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Hecken im DAZ-online-Interview: Homöopathie-Studien sollten unabhängig überprüft werden

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Knapp zwei Wochen nach dem aufsehenerregenden Interview der FAZ mit Josef Hecken hat die Online-Ausgabe der Deutschen Apotheker Zeitung nachgehakt.

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Im Gespräch mit DAZ.online-Redakteur Hinnerk Feldwisch-Drentrup sagte der G-BA-Chef:

DAZ.online: Von der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie wurde ein Forschungsreader zum Stand der Homöopathie-Forschung zusammengestellt. Trauen Sie den Studien nicht?

Hecken: Mit der Einrichtung des Gemeinsamen Bundesausschusses hat der Gesetzgeber den Anspruch für die Regelleistungen der gesetzlichen Krankenversicherung festgelegt: Sie müssen evidenzbasiert sein und qualitätsgesichert erbracht werden.

Hierzu bedarf es regelhaft einer systematischen Evidenzrecherche, in der die vorhandenen Studien gesucht, klassifiziert und ausgewertet werden, um so einen wissenschaftlich fundierten Überblick über die vorhandene Evidenz, über Nutzenbelege und unter Umständen auch über Schadens- oder Gefahrenpotenziale von Präparaten und Methoden zu gewinnen.

Ein solches Vorgehen scheint auch von der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie grundsätzlich akzeptiert zu werden, sonst hätte sie nicht versucht, den aktuellen Stand der Forschung zur Homöopathie im sogenannten Forschungsreader zusammenzustellen.

Allerdings ist die methodische Qualität dieser Zusammenstellung zu hinterfragen, weshalb ich vorgeschlagen habe, dass beispielsweise das IQWiG oder ein anderes unabhängiges wissenschaftliches Institut mit einer Metaanalyse, in der alle vorhandenen Studien aufgearbeitet und bewertet werden, beauftragt werden könnte.

Auch das ist nichts Ungewöhnliches, sondern es ist gute wissenschaftliche Praxis, dass sich Studien auch einer externen unabhängigen Überprüfung unterwerfen. Beim G-BA ist das Tagesgeschäft, und wir merken bei vielen Methodenbewertungen und AMNOG-Entscheidungen, dass viele Studien einer Überprüfung nicht standhalten.“

Zum Weiterlesen:

  • Auch Alternativmediziner müssen Evidenz liefern, DAZ.online am 9. September 2016
  • Einflussreiche Stimme: Chef des G-BA fordert Verbotsmöglichkeit für „Alternativ“-Behandlungen, GWUP-Blog am 26. August 2016
  • Kritik an Heilpraktikern und Homöopathie zieht Kreise, GWUP-Blog am 27. August 2016
  • Homöopathie: Pfuschfans jammern über die jüngste Kritik an der freien Ballaballawahl, GWUP-Blog am 30. August 2016
  • „Ergebniswäsche“: Detailanalyse des Forschungsreaders Homöopathie der WissHom, GWUP-Blog am 19. Juni 2016
  • 60 Seiten Papierverschwendung: Der „Reader“ der Homöopathen zum aktuellen Forschungsstand, GWUP-Blog am 29. Mai 2016
  • Homöopathie auf den Prüfstand: Offener Brief des INH an Gesundheitsminister Gröhe, GWUP-Blog am 6. September 2016

7 Kommentare

  1. Zitat Hecken: „Das verschiedentlich vorgetragene Argument, die Diskussion um die Satzungsleistungen der Krankenkassen lohne nicht, weil sie ja nur einen homöopathischen Anteil an den Gesamtausgaben haben, ist für mich eher zynisch: Es kommt nicht auf den Umfang der Leistungsausgaben an, sondern auf die Frage, ob Patientinnen und Patienten gefährdet werden oder nicht.“

    Applaus für diese klare Ansage! Der Mann wird mir direkt sympathisch.

  2. Man wünscht ihn sich an Gröhes Stelle ;-)

  3. ICh finde es im Prinzip ja schon gut, dass er sich für eine externe Bewertung der Studienlage ausspricht.
    Die Frage ist aber: Wie oft denn noch? Es gibt ja schon genug Metastudien und Metametastudien, die zu dem Ergebnis der Nichtwirksamkeit kommen, zuletzt in Australien.

    Wenn man nun noch einmal beurteilt, wieder zu dem Ergebnis kommt, dass Homöopathie nicht wirkt (besser als Placebo) und daran geht, den Kassen die Erstattung zu verbieten… dann kommen in ein paar Monaten wieder die Homöopathen daher und verlangen aufgrund neuer „Erkenntnisse“ (z.B. einer voraussichtlich wieder mal nicht kunstgerecht durchgeführten Studie) eine neue Beurteilung.

    Ceterum censeo: Wie soll die Wirksamkeit von Homöopathie an sich bewiesen werden? Darf sie – nur aufgrund ihres verqueren „Wirkmechanismus“ – Wirksamkeit beanspruchen, wenn in Studien zu einzelnen homöopathischen Mitteln tatsächlich eine Wirkung gefunden würde? Was sagt eine (hypothetische) Wirksamkeit von Kalium bichromicum D6 bei Atemwegserkrankungen über die Wirksamkeit von Arsenicum album C12 aus?

  4. Wie bereits angemerkt, es ist erwiesen, dass Homöopathie unwirksam ist, genauso wie Astrologie, Säftelehre und vieles mehr an altem „Wissen“. Das Kompostieren dieser Irrlehren scheint einfach nicht zu funktionieren.

  5. @ Christian Becker:

    Wissenschaftlich wäre eine neue Übersichtsarbeit nicht nötig, aber politisch schon.

    Interessant ist Ihre Frage nach dem Wirksamkeitsnachweis. Wenn die diversen Studien immer nur die gleiche Hypothese testen (die Wirksamkeit „der Homöopathie“), kann man sie eigentlich nicht einfach so als Einzelstudien nebeneinanderstellen und wie häufig von den Homöopathen praktiziert sagen, es gäbe doch auch welche mit positivem Ergebnis.

    Bei hinreichend vielen Studien ist das zufallsbedingt zu erwarten und das muss statistisch berücksichtigt werden (Stichwort multiples Testen, Metaanalyse). Wenn dagegen die Mittel A und B jeweils eigens auf ihre individuelle Wirksamkeit getestet werden, sagt die (hypothetische) Wirksamkeit von Mittel A nur dann etwas über die Wirksamkeit von Mittel B aus, wenn man einer Variante des esoterischen Fehlschlusses folgt: Wirkt eins, wirkt alles.

  6. Auch die DocCheck News berichten über die Debatte zur Homöopathie und Heilpraktiker.

    http://news.doccheck.com/de/145104/homoeopathie-co-keine-evidenz-kein-geld/

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