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Verschwörungstheorien: Was ist eine legitime wissenschaftliche Position und was ist Nonsens?

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Update vom 11. April: „Verschwörungstheorien: Datenlücken und Unsicherheiten sind Fakt – gezielte Komplotte und Marionetten nicht“

Ein Gutes mag die „Infodemie“ in Zeiten der Coronakrise haben: Verschwörungstheorien sind praktisch in allen Medien präsent – und vielleicht hört auch der eine oder andere mal hin, den das Thema bislang wenig interessiert hat.

Viele Kolleginnen und Kollegen scheinen sich an unserem „FAQ für Journalisten, Aufklärer und Interessierte“ zu orientieren, zum Beispiel die Mittelländische Zeitung:

Das freut uns.

Was gibt’s Neues? Zunächst möchten wir auf den Artikel

COVID-19: Eine günstige Gelegenheit für autoritäre Staaten

beim Whistleblower-Netzwerk aufmerksam machen.

Denn natürlich ist es keine Verschwörungstheorie, dass Staaten auf verschiedene Weise versuchen, während der Coronakrise autoritäre Strukturen aufzubauen und Demokratie zu schwächen – nicht nur Viktor Orban in Ungarn.

Wer sich speziell für diesen Punkt interessiert, kann zum Beispiel den „COVID-19 DemocracyWatch“-Newsletter von openDemocracy abonnieren.

Der Unterschied zwischen seriöser Kritik an den aktuellen Maßnahmen (zum Beispiel gestern bei Spiegel-Online und Zeit-Online) besteht unter anderem darin, dass der Verschwörungsgläubige davon ausgeht, hinter der Corona-Krise stecke ein kohärenter Plan, mit dem sinistre Ziele und Absichten („Bargeldabschaffung“, „Totalüberwachung“ etc.) durchgesetzt werden sollen.

Darauf weist Prof. Michael Butter in diesem Gespräch für den Youtube-Kanal „Politikstunde“ der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hin:

Es ist völlig legitim zu sagen, wir müssen jetzt aufpassen, dass diese Einschränkung der Grundrechte, die wir gerade erfahren, irgendwann zurückgefahren wird, dass das kein Einfallstor wird für irgendwelche Kräfte in der Wirtschaft, aber auch in der Politik und im Polizei- und Sicherheitsapparat. Das ist wichtig, das zu kritisieren und eine Stimme dagegen zu sein.

Nur man darf diese Kritik nicht delegitimieren dadurch, dass man sie in eine Verschwörungstheorie einpackt, zum Beispiel „Die haben diese Coronakrise nur verursacht, um das alles durchzukriegen.“

In dem Moment, wo man der Überzeugung ist, das ist alles geplant worden, es gibt diese eine Gruppe, die das in Gang gesetzt hat, um dieses und jenes Ziel zu erreichen, dann hat man die Grenze zur Verschwörungstheorie überschritten.

In einem Interview mit Zeit-Online führt Butter weiter aus:

Etwa in dem Fall von Wodarg, dass die wissenschaftlichen Fakten gezielt verdreht werden, um ein größeres Ziel zu erreichen. Fast jeder zweite Artikel auf den einschlägigen Seiten kommt am Ende immer zu der entscheidenden Frage: Wer steckt dahinter? Wem nützt die Corona-Krise? Es geht immer darum, die eigentlichen Drahtzieher zu identifizieren.

Der Tübinger Kulturwissenschaftler äußert sich auch zu der durchaus schwierigen Frage, ob einschlägige „Alternativmedien“ pauschal als Quelle abzulehnen sind, selbst wenn sie hier und da auch mal mit glaubwürdigen Gästen und Informationen aufwarten?

Ja, meint Butter:

Problematisch wird es, wenn diese Positionen von Plattformen wie Rubikon, KenFM oder auch von dem aus Russland gesteuerten Sender Russia Today aufgegriffen und ins eigene Narrativ eingebaut werden […]

Zum Beispiel die Virologin Karin Mölling, eine emeritierte Professorin am angesehenen Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin. Sie hält die strikten Maßnahmen wie das weitreichende Kontaktverbot für übertrieben. Das ist eine legitime wissenschaftliche Position.

