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Gemeingefährliche Impfgegner in der FAZ – und ein offener Brief an den Vergangenheitsverklärer Peter Millowitsch

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Gestern in der FAZ (auch im Bezahlangebot von FAZ+ und bei Blendle):

Ähnlich wie in der GEO-Titelgeschichte vom März besuchen die Autoren verschiedene Impfgegner-Stammtische sowie Personen/Institutionen, die gegen die dort verbreiteten Falschmeldungen angehen:

Es dauert nicht lange, bis eine Teilnehmerin ausspricht, was Impfungen für sie wirklich sind: „Völkermord“. Die junge Frau mit den strohigen, kinnlangen Haaren ist fünffache Mutter und arbeitet als Krankenschwester. Als eines ihrer Kinder einen kreisrunden Hautausschlag bekam, gab es für sie nur eine mögliche Diagnose: Impfschaden. Dass die Kinderärzte in ihrem Ort das anders sahen, ist ihr egal, die seien ohnehin „alle eine Katastrophe“.

Die beiden Männer in der Runde nicken verständnisvoll. Der eine, Physiker und selbst Vater, kann einen anderen Kinderarzt empfehlen – einen, der kein Wort darüber verliert, wie schwer eine Maserninfektion verlaufen kann. Ihm gegenüber sitzt in verblichener Jeansjacke ein Mann, der in den siebziger Jahren mal Medizin studiert habe, wie er sagt, und der sich sicher ist, was Impfungen alles auslösen können: Allergien, Diabetes, Autoimmunkrankheiten, Autismus, Leukämie, Koma, Tod – alles hätte man schon gehört.

Die Wortführerin der Runde, eine ältere Frau mit weißen Locken, sagt, die impfkritische Bewegung gewinne ständig an Zulauf, mit den Anfragen komme sie gar nicht mehr hinterher. Mit weit aufgerissenen Augen und gespitzten Lippen schwört sie die Gruppe auf den Kampf ein: Wir Impfgegner gegen die Politik, die Medien, die Ärzte, die Pharmalobby.

Aufklärung kommt von Dr. Christoph Seeber, Philipp Schmid und Cornelia Betsch:

Die Art, wie in den Medien über Impfgegner berichtet werde, ist aus der Sicht der Psychologin [Betsch] ein weiteres Problem. In Diskussionsrunden würden die Verhältnisse nicht einmal ansatzweise korrekt abgebildet, wenn ein Impfgegner mit einem Impfbefürworter diskutiert – denn die Gegner sind eine kleine Minderheit, schätzungsweise nur etwa zwei Prozent der Deutschen zählen dazu.

Zudem werde überhaupt zu viel über Impfgegner und ihre Thesen berichtet, kritisiert Betsch.

Stimmt. Auch dort, wo man es gar nicht vermutet – zum Beispiel in der aktuellen Peter-Millowitsch-Kolumne im Kölner Express:

Wenn jemand in meiner Familie Mumps oder die Masern hatte, bekam das erst eine meiner Schwestern oder ich und der steckte dann die Geschwister an. Ich genoss das sehr, denn ich fühlte mich nicht richtig krank, durfte essen was ich wollte und brauchte nicht in die Schule.
Nach vier Wochen war die Familie durch und alle Kinder bis ans Ende ihres Lebens immunisiert.

Ich verstehe nicht, warum da heute so ein Theater drum gemacht wird mit Zwangsimpfung. Hat das vielleicht damit zu tun, dass unsere Zeit zur Hysterie neigt? Dass aus jeder Mücke ein Elefant gemacht wird nach dem Motto: Only bad news are good news? Mag sein.

Wirklich?

Eine Gegenrede zu der kitschigen Vergangenheitsverklärung des Sohnes von Willy Millowitsch erreichte uns heute aus Köln von unserem Kommentator Pierre Castell, der wir gerne Raum geben.

Ein Gastkommentar von Pierre Castell

Den Schauspieler Peter Millowitsch kenne ich als einen klugen und intelligenten Menschen, der stets wachsam und kritisch durchs Leben geht. In seinem Beruf als ehemaliger Leiter des privaten Millowitsch-Theaters empfand ich ihn als fleißigen Arbeiter und Perfektionisten. Vor Jahren begegnete ich ihm auf einer V.I.P.-Veranstaltung. Er war dort als Gast. Ich war bei diesem Event als Magic-Comedian und Showtaschendieb engagiert. Auch seinen Vater, die Volksschauspieler-Legende Willi Millowitsch, durfte ich auf einer seiner (öffentlichen) Geburtstagsfeiern persönlich kennenlernen. Der „Millowitsch-Clan“ ist in Deutschland seit vielen Jahrzehnten sehr bekannt, auch die Schwester von Peter Millowitsch – Mariele – ist eine erfolgreiche Schauspielerin, die TV-Zuschauer aus ihren unzähligen Serien und Filmen kennen dürften.

