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Homöopathie gehört nicht in die Hand von Ärzten, die Globuli gegen Covid-19 empfehlen

| 24 Kommentare

„Was wirklich wirkt“ von Natalie Grams erklimmt die Charts.

Sowohl im Buchreport beziehungsweise der Spiegel-Bestsellerliste als auch im Börsenblatt ist der neue Ratgeber platziert.

Heute Abend (Donnerstag, 27. Februar, 18:27 Uhr) ist Natalie Grams zu Gast im rbb-Fernsehen.

Wie notwendig Aufklärung nach wie vor ist, zeigt ein Meinungsartikel des renommierten Journalisten Alan Posener, der vor einigen Tagen bei Welt+ erschienen ist.

Posener stellt klar, dass er Homöopathie für „unwissenschaftlichen Quatsch“ hält und ihre Grundannahmen „vorwissenschaftlich“ seien – „um es vorsichtig auszudrücken“.

Und doch unterliegt der britisch-deutsche Autor einem entscheidenden Denkfehler:

Gerade deshalb muss Homöopathie eine Kassenleistung bleiben. Besser, die Nachfrage wird von Ärzten mit solider Ausbildung bedient als von Scharlatanen.

Offenbar kann Posener sich einfach nicht vorstellen, dass es tatsächlich promovierte Mediziner in Deutschland gibt, die zutiefst von einer spezifischen Wirkung ihrer Globuli überzeugt sind. Er schreibt:

Wer eine Erkältung mit Globuli bekämpft, schadet sich und anderen nicht; aber wenn das indische „Ministerium für Ayurveda, Yoga, Naturheilkunde, Unani, Siddha und Homöopathie“ (Ayush) zur Vorbeugung gegen das Coronavirus die Einnahme von Arsenicum album 30 (einmal täglich auf leerem Magen, drei Tage lang) empfiehlt, wird es gemeingefährlich.

Wenn deutsche Homöopathieblogs begeistert diese Empfehlung „des indischen Gesundheitsministeriums Ayush“ weitergeben, ohne zu erklären, welche Rolle das Ayush-Ministerium für die regierenden Hindu-Nationalisten spielt, und ohne darauf hinzuweisen, dass kein Mediziner in Deutschland einen solchen Rat geben würde, dann handeln sie verantwortungslos.

„Kein Mediziner in Deutschland“?

Das ist ein fataler Irrtum. Natürlich gibt es solche „Mediziner“, auch wenn sie diesen Titel ad absurdum führen:

Und auch solche, die den Ayush-Nonsens ungefiltert an Patienten weitergeben:

Manche Apotheken tun übrigens dasselbe.

Posener ist der (leider naiven) Überzeugung, dass ein Arzt …

… genau wissen [wird], wann die Grenzen der Homöopathie erreicht sind.

Nicht nur bei Twitter-Hashtags wie #globuleaks oder #Globukalypse wird Tag für Tag das Gegenteil dokumentiert.

Unvergessen bleibt auch die Einlassung des DZVhÄ-Ehrenvorsitzenden Dr. Karl-Heinz Gebhardt in der SWR-Doku „Homöopathie – Heilung oder Humbug?“, der davon faselt,

… mit der Homöopathie allein auch zum Beispiel Metastasen zurückzubringen und einen Zustand zu erreichen, den ich jetzt nicht als Heilung bezeichnen möchte, aber wo die Lebensqualität erhalten bleibt und wo der Tumor von einem Raubtierkrebs zu einem Haustierkrebs wird.

Und deshalb kann man sich eben nicht auf die so schön „tolerant“ klingende Haltung zurückziehen, dass Globuli einfach bloß ein nützliches Placebo in der Hand von „erfahrenen“ Ärzten sind, wie Natalie Grams auch in einem aktuellen Brigitte-Interview erklärt:

Es wäre kein Problem, wenn es hieße: „Das ist der Placeboeffekt, den nutzen wir auf besondere Weise, und wer davon profitieren möchte, kann das auf eigene Verantwortung bezahlen und anwenden.“

Stattdessen wird aber darüber hinaus gesagt: Das ist spezifisch wirksam, akute und chronische Erkrankungen werden so schnell, sanft, dauerhaft – angeblich ganzheitlich – geheilt.

Homöopathie wird von den Krankenkassen bezahlt, sie wird an Universitäten gelehrt, Ärzte und Apotheken bieten sie an. Das verleiht der Methode eine Seriosität, die durch keine gute medizinische Studie so legitimiert ist, sondern nur durch den gewachsenen Glauben daran.

Und das ist eben nicht harmlos.

Von „Ärzten“, die bei Homöopathiekritik völlig ausrasten und jedwede medizinisch-wissenschaftliche Redlichkeit ablegen, gar nicht erst anzufangen.

