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Verschwörungsmythen rund um Krebs im neuen „Skeptiker“

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Heute bei Spiegel-Online:

Die steigenden Zahlen gehen vor allem auf die alternde und wachsende Bevölkerung zurück. Nichtsdestotrotz bleibt die Tatsache, dass seit Jahrzehnten Abermilliarden an Forschungsgeldern, Spenden und Industriekapital in die Tumormedizin fließen, scheinbar ohne dass man dem Ziel, den Krebs zu besiegen, entscheidend nähergekommen wäre.

Das nährt natürlich Verschwörungstheorien, wonach Krebs eine Erkrankung sei, die „offiziell keine Heilung finden soll, weil mehr Menschen daran verdienen, als daran erkranken“.

Ist da was dran?

https://twitter.com/skeptiker_de/status/1108320322003128320

Darüber haben wir für den aktuellen Skeptiker (1/2019) mit Dr. Susanne Weg-Remers vom Krebsinformationsdienst des DKFZ in Heidelberg gesprochen:

Weg-Remers: Die Forschung der letzten Jahre hat mehr und mehr gezeigt, dass es nicht eine typische Krebserkrankung gibt, sondern dass Krebs als Sammelbegriff für eine Vielzahl ganz unterschiedlicher bösartiger Tumorerkrankungen mit unterschiedlichen Eigenschaften und Verläufen betrachtet werden muss.

Vor etwa zehn, fünfzehn Jahren ist man davon ausgegangen, dass es etwa 200 Krebserkrankungen gibt, die nach ihrem Ursprungsgewebe in den jeweiligen Körperregionen oder Organbestandteilen benannt wurden. Heute wissen wir, dass auch diese Schätzung zu niedrig war, weil jede Krebsart noch etliche Unterformen auf der Basis der genetischen Eigenschaften der Tumoren verschiedener Patienten entwickeln kann. Kein Tumor gleicht dem anderen.

Dazu kommt, dass Tumorzellen eines Patienten sich unter Therapie auf vielfältige Weise verändern, etwa Resistenzen ausbilden, und deshalb jede Krebserkrankung einen eigenen, oft unvorhersehbaren Verlauf nehmen kann. All das macht die Behandlung so schwierig.

Darüber hinaus geht es um den Vorwurf, die Pharmaindustrie erforsche wirtschaftlich uninteressante Substanzen erst gar nicht, und für unabhängige Studien stünden nur wenige Mittel zur Verfügung – so wie beispielsweise in der laufenden Debatte um Methadon als Krebsmedikament argumentiert wird.

Weg-Remers: Also was Methadon angeht, weiß ich von mindestens zwei Arbeitsgruppen, die Fördermittel einwerben, um das antitumorale Potenzial zu testen. Wenn eine Substanz vielversprechend ist, wird sie auch untersucht. Es gibt ja nicht nur die Pharmaindustrie, sondern auch öffentlich geförderte Forschung, die Studienprojekte finanziell ausstatten kann, wenn Pharmaunternehmen wirklich kein Interesse daran haben sollten.

Speziell beim Methadon ist es so, dass dieses Opioid in Zellkulturen und im Tierexperiment eine Wirksamkeit gegen Tumorwachstum gezeigt hat. Der Mensch ist aber nun mal keine Zellkultur und keine Maus. Von durchschnittlich 10 000 im Labor getesteten Substanzen schafft es am Ende eine bis zur Zulassung.

Alle anderen bleiben auf der Strecke, zum Beispiel weil sie nicht wirksamer sind als ein Standardmedikament. Oder weil sie inakzeptable Nebenwirkungen aufweisen.

www.gwup.org/147-wurzel/archiv-zeitschrift-skeptiker/2089-zeitschrift-skeptiker-1-2019

Und was ist mit der Behauptung, dass Krebs mit ganz einfachen Mitteln heilbar sei, etwa mit Natron, Dichloroacetat, Curcumin oder Amygdalin?

