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Die „dogmatischen“ Skeptiker

| 5 Kommentare

Schon klar, unsere Huschi-Fuschi-Freunde lieben alte, dogmatische Schriften.

Wie sagt Professor Edzard Ernst so schön:

Der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der 1951 gestorben ist, würde heute mit Sicherheit durch jede Chirurgieprüfung fallen. Der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, starb mehr als 100 Jahre vor Sauerbruch – und er könnte natürlich auch heute noch alle Homöopathieprüfungen absolvieren. Denn die Homöopathie hat sich nicht wesentlich weiterentwickelt. Sie darf es auch gar nicht, denn sie ist ein Dogma.“

Und weil CAM-Fans grundsätzlich olle Kamellen ohne Realitätsgehalt beiziehen, um ihre krude Weltsicht zu festigen, verwundert uns auch nicht, dass dieser Tage mal wieder die Mär vom „Kampfverband“ der bösen Skeptiker enterdigt wird, um den World Skeptics Congress vor zwei Wochen in Berlin zu bekritteln.

Aktuell entblödet sich das vorgebliche „Fachportal“ heilpraxisnet nicht, seinen Konferenzbericht mit der Headline „Gegen alles“ zu versehen und in Ermangelung objektiver Kritikpunkte eine fast 15 Jahre alte antiskeptische Polemik zu melken, zu der wir hier schon alles gesagt haben.

(Gut, wir verstehen ja, dass die Medienresonanz auf den WSC auch den salbungsvollsten Homöopathen einfach sprachlos macht.)

Natürlich reibt sich das Portal für „Naturheilkunde und Naturheilverfahren“ insbesondere an dem Vortrag von IQWiG-Chef Professor Jürgen Windeler, der wie folgt zitiert wird:

Der Artenschutz der komplementären Medizin in der Gesetzgebung sei wissenschaftlich und praktisch total unbegründet, so Windeler.“

Der große Schüttelfrust spricht aus jeder Zeile, wenn der Autor nun versucht, die angeblichen Erfolge der Versorgungsforschung dagegen aufzufahren.

Zu diesem Thema hatten wir für den Skeptiker (3/2011) schon mal die Medizinprofessoren Klaus-Dietrich Bock und Manfred Anlauf befragt – und bekamen eine unmissverständliche Antwort:

Skeptiker: Derzeit beziehen sich „Alternativ“-Mediziner, in erster Linie Homöopathen, auf die Versorgungsforschung, welche die Wirksamkeit von Homöopathie gegenüber Placebo eindeutig belege. Ist das ein ernstzunehmender neuer Ansatz?

Bock: Falls die Versorgungsforschung das behauptet, was Sie sagen, so ist das blanker Unsinn. Die Versorgungsforschung verfügt über keinen eigenen oder besseren Ansatz zur Beurteilung der Wirksamkeit von Therapieverfahren als die Wissenschaftliche Medizin.

Anlauf: Natürlich gibt es Wünsche und Erwartungen von Patienten, die, wenn man ihnen entspricht, den Placeboeffekt begünstigen oder den Spontanverlauf einer Krankheit erträglicher machen können. Mit der Versorgungsforschung zielen interessierte Gruppen, zu denen auch ideologielastige Hochschulepidemiologen gehören, darauf, die hier zur Diskussion stehenden fragwürdigen Behandlungsmethoden im Leistungskatalog der gesetzlichen und privaten Versichertengemeinschaften stärker zu verankern beziehungsweise zu belassen.“

Aber das nur nebenbei.

Was uns wirklich gefreut hat, ist eine Twitter-Nachricht, die gestern bei uns einging:

Das Skeptoskop & seine Gäste haben mich davon überzeugt, dass die Skeptiker keine dogmatischen Rechthaber sind. Deshalb gwup-Beitritt.“

Das Skeptoskop – das ist ein Interview-Podcast, der „in die GWUP hineinhorcht“.

In der neuesten Ausgabe wird der Radiomoderator Holger Klein befragt. Auch Professor Heinz Oberhummer, Dr. Mark Benecke oder Dr. Julia Offe waren dort schon zu Gast.

Vielen Dank an den unermüdlichen Hoaxmaster und die Hoaxmistress für die bislang neun Folgen „Skeptoskop“ und die über 90 Themen bei Hoaxilla!

