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„Geo“ fordert den Fehlernachweis

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Gerade wird auf der Facebook-Seite von Geo eine Diskussion über das August-Heft geführt (Eintrag vom 22. Juli), das bekanntlich mit einer grottigen Nonsens-Titelgeschichte über „Die neue Heilkunst“ aufwartet.

Die Redaktion versteigt sich zu der Behauptung:

Jeder Fakt in unseren Artikeln wird bei uns überprüft, dafür haben wir eine eigene Abteilung. Alles ist seriös recherchiert und wird von unserer Fact-Checker-Unit geprüft. Wie gesagt: Wir warten immer noch auf Belege für Fehler in der Geschichte.“

Nun ja, bei Esowatch zum Beispiel hätten die Nullchecker von Geo schon längst fündig werden können.

Auch Professor Ulrich Berger vom GWUP-Wissenschaftsrat (Blog: Kritisch gedacht) hat heute nochmal explizit ausgeholt. Hier seine Statements:

Geo: „Nach Metaanalysen vieler kontrollierter Studien ist der Homöopathie-Effekt mehr als doppelt so hoch wie die allein durch ein Placebo erklärbare Genesung.“

Das ist falsch. Die state-of-the-art Metaanalyse von Shang et al (2005) sagt: Kein signifikanter Unterschied zwischen Homöopathie und Placebo in den großen und methodisch guten Studien.

Geo: „Am Ende belegte die Studie, dass Akupunktur wirksam, sicher und kosteneffektiv ist.“

Das ist falsch. „Effectiveness“ ist nicht „Wirksamkeit“. Die Wirksamkeit (d.h. über Placebo hinaus) wurde nicht belegt.

Geo: „Warum funktioniert Akupunktur – sogar dann, wenn die Nadeln »falsch« gesetzt werden?“

Die Frage ist absurd. Wenn die Nadeln falsch gesetzt werden, dann handelt es sich nicht um Akupunktur, sondern um Scheinakupunktur, welche in den ART-Studien als Placebokontrolle diente. Das Ergebnis ist gerade, dass Akupunktur eben nicht wirkt.

Geo: „Bei chronischen Rückenschmerzen sprechen mehr als 40 % der Patienten auf Akupunktur an, nur 27 % auf die konventionelle Behandlung mit einer Kombination aus Pillen und Physiotherapie.“

Das ist eine von CAM-Seite verbreitete Fehlinterpretation der GERAC-Studie. Die Kontrollgruppe, die konventionell behandelt wurde, bestand aus Patienten mit durchschnittlich 8 Jahren (!) chronischen Rückenschmerzen. Das ist eine massiv selektierte Gruppe von genau jenen Patienten, die auf konventionelle Behandlung nicht oder nur schlecht anspricht.

Geo: Kaptchuk hat vor Kurzem die ärztliche Welt auf den Kopf gestellt, indem er nachwies, dass Tabletten ohne jeden Wirkstoff selbst dann helfen, wenn die Betroffenen wissen, dass sie nur eine Attrappe schlucken.“

Auch das ist eine Fehlinterpretation. Die Placebos wurden ganz klar so beschrieben, dass eine positive Erwartungshaltung aufgebaut wurde. Als „Attrappe“ wurden sie nicht gesehen.

Geo: „Seine subversiven Thesen haben Kaptchuk an die Spitze der Schwarzen Listen gebracht, mit denen sogenannte quackwatcher all jene verfolgen, die irgendeinen Zweifel an der reinen Lehre der Medizin hegen.“

Kompletter Unsinn. Kaptchuk ist ein seriöser Forscher, wenngleich mit manchmal eigenwilligen Interpretationen seiner eigenen Studienergebnisse. Es gibt keine „Schwarzen Listen“ von quackwatchern. Auf den über 4.700 Seiten von quackwatch wird Kaptchuk genau einmal in einem kritischen Kontext erwähnt, und zwar 2006.

Die Crux an Ihrem Artikel ist, dass er durchgehend nicht zwischen der Heilung von Krankheiten und der Linderung von subjektiven Symptomen unterscheidet – ein himmelhoher und ganz entscheidender Unterschied! Letzteres gelingt nämlich mit Placebos, ersteres leider nicht.

Leider kommt auch kein kritischer Wissenschaftler zu Wort – Michael Baum dient lediglich als böse Karikatur. Dabei würde ich seine Samuel Gee lecture 2009 jedem hier ans Herz legen.“

Also, liebe Geo-Leute, wir erwarten dann mal gespannt die Antworten Eurer „Fakten-Checker“ (es hätte übrigens schon genügt, vorher einfach mal die Autorin zu checken und ihre diversen „Outings“ als gefühlige Schwärmerin ohne wissenschaftliche Kenntnisse oder auch nur Reflexionsvermögen zu lesen).