Aber Frau Mölling hat dazu KenFM ein Interview gegeben. Auf dieser Internetseite wurde schon behauptet, die Massenmedien seien von Zionisten unterwandert oder die Flüchtlingskrise sei bewusst gesteuert und diene der „Desorganisation“ Deutschlands. Auch zu Corona werden dort seit Wochen Verschwörungstheorien verbreitet.

In so einem Kontext werden Frau Möllings Äußerungen offensichtlich Teil dieser Verschwörungstheorien. Das hätte ihr klar sein müssen.

Als weitere Kennzeichen einer Verschwörungstheorie nennt Butter (in dem Video) eine selektive Pseudoskepsis, die zum Beispiel „die Mainstream-Medien“ unter Generalverdacht stellt, aber jedes Facebook-Gerücht begeistert weiterstreut.

Und nicht zuletzt die Phrase „Cui bono“, mit der Verschwörungsgläubige ganz selbstverständlich vom Profiteur eines Ereignisses auf den Verursacher schließen. Würde das stimmen, müsste wohl Lieferando hinter der Coronakrise stecken.

Die gute Nachricht: Butter ist davon überzeugt, dass Aufklärung wirkt. Deshalb hier noch ein paar weitere Hinweise:

Belltower News gibt Tipps, wie man im persönlichen Nahfeld mit Fake News und Verschwörungstheorien umgeht, „ohne die Menschen vor den Kopf zu stoßen“.

profil hat einen Podcast mit dem Wiener Skeptics in the Pub-Referenten Claus Oberhauser eingespielt (zirka zwölf Minuten).

Allerdings ist die Tonqualität miserabel und der Inhalt auch nicht so wirklich erhellend. Warum zum Beispiel ein Youtube-Video per se unglaubwürdig sein soll (was ist etwa mit der bpb-Politikstunde?) oder warum auch Mediziner derzeit Fake News und Verschwörungstheorien verbreiten, bleibt unklar.

Neben der Videoreihe „Politikstunde“ hat die bpb ebenfalls zwei Podcasts produziert:

Rathje erkärt, dass es neben der rechten Propagandamaschine auch linke Corona-Verschwörungstheorien gibt, die

… in einer antiimperalistischen Deutung zum Beispiel antiamerikanisch argumentieren, indem sie behaupten, dass das Coronavirus eine Waffe „der Imperialisten“ sei, um die ganze Welt weiter zu verknechten.

Lamberty betont, dass Verschwörungstheorien zwar zur Komplexitätsreduktion und Selbstaufwertung beitrügen, aber dennoch keine sinnvolle Krisenbewältigung darstellen, weil sie letztendlich noch ängstlicher machen.

Das berichten in der Tat auch Aussteiger aus dieser Szene.

Zum Weiterlesen:

  • Pandemie-Management: Meinungen am Rande des Mainstreams, pharmazeutische zeitung am 30. März 2020
  • Wie Corona-Fake-News in Nigeria Leben gefährden, Zeit-Online am 1. April 2020
  • Neonazis und Corona: Zwischen Verschwörungstheorien und Nachbarschaftshilfe, Störungsmelder-Blog am 1. April 2020
  • Faktencheck & Kommentar zu diesem Corona-Verschwörungsmythos, volksverpetzer am 1. April 2020
  • Abrechnung: Xavier Naidoo ist endgültig in der rechten Verschwörungsszene angekommen, volksverpetzer am 1. April 2020
  • Desinformation und Corona-Fake-News: Behörden haben RT Deutsch im Visier, Belltower News am 26. März 2020
  • Das musst du wissen, um Fake News zu verstehen, perspective daily am 16. März 2017
  • GWUP: Corona-Mythen A-Z

12 Kommentare

  1. Es gibt meiner Ansicht nach ein durchaus deutliches Merkmal, das tatsächlich reguläre („wissenschaftsorientierte“) Skepsis stark von „Verschwörungstheorien“ (die im hier gemeinten Sinne eben keine „Theorien“ sind, sondern „Mythen“ oder besser „Fakes“) unterscheidet:

    „Verschwörungsfakes“ bestehen in aller Regel aus einer Aneinanderreihung („Gish Gallop“) irgendwelcher Sachstände, die bestenfalls teilweise durch reale Belege unterfüttert sind und für deren *Zusammenstellung* als behaupteter Sachverhalt genau *keine* Belege irgendwelcher Art vorliegen.

