungen haben.

    Und wenn die Vergütung für wisschenschaftsbasierte Medizin nicht reicht, mag mancher die offensichtlich weitaus großzügiger vergütete Alternativmedizin als zweites Standbein entdecken, Überzeugung hin oder her.

  8. Also – nach einem Tarif zu fragen,in dem *ich* diese Leistungen nicht kriege, ist ja etwas unsinnig.

    Krankenkassen funktionieren doch nach dem Prinzip der Solidarität und der Umlage.

    Sinnvoll wäre doch ein Tarif, in dem mein Geld nicht für solchen Schwachsinn verwendet wird, egal bei wem.

    Ansonsten zahle ich meinen regulären Tarif und andere Versicherte kriegen von dem Geld Handauflegen und Gesundbeten finanziert.

  9. Ja, das ist eine Frucht der freien Krankenkassenwahl (mMn)
    Eine Krankenkasse, die attraktiv sein will für die „jungen und gesunden“ Kunden, wird diese Optionen anbieten, da dies ein Kriterium für einen potentiellen (jungen und gesunden) Kunden sein kann.
    Nicht immer ist „Marktwirtschaft“ die Lösung – ich wäre für eine staatlich kontrollierte Bürgerversicherung…

  10. @Michael:

    Die genannten Indikationen für die Akupunktur sind genau diejenigen, die vom G-BA zugelassen worden sind; im rechtlichen Sinne ist das also kein Voodoo (über den medizinischen Sinn rede ich hier nicht), und die BKK Vital ist verpflichtet, das zu bezahlen.

    Ein bisschen ist das so, wie wenn der Rentenversicherer sagt, er würde großzügig auf die Gesundheitsprüfung verzichten ;-).

    Über die Bezahlung von Ärzten vgl. auch hier

    http://www.kbv.de/media/sp/140721__HB2.Q2013_web.pdf
    (einschließlich Vergütung je Patient).

  11. Für eine KK wäre es doch bestimmt werbewirksam, wenn sie einen Standardtarif für alles ohne Vodoo hätte, der günstiger ist als die Konkurrenz.
    Es gibt (hoffentlich) noch genügend denkende Menschen, die für so einen Tarif dankbar wären
    Vodoo gibts dann gegen Aufpreis.
    Natürlich besteht die Gefahr, dass auch der Normaltarif die Zuckerkügelchen mitfinanziert, aber wenigstens wäre das mal ein Zeichen der Vernunft.

  12. Ein „schönes“ Beispiel:

    Heilpraktiker-Praxen nennen sich nun „Gesundheitspraxen“.
    Man bietet „Neuraltherapie“ an – d. h., man spritzt bei Schmerzen Lokalanästhetika; das macht jede Arzthelferin in der Hausarztpraxis oder beim Orthopäden;
    man bietet „Akupunktur“ an, „ganz ohne Nadeln“ und „ganz ohne pieksen“, mittels „Stäbchen“ und Laser – d. h., man braucht nicht mal Nadeln nach Gebrauch säubern und sterilisieren wie in Arztpraxen;
    man bietet „Komplexhomöopathie“ an – d. h., man kombiniert statt einem (nicht vorhandenen) Wirkstoff mit Wasser/Zucker derer zwei; das potenziert die (nicht vorhandene) Wirksamkeit;
    und man verkauft als „Orthomolekularmedizin“ auch noch (überflüssige) „Vitalstoff“-Produkte;
    usw. etc. (Osteopathie u. ä.)
    So das Geschäftsmodell.
    (Und das in einer verschnarchten Kleinstadt – wie sieht es wohl erst in Großstädten aus … ?!)

    Vor allem nimmt man sich ZEIT:
    „Gemeinsam werden wir uns Zeit nehmen, mit Ihnen zu besprechen, was wir für Sie tun können.“
    Und DIE lässt man sich teuer bezahlen, sowie auch die Humbug-Therapien:
    http://www.gesundheitspraxisbruchsal.de/therapien.html
    http://www.gesundheitspraxisbruchsal.de/kosten.html

    Interessanterweise befindet sich direkt nebenan eine Caritas-Beratungsstelle für Senioren; an potentiellen, vom Durchschleusen im Minutentakt in Hausarztpraxen frustrierten Kunden (mit z. B. Arthritis-Schmerzen) wird es also vermutlich nicht fehlen.

