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Skeptiker im „Zombieland“

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Heuschrecken. Börsenhaie.

Vampire. Zombies.

Monster passen in unsere Zeit. „Allzu menschliche Ängste thematisiert das nah am Schauder gebaute Genre der phantastischen Literatur“, analysierte unlängst Die Welt. Dieser „frappierende Sublimationsverdacht“ liege aktuell jedenfalls näher denn je.

Mag sein. Und deshalb startet nach Biss zur Mittagsstunde jetzt auch noch Zombieland.

Einst schlurften die tumben Schreckensfiguren nur deshalb über unsere Erde, weil „in der Hölle kein Platz mehr ist“. Heute weisen Kulturpessimisten den Zombies eine tragende Rolle in den „filmisch verfremdeten Bestandteilen einer horrenden Wirklichkeit“ (Welt) zu.

Welche?

„Vampire sind Monster der Rechten; Zombies sind Monster der Linken“,

schreibt etwa das englische Magazin Prospect („Britain’s intelligent conversation“). Und weiter:

„Vampire sind feine Pinkel, Zombies Proleten. Vampire sind Individualisten; Zombies sind der hirnlose, namenlose, gesichtslose Mob. Bei Vampiren dreht sich alles um Hierarchien, Tradition, Abkunft. Sie haben mitteleuropäische Ehrentitel, leben in Schlössern, kleiden sich gut und haben Manieren … Vampire sind sexy. Zombies nicht; ihre Hygiene lässt sehr zu wünschen übrig. Der Biss des Vampirs ist lustvoll und penetrativ; der Zombie mampft einfach Fuß, Bein, Hand, Hintern, Nase … Was immer in Reichweite ist, wie ein besoffener Teenager in der Disco. Vampire sind clever. Zombies nicht. Sie wollen dein Hirn verspeisen – aber nicht, weil sie mehr Hirn wollen; sie machen nur dich dümmer damit. Sie wollen dich auf ihr Niveau herunterziehen. Hirrrrnnnnn!“

Gut, beim diesjährigen Fantasy-Filmfest war das in der Tat so zu besichtigen, etwa beim Fun-Splatter Doghouse.

Aber es geht natürlich auch anders. In Klassikern wie „Ich folgte einem Zombie“ (1943) oder „Die Schlange im Regenbogen“ (1988) klingt noch etwas vom Ursprung des Mythos an, der sich aus dem mittelamerikanischen Voodoo-Ritus entwickelt hat – und damit sind wir beim Thema: Gibt es eigentlich „echte“ Zombies?

In der kreolischen Sprache der Antillen ist das Wort Zombie die Bezeichnung für ein Phantom, eine ruhelos umherirrende Seele.

Auf Haiti wird das Phänomen wieder anders gedeutet: Ein junger Mensch erkrankt plötzlich und unerklärlich; dahinter steckt Vergiftung oder Zauberei. Das Opfer wird von seiner Familie für tot gehalten und in einer Gruft bestattet.

Im Laufe der nächsten Tage entwendet ein „Bokor“ (Voodoo-Priester/Schwarzmagier) den Körper und führt an einem geheimen Ort eine Wiederbelebung durch, ohne dass das Opfer jedoch voll zu Bewusstsein kommt. Man erkennt einen Zombie an seinem starren Blick, einem näselnden Tonfall, an stereotypen, sinnentleerten und unbeholfenen Bewegungsabläufen sowie an seiner beschränkten und wiederholungsreichen Redeweise. Er wird nicht gefürchtet, sondern bedauert. Angst hat man nur davor, vom selben Schicksal ereilt zu werden. Nämlich der willenlose Sklave eines „Bokor“ zu sein.

1983 reiste der Ethnologe Wade Davis vom Botanischen Museum der Harvard-Universität nach Haiti, um den Voodoo-Kult und die Praktiken des „Bokor“ zu studieren. Seine Bücher „The Serpent and the Rainbow“ und „Passage of Darkness“ trugen ihm einen Hollywood-Vertrag über die Filmrechte und sogar den Doktorhut ein.

In dem Streifen „Die Schlange im Regenbogen“, der schließlich von Grusel-Regisseur Wes Craven („Scream“) effektvoll in Szene gesetzt wurde, geht es um einen Wissenschaftler, der sich im Auftrag eines Pharmakonzerns nach Haiti begibt, um ein „Zombiepulver“ zu erwerben, das er als Betäubungsmittel verwenden will.

Auch in der Realität wollte Ideengeber Wade Davis die Fachwelt davon überzeugen, dass die „Zombifizierung“ durch das Kugelfischgift Tetrodotoxin verursacht wird. Was ihm aber nicht gelang.

Toxikologen halten die gefundenen Konzentrationen in Davis‘ berüchtigtem „Zombiepulver“ für viel zu gering, um eine physiologische Wirkung hervorzurufen. Auch in Tierversuchen konnte keinerlei Effekt beobachtet werden.

