gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

Heute vor 70 Jahren begann in Oxford die Karriere des Begriffs „Verschwörungstheorie“

| Keine Kommentare

Heute vor 70 Jahren, am 26. Juli 1948, referierte der Philosoph Karl Popper in Oxford über seine „conspiracy theory of society“.

Unser Blog-Kommentator Ralf Bülow hat dazu einen Artikel über die Karriere des Begriffs „Verschwörungstheorie“ geschrieben – und räumt darin implizit auch mit der Falschbehauptung auf, „conspiracy theory“ sei eine Erfindung der CIA.

In den 1890er Jahren stand die politische „conspiracy theory“ in amerikanischen und englischen Zeitschriften, wie der Debunker Mick West herausfand. Eine Suche mit Google Books erbringt weitere Belege für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. In den akademischen Diskurs drang der Begriff vor 70 Jahren ein, genauer gesagt, am 26. Juli 1948. An diesem Tag sprach Karl Popper auf einer Gelehrtentagung in Oxford über rationale Theorien der Tradition.“

Ich selbst habe in einem aktuellen Beitrag für den EZW-Materialdienst geschrieben:

Zahlreiche „alternative“ Webseiten wie RT Deutsch oder Pravda TV behaupten, der Begriff „conspiracy theory“ sei vom amerikanischen Geheimdienst CIA geschaffen worden, um Kritiker des Warren-Reports (nach dem John F. Kennedy von Lee Harvey Oswald als alleinigem Täter erschossen wurde) zu diskreditieren. Als „Beweis“ dient ihnen ein CIA-Dokument mit der Nummer #1035-960 aus dem Jahr 1967. Darin werde das Wort „Verschwörungstheoretiker“ als „Kampfbegriff der psychologischen Kriegsführung“ etabliert.

Beides ist falsch.

Im deutschsprachigen Raum findet sich das Wort „Verschwörungstheorie“ bereits 1787 im Journal für Freymaurer. Der englische Begriff „conspiracy theory“ ist für das Jahr 1869 belegt.

In amerikanischen Zeitungen kursierte der Begriff um 1880, und zwar im Zusammenhang mit der Aufklärung von Verbrechen. Bei einem ungelösten Todesfall stellten Ermittler zum Beispiel eine „suicide theory“, eine murder theory“ und eine „conspiracy theory“ einander gegenüber – letztere keineswegs abwertend, sondern als gleichrangige Option beziehungsweise Beschreibung des unerkannten Zusammenwirkens mehrerer Personen.

Als 1967 die CIA das Dokument #1035-960 herausgab, war der Begriff „Verschwörungstheorie“ längst mit einer delegitimierenden Komponente versehen worden. Als federführend hatten sich hierbei der Philosoph Karl Popper („Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, 1945) und der US-Historiker Richard Hofstadter („The Paranoid Style in American Politics“, 1965) hervorgetan. Popper etwa bezeichnete Verschwörungstheorien als „primitive Art des Aberglaubens und säkularisierte Dämonologie“.

Es ist zwar korrekt, dass das CIA-Dokument #1035-960 Argumente enthielt und Material bereitstellte, um die damals populären Verschwörungstheorien zum Kennedy-Attentat zu entkräften. Dafür klinkten sich die Geheimdienstler aber bloß in das geistige und gesellschaftliche Klima jener Zeit ein. Weder ist das Wort „conspiracy theory“ ein Neologismus der CIA noch brachte erst die prominente US-Bundesbehörde den Ausdruck in Verruf.“

Zum Weiterlesen:

  • Missing Link: Verschwörungstheorien, Karl Popper und die politische Diskussion, heise am 22. Juli 2018
  • Schattenstaat und Puppenspieler – Über den Umgang mit Verschwörungstheorien, EZW-Materialdienst 7/2018
  • Bernd Harder: Verschwörungstheorien. Alibri 2018, 168 Seiten, 10 €
  • „Verschwörungstheorie“ – eine Erfindung des CIA? GWUP-Blog am 11. August 2016
  • Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, FAZ am 17. November 2015

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.