17 Kommentare

  1. Und ich weiss genau, dass z.B. meine Mutter jetzt nur diesen Geo-Artikel lesen wird, sich in Ihrer CAM Meinung bestaerkt zuruecklehnt und diese verdammte Zeitschrift auch noch in ihrem Wartezimmer ausliegen wird.
    Und alles was man ihr dazu schickt wird weggelaechelt. *unbelehrbar*
    Sehr traurig :(

  2. Who fact-checks the fact-check-unit? (Juvenal, naja, fast)

    Wahrscheinlich war die „Fact-Checker-Unit“ noch hiermit beschäftigt:
    http://www.youtube.com/watch?v=aPo9sCqza98.

  3. Das sind die Tücken von Social Media, ich hoffe die Redaktion ist so professionell, dass sie in sich geht und auch Fehler eingestehen kann. Hier sehe ich die Gefahr, dass die Glaubwürdigkeit der Redaktion leidet, wenn sie den schlechten Artikel auch noch blind verteidigen. Wobei ich die Geolino-Heft-Kündigungen laut Facebook seltsam finde, aber das Qualitätsmanagement in der Redaktion hat hier echt versagt und schauen wir mal, ob sie die Rufschädigung begrenzen können oder es totschweigen wollen.

  4. Auf BR-Alpha läuft derzeit ein Sendereihe „Was wir noch nicht wissen“.
    Auch hier wurde in zwei Sendungen („Wie wirkt Homöopathie“ und „Woher weißt Du, was ich fühle“) relativ einseitig und unkritisch über die Themen Homöopathie und therapeutische Familienaufstellungen berichtet.
    Das fand ich sehr irritierend. Vor allem von BR-Alpha als dem Wissenskanal des Fernsehens hätte ich eine ausgewogenere Darstellung erwartet.

  5. GEO? Lese ich schon seit Jahren nicht mehr, ist mir zu anspruchslos. Ich kann da jetzt nicht einmal den Kopf schütteln, aber die Leser tun mir leid, so verdooft zu werden ist schlimm.

  6. Solange unser Staat Religionsgemeinschaften subventioniert und Religions“unterricht“ an Schulen zuläßt, solange wundert mich nichts.
    Der Aberglaube wird von Kindesbeinen an von vielen Eltern verbreitet und mit anekdotischen Geschichten untermauert. Eine Mauer die nicht hält.
    Viele Kinder wollen nicht glauben das sie von ihren Eltern Unsinn erzählt bekommen. Erst viel später im Leben wird es den meisten klar das da vieles nicht gestimmt hat.

  7. die GEO, hatte ich eine lange Zeit gelesen. Jetzt nicht mehr… Themen ünerzeugen mich einfach nicht mehr :(

  8. Die selbsternannte „Wissenschaftsjournalistin“ Petra Thorbrietz war doch schon Thema bei Eso-Watch!

    http://blog.esowatch.com/?tag=petra-thorbritz

    Wenn Politikwissenschaftler Naturwissenschaft erklären:
    „Petra Thorbrietz ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Wie es dazu kommen konnte, dass sie eine Kolumne – Thorbrietz´Diagnosen – zu medizinischen Themen auf Focus online schreiben darf, ist uns unbekannt.
    In der neuesten Ausgabe „bricht sie eine Lanze für die Homöopathie“. Wir stimmen mit ein und brechen nach der Lektüre auch gleich.

    Schon der erste Satz zeigt, wohin die Reise geht. Da unterstellt Frau Thorbrietz den homöopathischen Mitteln großartige Fähigkeiten:

    Es heißt, der Glaube könne Berge versetzen. Globuli schaffen Ähnliches.

    Was von dieser Aussage zu halten ist, lässt sich praktischerweise schon nach dem nächsten Satz beurteilen:

    Die Wissenschaft will das nicht wahrhaben, weil sie es nicht beweisen kann.