    Im städtischen, großen Bürgerzentrum wurden bei einer Messe für Senioren und Behinderte „Grander“-Produkte (zur Erzeugung von „belebtem Wasser“) angeboten und verkauft – und eben dort findet 2015 zum neunten Mal (!) eine Esoterik-Messe für Alle statt („Festival der Lebensfreude“):
    http://www.gemeinsam-sein.eu/festival-der-lebensfreude/
    Man beachte die Aussteller-Liste !
    Es ist wahrlich alles dabei …

    Gleichzeitig machen immer mehr örtliche Hausarzt-(Allgemeinarzt-)Praxen zu, weil sich keine Nachfolger finden.
    Und die finden sich nicht, weil sie so schlecht bezahlt werden bzw. die GOÄ der GKV so ist, wie sie ist !
    (Nach dem/r Medizin-Studium/Facharztausbildung geht man heutzutage ins Ausland oder lässt sich auf diesen Humbug mit ein.
    Selbst im Krankenhaus als Assistenzarzt wird man unterbezahlt – und das bei ausufernden Bereitschaftsdiensten.)

    Ich habe den Eindruck:
    Es entwickelt sich immer mehr ein Para(llel)-„Gesundheitswesen“, das mit Medizin/Wissenschaft nichts mehr oder wenig zu tun hat – und es zielt auf die Besserverdienenden/Gutsituierten als Klientel ab.
    Eine gute (wissenschaftlichen Standards entsprechende), flächendeckende, medizinische (Grund-)Versorgung für Alle bleibt zunehmend auf der Strecke (z. B. Beratungsgespräche/Hausbesuche, Zahnbehandlung/-ersatz, Hilfsmittel wie Hörgeräte, Brillen, Pflegebetten; „der Kampf um die Pflegestufe“!, „Pflegenotstand“!).
    Eine gefährliche, bedenkliche bis skandalöse Entwicklung …

    Danke an die fleißige „Skeptikerin“ und Psiram.

  13.  BKK Akzo Nobel Bayern
    Neudeutsch würde man wohl sagen: Facepalm …

  14. Nachtrag zu:

    „Voodoo“ wird bezahlt – und medizinische Notwendigkeiten bleiben auf der Strecke … KK-Zusatzversicherungen … Pflegenotstand …

    Japans Industrie entwickelt/baut „Pflegeroboter“:

    http://www.manager-magazin.de/politik/artikel/a-799585.html
    (erschienen 2011 !)

    Überschrift:
    „PFLEGENOTSTAND
    Toyota baut Pflegeroboter für Japans Rentner“

    Schlußabsatz:
    „Für Deutschlands Überalterungsprobleme wird Japan wegweisend in der Frage sein, wer die Pflege übernimmt, wer das bezahlt und ob es ein privilegiertes und ein armseliges Siechtum geben wird. Noch hat Toyota für den Pflegeroboter keine Preisvorstellung veröffentlicht. Doch ein Sprecher von Toyota Deutschland versichert, der Vorsatz, den Pflegeroboter für die Masse bezahlbar zu machen, sei groß. „Ein Hilfsgerät für alte Leute soll ja schließlich kein Lexus sein.““

    Vielleicht werden in naher Zukunft bei uns in den zunehmend privatisierten Alters-/Pflegeheimen auch Pflegeroboter eingesetzt, um so die Kosten für qualifiziertes Pflegepersonal einzusparen.
    Und vielleicht „rechnet es sich“ angesichts der rasanten technischen Entwicklungen dann für`s verantwortliche Management.
    Menschliche Zuwendung/Betreuung (auch eine medizinische Notwendigkeit), wird zum Luxusgut ?!

  15. Zitat Beobachter

    …Menschliche Zuwendung/Betreuung (auch eine medizinische Notwendigkeit), wird zum Luxusgut ?!…

    Es wird nicht, sondern ist schon ein „Luxusgut“…

  16. Oh Mann, Trixi, grad wollt ick mir freuen.

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