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James-Bond-Spezial: Cold Reading Teil 2

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Fortsetzung von „James-Bond-Spezial: Cold Reading Teil 1

Im Wesentlichen orientiert sich erfolgreiches Cold Reading an kaum mehr als zehn Regeln, die der US-Psychologe Ray Hyman schon 1977 im Skeptical Inquirer darlegte:

1. Selbstsicherheit ist das A und O, um Vertrauen zu wecken.“

Wenn Sie aussehen und handeln, als wüssten Sie genau, was Sie tun, gewinnen Sie bei den meisten Menschen sofort Ansehen. Stottern und stocken Sie nicht, vermeiden Sie jede Zögerlichkeit – genau so, wie Bond es tut.

Zum Beispiel in „James Bond 007 jagt Dr. No“:

Unser Agent argwöhnt, dass Miss Taro, die Sekretärin des britischen Residenten auf Jamaica, eine Verräterin ist, und will sich mit ihr zum Dinner verabreden:

Bond: „Eine schreckliche Vorstellung, dass Sie den Nachmittag damit verbringen, diese Akten zu suchen.“

Taro: „Nein, ich habe heute Nachmittag frei.“

Bond: „Wie das Leben so spielt, ich auch. Wollen Sie mir nicht Jamaica zeigen?“

Taro: „Was sollte eine Dame sagen, wenn sie von einem fremden Herrn angesprochen wird?

Bond: „Sie sollte ja sagen.“

Taro: „Allenfalls vielleicht.“

Bond: „Um drei in meinem Hotel vielleicht?“

Taro: „Ja, vielleicht.“

Bond: „Gut.“

Ähnlich selbstbewusst macht sich Bond an Goldfingers Assistentin Jill Masterson heran:

Masterson: „Allmählich gefallen Sie mir, Mr. Bond.“

Bond: „Sag doch James zu mir.“

Masterson: „Besser als irgendjemand, den ich bis jetzt getroffen habe, James.“

Bond: „Tja, aber da muss doch irgendwas passieren.“

Masterson: „So, was denn?“

Bond: „Das sage ich Dir beim Abendessen.“

Masterson: „Wo?“

Bond: „Ich kenne das beste Lokal in der Stadt.“

 2. Nutzen Sie aktuelle Statistiken, Meinungsumfragen und Erhebungen.“

So erfahren Sie, wie Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten denken, was sie tun und worüber sie sich Sorgen machen.

Wenn Sie beispielsweise wissen (oder am Dialektakzent heraushören), wo Ihr Gegenüber geboren wurde und aufgewachsen ist, wenn Sie in etwa seinen Bildungsgrad und sein Alter kennen oder erraten, dann können Sie aus diesen Informationen seine Einstellung zu vielen Dingen, etwa sein Wahlverhalten, und Weiteres ableiten.

Sehr gute Cold Reader wissen beispielsweise genau Bescheid über das Durchschnittseinkommen, die durchschnittlichen Häuser- und Immobilienpreise, die statistische Geburtenrate, die beliebtesten männlichen und weiblichen Vornamen, die Kriminalitätsrate, die Wahlergebnisse und vieles mehr – und zwar für jede einzelne Region.

Darüber hinaus sind sie Experten für Menschliches und Zwischenmenschliches, für alles, was Männer motiviert und Frauen sich wünschen.

James Bond kennt im Extremfall sogar genauestens die speziellen Interessen seiner Widersacher – zum Beispiel in „Der Spion, der mich liebte“:

Als Meeresbiologe getarnt, stattet er dem Reeder Karl Stromberg ein Besuch in dessen Unterwasserreich ab, um ihn auszuhorchen. Vor den riesigen Glasfenstern ziehen Fische vorbei.

„Sie kennen sicher auch diese Spezies?“, fragt der Menschenverächter Bond heimtückisch und deutet auf ein farbenprächtiges, stacheliges Exemplar.

„Pterois volitans“, antwortet Bond mit einem verbindlichen Lächeln. Der giftige Rotfeuerfisch.

Und selbst dann, wenn er keine Ahnung hat, hält unser Agent das Gespräch mit eloquent-sympathischem Halbwissen am Laufen.

Etwa als er in „Diamantenfieber“ nach seinen Kenntnissen im Bezug auf Diamanten gefragt wird:

 Die härteste vorkommende Substanz, schneidet Glas, reizt das weibliche Geschlecht und hat, wie mir scheint, den Hund als besten Freund der Frau abgelöst.“

Eine offene Antwort, die das Gegenüber automatisch dazu veranlasst, das Thema zu vertiefen und mehr dazu zu sagen.

 3. Schaffen Sie die richtige Grundstimmung.“

Selbstsicherheit – ja. Überheblichkeit – nein. Legen Sie ein gewisses Maß an Bescheidenheit an den Tag, damit entwaffnen Sie Ihr Gegenüber. Denn Sie behaupten nicht, der Schlauere zu sein, also wird Ihr Gegenüber Sie nicht als Feind wahrnehmen, bei dem man aufpassen muss, was man sagt.