Weg-Remers: Viele Anbieter von alternativmedizinischen Methoden gegen Krebs werben mit irgendwelchen Studien, die durchaus in Fachzeitschriften erschienen sein können und auf den ersten Blick seriös wirken. Falsch sind allerdings die Schlüsse, die daraus gezogen werden – etwa dass Natriumbicarbonat bereits ein funktionierendes Krebsmedikament wäre. Das kann man aus den vorliegenden Daten von In-Vitro-Studien und Tierversuchen einfach nicht ableiten.

Eine Substanz, die Mäuse heilt oder in der Petrischale Tumorzellen abtötet, funktioniert im hochkomplexen Organismus des Menschen oft ganz anders oder gar nicht. Die Vorstellung, man nimmt Natron und der Krebs geht weg, ist verlockend, aber zu einfach.

Und wie berät die Krebsspezialistin Anrufer, die nach diversen „Wundermitteln“ fragen?

Weg-Remers: Häufig hilft es schon, wenn man Irrtümer ausräumt, etwa was das schon angesprochene Amygdalin beziehungsweise „Vitamin B17“ angeht. Ja, das ist ein natürlicher Stoff, eine Blausäureverbindung, die in Aprikosenkernen enthalten ist. Aber für eine Wirksamkeit als Medikament gegen Krebs gibt es keinerlei Belege, und es sind etliche Fälle von Blausäure-Vergiftung durch eine Amygdalin-Behandlung dokumentiert. Letzten Endes hat der Patient überhaupt nichts davon, im Gegenteil, er geht ein unnötiges Risiko ein.

Auch vermeintlich harmlose Nahrungsergänzungsmittel oder natürliche „Wunderwaffen“ wie Fischöl, Q10, Grüner Tee, Mariendistel, Ingwer, Laktobaterien und vieles andere können mit Krebsmedikamenten interagieren und deren Effektivität deutlich herabsetzen oder unerwünschte Wirkungen sogar verstärken.

Das Heft mit dem vollständigen Interview kann hier bestellt werden.

Zum Weiterlesen:

  • Aprikosenkerne und Kampfvergiftungsmittel, Skeptiker 1/2019
  • Chemophobie, Aprikosenkerne und andere Krebsmythen, GWUP-Blog am 3. Februar 2019
  • Methadon und Krebs: „Quarks“ erklärt den aktuellen Stand, GWUP-Blog am 4. Januar 2019
  • Zehn Gründe, warum es keine „Krebs-Verschwörung“ gibt, GWUP-Blog am 8. Juli 2015
  • The rise and fall of scientific authority — and how to bring it back, nature am 18. März 2019

3 Kommentare

  1. Klar hat die moderne Wissenschaft die vielen Krebserkrankungen auf dem Gewissen.

    Denn bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts waren Infektionskrankheiten die Nummer eins unter den Todesursachen – unangefochten, und verhinderten, dass die Masse der Menschen alt genug wurde, um auf breiter Front Krebserkrankungen (und lebensstil- und altersabhängige Herz-Kreislauf-Erkrankungen) zu entwickeln.

    Die „große Zeit“ dieser Erkrankungen kam erst mit dem rasanten Anstieg der Lebenserwartung durch das Verdrängen der Infektionskrankheiten durch Impfungen und Antibiotika (Penicillin wurde erstmals 1927 klinisch eingesetzt).

    Son Mist aber auch.

  2. Misteltherapie bei Krebs: Kein Effekt auf Heilung oder Lebensqualität

    https://www.pharmazeutische-zeitung.de/kein-effekt-auf-heilung-oder-lebensqualitaet/

  3. Neues vom Niederrhein: Erschreckende Details im Spiegel. Ich finde den Mann in seiner Offenheit vor Gericht selbstentlarvend naiv.
    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/krefeld-heilpraktiker-vor-gericht-tod-nach-infusion-a-1260401.html

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