Zum Weiterlesen:

  • Globuli auf Rezept verbieten? Das wäre der falsche Weg, Welt+ am 17. Februar 2020
  • Covid-19: Wie sich die Infektion in Deutschland ausbreiten könnte, spektrum am 26. Februar 2020
  • Kinderarzt zum Corona-Virus: „Was mir Sorge bereitet, ist die Hysterie“, Süddeutsche am 27. Februar 2020
  • Coronavirus: „Wenn sich möglichst viele an diese Ratschläge hielten, wäre schon viel erreicht“, Welt-Online am 27. Februar 2020
  • Ab heute im Buchhandel: „Was wirklich wirkt“ von Natalie Grams, GWUP-Blog am 18. Februar 2020
  • Hilft es oder wirkt es? Natalie Grams im Deutschlandfun, GWUP-Blog am 23. Februar 2020

24 Kommentare

  1. Passend zum Thema:

    Wie die „Homöopathen ohne Grenzen“ weltweit Menschen in Gefahr bringen

    https://www.vice.com/de/article/y3mqgb/homoopathie-homoopathen-ohne-grenzen-globuli-gefahr

  2. Es gibt in der englischen Ausgabe (2019) von Natalie Grams‘ Buch „Homöopathie neu gedacht“ („Homeopathy reconsidered) ein Zusatzkapitel (das auf jeden Fall auch in weitere deutsche Auflagen gehört). Darin beschreibt Dr. Grams ihren persönlichen Erkenntnisfortschritt auch noch nach dem ersten Erscheinen des Buches im Jahre 2015.

    Ich erlaube mir, hier in meiner Übersetzung einen Abschnitt zu zitieren, der genau das Thema der „Patientensicherheit durch ärztliche Homöopathen“ behandelt.

    „Und noch einen weiteren Aspekt sehe ich heute mit größerer Schärfe, als mir das im Rahmen meines Ablösungsprozesses von der Homöopathie möglich war: Das Gefahrenpotenzial in der Homöopathie.

    Ich habe seinerzeit wie selbstverständlich darauf vertraut, dass die homöopathischen Therapeuten, namentlich die Ärzte unter ihnen, in aller Regel wirklich ihre und die Grenzen der Methode kennen und sich stets der wissenschaftlichen Grundlagen ihrer Profession bewusst sind und diese einzusetzen wissen.

    Viele, allzu viele Erfahrungen und Berichte haben mich leider dahin gebracht, dass ich daran ernsthaft zweifle. Das Bild ist dunkler, als ich es früher wahrgenommen habe. Es ist aber auch einsichtig: Wer als Therapeut wirklich an die spezifische Wirksamkeit der Homöopathie „glaubt“, der ist auch nicht davor gefeit, Grenzen zu überschreiten, jenseits derer von einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Patienten keine Rede mehr sein kann.

    Er unterliegt damit als Therapeut genauso, wenn nicht stärker als der Patient, dem confirmation bias, dem Fehler, nur Aspekte wahrzunehmen und hoch zu bewerten, die die eigene Ansicht stützen. Ich habe es bei mir selbst erlebt.

    Und leider ist bei Homöopathen so gut wie nie die Einsicht anzutreffen, dass Einzelerfahrungen – auch nicht die einer umfangreichen Praxis und mehrerer Jahrzehnte des Praktizierens – wertlos für einen Beweiswert im wissenschaftlichen Sinne sind – eine wissenschaftstheoretische Trivialität, eigentlich.“

    Herr Posener hätte sich schlicht sachkundiger machen müssen.

    Beispiele gibt es genug.

  3. „Homöopathie gehört nicht in die Hand von Ärzten, die Globuli gegen Covid-19 empfehlen“

    Ich fürchte, ich hätte es anders ausgedrückt: Ärzte, die Globuli gegen Covid-19 empfehlen, sollten sich eigentlich nicht mehr Ärzte nennen dürfen…

  4. Wegen Covid-19 herrscht ab sofort hier in der Schweiz die „besondere Lage“:

    https://www.nau.ch/politik/bundeshaus/live-bundesrat-beschliesst-besondere-lage-wegen-coronavirus-65669882

  5. Das indische Gesundheitsministerium hat seine Kollegen des AYUSH-Ministeriums äußerst energisch widersprochen, als sie mit diesem Mist um die Ecke kamen.
    https://onkelmichael.blog/2020/01/30/die-leeren-versprechen-des-indischen-ayush-ministeriums/

    Und die Homöopathie ist auch keine „Säule“ des indischen Gesundheitswesen. Gerade einmal 3% der indische Bevölkerung nutzen diesen medizinischen Anachronismus.
    https://onkelmichael.blog/2020/01/31/das-ayush-ministerium-in-indien/