Als großes Problem für eine gezielte Untersuchung des Zombie-Phänomens stellte sich bislang das Fehlen geeigneter Studienobjekte heraus. „Richtige“ Zombies, also Personen, bei denen nachgewiesen werden kann, dass sie ursächlich durch ein Voodoo-Ritual in ihren Zombie-ähnlichen Zustand überführt wurden, sind der Forschung nicht bekannt. Sie leben bisher nur in Erzählungen und Legenden.

Dem Anthropologie-Professor Roland Littlewood (London) und dem Mediziner Chavannes Douyon (Port-au-Prince) gelang es in den späten 1990ern, drei angebliche „Zombies“ zu Hause zu untersuchen und ihre Lebensgeschichte zu recherchieren. Die Diagnose der beiden Wissenschaftler lautete indes nicht auf „Zombifizierung“ durch Verabreichung diverser giftiger Substanzen, sondern in einem Fall auf katatonische Schizophrenie, im zweiten auf Epilepsie und einen organischen Hirnschaden.

Im dritten Fall kamen Littlewood und Douyon zu dem Schluss, dass es sich bei dem „Zombie“ um eine Verwechslung handelte. Die junge Frau namens „M. M.“ war offenbar entführt worden oder von zuhause weggelaufen und schließlich auf einen Mann gestoßen, der in ihr seine verstorbene Schwester wiederzuerkennen glaubte.

Das Fazit der beiden Forscher: „Die Fehlidentifikation herumirrender, geistig verwirrter Fremder dürfte die meisten Fälle abdecken. In Haiti ist es keine Seltenheit, dass Schizophrene, Hirngeschädigte oder geistig Zurückgebliebene in der Gegend umherirren, und da es diesen Menschen oft an Willenskraft und Erinnerungsvermögen mangelt, werden sie oft als typische Zombies angesehen.

Die große Bereitschaft der Haitianer, Menschen wie M. M. als Zombies anzuerkennen, und der im Allgemeinen rücksichtsvolle Umgang mit ihnen können als eine Art institutionalisierte Fürsorge verstanden werden, die man notleidenden Geisteskranken angedeihen lässt. Wer einen Zombie wiedererkennt und in die Familie aufnimmt, wird mit gesteigertem sozialen Ansehen und manchmal auch mit materiellen Zuwendungen belohnt.“

Keine Untoten also, keine ihrer Seele beraubten willenlosen Schlafwandler, keine Zauberei, sondern ausgeschmückte und falsch wiedergegebene Berichte, versehentlich für tot erklärte Patienten sowie Gemüts- und Alkoholkranke bilden häufig den Kern von „wahren“ Zombiegeschichten.

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6 Kommentare

  1. „Zombieland“ ist aber cool, bin aber nicht sooo begeistert davon; „Shaun Of The Dead“ ist um Längen besser…aber „Zombie-Komödien“ sind immer gut…vielleicht liegt es daran, daß Zombies „per se“ komisch sind.
    In dem Romero-Klassiker „Dawn Of The Dead“ unterscheiden sich die Zombies nicht wirklich von den Konsumenten, die sich normalerweise in dem Kaufhaus aufhalten…nur das dort die Untoten, statt nach Schnäppchen zu jagen, jagt auf Menschen machen.
    Auch in dem Nachfolger „Day Of The Dead“, wird versucht Zombies zu „zähmen“, um sie vielleicht als „Haussklaven“ abzurichten, was wieder bei der Zombie-Komödie „Fido“ deutlicher aufgegriffen wird.

  2. @Ralf:

    << In dem Romero-Klassiker “Dawn Of The Dead” unterscheiden sich die Zombies nicht wirklich von den Konsumenten << Ich denke, das ist auch die "Aussage" des Films.

  3. @Bernd Harder
    Ja, und lustigerweise hieß er auch in dt. Veröffentlichungen: „Zombies im Kaufhaus“…aber die Zensur-Geschichte ist nicht mehr lustig…ich verstehe, daß man diesen Film nicht Jugendliche oder gar Kinder zeigen darf, aber für Erwachsene sollte er ungeschnitten zugänglich sein – einige Fassungen sind aber immer noch nach §131 StGB beschlagnahmt.
    Das gilt aber nicht für immer, wie die „Entschlagnahme“ von dem Original „Texas Chainsaw Massacre“ beweist – ich denke, daß auch „Dawn Of The Dead“ es irgendwann in die Legalität schafft ;-)

  4. << Ich denke, daß auch “Dawn Of The Dead” es irgendwann in die Legalität schafft << Unbedingt - ein Meisterwerk.

  5. @Bernd Harder
    Wenn man „Meisterwerk“ durch „Kunstwerk“ ersetzt, dann dürft es klappen…
    Ein „Kunstwerk“ ist in besonderer Weise „geschützt“ und darf mehr…
    Ein Beispiel ist „Nekromantika“, welches durch Anerkennung als Kunstwerk „ab 18“ freigegeben ist und einer Beschlagnahme entkommen ist.

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