    Die semantische Figur der Behauptung folgt dabei immer der Regel, irgendetwas „sei der Fall“ – also im Sinne einer „ist“-Behauptung. Das gilt auch (vielleicht sogar „besonders“) für diejenigen, die angeben, sie „stellten ja nur (legitime) Fragen“.

    Denn damit ihre „Fragen“ irgendeinen vermittelbaren Sinn ergeben müssen sie aus einem Framing heraus gestellt werden, das wiederum eine „Ist“-Annahme/Behauptung voraussetzt – die Verkleidung als „Frage“ ist nur ein rhetorischer Trick.

    Sowohl bei den behaupteten Hauptelementen, aber vor allem bei den fabrizierten Verbindungen zwischen den Elementen fehlen in aller Regel Belege für die „Ist“-Behauptung.

    Zu allermeist ist es auch so, dass es noch nicht einmal eine Möglichkeit oder wenigstens eine Chance gibt, Belege beizuschaffen (was dann wiederum „klassisch“ zu der Behauptung führt, daran könne man erkennen, wie überaus raffiniert und verdeckt die behaupteten „Verschwörer“ vorgehen).

    Die radikale Beleglosigkeit vieler Teile eines Verschwörungsfakes und vor allem der behaupteten Zusammenhänge ist für mich das wesentliche Element. Kein wissenschaftsorientierter Skeptiker könnte oder würde es wagen, dermaßen beleglos zu behaupten.

    Würde er dies tun (jeder versteigt sich mal…), müßte er/sie entweder aufgrund Gegenargumenten zurückrudern oder es katapultiert ihn/sie nahezu endgültig aus jedwedem (zukünftigen) Diskurs.

  2. Heute im Monitor-Magazin um 21.45: „Alternative Fakten“ zu Corona: Das Netzwerk der Verharmloser und Verschwörer“.

    Offenbar mit allem, was Rang und Namen hat: Wolfgang Wodarg, Rolf Kron, Klagemauer.tv, Wissensmanufaktur, KenFM oder SchrangTV.

    Muss ich gucken! Auch hier: https://www.tagesschau.de/investigativ/monitor/corona-verschwoerungstheorien-101.html

  3. @Michael Fischer:

    Ich hatte ein Telefoninterview mit denen, aber keinen Dreh.

  4. @Michael Fischer

    Danke für den Hinweis.

  5. Die Corona-Epidemie verschafft Scharlatanen und Verschwörungstheoretikern mehr Publikum:

    https://www.nzz.ch/international/corona-epidemie-fake-news-florieren-weltweit-ld.1549660

  6. „In anderen Ländern haben Personen Bleichmittel getrunken, weil das angeblich gegen das Virus immun mache!“ (Neue Zürcher Zeitung).

    Du meine Güte.

    Erschreckend!

  7. @Pierre Castell:

    Wieso „in anderen Ländern“?

    Diese Leute attackieren z.B. auch unseren „MMS“-Eintrag in unserem Corona-Mythen-Lexikon:

    https://twitter.com/monikakreusel/status/1244383783194943490

  8. Inmitten der Corona-Krise blühen Verschwörungstheorien – vermeintliche Expertenaussagen sollen beweisen, dass etwas anderes hinter der Pandemie steckt. Das ARD-Magazin Monitor hat einige Thesen hinterfragt:

    https://www.tagesschau.de/investigativ/monitor/corona-verschwoerungstheorien-101.html

  9. Vitamin C und Corona!

    Der junge Mann würde sich sein Geld vielleicht sparen wollen, wenn er hier mal öfter reinschauen würde:

    https://www.express.de/koeln/alles-gaga–koelner—ich-lasse-mir-vitamin-c-spritzen—gegen-corona—36514766

  10. @Pierre Castell:

    Ach je – ja, das haben wir bei den „Mythen“ gerade erst upgedated.

  11. „…wenn er HIER mal öfter reinschauen würde!“

    Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Damit meine ich natürlich nicht den „Express“-Online-Artikel, sondern den Blog der Skeptiker.

    Manchmal sind meine Finger an der Tastatur leider ein wenig zu schnell…

  12. Pingback: Coronakrise: Den demokratischen Diskurs zur Frage „Wie weiter“ initiieren! – Gesundheits-Check

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