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… denken kritisch seit 1987.

„Verschwörungstheorie“ – eine Erfindung des CIA?

| 8 Kommentare

Schon anlässlich unseres Interviews mit Professor Michael Butter hatten wir die Behauptung debunked, der Begriff „Verschwörungstheorie“ sei eine CIA-Erfindung.

Ausführlich greift jetzt das Leverage Magazin dieses Thema nochmal auf.

lever

Fazit: Der Begriff lässt sich bis ins Jahr 1882 zurückverfolgen – und eigentlich sogar noch weiter, weshalb wir hier das Ganze nochmal aktualisiert zusammenfassen:

Zahlreiche „alternative“ Webseiten wie RT Deutsch oder Pravda TV behaupten, der Begriff „conspiracy theory“ sei vom amerikanischen Geheimdienst CIA geschaffen worden, um Kritiker des Warren-Reports (nach dem John F. Kennedy von Lee Harvey Oswald als alleinigem Täter erschossen wurde) zu diskreditieren. Als „Beweis“ dient ihnen ein CIA-Dokument mit der Nummer #1035-960 aus dem Jahr 1967. Darin werde das Wort „Verschwörungstheoretiker“ als „Kampfbegriff der psychologischen Kriegsführung“ etabliert.

Beides ist falsch.

Der amerikanische Philosoph Robert Blaskiewicz von der Stockton University in Kalifornien hat das Wort „Verschwörungstheorie“ bis ins Jahr 1870 zurückverfolgt. Damals warf der Schriftsteller und politische Aktivist Charles Reade den Mitarbeitern psychiatrischer Einrichtungen in Großbritannien vor, die Misshandlung von Patienten systematisch zu vertuschen. Sie würden eine Methode verwenden, den Insassen schmerzhafte Knochenbrüche zuzufügen, die äußerlich nicht erkennbar sind, und kollektiv darüber schweigen.

Auch die Fachzeitschrift Lancet setzte sich kritisch mit diesen Anschuldigungen auseinander. Das konkurrierende Journal of Mental Science hingegen wies die Behauptung Reades als „Verschwörungstheorie“ zurück. Im deutschen Sprachgebrauch findet sich „Verschwörungstheorie“ ab 1888.

Als 1967 die CIA das Dokument #1035-960 herausgab, war der Begriff „Verschwörungstheorie“ längst mit einer delegitimierenden Komponente versehen worden. Als federführend hatten sich hierbei der Philosoph Karl Popper („Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, 1945) und der US-Historiker Richard Hofstadter („The Paranoid Style in American Politics“, 1964/65) hervorgetan. Popper bezeichnete Verschwörungstheorien als „primitive Art des Aberglaubens und säkularisierte Dämonologie“ und definierte sie als eine „pseudoreligiöse Weltanschauung“, die soziale Verhältnisse vereinfacht, nicht an Zufälle glaubt und einzelnen Akteuren viel zu viel Einfluss zuschreibt.

Hofstadters Aufsatz über den „paranoiden Politikstil“ der USA (dessen Akteure davon ausgingen, dass verschwörerische Kräfte nicht nur gegen Einzelne, sondern gegen eine ganze Nation, eine Kultur oder einen Lebensstil gerichtet seien) gilt sogar als die bis dahin einflussreichste Analyse von Verschwörungstheorien.

Was aber hat es mit dem CIA-Dokument mit der Nummer 1035-960 auf sich, das 1976 auf Grundlage des „Freedom of Information Actveröffentlicht wurde?

Das Schriftstück lieferte eine Sprachregelung für Geheimdienstmitarbeiter, eine Art Argumentationshilfe, um die damals populären Verschwörungstheorien zum Kennedy-Attentat zu entkräften. Dafür klinkten sich die Geheimdienstler lediglich in das geistige und gesellschaftliche Klima jener Zeit ein. Weder ist das Wort „conspiracy theory“ ein Neologismus der CIA noch brachte erst die US-Bundesbehörde den Ausdruck in Verruf.

Es mag aus heutiger Sicht befremdlich anmuten, dass die Autoren offenkundig voller Überzeugung hinter den Mitgliedern, der Arbeit und den Schlussfolgerungen der Warren-Kommission stehen (mittlerweile herrscht die Ansicht vor, dass die Kommission keine unvoreingenommene und ergebnisoffene Untersuchung des Falles leistete); nichtsdestotrotz geht es an keiner Stelle des Dokuments #1035-960 darum, eine möglicherweise echte Verschwörung zu verschleiern oder um eine weitreichende psychologische Massenkontrolle.