In „Leben und sterben lassen“ etwa will Mr. Big/Kananga Bond seinen Krokodilen zum Fraß vorwerfen. „Es gibt zwei Möglichkeiten, ein Krokodil kampfunfähig zu machen“, wedelt der Drogenboss mit einem absurden Hoffnungsschimmer für den Geheimagenten.

Natürlich liegt Bond eine Four-Letter-Word-Antwort auf der Zunge.

Stattdessen bringt er Kananga dazu, weiterzureden, indem er ausgesucht höflich zurückfragt: „Ich glaube, Sie haben kein Interesse daran, dieses Geheimnis mit mir zu teilen?“

Was das unverschämt hohe Tier aus Harlem denn auch prompt tut.

Auch dem „Mann mit dem goldenen Colt“, Francisco Scaramanga, begegnet Bond zunächst mit ironischer Zurückhaltung, als der sich anschickt, seine Pläne zu offenbaren:

Scaramanga: „Sehen Sie, Mr. Bond, wie jeder große Künstler, so will auch ich ein unübertreffliches Meisterwerk schaffen, wenigstens einmal in meinem Leben. Der Tod von 007, Mann gegen Mann, Auge in Auge, wird das Meine sein.“

Bond: „Sie meinen, ausgestopft und aufgehängt über dem Marmorsockel Ihres Kamins?“

4. Halten Sie die Augen offen.“

Benutzen Sie alle Ihre Sinne, trainieren Sie Ihre Beobachtungsgabe.

  • Die Kleidung Ihres Gegenübers (zum Beispiel Stil, Zustand, Alter, Wert) gibt eine Vielzahl von Hinweisen, die Rückschlüsse zulassen auf seinen wirtschaftlichen Status und die Persönlichkeit (flippig, introvertiert, sportlich, konservativ, leger). Trägt er Anstecknadeln, Aufnäher, Schmuck mit religiösen, politischen oder kulturellen Symbolen?
  • Der Körper (Gewicht, Haltung, Gesundheitszustand, Hygiene) liefert weitere Anhaltspunkte. Spricht die Statur eher für einen Sportler oder für eine Couchkartoffel? Riecht die Person nach Creme, Seife, Deo oder teurem Parfüm? Die Hände sind für einen guten Deuter besonders aufschlussreich: Was sagt etwa eine weiße Stelle an dem Finger aus, wo normalerweise der Ehering sitzt? Oder Nikotinflecke? Sind die Nägel unsauber oder manikürt?

Gute Cold Reader können zudem den Preis von Sonnenbrillen, Armbanduhren, Schmuck, Handys und sogar Rucksäcken ziemlich genau einschätzen.

  • Die Sprechweise und grammatikalischen Eigenheiten Ihres Gegenübers, seine Gesten und Blicke sind ebenfalls bedeutende Informationsquellen. Benutzt er Szene-Jargon? Oder berufsspezifische Fachausdrücke? Sind seine Bewegungen nervös, fahrig? Kann er Augenkontakt mit Ihnen halten? Oder schaut er dauernd zu Boden?

Einem geübten Charakterdeuter ermöglichen schon diese Informationen des ersten Augenscheins eine Typisierung seines Gegenübers. Zusammen mit seinem Wissen über Bevölkerungsdaten kann er bereits jetzt sein Gegenüber mit erstaunlich präzisen Aussagen zu frappieren.

Auch Bond entgeht nichts. Zum Beispiel in „GoldenEye“:

Bond: „Ihr Akzent – georgisch?“

Xenia Onatopp: „Sehr gut, Mr. Bond.”

Oder in „Feuerball”:

Bond: “Wie charmant Sie nein sagen können, Domino.”

Domino: „Woher wissen Sie das? Woher wissen Sie, dass meine Freunde mich Domino nennen?“

Bond: „Es steht auf Ihrem Fußkettchen.“

Domino: „So. Sie haben erstaunlich scharfe Augen.“

Oder in „Diamantenfieber“:

Bond: „Vorhin kamen Sie mir blond vor.“

Tiffany Case: „Schon möglich.“

Bond: „Ich achte auf solche Nebensächlichkeiten.“

Oder in „Liebesgrüße aus Moskau“:

Red Grant: „Geben Sie keinen Laut von sich. Hände in die Hosentaschen, keine Bewegung!“

Bond: „Ein Engländer trinkt nie roten Wein zum Fisch. Das hätte mir eine Warnung sein müssen.“

Zu Teil 3

Zum Weiterlesen:

  • Ray Hyman: Cold Reading in Skeptiker 1/2007
  • Die psychologische Analyse des Cold Reading durch Ray Hyman – 30 Jahre danach, Skeptiker 1/2007
  • Sag mir deinen Namen – und ich sag dir, wie du heißt: Methoden des Wahrsagens

Ein Kommentar

  1. „Couchkartoffel“. *rotfl*
    Zu viele englische Texte gelesen in letzter Zeit? ;-)
    Auf gut deutsch ist das immer noch ein Stubenhocker. :-P

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