Sie und viele andere sorgen dafür, dass es gar nicht schwierig ist, sich selbst ein Bild von den Skeptikern zu machen.

Wenn man das will …

In dem Zusammenhang muss ich gerade an einen Spruch denken, den meine Kollegin im Büro gegenüber an ihre Pinnwand geheftet hat:

Vorsicht: Kommunikation gefährdet festgefahrene Meinungen!“

Zum Weiterlesen:

  • Fallbericht: Esoterisches Polytrauma, dieausrufer am 1. Juni 2012
  • Keine Zukunft für Retro-Krankenhaus, dieausrufer am 24. Mai 2012
  • Foto-Blog vom World Skeptics Congress (Teil 2), Esowatch am 2. Juni 2012

 

5 Kommentare

  1. Gelegentlich befällt auch mich der Gedanke, ob nicht auch Skeptiker allzuweilen auf der anderen Seite vom Pferd fallen. Es ist ein wenig die Eigenschaft des Menschen, von einem Extrem ins Nächste zu verfallen.

    Allerdings mahnen auch kluge Skeptiker an, eben nicht sofort alle von vornerein zu verneinen, sondern erstmal genau hinzuschauen und Basis der Erkenntnisse, die man zu einem Urteil zu kommen. Manche Urteile sind klar, manche bleiben halt offen, weil vielleicht verlässliche Quellen oder der erforderliche Wissensstand fehlt.

    Deshalb finde ich auch bei skeptischer Rangehensweise auch wichtig auch mal skeptisch gegenüber der eigenen Skepsis zu sein. Und zu Wissenslücken zu stehen. Lücken können gefüllt werden, solange man neugierig bleibt. Und skeptisch.

    Aber ich glaube, leider verträgt sich das skeptische Denken nicht so gut mit einem Grundbedürfnis von sehr vielen Menschen. Das Bedürfnis nach absoluter Sicherheit und Gewissheit. Anders kann ich mir den Zulauf zu Hellsehern und Wunderheilern nicht erklären.

  2. ein guter Freund von mir meinte mal in einem Streitgespräch, als ihm die esoterisch angehauchte Frau sagte „es handle sich hierbei um uralte Weisheiten“, dass eine Lüge nicht dadurch wahrer wird, weil sie uralt ist…

  3. Was ist davon zu halten, dass ausgerechnet der BrightsBlog (immerhin Bestandteil der GWUP Blogroll hier…) auf eben diesen Beitrag in heilpraxis.net verlinkt und dabei als Appetizer noch ganz andere Märchen aus der Mottenkiste exhumiert?

    Man lese und staune:

    https://brightsblog.wordpress.com/2012/06/02/edgar-wunder-gwup-ist-eine-ideologisch-motivierte-gesinnungsgemeinschaft-und-ein-kampfverband/

    Die Brights sollten sich künftig vielleicht besser „Brights Ltd“ nennen…?
    – Glücklicher Weise sind die 3 ersten Kommentatoren wenigstens wirklich helle ;-)

  4. @nihil jie – kann ich nur bestätigen, in meiner Umgebung fiel auch die Bemerkung, das sei ja ‚altes‘ Wissen. Dampfmaschinen und Ackerbau mittels Pferdepflug sind auch ‚altes‘ Wissen, aber käme man auf die Idee plötzlich dies alles noch/wieder anzuwenden?
    Eigenartigerweise wird ständig mit unendlich vielen Traditionen gebrochen, aber es scheint dann doch ein Bedürfnis zu geben, einen Zusammenhang zu haben, in dem Entwicklung keine Rolle spielt, sei es traditionelle Medizin, seien es manche religiöse Praktiken oder seien es Lebensweise indigener Völker. Tradition bekommt dann etwas Unantastbares, das nicht hinterfragbar/quasireligös ist. So schleicht sich – ohne dass es als solches benannt wird – eine Gläubigkeit/Religiösität ins Denken, die es möglich macht, noch als ‚aufgeklärter‘ Mensch zu erscheinen. Aber die Wahrnehmung wird immer verschwommener, so dass es dann plötzlich Lehrstühle zu Esoterik, Homöopathie etc. gibt.

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