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Interview mit Natalie Grams: „Kein Tag ohne Hass“

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Heute gibt’s in der Süddeutschen Zeitung (30. April/1. Mai) ein Interview mit Dr. Natalie Grams:

Ein Auszug:

Auf was müssen Sie verzichten, seit Sie nicht mehr Homöopathin sind?

Grams: Auf die einfachen Antworten auf viele komplexe Fragen. Manchmal denke ich, wie es wäre, hätte ich im Hausapothekchen meiner Homöopathika ein Mittel gegen Corona, das würde mir viel Zuversicht spenden. Die positive Zusatzoption, das war schon ein schönes Gefühl. Aber eben auch nur ein Gefühl.

Jede Krise bringt Heilsversprechen hervor, Leute, die Wundermittel propagieren. Wie ist das in Zeiten von Corona?

Da sind gerade viele Heilpraktiker, Alternativheiler und Impfgegner unterwegs. Homöopathen, darunter auch bekannte, haben Empfehlungen herausgegeben, welche Globuli in welcher Potenz als Prophylaxe schützen sollen.

Etwa Arsenicum album, was eigentlich ein Gift ist, das eingesetzt wird bei großer Abgeschlagenheit, Schwäche, Fieber – also eigentlich ein Allgemeinplatz. Trotzdem war es in Deutschland angeblich vorübergehend ausverkauft. Auf homöopathischen Foren wurde sich darüber ausgetauscht, wo man es noch bekäme.

Mir fiel auch auf, dass oft kurz vor einer Merkel-Rede im Fernsehen Werbung geschaltet wurde für das banale Erkältungsmittel eines Homöopathie-Herstellers. Und es gab Verlautbarungen, dass gegen Covid-19 Genius-Epidemicus-Medikamente helfen.

Genius was?

Mittel aus den Anfängen der Homöopathie. Im 18. Jahrhundert gab es ständig Seuchen wie Typhus oder Cholera, und man hat dann nicht anhand der Symptome des Patienten, sondern „der Epidemie“ herausgearbeitet, was das Wesen einer Epidemie ist, der „Genius Epidemicus“.

Gerade haben Sie auf Twitter angekündigt, wieder als Ärztin arbeiten zu wollen. Lag das an den Anfeindungen, denen Sie als Kritikerin der Alternativmedizin ausgesetzt waren?

Ich erlebe keinen Tag ohne Hass. Ich kann nicht mehr so ohne Weiteres auf die Straße und lebe unter verborgener Adresse. Das geht an die Substanz, klar, ist aber nicht der entscheidende Punkt. Ich war immer gerne Ärztin und gerade in dieser Krise möchte ich es nun wieder sein.

Zum Weiterlesen:

  • Interview mit Natalie Grams: „Die Kassen sollten dafür nicht mehr aufkommen“, SZ+ am 29. April 2020
  • Video: Globuli und andere Corona-„Wundermittel“, GWUP-Blog am 29. April 2020
  • Faktencheck: Covid-19 – Zustimmung zu Homöopathie-Einsatz gilt nur eingeschränkt, dpa am 29. April 2020
  • Der zwickende Aluhut, Onkel Michael am 29. April 2020
  • Leser fragen: „Warum veröffentlichen Sie Falschaussagen zur Homöopathie?“ Tagesanzeiger am 28. April 2020
  • Corona-Mythen A-Z: „Homöopathie / Spanische Grippe / Cholera“

2 Kommentare

  1. „Ich kann nicht mehr so ohne Weiteres auf die Straße und lebe unter verborgener Adresse.“

    Unfassbar, daß es ihr so ergeht. Beinahe wie Salman Rushdie. Beschämend.

  2. Es hat der Sache gewiss gedient, dass sich Frau Grams und alle anderen Protagonisten nicht allzu häufig über die Beschimpfungen, Verleumdungen und Drohungen geäußert haben, denen sie fortgesetzt ausgesetzt sind. Öffentlich eine Opferrolle einzunehmen, vermindert die Zustimmungswerte der eigenen Position. Die Stamina, die man dafür braucht, ist allerdings bewunderungswürdig.

    Schade ist, dass nicht häufiger reingegrätscht… pardon: derjenige im Satz unterbrochen wird, wenn mal wieder vom „erbitterten Glaubenskrieg um die Homöopathie“ schwadroniert wird. Alles das, „Erbitterung“, „Glauben“, „Krieg“, findet zu 100% auf der anderen Seite statt, wenn man von ein paar Witzchen absieht, die psychohygienisch absolut notwendig sind.

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