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Stimmt es, dass Riesenkraken Schiffe angreifen?

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Die Gerüchte um einen lebendig gefangenen Bigfoot wollen nicht verstummen, melden heute unsere Freunde von grenzwissenschaft-aktuell.

Das wäre doch mal was – immerhin haben japanische Forscher jetzt erstmals einen Riesenkalmar in der Tiefsee vor die Kamera bekommen:

Riesenkalmare werden irrtümlich auch als Riesenkraken bezeichnet“,

schreibt Spiegel-Online dazu:

In früheren Legenden und Kosmographien wie etwa von Sebastian Münster aus dem 16. Jahrhundert sind sie noch so groß, dass sie ganze Segelschiffe in die Tiefe ziehen können.“

Genau mit dieser Frage („Stimmt es, dass Riesenkraken Schiffe angreifen?“) haben wir uns im Skeptiker 3-4/2007 beschäftigt.

Hier der Artikel von Ulrich Magin und Bernd Harder:

Pech, dass der untote Piratenkapitän Davy Jones sich ausgerechnet einen Riesenkraken als Haustier hält, dessen Tentakel für ausufernde Zerstörungsorgien auf hoher See sorgen. Am Ende von „Fluch der Karibik II“ reißt da Untier auch die „Black Pearl“ von Jack Sparrow (Johnny Depp) in die Tiefe.

Ob „20 000 Meilen unter dem Meer“ (1954) oder „Beast – Schrecken der Tiefe“ (1996), ob „Das Grauen aus der Tiefe“ (1955), „Die Bestie mit den Todesarmen“ (1977), „Octalus“ (1998) oder der maritime Endzeit-Roman „Der Rote“ (Marebuchverlag, Hamburg 2007):

Riesenkraken galten Schriftstellern und Filmemachern schon immer als Quintessenz eines Seeungeheuers.

Es war ein Riesenkrake von gewaltigen Ausmaßen, an die acht Meter lang, lesen wir etwa bei Jules Verne: Seine riesigen, blassgrünen Augen starrten uns an. Die acht Arme waren doppelt so lang wie sein Rumpf und ineinander verwoben wie Haare einer griechischen Furie.

In „20 000 Meilen unter dem Meer“ stürzt sich die Kreatur auf Kapitän Nemos Unterseeboot „Nautilus“, wird aber mit Äxten und Harpunen zur Strecke gebracht.

In Wahrheit sind Kraken äußerst scheue Tiere, die weder groß noch aggressiv genug sind, um Schiffe oder Menschen anzugreifen. Riesenkraken sind achtarmige Tintenfische (Oktopoden), die beutel- oder kegelförmig aussehen und normalerweise eine Spannweite von drei bis vier Metern erreichen.

Und weil das so ist, vertreten viele Kryptozoologen (Kryptozoologie = die Forschung nach verborgenen Lebewesen) heute standhaft die Gleichsetzung „Krake“ = „Kalmar“ – eine ebenso junge wie unbewiesene Behauptung, die da im Kern lautet: Zum Meeresungeheuer tauge viel eher ein Verwandter der Riesenkraken, nämlich der Riesenkalmar, der von der Wissenschaft „Architeuthis“ genannt wird.

Er sei es wohl, der die jahrhundertealten Schauergeschichten von Tentakeln, die plötzlich aus dem Wasser schnellen und sich um den Schiffsrumpf schlingen, inspiriert habe.

Auf den ersten Blick entfaltet diese Camouflage einen gewissen Charme. Der Architeuthis scheint tatsächlich ungeheuer groß zu sein. Das bislang imposanteste Tier fand man 1933 tot vor der Küste Neuseelands. Es maß knapp 22 Meter und wog mehrere Tonnen.

Möglicherweise können Riesenkalmare sogar „eine Maximallänge von 45 Meter erreichen“, vermutete der 1991 verstorbene amerikanische Meeresbiologe Frederick A. Aldrich.

Das mag schon sein.

Aber dass der Riesenkalmar irgendetwas mit dem Seeungeheuer „Krake“ zu tun hat, ist trotzdem eine kryptozoologische Fiktion, die allen Tatsachen zuwiderläuft.

Denn wie sollte ein Meerestier für ein Monster gehalten werden können, das in Wahrheit kleiner ist als ein Delfin?

Die staunenswerten Längenangaben zum Architeuthis beziehen sich stets auf die beiden Tentakel des vermeintlichen Riesen. Zwei der zehn Fangarme des Architeuthis sind verlängert und schnellen wie dicke Gummiseile der Beute entgegen, um sie zu packen und zum Schlund zu führen.

Heißt konkret: Die Tentakel des besagten Neuseeland-Riesenkalmars ließen sich 22 Meter in die Länge ziehen. Der Körper hatte in etwa die Maße eines Menschen. Im offenen Meer dürfte auch der größte Architeuthis so atemberaubend wie ein Lachs aussehen.

Richtig ist indes: Wir wissen mehr über die Dinosaurier als über das größte wirbellose Raubtier der Erde.

