Wie Clickbait-Schleudern den Methadon-Hype ausnutzen

Während die Fachpresse den Durchbruch neuer Krebstherapien feiert, gefallen sich skrupellose Clickbait-Schleudern darin, Patienten aufzuhetzen und zu verunsichern:

Dabei geraten selbst die beiden Hauptakteure des “Methadon-Hypes” immer mehr in Erklärungsnot, wie Correctiv berichtet.

Hilscher ist der bei Krebspatienten wohl gefragteste „Methadon-Arzt“. Auf Nachfrage von Correctiv räumt er ein, dass die Euphorie überzogen sei.

„Ich würde nicht allen Krebspatienten raten, Methadon zu nehmen“, betont er. „Es gibt ganz ganz viele Patienten, bei denen es relativ wenig bringt“, sagt der Mediziner. Bei einigen könne die Kombination mit einer Chemotherapie sinnvoll sein – alles andere sei „völlig überzogen“.

Doch in weiteren Punkten bleibt Hilscher widersprüchlich. Seine Aussagen in den Fernsehbeiträgen findet der Mediziner „in Ordnung“ – und beschwert sich gleichzeitig über etwas, was er wohl auch selber zu verantworten hat. „Das Problem ist, dass ich jetzt die Arbeit habe, den Leuten die Hoffnungen zu nehmen“, sagt Hilscher.”

Selbst schuld, kann man da nur sagen – ebenso wie die Ulmer Chemikerin mit dem Messias-Faktor für verzweifelte Krebspatienten, Claudia Friesen, die nach eigenen Angaben “kein freies Wochenende und keine Freizeit mehr” hat, da sie täglich 200 Anfragen beantworten müsse.

Auch sie rudert längst zurück:

Es gibt keine Hinweise, dass Pharmaunternehmen Methadon als Krebsmedikament aktiv unterdrücken.”

Doch die Folgen der (bewussten oder unfreiwilligen) Stilisierung von Friesen/Hilscher zu Superhelden im Kampf gegen eine menschenverachtende Pharma-Verschwörung sind kaum noch einzufangen.

Die Patienten schlagen in allen Bereichen auf und fragen nach Methadon – egal ob Erstdiagnose, schwerstkrank oder dazwischen“, sagt Dr. Badrig Melekian, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Marien-Krankenhauses. Er behandelt rund ein Viertel der Krebsfälle des Krankenhauses in seiner Klinik, sagt er.

„Es wird getan, als ob Methadon ein Heilmittel für alles ist. Aber es gibt keine klinischen Studien“, sagt Dr. Melekian. Es werde nicht zwischen verschiedenen Krebsarten unterschieden, allein fünf Arten von Brustkrebs gebe es.

„Es werden Hoffnungen geweckt.“ Die Patienten würden sich unnötig Gedanken machen. Viel Aufklärung sei nötig.”

Aufklärung – aber kein Bullshit, “liebe” Kollegen.

Zum Weiterlesen:

  • Methadon – Wundermittel oder Betrug? correctiv am 11. September 2017
  • Unbelegt: medizin-transparent erklärt die Schwachpunkte der Methadon-Studie von Friesen, GWUP-Blog am 1. September 2017
  • Zehn Gründe, warum es keine „Krebs-Verschwörung“ gibt, GWUP-Blog am 8. Juli 2015
  • Krebstherapie: “Ich habe Methadon nie als Wundermittel bezeichnet”, derStandard am 13. September 2017
  • Methadon-Streit: “Sie haben Lebenszeit zu verlieren, ganz einfach”, Süddeutsche am 14. September 2017

8 Kommentare zu “Wie Clickbait-Schleudern den Methadon-Hype ausnutzen”


  1. 1 Udo Endruscheit 23. September 2017 um 19:05

    Ich füge hinzu, dass nicht nur die beiden genannten “Protagonisten” die “Arbeit” haben, -zig nachfragende Patienten aufzuklären – und Schäden im Arzt-Patienten-Verhältnis oft mühsam zu kitten. Das dürfte in onkologischen Stationen und Tageskliniken derzeit zum Alltag gehören. Vielen Dank dafür.

    Die uneinsichtige Haltung von Dr. Friesen zu dem, was sie mit losgetreten hat, kommt am Schluss des Interviews mit dem Standard klar zum Ausdruck:

    Frage: War es richtig, dass Sie ihre Forschungsergebnisse, die sich nicht auf klinische Studien stützen, im Fernsehen präsentiert haben? Würden Sie heute etwas anders machen? –

    Antwort Friesen: ch habe Methadon nie als Wundermittel bezeichnet und stets betont, dass der evidenzbasierte Beweis, die klinischen Studien noch fehlen. Ich habe immer von Einzelfällen gesprochen und die Notwendigkeit von klinischen Studien unterstrichen. Ich habe auch immer kommuniziert, dass kein Patient auf die anderen Therapien verzichten sollte. Das heißt, ich spreche mich ganz klar dafür aus, dass Methadon nur als zusätzliche Option zum Einsatz kommt.

