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Nostradamus und seine Schreckensprophezeiungen für das Jahr 2023

| 9 Kommentare

Alle Jahre wieder klaut Welt-Online (wie viele andere Medien auch) von Sky History die angeblichen Nostradamus-Vorhersagen für die kommenden zwölf Monate und strickt daraus einen kleinen Desaster-Leitfaden:

„Angebliche“ Vorhersagen deswegen, weil die 942 Vierzeiler des französischen Renaissance-Gelehrten (bis auf ein halbes Dutzend Ausnahmen) nicht datiert sind und jede Zuordnung auf ein bestimmtes Jahr völlig willkürlich ist.

Und natürlich geben auch diesmal weder Sky History noch die Welt-Autorin ihre Fundstellen an, sodass wir uns die genannten Vers-Bruchstücke wieder selbst in den „Centurien“ des Meisters zusammensuchen müssen.

Das Erste ist leicht:

Die Welt-Autorin kommentiert:

Manch einer deutet diese Zeilen so, dass sich die momentan vorherrschende Inflation und dadurch entstehende soziale Ungerechtigkeiten noch mehr verschärfen werden. Andere wiederum sehen darin einen Beleg dafür, dass die Klimakrise sich derart verschärft, dass gewisse Grundlebensmittel knapp werden.

Anscheinend ist die Dame ein wenig vergesslich – denn obwohl laut ihrer Überschrift alles „noch schlimmer als 2022“ werden soll, hat sie diesen Vers einfach aus ihrem Artikel vom 7. Januar 2022 übernommen und nur geringfügig für 2023 angepasst.

Also schauen auch wir einfach mal in unseren Blogpost von damals.

  • Bei dem Quatrain dürfte es sich um Vers 75 der II. Centurie handeln, der von den zahllosen Nostradamus-Interpreten jeweils völlig anders gedeutet wird.

Drei Beispiele:

  • Jean-Claude Pfändler übersetzt die eigenwillige sprachliche Mixtur des raunenden Provoncalen aus Altfranzösisch, Latein, Lehnwörtern und Neologismen wie folgt:

Man hört die Stimme des ungewöhnlichen Vogels, den es über dem Luftabzugsrohr gibt. So hoch wird der Preis für den Scheffel Getreide sein, dass der Mensch für den Menschen ein Menschenfresser sein wird.

Man hört die Stimme des ungewöhnlichen Vogels über dem Geschützdonner auf dem Dach. Der Scheffel wird so teuer, dass der Mensch zum Menschenfresser wird.

Die Stimme des seltsamen Vogels wird vernommen, über dem Rohr des Beatmungs-/Überlebens-Stockwerkes. So hoch wird der Scheffel Weizen kommen, dass der Mensch vom Menschen essend, Menschenfresser wird.

  • Und was soll das bedeuten?

Pfändler sieht hier eine „extreme Hungersnot“, die laut Allgeier vom

… Motorenlärm der Flugzeuge – für Nostradamus ein ungewöhnlicher Vogel – verursacht

wird:

Interessant an diesem Vers ist die recht präzise Vorhersage des modernen Bombenkriegs mit Flugabwehrgeschützen auf den Dächern.

  • Was Nostradamus wohl meinte

Wie immer verknüpft Nostradamus auch hier Zeitgeschichte mit Motiven aus der Prodigien-Literatur, die in den Wirren des 16. Jahrhunderts wieder auf lebhaftes Interesse stieß:

Nachdem der Vorzeichenglaube in der Antike – vor allem bei den Römern – einen ersten Höhepunkt erlebt hatte, erhielt er im 16. Jahrhundert neuen Aufschwung.

Ob Nordlichter, Nebensonnenerscheinungen, Sonnenfinsternisse, Kometen, Kornregen, Blutwunder, Wunderbrunnen, Geistererscheinungen, Auferstehungen, Missgeburten und so weiter.

Sie alle sorgten bei den Menschen der Frühen Neuzeit für Angst und Schrecken, da sie als Zeichen Gottes galten, der die Menschen für ihre Sünden bestrafen und vor größerem Unheil warnen möchte,

schreibt die Volkskundlerin Michaela Hammerl.

Historikern zufolge erlebte Frankreich 13 Hungersnöte allein im 16. Jahrhundert und ungezählte davor, etwa von 1315 bis 1322.

Sogar Drucke zeugen davon, die dem, was Nostradamus in seinem Vers II, 75 beschreibt, verdächtig ähneln.

„Seltsame“/“ungewöhnliche“ Vögel als böses Omen kommen bei Nostradamus öfter vor, zum Beispiel im Vers 55 der IV. Centurie („Wenn die Krähe auf dem Ziegelhaufen sieben Tage lang schreien wird“).

Kein Wunder, denn „Pest-“ und „Sterbe“-Vögel waren seit dem Mittelalter als Vorzeichen populär.