Etwa 200 angeschwemmte Kadaver, einige gerade sterbende alte und dadurch träge Exemplare in Schleppnetzen vom Ozeanboden sowie ein paar papageienartige Riesenkalmar-Hornschnäbel aus Pottwal-Mägen: Das sind die wenigen Fragmente des Puzzles namens Architeuthis, welche die Forschung bislang zusammengetragen hat.

Zum Beispiel zogen neuseeländische Fischer im Februar 2007 einen fünf Meter langen Riesenkalmar aus antarktischen Gewässern.

Über die Biologie dieser Giganten ist so gut wie nichts bekannt. Wir wissen weder genau, wie lange sie leben, noch wie groß sie werden, wie schnell sie schwimmen oder wie sie mit Artgenossen kommunizieren.

Viele Daten müssen aus der Anatomie und dem Verhalten kleinerer Arte abgeleitet werden. Und noch nie konnten Riesenkalmare in ihrer natürlichen Umgebung beobachtet werden – bis im Jahr 2004 dem japanischen Zoologen Tsunemi Kubodera eine sensationelle Fotoserie gelang.

Er ließ bei den Ogasawara-Inseln südöstlich der japanischen Küste eine automatische Digitalkamera in 900 Meter Tiefe hinab, zusammen mit einem Futterköder. Am 30. September, um 9.15 Uhr, griff ein Riesenkalmar an

In den folgenden vier Stunden schoss die Kamera mehr als 500 Fotos vom Kampf des acht Meter großen Tiefsee-Riesen mit dem Köder.

Schließlich verfing sich einer der beiden vorderen Fangarme in dem Haken des Futterköders und riss ab. An Bord habe sich der fünfeinhalb Meter lange Fangarm immer wieder auf den Planken gewunden und sich an jedem Gegenstand festgesaugt, der ihm hingehalten wurde, berichtet Kubodera.

Erstaunlicher aber: Die Aufnahmen zeigen den kaum fassbaren Kopffüßler als aktiven Jäger, der seine Beute wie eine Würgeschlange packt und fest umklammert. Bis dato waren Meeresbiologen davon ausgegangen, dass Architeuthis seine Tentakel wie eine Art Lockmittel einsetzt und lediglich passiv auf Beute wartet.

Anscheinend sind die Weichtiere weitaus kräftiger und räuberischer, als bislang angenommen. „Es sind aktive und extrem aggressive Killer“, ist der Biologe Steve O’Shea von der Universität Auckland/Neuseeland überzeugt.

Aggressiv und tödlich genug, um Schiffe anzugreifen?

Zum einen scheint es äußerst unwahrscheinlich, dass ein an hohen Wasserdruck gewöhnter Tiefseebewohner wie der Riesenkalmar an der Meeresoberfläche zu einem solchen räuberischen Kraftakt noch agil genug ist.

Zum anderen gibt es nicht einen glaubhaften Bericht darüber, dass Architeuthis jemals einem Schiff gefährlich geworden ist.

Verbürgt ist lediglich das Erlebnis der beiden Fischer Theo Piccot und Daniel Squires, die 1873 vor der Küste Neufundlands einen eisernen Haken in vermeintliches Seetang oder Treibgut schlugen – allerdings handelte es sich um einen sterbenden Riesenkalmar, der daraufhin das Ruderboot umklammerte, ehe er in er Tiefe versank.

Von der unheimlichen Begegnung zeugt ein sechs Meter langer, abgetrennter Fangarm, den Piccot und Squires einem Hobby-Naturforscher namens Reverend Moses Harvey in dem kleinen Ort St. John übergaben.

Alle weiteren Geschichten um Angriffe auf Schiffe sind Zeitungsenten (wie beispielsweise die Versenkung des Schoners „Pearl“ 1874) oder klingen sehr unglaubwürdig, etwa was die Angaben zu Größe und Geschwindigkeit des Architeuthis betrifft (zum Beispiel die wundersame Story des Kapitäns Arne Gronningsaeter in den frühen 1930er Jahren).

Bleibt allerdings die Frage: Woher kommen die Legenden um vielarmige Meeresungeheuer, die ganze Schiffe mit Mann und Maus in die Tiefe reißen – seien sie nun als Kraken oder als Kalmare gedacht?

Die klassischen Referenzen finden sich bei Homer und Plinius dem Älteren. Ersterer beschreibt in seiner „Odyssee“ im siebten Jahrhundert v. Chr. die Schreckensgestalten Skylla und Charybdis, die in einer Meerenge die Seefahrt bedrohen. Letzterer berichtet von einem riesenhaften „Polypen“ mit zehn Meter langen Armen an der spanischen Küste.

Eigentlich aber ist der Riesenkrake ein norwegisches Seemonster, hervorgegangen aus der „Naturgeschichte der nordischen Völker“ des Bischofs Olaus Magnus im Jahr 1555.

