„Verschwörungstheorien“, NSA und CIA: Skeptiker-Interview mit Professor Michael Butter

Kaum eine Verschwörungsseite, auf der nicht behauptet wird, dass der Begriff “Verschwörungstheorie” vom US-Geheimdienst CIA erfunden worden sei:

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Dass das nicht stimmt, stand beim CSI schon vor drei Jahren zu lesen. Bob Blaskiewicz konnte den Begriff “conspiracy theory” bis zur “medical literature” des Jahres 1870 zurückverfolgen.

Im aktuellen Skeptiker (1/2016) erklärt auch der Amerikanistik-Professor Michael Butter vom Englischen Seminar der Universität Tübingen:

Der Historiker Andrew McKenzie-McHarg von der Universität Cambridge arbeitet beim Conspiracy and Democracy Research Project. Er hat herausgefunden, dass der Begriff bereits um 1880 in amerikanischen Zeitungen kursierte.

Es ging um verschiedene Thesen zu ungeklärten Mord- oder Todesfällen, und die Polizei stellte zum Beispiel eine „conspiracy theory“ der „suicide theory“ gegenüber – also keineswegs abwertend, sondern als gleichrangige Option […]

Seine heutige Form und Bedeutung bekam der Begriff erst Mitte des 20. Jahrhunderts, vor allem durch Karl Poppers Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Popper schreibt darin von der „Verschwörungstheorie der Gesellschaft“, die er als eine primitive Art des Aberglaubens und säkularisierte Dämonologie bezeichnet. Damit war der Begriff etabliert, und zwar mit einer delegitimierenden Komponente.

Das CIA-Dokument 1035-960, das Direktiven für den Umgang mit Kritikern des Warren-Reports – also mit „Verschwörungstheoretikern“ – beinhaltet, spielte dafür überhaupt keine Rolle.”

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Butter koordiniert das Forschungsnetzwerk “Comparative Analysis of Conspiracy Theory”, an dem derzeit rund 80 Wissenschaftler aus 30 Ländern beteiligt sind.

Im Skeptiker-Interview legt Butter die Ziele der neu gegründeten Initiative dar und spricht über die Faszination und Gefahren von Verschwörungstheorien.

Ein Auszug:

Skeptiker: Sicher werden Sie oft auf die NSA-Abhöraffäre angesprochen.

Butter: Affäre trifft es wohl besser als Verschwörung. Die NSA handelt weder aus überraschenden Motiven noch als Teil einer großen Verschwörung wie etwa der Neuen Weltordnung NWO. Sondern es geht schlicht um die ureigenen Interessen der USA. Für eine echte Verschwörungstheorie müsste der Geheimdienst selbst von dunklen Kräften unterwandert sein.

Aber all das bringt uns wieder zu dem Punkt, dass Verschwörungstheorien symbolisch und symptomatisch für ein tiefes Misstrauen gegenüber den Eliten zu sehen sind.”

 Diese Sichtweise kann man teilen. Sie gereicht aber vermutlich kaum als Grund, Verschwörungstheorien eine „maßgebliche Bedeutung zur Erklärung der Entwicklungen in der Welt“ zuzuschreiben und Verschwörungstheoretiker zu „Wahrheitssuchern“ zu stilisieren, wie einige Autoren dies versuchen.

Ich denke nicht. Die meisten Disziplinen, die sich mit dem Thema beschäftigen, sehen Verschwörungstheorien aus guten Gründen sehr kritisch.

Allenfalls könnte man Verschwörungstheorien eine utopische Dimension zubilligen. Denn im Grunde gehen Verschwörungstheoretiker davon aus, dass eine bessere Welt vorstellbar ist, wenn erst einmal die Verschwörer besiegt sind. Das ist sympathischer als eine rein fatalistische Haltung, andererseits gäbe es konstruktivere Möglichkeiten, diese Energie in politisches Engagement umzusetzen.

Auch solchen Fragen wird sich das Forschungsnetzwerk widmen, inwieweit man Verschwörungstheoretiker zurückgewinnen kann für eine rationale gesellschaftliche Debatte.”

Demgegenüber hält man uns zum Beispiel Matthew Dentith und seine Arbeit „In defence of conspiracy theories“ vor. Ich habe aber gar nicht den Eindruck, dass Dentith wirklich Verschwörungstheorien verteidigt.

 Matt Dentith verfolgt den Ansatz, Verschwörungstheorien nicht von vorneherein abzulehnen, sondern Verschwörungstheoretiker ernst zu nehmen und ihre Argumente zu prüfen.

Allerdings kommt er dabei regelmäßig zu der Erkenntnis, dass nichts dran ist, es sich also um eine bloße Verschwörungstheorie handelt, ohne reale Verschwörung dahinter. Ab diesem Moment sieht Dentith sich genau denselben Hassmails enttäuschter Verschwörungstheoretiker ausgesetzt wie andere Forscher auch.

Ich vermute, dass es in unserem Netzwerk niemanden gibt, der Verschwörungstheorien wirklich als positiv oder Diskursbereicherung betrachtet.”

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In der Pressemitteilung der Uni Tübingen dazu heißt es: „Verschwörungstheorien können zur Radikalisierung von Extremisten beitragen, Spannungen zwischen Nationen befeuern und das Vertrauen in demokratische Institutionen und Medien unterlaufen.“

 Ja, es gibt Verschwörungstheorien, die sehr problematisch sind, zum Beispiel wenn sie antisemitische oder rassistische Elemente enthalten oder sich gegen Schwache und Minderheiten richten. Die Grenze zu ziehen, ist im Einzelfall aber nicht ganz leicht.