Nüchtern betrachtet beinhaltet das Memo auch keine plumpe Diffamierung von Verschwörungstheoretikern. Die Verfasser weisen darauf hin, dass „Kritiker [des Warren-Reports und der Einzeltäter-These] in der Regel bestimmte Dinge überbewerten und andere ignorieren“.

Als „Propagandatechniken, um die Angriffe der Kritiker zu negieren“, werden in dem Schriftstück vor allem „Buchbesprechungen und Reportagen“ empfohlen.

Und weiter:

Als Teil unseres Vorgehens sollten wir darauf hinweisen, soweit zutreffend, dass die Kritiker (I) Theorien aufbauen, bevor die Beweise vorhanden sind, (II) politische Interessen haben, (III) finanzielle Interessen haben, (IV) hastig und ungenau in ihrer Forschung sind oder ( V) in ihre eigenen Theorien vernarrt sind.

Letztendlich gibt diese Passage eines mehr als 50 Jahre alten CIA-Dokuments die Arbeitsweise von Verschwörungstheoretikern gar nicht mal unzutreffend wieder.

Auch die weitere Feststellung „Große behauptete Verschwörungen wären unmöglich in den Vereinigten Staaten zu verbergen, besonders seitdem Informanten damit rechnen können, große Geldsummen usw. zu erhalten“ ist durchaus realitätsorientiert. So erklärt auch der Tübinger Kulturwissenschaftler Michael Butter in einem Spiegel-Interview:

Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass Lee Harvey Oswald den Anschlag auf John F. Kennedy nicht alleine beging. Weniger wahrscheinlich ist, dass er dabei Teil einer gigantischen Verschwörung von Mafia, Kubanern, der CIA und Vizepräsident Lyndon B. Johnson war.

Zum Weiterlesen:

  • „Verschwörungstheorien“, NSA und CIA: Skeptiker-Interview mit Professor Michael Butter, GWUP-Blog am 15. März 2016
  • Wurde der Begriff „Verschwörungstheorie“ vom US-Geheimdienst erfunden? Leverage Magazin am 8. August 2016

8 Kommentare

  1. Pfft, das waren bestimmt CIA-Agenten die mit geheimer Zeitreisetechnik aus Area 0815 dort (oder muß das „dann“ heißen) waren…

  2. Es ist ein Strohmann-Argument, dass der CIA den Begriff „VT“ erfunden habe, gemeint ist, und mit dem Buch von Lance deHaven-Smith belegt ist: Die CIA hat mit ihrer Depesche massiv zur Verbreitung und vor allem negativen Konnotation des Begriffs „VT“ beigetragen. DeHaven-Smith zeigt in seinem Buch auf S.125 ein Diagramm, auf dem die Häufigkeit der Nennungen in der New York Times und im Time-Magazin ab ca. 1875 zu sehen sind. D.h. von einem Zeitpunkt, als des CIA noch nicht gab, – also wird er das auch nicht behaupten wolln – jedoch: ab den 1990er Jahren schnellt die Häufigkeit auf über 100 Artikel pro Jahr, in denen „VT“ genannt wird. Während VT auch in der Constitution/Verfassung als Warnung steht, dass die Regierenden dazu neigen sich gegen die Bevölkerung zu verschwören, also aus dem 18. Jahrhundert dies als Verbrechen gegen die Demokratie gesehen wird, nimmt der Spin der CIA dem Wort die Ernsthaftigkeit der politischen Verschwörung und stempelt sie zur Einbildung einer Geisteskrankheit.

  3. @Bergmann:

    << Es ist ein Strohmann-Argument, dass der CIA den Begriff “VT” erfunden habe << Sagen Sie das den VT-Fans. Aus verschiedenen Foren und Seiten: "... ein Begriff, der von der CIA als Diskreditierungswaffe erfunden wurde." "Wie die CIA die Verschwörungstheorie erfand." "Der Begriff Verschwörungstheorie stammt von der CIA." "Wer den Begriff “Verschwörungstheorie” nutzt, sollte wissen, dass ... dieser Begriff eine Erfindung des CIA ist." "Der Begriff IST ein Kampfbegriff, u.z. eine CIA-Erfindung." Etc.pp.