Der Geistliche sammelte auf seinen Reisen zahlreiche Berichte von Fischern und verdichtete dieses Seemannsgarn schließlich ohne eigene Anschauung zu monströsen Wesen, deren Gestalt schrecklich sei, deren viereckiger Kopf lange Hörner habe wie ein Baum Wurzeln, und deren Auge starr und grausam, eine Elle groß und von tiefroter Farbe sei.

Allerdings: Das Wort „krake“ bedeutet im Norwegischen gar nicht „Krake“ sondern „Krabbe“. Magnus beschrieb also keinen Tintenfisch oder Kalmar, sondern ein Seeungeheuer, das die Gestalt einer Riesenkrabbe hatte.

Auch in den gesammelten Erzählungen der Fischer ging es immer wieder um eine Art „Inseltier“ – etwa dergestalt, dass das Monster, wenn es seinen Rücken aus dem Wasser hebe, bis zu anderthalb Meilen Umfang habe, so groß wie eine kleine Insel.

Der französische Kulturwissenschaftler Michel Meurger hat aus volkskundlicher Sicht mittlerweile nachgewiesen, dass bis ins 19. Jahrhundert hinein für die Fischer Skandinaviens das „Inseltier“/ der „Riesenkrake“ tatsächlich auch ein Riesenhummer/-krebs war. Möglicherweise hat also nur ein Übersetzungsfehler aus dem Norwegischen aus dem dortigen „krake“ im übrigen Europa ein Ungeheuer aus der Gattung der Riesenkraken gemacht.

Mithin hat der Architeuthis keinerlei kryptozoologische Tradition. Es erscheint auch nur schwer vorstellbar, dass ein mannsgroßer Kopffüßler einer Schiffsbesatzung Angst einjagen könnte, selbst wenn er sie „angreifen“ würde.

Jedenfalls kann der Riesenkalmar nicht als Erfolgsstory der Kryptozoologen in dem Sinne gelten, dass ein vermeintlich mythisches Geschöpf nach und nach zu einer ganz normalen biologischen Gattung wurde – wie es auch von „Kryptiden“ wie etwa dem Ungeheuer von Loch Ness, Bigfoot oder Mokéle-Mbêmbe (einem angeblich in Afrika lebenden Dinosaurier) erhofft wird.

Die Legenden um den Riesenkraken haben kein reales Vorbild, ihre Entschlüsselung ist mithin der Erzählforschung vorbehalten, die hier auf das uralte Motiv von den alles verschlingenden bösen Mächten trifft, die im großen Unbekannten lauern.

Etwa auf Captain Jack Sparrow, den Mascara-Piraten in Fluch der Karibik.“

Zum Weiterlesen:

  • Legendärer Riesenkalmar in der Tiefsee gefilmt, Die Welt am 7. Januar 2013
  • HoaxillaPodcast Nr. 12: Riesenkraken
  • Ulrich Magin: Kluge Scheiße – Handbuch für Besserwisser. Herder-Verlag, Freiburg 2012
  • Ulrich Magin: Die Lava. Aufbau-Verlag, Berlin 2010
  • Das Monster vom Bodensee, GWUP-Blog am 30. Juli 2008
  • Die Seeschlange vom Comer See, GWUP-Blog am 29. Juni 2008

5 Kommentare

  1. Vielleicht greifen ja ständig Kraken oder Kalmare Schiffe an, es fällt nur niemandem auf, weil sich so ein Tier nun mal schwertut, ein tonnenschweres Schiff zu bewegen :)

  2. Seemannsgarn was auch soll ein Tintenfisch mit all diesen zahlreichen schwer verdaulichen Schiffe machen.
    Und scheinbar wartet die Besatzung immer seelruhig ab bis sie untergehen.

  3. In den Artikel hat sich leider ein kleiner Fehler eingeschlichen.

    Das Tier, das die Neuseeländer 2007 aus dem Südpolarmeer gezogen haben, war zwar riesig, aber kein Riesenkalmar (Architeuthis dux). Es handelte sich um einen Kolosskalmar (Mesonychoteuthis hamiltoni), der zu einer anderen Kalmarfamilie gehört. Das Tier maß lebend wohl etwa 6-8 Meter, wovon die Mantellänge 2,5 Meter betrug und wog eine halbe Tonne. Das Weibchen war noch nicht geschlechtsreif (Sprich die Tiere werden noch größer).

    Im Unterschied zu den Riesenkalmaren ist der Körper dieser Art deutlich bulliger und länger, die wuchtigen Fangarme und Tentakeln kürzer und mit drehbaren Chitinkrallen statt Saugnäpfen wie bei den Riesenkalmaren besetzt und die Augen sind nochmal deutlich größer. Das Tier wurde gefangen, als es sich beim Abseilen von großen Dorschen in der Leine verfangen hatte.

    Die Köder, mit denen man die Riesenkalmare angelockt hat waren direkt winzig dagegen.

    Hier mal ein Zeitungsartikel dazu:

    http://www.nzherald.co.nz/science/news/article.cfm?c_id=82&objectid=10507295

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