    Die Dame ist „Wissenschaftsjournalistin“ und hat doch von Wissenschaft offensichtlich keine Ahnung. Es ist das Wesen der Wissenschaft, eben nicht zu glauben („wahrhaben wollen“), sondern zu beweisen. So und nicht anders funktioniert Wissenschaft und besonders Naturwissenschaft. Es steckt auch kein „Wille“ dahinter, es gibt nur den Beleg. Und die Belege sind in Sachen Homöopathie glasklar: In 200 Jahren hat kein Homöopath einen wissenschaftlich haltbaren Beweis für die Wirksamkeit erbringen können. Alle ernstzunehmenden Versuche endeten im Desaster für die Homöopathen. Statt der Wirksamkeit wurde die Unwirksamkeit bewiesen.
    Frau Thorbrietz versucht, mit diesem Satz den Wissenschaftlern eine ungerechte Haltung gegenüber der Homöopathie unterzuschieben. So, als würden die das Ganze aus formalen Gründen nicht anerkennen, obwohl sie es besser wissen müssten.

    Frau Thorbrietz weiß, dass sie sich auf dünnes Eis begibt:

    Achtung – dies ist ein Outing: Ja, ich vertraue der Homöopathie. Auch wenn es gerade mal wieder total en vogue ist, sich von dem scheinbaren Nichts zu distanzieren.

    Im Folgenden berichtet sie über die Situation in England, wo es eine Parlamentsinitiative gibt, die zum Ziel hat, die Homöopathie aus dem Leistungskatalog der Gesundheitsvorsorge zu nehmen. Sie glaubt, Kritik an der Homöopathie sei eine aktuelle Modeerscheinung (“en vogue”).
    Sie erwähnt auch einen interessanten Selbstversuch“

  9. @Skeptikus Ich bin eine von denen, die sich zu Geolino geäußert haben. Hintergrund ist, daß ich nicht möchte, daß meine Kinder eine Zeitschrift als seriös kennenlernen, die offensichtlich tendenziös berichtet. Die Lütten gehen ja in diesem Alter automatisch davon aus, daß alles, was die Großen ihnen sagen, auch tatsächlich stimmt.

    Wer garantiert mir nach dieser Geschichte, daß nicht schon in Geolino der Grundstein zur Esoterikgläubigkeit gelegt bzw. auch über andere Dinge derart grob falsch berichtet wird? Da ist einfach das Vertrauen weg. Bzw. es war in meinem Fall nie da. Ich kenne Geo als Wartezimmer-Zeitschrift und mir ist sie im Vergleich zu Spektrum einfach zu flach. Dabei bin ich nicht einmal Wissenschaftlerin.

  10. GEO ihr macht es immer peinlicher!

    Andre S. war so clever und hat einen Kommentar ganz oben in einem Post auf der Facebook Seite geschrieben, mit der Frage, wann man mit Antwort zur Homöopathie- Frage rechnen könnte, sofort wurde der Kommentar von GEO gelöscht. Einfach unglaublich GEO zensiert und löscht.

    Mittlerweile wurde auch bekannt, dass Petra Thorbrietz in Esoterik-Foren unterwegs ist.

    Warum GEO zensiert dürfte klar sein, ein Kommentar oben wird sofort gelesen!

  11. @Ute klar, ich meinte nur, dass man Geolino nur danach bewerten sollte, was auch drinnen steht. Wenn GEO einer Tempelwächterin der Wissenschaftsfeindlichkeit ein Forum bietet, bedeutet das ja nicht, dass die Geolinoredaktion ins gleiche Horn blasen wird. Aber klar, wenn dass die Reaktion der Redaktion ist. Dann sagt GEO in meiner Anerkennung deutlich ab und wird für mich dann zu einer Zeitschrift mit schönen Photos, aber einer Redaktion, die zwischen gut gemeint und gut gemacht nicht mal unterscheiden kann, wenn man die Kritik auf dem Silbertablett serviert.

  12. „Effectiveness ist nicht “Wirksamkeit“

    Hä? :) Sondern?

  13. Zum schwierigen Thema Was ist effectiveness hier ein Hinweis zu einem Artikel von WindelerL:

    Am Ende schreibt er: „Die Begriffe Efficacy und Effectiveness unterliegen einer ausgeprägten Interpretationsvielfalt. Das muss akzeptiert werden und ist vermutlich auch nicht zu ändern. Jeder Benutzer dieser Begriffe sollte sich aber über die Vielfalt klar sein und jedenfalls selbst genau verstehen, unter welcher Definition er/sie die Begriffe benutzt.“

    http://www.ebm-netzwerk.de/grundlagen/images/efficacy_and_effectiveness.pdf

  14. Super blog danke hat mir sehr weitergeholfen macht weiter so lg aus berlin

  15. @ André

    Was genau hat Ihnen bzw. welcher Beitrag konkret hat Ihnen sehr weitergeholfen?

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