Dafür sinnvolle Kriterien zu entwickeln, wird eine Aufgabe unseres Forschungsnetzwerks sein. Das Gefahrenpotenzial einer Verschwörungstheorie hängt sicher auch davon ab, inwieweit sie noch einer Falsifizierung offensteht. Oder ob gegenläufige Fakten einfach zu weiteren Beweisen umgedeutet werden, also eine Diskussion darüber unmöglich ist.”

Letzteres ist für uns Skeptiker eine nahezu alltägliche Erfahrung. Aber auch für viele andere, die sich mit Impfgegnern, Klimaleugnern, Chemmies und anderen Believern auseinandersetzen müssen. Deshalb interessiert uns besonders ein weiteres Ziel des Forschungsnetzwerks, nämlich „praktische Handlungsanweisungen zu entwickeln für Leute, die mit Verschwörungstheorien konfrontiert sind, wie zum Beispiel Politiker und Journalisten, die als Teile der Lügenpresse beschimpft werden, oder Naturwissenschaftler“.

 Genau. Momentan könnte ich Ihnen dazu nur das sagen, was alle sagen: dass man Verschwörungstheoretiker kaum vom Gegenteil überzeugen kann. Aber vielleicht bekommen wir ja zu diesem Aspekt Input aus der Perspektive anderer Forschungsdisziplinen. Das allein wäre schon ein lohnenswertes Ergebnis.”

Zum Weiterlesen:

  •  “Verschwörungstheorien sind symbolisch zu betrachten”: Interview mit Prof. Michael Butter, Skeptiker 1/2016
  • Nope, It Was Always Already Wrong, CSI am 8. August 2013
  • Warum sind Verschwörungstheorien so verführerisch? Berliner Morgenpost am 16. Januar 2016
  • Zweifelhafte Ehrenrettungsversuche: Rezension des Buches “Konspiration – Soziologie des Verschwörungsdenkens”, hpd am 8. April 2014
  • Sind Verschwörungstheoretiker “vernünftiger“? Natürlich nicht, GWUP-Blog am 18. Januar 2015
  • Trost suchen bei Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, FAZ am 17. November 2015
  • Verschwörung? Was ist dran an solchen Theorien? Kurier am 12. März 2016
  • Zwischen Hohlwelt und Reptilienhirn: Die schönsten Verschwörungstheorien, lokalkompass am 19. März 2016

6 Kommentare zu “„Verschwörungstheorien“, NSA und CIA: Skeptiker-Interview mit Professor Michael Butter”


  1. 1 rambaldi 16. März 2016 um 14:00

    Zitat:
    “Matt Dentith verfolgt den Ansatz, Verschwörungstheorien nicht von vorneherein abzulehnen, sondern Verschwörungstheoretiker ernst zu nehmen und ihre Argumente zu prüfen.”

    Schöner Gedanke, aber damit erwischt man doch höchstens die VT-light.

    Der Rest glaubt doch lieber an Verschwörungen von bielefeldschen Ausmaßen, anstatt die Möchtegernargumente aufzugeben.

  2. 2 Bernd Harder 16. März 2016 um 15:30

    @rambaldi:

    Das ist auch genau das, was einige unserer Kritiker nicht verstehen wollen: dass wir Skeptiker uns nicht ausschließlich im Elfenbeinturm einer Uni-Bibliothek mit Verschwörungstheorien auseinandersetzen, sondern vorwiegend unter praktischen, realitätsbezogenen Aspekten.

    Und dass ein paar Soziologen, die unter “wissenssoziologischen” Gesichtspunkten zur “Ehrenrettung” von Verschwörungstheoretikern anheben, eben nicht *den* Forschungsstand und *die* Wissenschaft repräsentieren, ganz im Gegenteil.

  3. 3 nihil jie 17. März 2016 um 11:11

    Vielleicht ein wenig Off-Topic aber meine Frage wäre, wie VT’s zu werten sind die nicht von der Bevölkerung gegenüber den vermeidlichen im verborgenem Herrschenden entstanden sondern umgekehrt, von der herrschenden gegenüber der Bevölkerung. Ich weiß, dass man dabei von Paranoia spricht, wenn sich zB. frühere Herrscher so vom Volk abkapselten, weil sie Angst vor Attentätern hatten, dass sie damit ihre eigene Situation selbst noch weiter verschlimmerten. Das wäre doch aber auch eine Art VT, aber eben seitens eines Regenten ? Dabei war für manche Regenten ihre Angst wahrscheinlich gar nicht mal so unbegründet.

    Aber gibt es auch den umgekehrten Fall aus unserer Zeit, dass sich zB. irgend welche selbsternannten politischen oder wirtschaftlichen Eliten einer Verschwörung gegenüber sehen die von der Bevölkerung ausgeht ?

  4. 4 Bernd Harder 18. März 2016 um 15:38

    @nihil jie:

    Zumindest der Begriff “Paranoia” fällt in diesem Artikel:

    http://www.welt.de/politik/ausland/article153439414/So-schuetzen-Sie-sich-vor-harten-Strafen-in-Nordkorea.html

  5. 5 Ralf Bülow 19. März 2016 um 06:21

    @nihil jie: Eine im gewissen Sinne regierungsamtliche VT war die Furcht der UdSSR-Spitze vor einem atomaren Überraschungsangriff der USA in den frühen 1980er Jahren, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/RJaN und die reichhaltige Literatur zu “Able Archer”.

  6. 6 nihil jie 24. März 2016 um 02:54

    Ja danke @Bernd & Ralf. Aber eigentlich hätte ich selbst darauf kommen müssen ;)

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