    Und zum Abschluss: https://onkelmichael.blog/2020/02/13/wie-die-homoopathie-nach-indien-kam/

  6. Wegen Covid-19 herrscht ab sofort hier in der Schweiz die „besondere Lage“

    Keine Sorge, das Problem ist bereits gelöst. Nationalrat Portmann (FDP) aus Zürich empfiehlt Oscillococcinum.

    https://twitter.com/HPPortmann/status/1233425625576333313

  7. Tja, der Herr Nationalrat:

    https://www.blick.ch/news/politik/weil-er-homoeopathie-gegen-das-coronavirus-empfiehlt-sturm-der-entruestung-gegen-nationalrat-portmann-id15773951.html

    Die Österreichische Apothekenkammer bringt jede Apotheke, die Globuli gegen Corona empfiehlt, zur Anzeige beim Disziplinarrat:

    https://twitter.com/homeopathy_inh/status/1233742851286192130

    Dazu ein Thread von Natalie Grams:

    In diesen Tagen, in denen Wissenschaft, Medizin, Politik und Gesellschaft nach einer möglichst sinnvollen Lösung für #Corona und gegen seine Ausbreitung suchen, kann man gut sehen, wie sogenannte Alternativheiler vorgehen – und zum Problem werden.

  8. Nicht, daß ich behaupten würde, daß ich ein Prophet sei, aber dieser Kommentar spricht für sich ;-)
    https://blog.gwup.net/2020/01/20/homoeopathie-die-kontroverse-heute-bei-ard-alpha/#comment-144115188075926185

    Es kann wirklich sein, daß Globuli „helfen“, da die meisten Infektionen mit SARS-nCoV-2 milde bis moderat verlaufen, und dann die „Heilung“ den Zuckerkügelchen zugeschrieben wird.
    Und ja, es mag einige geben, die sagen: wenn man kein Heilmittel hat, warum sollte man dann nicht Kranke Placebos schlucken lassen – da ist was dran, das möchte ich nicht bestreiten, aber was man verurteilen sollte, ist das, daß es sogenannte Ärzte oder Homöopathen gibt, die das als wirkliche Medizin verkaufen wollen.

    P.S. Junge Menschen brauchen sich zZ keine Sorgen machen, aber Ältere (und da zählen schon 50jährige dazu) sollten sich warm anziehen…man schätzt zwar die Letalität auf 0,5%, aber in einem Land mit einer hohen Altersstruktur könnte der Wert darüber liegen…Leute, das ist kein Spaß mehr, die Zeit der Verharmlosung sollte vorbei sein…ich war mir schon seit dem 6. Januar sicher, daß dieser Virus zu einer Pandemie wird…ja, ich bin ein Hypochonder, aber spätestens als es klar war, daß auch Übertragungen während der Inkubationszeit möglich sind, war die Sache klar…leider hat unsere Regierung zu spät reagiert…immer wieder das Herunterspielen (auch von Seiten des Robert-Koch-Instituts), eine Influenza sei wesentlich gefährlicher hier bei uns, hat mich nur kopfschütteln lassen…ich möchte aber sagen, daß ich kein Fachmann bin, sondern nur ein relativ gut informierter Laie.

  9. nochmal ein PS an die Jungen und Gesunden:
    Achtet auf die, die ein Risiko haben…achtet auch auf eure Großeltern…vielleicht wäre es gut, wenn ihr die Einkäufe erledigt…verschiebt die Besuche eurer Angehörigen in Pflegeheimen…denn, wenn der Virus dort ankommt, kann er einen erheblichen Schaden anrichten.
    Nehmt das alles nicht auf die leichte Schulter, denkt an eure alten Veranden und schützt sie so gut es geht…das macht eine wirkliche Gemeinschaft aus, wenn den Schwachen geholfen wird…

  10. @RiV,
    meist du nicht daß du da etwas übertreibst?
    ja es gibt im Netz spinner die für uns die gleichen Maßnahmen wie Rußland und USA usw fordern.
    aber, ist dir bekannt wieviele menschen dann hier sterben würden wegen fehlender Medikamente? ca 80-90% der med.Produkte würden dann fehlen, denn die kommen aus China.
    Hysterie ist bei eintretenden Problemen „immer“ kontraproduktiv.
    und da ich weiß daß es fast keine Mittel gegen Viren gibt würde ich auf keinen Fall Placebos oder Globbis annehmen.

  11. Wäre es jetzt nicht auch an der Zeit nachzudenken, ob man die SkepKon im Mai absagt? Ist zwar nur eine Kleinveranstaltung, aber in Zeiten wie diesen, wo viel zu viele Menschen Corona immer noch nicht ernst genug nehmen, sollten wir als Skeptiker mit gutem Beispiel vorangehen.