Und dass die Formulierung „… der Mensch wird für den Menschen ein Menschenfresser sein“ mehr als nur ein wenig an den römischen Komödiendichter Plautus erinnert („homo homini lupus“), ist bei dem hochgelehrten und bibliophilen Kompilator Nostradamus (1503-1566) auch kein Zufall.

Und genau dieser Eklektizismus in Verbindung mit Nostradamus‘ enormer klassischer Bildung und der Fülle an Gegenwartsbezügen sowie antiken Versatzstücken in seinem Werk sind der Schlüssel zu den übrigen Versen, die Sky History/Welt-Online uns für 2023 präsentieren:

Die verheerende Wirtschaftskrise könnte zudem das Resultat des Ukraine-Krieges sein, der […] auch bereits der Beginn eines dritten Weltkrieges sein könnte.

Dabei handelt es sich offenbar um Vers IV, 100.

  • Jean-Claude Pfändler übersetzt:

Es hat himmlisches Feuer im königlichen Gebäude, wenn die Fackel des Krieges erlöschen wird. Während der sieben Monate des großen Krieges ist das Volk wegen des Verbrechens gestorben. In Rouen und Evreux wird man beim König nicht versagen.

  • Kurt Allgeier:

Himmlisches Feuer fällt auf den königlichen Palast, wenn das Licht des Mars erlöschen wird. Sieben Monate dauert der große Krieg. Die Leute sterben im Elend, Rouen und Evreux können dem Herrscher nicht helfen.

  • Ray Nolan:

Vom himmlischen Feuer auf das königliche Bauwerk, wenn das Licht des Mars schwächer wird, sieben Monate großer Krieg, Volk stirbt im Elend, Rouen, Evreux werden dem König nicht nachgeben.

  • Und was soll das bedeuten?

Allgeier sieht hier den Deutsch-Französischen Krieg von 1870 vorweggenommen, während Pfändler vage von einem Luftwaffenangriff auf „einen Königspalast“ und einem „Geschehen der Zukunft“ schreibt.

  • Was Nostradamus wohl meinte

Wahrscheinlich erinnert Nostradamus an die Belagerung von Rouen (Juli 1418 bis Januar 1419) im Hundertjährigen Krieg.

Die häufige Verwendung von französischen Ortsnamen in den Centurien erklärt der Nostradamus-Experte Elmar R. Gruber mit einem entsprechenden Wunsch von Verlegern oder Verehrern:

Deshalb durchforstete er geografische und landeskundliche Werke. Je mehr Regionen direkt angesprochen wurden, desto größer war der potenzielle Leserkreis.

Der „Mars“ im selben Vers …

bedeutet insofern nicht,

dass der Mensch den Nachbarplaneten endlich betreten könnte, oder aber, dass die Ansiedlungspläne auf dem Roten Planeten endgültig zum Scheitern verurteilt sind (Welt),

sondern gehört zum chronosophischen Konzept der Centurien, also einer Integration von Vergangenem und Gegenwärtigem auf astrologischer Basis.

Gruber:

Die den Planeten und ihren Chronodaten zugeschriebenen Eigenschaften und die damit korrespondierenden Geschehnisse in der Vergangenheit dienen als Grundlage für Spekulationen, wonach in der Zukunft bei ihrer Wiederkehr vergleichbare große Ereignisse und Veränderungen auftreten.

Bei seinen chronosophischen Ansätzen orientierte sich Nostradamus vor allem an dem Kanoniker und Okkultisten Richard Roussat – was auch einen weiteren Vers erklärt, den Sky History für 2023 als „Verschärfung der Klimakrise“ ausgibt und der auf Deutsch nicht bei Welt-Online, aber via Twitter oder bei maennersache.de kursiert:

In Wahrheit ist dieser Vers I, 17 mit dem Regenbogen (Arc du Ciel) und den 40 Jahren (quarante ans) ein Zitat aus Roussats „Livre de l’Etat et mutation des temps“ von 1550 („Buch über den Zustand und die Veränderung der Zeiten“, Seite 137):

Diese Schrift handelt von Planetenkonjunktionen, Zyklen, Zeichen und Referenzen, die Roussat, Nostradamus und ihre Zeitgenossen sowie davor Pierre d’Ailly für die Einordnung vergangener und gegenwärtiger Ereignisse heranzogen.

Dass Nostradamus aber nicht nur „astrophile“, sondern auch „bibliophile“ (Roger Prévost) war, zeigt Vers I, 57, der von Sky History auf „wachsende zivile Unruhen“ in 2023 hingebogen wird:

Die Trompete erschüttert mit großem Unfrieden. Ein gebrochenes Abkommen: das Gesicht zum Himmel heben: der blutige Mund wird mit Blut schwimmen

Auch hier weist Nostradamus lediglich sein humanistisches Gelehrtentum aus, indem er das „Satyricon“ des römischen Politikers und Schriftstellers Titus Petronius paraphrasiert.