  4. Nee, Bergmann sagt es Euch, die sich an rhetorischen Haarspaltereien und Formalitäten aufhalten.

    Die CIA scheint sich ja des Begriffs bemächtigt zu haben, seinen ursprünglichen Gehalt und Stoßrichtung ins Gegenteil verkehrt, und dann gegen kritische Menschen die abweichende Theorien/Erklärungen vertreten – die der jeweiligen offiziellen Theorien, also der herrschaftskonformen, entgegenstehen -, diesen Terminus gegen die abweichlerische(en) Personengruppe(n) einzusetzen.

    Das verwenden dieses Kampfbegriffs erfolgt dann über Institutionen und Strukturen (private sowie staatliche), über die Geheimdienste, die (häufig exklusiven) Zugang verfügen. Souffleure in den Leit- bzw. Massenmedien, „Think Tanks“, aber auch akademischen Einrichtungen, (korumpierte, oder ideologisch auch dahinterstehende) Wissenschaftler, besorgen dann den Rest.

    Entscheidend ist doch nicht, im politischen Sinne, wann ganz genau der Begriff und von wem er erfunden wurde. Das kommt mir wie eine Ablenkung vor, sondern wer und zu welchem Zweck ihn verwendet und ihn popularisiert hat – ihm im auch etymologischen Sinn Wortmächtigkeit und politische Macht im Diskurs verliehen hat. Und da geht es um die Machtvertikale, wer auf welcher Stufe der Machtvertikale setzt diesen Begriff ein, mit welcher Motivation und gegen wen. Die, die ihn benutzen, tun dies mit der Legtimation der jeweiligen herrschenden Ordnung und beziehen sich ja teilweise auch ausdrücklich darauf (Bspw. der und der Minister oder die und die Institution oder dieses Massenmedium hat dieses und jenes behauptet, selbsterklärend werden dann diese Theorien als die unumstößliche Wahrheit anerkannt) und alles was das in Frage stellen könnte bzw. anzweifelt, wird dann versucht mit VT intentional zu diskreditieren, diffamieren, in extremeren Fällen zu psychiatrisieren und kriminalisieren.

    Ein wunderbares Beispiel dafür habe ich erst vor ein paar Tagen auf der Seite des Dlf gefunden.

    „Stattdessen hat sich Andrej Holm eine linke Verschwörungstheorie zurechtgebastelt. Die lautet so: Die böse Immobilienindustrie hat gemeinsam mit den Mainstream-Medien die Stasi-Keule aus dem Sack geholt, den armen Andrej Holm beiseite geräumt und damit eine Wende hin zu einer sozialen Mieten- und Wohnungspolitik verhindert.“

    http://www.deutschlandfunk.de/causa-holm-die-linke-hat-rot-rot-gruen-einen-schlechten.720.de.html?dram:article_id=376544

  5. @ Marcuse:

    Vielen Dank, Du bist ein sehr anschauliches Beispiel für einen Verschwörungstheoretiker.

  6. @noch’n Flo

    Was soll man zu diesem argumentfreien, schlichten Kommentar noch sagen? Du hast dich gerade selber desavouiert und alles, wahrscheinlich unfreiwillig, bestätigt.

    Meinem posting von vorher wollte ich aber das noch anfügen:

    Bei der Stigmatisierung per anheften des Etiketts VT geht es um Gefolgschaft zum herrschenden Diskurs – der in vorgegebenen, sehr engen Grenzen – verläuft (Noam Chomsky ‚Manufacturing Consent‘). Wer diese engen Grenze überschreitet, da wird natürlich versucht zu marginalisieren und auszugrenzen.

    „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“

    ―Friedrich Engels

  7. Marcuse:

    Zu mehr als „Mimimimi“ und „Selber!“ reicht es nicht?

    Gut, dann sperre ich hier mal zu, das wird selbst mir jetzt zu blöd.

    Sie finden bestimmt Blogs in einem bestimmten politischen Spektrum, wo Sie für Ihre Schwurbeleien gefeiert werden.

  8. Zur Herkunft:

    Missing Link: Verschwörungstheorien, Karl Popper und die politische Diskussion

    https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Verschwoerungstheorien-Karl-Popper-und-die-politische-Diskussion-4117676.html

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