Wieso ich das alles erwähne? Als ich gestern Morgen zum Frühstück die Zeitung „Express“ meines Nachbarn aufblätterte, las ich einen Artikel von Peter Millowitsch. Was er da (und auch in früheren Artikeln) so schreibt, stimmt überwiegend mit meinen Ansichten überein. Aber dann standen mir fast die Haare zu Berge, als ich die oben zitierten Zeilen lesen musste.

Jeder darf seine Meinung vertreten. Glücklicherweise ist das in unserem Land möglich. Als prominente Person allerdings sollte man in meinen Augen eine Vorbildfunktion haben. Wenn Peter Millowitsch derart wichtige Themen wie Masern als „Mücke zum Elefanten machen“ darstellt, bleibt mir das Frühstücksbrötchen im Hals stecken.

Solche Aussagen einer so bekannten öffentlichen Person wie Herrn Millowitch halte ich für unverantwortlich. Derartige Äußerungen empfinde ich als ignorant und hätte sie aus seinem Munde niemals erwartet.

Endlich kommt nach langer, intensiver Aufklärung Bewegung in die Sache – wohlbemerkt in die richtige Richtung. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Deutschland hat verstanden, wie wichtig die Impfung ist. Impfen hat etwas mit Verantwortung zu tun, nicht nur innerhalb der eigenen Familie, sondern auch seinen Mitmenschen gegenüber.

Oder weiß Peter Millowitsch nicht, dass man sich auch noch 30 Minuten später in einem Raum, in dem sich zuvor jemand mit Masern aufhielt, anstecken kann? Kennt Herr Millowitsch nicht das Elend, das Betroffene erleiden müssen?

Herr Millowitsch, meine offenen Worte an Sie:

Bitte überdenken Sie zukünftig ähnliche Äußerungen. Die Menschen kennen und mögen Sie. Die beiden ehemaligen weltbekannten Illusionisten  „Siegfried & Roy“ sagten in ihrer Show – als sie im Publikum mal Ihren Vater erblickten – folgende Worte: „Oh, wen sehen wir denn da? Einen Zuschauer, der bekannter ist als der Kölner Dom: Willy Millowitsch!“

Wer einen so öffentlich bekannten Familiennamen trägt, ist zur Verantwortung gegenüber der Gesellschaft verpflichtet. Meinung hin, Meinung her. Beim Thema Impfung gegen Masern zählen aus meiner Sicht nur wissenschaftliche FAKTEN, und die sprechen eindeutig für die Impfung.

“So schön ist es, altmodisch zu sein?” Nein, bitte nicht in solch wichtigen Dingen wie der Impfung gegen Masern. Wer hier altmodisch denkt, hat nichts dazugelernt.

Zum Weiterlesen:

  • Willkommen in der Welt der Impfgegner, FAZ+ am 15. Juni 2019
  • Religion kein Grund für Impfverweigerung, bluewin am 14. Juni 2019
  • Masern: „Ein kleiner Huster zerriss ihre Lunge“, moz am 9. Juni 2019
  • Der gemeine Impfgegner, Psiram am 25. Februar 2009
  • SkepKon-Video: Impfen – Pro und Contra. Eine Einordnung, GWUP-Blog am 10. Juni 2019
  • Impfgegner: „Ärzte müssen kämpfen“, sagt der Psychologe Philipp Schmid, GWUP-Blog am 4. Juni 2019
  • Ich wollte Eltern überzeugen, dass Impfen schlecht ist – und scheiterte glücklicherweise, watson am 14. Juni 2019
  • Das will Jens Spahn: Bußgeld-Strafen bis 2500 Euro für Impfgegner, tag24 am 15. Juni 2019
  • Impfgegner als Gesundheitsrisiko? spektrum am 22. Mai 2019
  • Bastion of Anti-Vaccine Fervor: Progressive Waldorf Schools, New York Times am 13. Juni 2019
  • US measles cases surpass 1,000 this year, cnn am 6. Juni 2019

8 Kommentare

  1. Auch Realität:

    Ibuprofen und Nasenspray sind spottbillig. So kommt die Pharmaindustrie trotzdem an dein Geld:

    https://perspective-daily.de/article/835/rFpIzk1v?pk_campaign=Newsletter-2019-06-16-Subscriber

  2. „Die Art, wie in den Medien über Impfgegner berichtet werde, ist aus der Sicht der Psychologin [Betsch] ein weiteres Problem. “

    Das kann auf weitere Themen erweitert werden. Man ersetze Impfgegner durch
    – Klimawandelleugner bzw. sog. Klimaskeptiker,
    – Anwender alternativer Heilmethoden,
    – Rechtspopulisten

  3. US-Bundesstaat New York: Keine Impfverweigerung aus religiösen Gründen mehr

    https://hpd.de/artikel/keine-impfverweigerung-religioesen-gruenden-mehr-16927

  4. Mein Mann ist auf dem linken Ohr zu 100% taub.

    Auslöser war eine Mumpserkrankung in seiner Kindheit.

    Soll ich ihm jetzt sagen, es war doch so entspannend, krank gewesen zu sein und nicht in die Schule zu müssen?

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