In diesen Versen 270 bis 280 („Trompete“, „Zwietracht“, „blutiger Mund“ etc.) geht es um den Krieg zwischen Cäsar und Pompeius:

Als weitere Quelle stand Nostradamus das Buch „De honesta disciplina“ (1504) von Crinitus zur Verfügung, in dem sich auf Seite 202 diese Passage ebenfalls findet:

Intremuere tubae, ac scisso Discordia crine …

Dass diese literarischen Anspielungen ein gebräuchliches Stilmittel waren, zeigt auch Nostradams‘ ältester Sohn Cesar in seiner „Geschichte und Chronik der Provence“ von 1614, in der er mehrfach Bezug auf seinen berühmten Vater nimmt und auf Seite 979 ein ähnliches poème wie Vers I, 57 einschiebt:

Wir können es gut mit dem Dichter sagen: „La trompette a sonné, on a veu la discorde …“

Am Ende des Welt-Artikels heißt es dann:

Aber es gilt nach wie vor: kein Grund zur Panik. Nostradamus blieb immer ziemlich vage.

Ja – aber schlicht deswegen, weil er ein orakulärer Poet war.

Nichts mehr.

Zum Weiterlesen:

  • Nostradamus und seine Schreckensprophezeiungen für das Jahr 2022, GWUP-Blog am 15. Januar 2022
  • Prognosen 2022: Die Queen ist tot, die Hellseher hatten recht, GWUP-Blog am 15. Dezember 2022
  • Nostradamus: Abschied vom Propheten, Skeptiker 3/2016
  • Teil 2: Ein Mausoleum ist kein Papst und ein Berg kein Heißluftballon, Skeptiker 4/2016

9 Kommentare

  1. Daran wird sich wohl nichts ändern, solange Leute wie Dendl und Dimde von den Medien als Nostradamus-„Experten“ befragt werden:

    https://www.infranken.de/ratgeber/wissenschaft-forschung/nostradamus-prophezeiung-fuer-2023-kommt-es-zum-dritten-weltkrieg-art-5568282

  2. @Martina:

    Nun ja, anscheinend zitiert „infranken“ ernsthaft einen Artikel von 2003, ohne eigene Recherche dazu:

    https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/nostradamus-visionen-zwei-brueder-zerrissen-von-chaos-a-277981.html

    Trotzdem bleibt das Unsinn, was die beiden Herren da erzählen, z.B.

    „Das war aber wohl nur ein Zufallstreffer“, meint Dendl.

    Nö, das war überhaupt kein „Treffer“:

    https://blog.gwup.net/2016/07/02/entschlusselt-die-prophetische-visitenkarte-des-nostradamus-der-turniertod-von-heinrich-ii/

  3. Kurze Google-Suche zu Sky History:

    The new season of #StrangestThings is finally here! Get ready for a wild ride through history as we explore some of the most perplexing artefacts ever discovered. Were these objects used for good or for bad?

    Medieval monarchs often ran onto the battlefield as much as they ruled their kingdoms ⚔️ Meet the warrior-kings who fought in some the most savage battles imaginable.

    If you saw any of these armies coming at you across the battlefield, run the other direction! Meet the most feared and notorious factions of war.

    Okeeee ….. *Mülldeckel auf, Sky History rein, Mülldeckel zu*

  4. Also ich hatte in der Realschule einen Religionslehrer von Klasse 7 bis 9, der war: Wünschelruthen Fuzzi. Aura „Fühler“

    Pendelte, ober der Stecker für den Projektor richtig in der Steckdose steckt, weil der sonst strahlt oder so. Hat dauernd von Nostradamus erzählt. Müalhiasl, Irlmaier, etc. durften auch nicht fehlen.

    Hielt dieses Sch… Buch „3. Weltkrieg 1986″ für wahr. und und und. Zitat vom Lehrer in der 10: Ihr hattet Stefan S. von der 7. bis zu 9., Ihr seid das. Da kann ich auch nichts mehr reparieren.“

    Ich hab meinen Teil weg und wenn ich Nostradamus, Irlmaier, Müalhiasl höre, schwanke ich zwischen Brechreiz und Lachkrampf.

  5. Existiert vielleicht irgendwo eine wohlaufbereitete Sammlung, welcher der nostradamischen Verse schon für was alles an Prognose herhalten mußte? Immerhin ist 942 ja eine ziemlich endliche Zahl, da sind doch Rezyklate unvermeidlich mit ihren Quack-demaskierenden Nebenwirkungen.

  6. @rolak:

    Ich kenne zumindest keine. Wäre aber durchaus mal eine lohnende Aufgabe – mein „Nostradamus“-Buch bei Alibri ist eh völlig veraltet und müsste dringend mal neu gemacht werden.

  7. kein

    wzbw – allerdings der melancholische Antagonist des lokalisierten qed: was zu befürchten war.

    müsste dringend mal neu gemacht werden.

    Dann schon mal viel Erfolg – – *wechselt in WarteModus* 😉

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