    Wo ist hier die Antwort auf die klare Frage zu ihrem Medienverhalten, bitte?

  2. 2 Bernd Harder 23. September 2017 um 23:23

    @Udo Endruscheit:

    “Wo ist hier die Antwort auf die klare Frage zu ihrem Medienverhalten, bitte?”

    Man muss natürlich auch sagen, dass der Journalist sich mit dieser Pseudo-Antwort zufrieden gegeben hat, anstatt hier nochmal nachzufragen. Nach dem, was ich bislang von Frau Friesen gelesen habe, erweckt sie massiv den Eindruck, sowohl von ihrer Uni als auch von der Pharmaindustrie an allen Ecken und Enden behindert zu werden.

    Entweder ist Frau Friesen bodenlos naiv und hat nicht die geringste Vorstellung, wie Medien funktionieren.

    Oder aber (und das ist meine ganz persönliche Überzeugung, die falsch sein kann) sie genießt nach all den lichtlosen Jahren im Labor in hohem Maße die öffentliche Aufmerksamkeit.

  3. 3 Udo Endruscheit 24. September 2017 um 01:25

    @Bernd Harder: Die beiden Einschätzungen von Frau Friesen schließen sich ja gegenseitig nicht aus…
    Und ja, das hätte der Befragende so auf keinen Fall im Raum stehen lassen dürfen.

  4. 4 noch'n Flo 24. September 2017 um 13:55

    So viel Mimimi von Friesen/Hilscher. Hier gilt mal wieder der alte Grundsatz: “Si tacuisses, philosophus mansisses.”

  5. 5 borstel 24. September 2017 um 19:00

    Tag24 bietet ja auch sonst Clickbaitscheiß zu jedem Thema an, insofern ist es leider nicht verwunderlich, daß die das Thema Methadon unkritisch aufgreifen.

    Es ist aber schon tröstlich, daß es immer mehr kritische Beiträge zum Thema gibt – hoffentlich demnächst auch bald im deutschen Fernsehen an prominenter Stelle.

    Ansonsten macht Madame Friesen ja weiter wie bisher: Angeblich 80 Patienten, von denen sie Daten habe – diese Zahl warf sie ja stets in die Debatte! Ja, wo bleibt den die Publikation der Fallserie? Oder ist das ganze am Ende doch nur Hörensagen, wie die MDK-Behauptungen über die “Erfolge” von Monsieur “Irre, Hugo” (Ich dachte, er heißt Hans-Jörg?? – Aber sonst bin ich mit seinem neuen Doppelnamen schon recht einverstanden!) Hilscher?

    Wohl schon, so scheint es! Grauenhaft auch die Ausreden der Monitorredaktion, daß sie das kleine Einmaleins kritischer Recherche nicht beherrschen.

    Bei einem solch spektakulären Thema wäre dies doch erste Journalistenpflicht gewesen.

  6. 6 Bernd Harder 26. September 2017 um 15:27
  7. 7 Bernd Harder 27. September 2017 um 10:55

    Ein Schmerztherapeut in der FAZ:

    “Wir nutzen Methadon als Schmerzmittel, da ist es segensreich. Eine Wirkung auf Tumore ist nicht hinreichend genug belegt, als dass ich einen solchen Einsatz vor mir selbst rechtfertigen könnte.”

    http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/schmerztherapeut-ueber-die-gefahr-von-ibuprofen-15202284-p4.html

  8. 8 borstel 30. September 2017 um 11:29

    Ich kenne Prof. Gottschling persönlich und habe auch sein Buch gelesen – ein sympathischer Herr, der jede Menge palliativmedizisches Fachwissen hat.

    Seine Abteilung in Homburg/Saar, auf der ich hospitiert habe, ist ein Ort, wo ich mich oder meine Angehörigen ohne Vorbehalte in Beteuung begeben würde. Gut, daß er sich so unmißverständlich geäußert hat!

    Der Link zum science media center faßt endlich endlich die Datenlage und Beurteilung hervorragend zusammen.

    Blöderweise ziemlich lang, das ganze – ob irgendjemand (einschließlich gestreßter PlusMinus-Journalisten), sich das durchlesen wird?

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