  12. @noch’n Flo:

    Klar werden wir darüber nachdenken – aber sicher nicht drei Monate im Voraus die SkepKon absagen.

  13. Ärzten und Apotheken, die Homöopathie gegen schwere Erkrankungen oder als Schutz vor schweren Erkrankungen empfehlen, gehört sofort die Zulassung entzogen. Solche Leute spielen skrupellos mit dem Leben von Patienten. Alles nur, weil sie einem Irrglauben folgen. Meines Erachtens sind solche Leute inkompetent.

  14. @noch’n Flo: Also bevor das DFB-Pokal-Endspiel nicht abgesagt ist, wird nicht mal drüber nachgedacht!

    Und im Reichstag sitzen dreimal so viele Leute wie es in der Urania sein werden. Wenn der Bundestag nicht mehr zusammentritt – dann machen wir auch die Schotten dicht!

  15. @Ralf im Vollrausch

    Ich achte auch so, ohne den Covid-19, auf schwächere. Selbst mit einer schwachen Erkältung, die ich gerade fast hinter mich gebracht habe, besuche einen guten Freund von mir nicht. Wegen der Chemotherapie die er gerade über sich ergehen lassen muss. Sein Immunsystem ist da gerade schon ziemlich down. Es wäre sinnlos das noch zu verkomplizieren.

  16. Ehrlich gesagt, wäre ich nicht traurig, wenn Frau Bajic Ärger bekommt. Sie ist nicht besser als die Fake-Shops, die mit dem Virus Kasse machen wollen.

    https://www.stern.de/gesundheit/gesundheitsnews/coronavirus–lka-warnt-vor-fakeshops-im-internet-9165884.html

  17. @schmidt123

    100++!

    „Meines Erachtens sind solche Leute inkompetent“

    Nicht nur. Sie sind mE noch dazu mindestens ignorant (ok, nicht strafbar) UND verhalten sich dabei/damit kriminell (dann doch strafbar) !!1elf!

  18. Zitat diabetiker:
    „@RiV,
    meist du nicht daß du da etwas übertreibst?“

    Nein…und ja, es werden auch Tote geben durch medizinische Unterversorgung (durch die aufkommende Patientenschwemme) und auch durch Lieferengpässe bei lebenswichtigen Medikamente (sozusagen ein Kollateralschaden)

    Man darf nicht vergessen, daß der Erreger ein enger Verwandter des SARS-Virus/MERS-Virus ist und was ist, wenn er biphasisch ist, daß heißt, daß erst die Infektion milde verläuft und auch fast zum Stillstand kommt und erst später, wenn der Erreger in die Lunge eingedrungen ist zu schweren Verläufen führt, denn da liegt wirklich die Stärke eines SARS-Coronavirus, es gibt Fälle in China und auch einen gut dokumentierten Fall in Japan, bei der eine Frau, nachdem sie negativ getestet wurde, wieder Symptome aufwies.

    Eines sollte klar sein, dieser Erreger ist keine „Grippe“, sondern ein unbekannter neuer Erreger und so sollte er auch bewertet werden – als potentiell gefährlich…

    und wir können froh sein, wenn er relativ harmlos sein sollte…

  19. Wer Globuli vorbeugend gegen das Corona-Virus gibt, also bei Gesunden, müsste der nicht Corona-ähnliche Beschwerden auslösen? An wie vielen Personen wurde das getestet?

    Und was die Behandlung von Corona-Patienten angeht: Es gibt wohl kaum einen Homöopathen, der einen solchen Patienten hat.

    Frau Bajic zeigt einmal mehr, was Homöopathie nur allzu oft ist: ein zynisches Geschäft mit der Angst.

  20. Hier mal eine realistische Einschätzung, die ich zu 100% teile:
    https://www.heise.de/tp/features/Coronavirus-Europa-planlos-4678285.html
    …und „heise“ ist kein Panik-Blättchen…
    wer es immer noch lächerlich findet, daß China so rigorose Maßnahmen ergriffen hat, dem wird bald das Lachen im Halse stecken bleiben…leider gibt es noch sehr viele in Deutschland, die Covid-19 als ein einfachen Schnupfen ansehen…dem ist leider nicht so…

  21. @Bernd Harder
    Zum Artikel: Ja, die Letalität und auch die Anzahl schwerer Fälle mag relativ gering sein, aber die Infektiosität von SARS-CoV-2 ist erschreckend hoch und schnell…unglaublich schnell…das hätten viele Fachleute nicht für möglich gehalten und das impliziert auch drastische Maßnahmen…die Zeit der Verharmlosung ist endlich vorbei…jetzt heißt es handeln! – auch wenn es weh tut!…den „Katzenjammer“ können wir nach der Pandemie pflegen…falls es uns dann noch danach ist…

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