GWUP-Konferenz: Quo vadis, Parapsychologie?

Das letzte Drittel der 21. GWUP-Konferenz hat begonnen.

Den Nachmittags-Auftakt bestreitet Prof. Andreas Hergovich vom Institut für Psychologie der Universität Wien. Er arbeitet im Bereich der psychologischen Grundlagenforschung und beschäftigt sich seit langem aus kritischer Sicht mit paranormalen Phänomenen beziehungsweise den Gründen für den Glauben daran.

Jetzt geht es speziell um das Thema Parapsychologie.

Beziehungsweise um deren “Gesamtzustand”: Gibt es Ernst zu nehmende neue Entwicklungen/Trends/Paradigmen in diesem Fach?

Immerhin hatte der US-Kritiker Ray Hyman 2010 den “Tod der Parapsychologie” diagnostiziert.

Dem will Hergovich sich anscheinend nicht so ohne weiteres anschließen, denn immer wieder würden Artikel – auch in “guten” Journals wie dem Psychological Bulletin – erscheinen, welche die Existenz paranormaler Phänomene scheinbar belegen beziehungsweise Evidenz für bestimmte Effektgrößen zeigten.

Zweifellos sind diese Arbeiten methodisch gut gemacht”,

sagt Hergovich, auch wenn er zugleich betont, dass er diesen Studien “sehr skeptisch” gegenüberstehe.

Die Hoffnungen der Parapsychologie bleiben diesselben wie eh und je”,

fährt der Referent fort.

Und sagt, dass die Parapsychologie mittlerweile “klammheimlich” das naturalistische Weltbild übernommen habe und statt eines “spirituellen” Weltbildes nunmehr eine Art “neuer Physik” als Erklärung zu etablieren trachte.

Top-aktuell sei in der Parapsychologie das “Neurowissenschaftliche Paradigma”, jedenfalls noch vor dem “Quanten-Paradigma” mit seiner altbekannten Behauptung von der “spukhaften Fernwirkung”.

Nun wird’s spannend:

Was ist das Neurowissenschaftliche Paradigma? Und was steht in der Zeitschrift NeuroQuantology, die Hergovich gerade vorstellt, und die eine Art Konglomerat beider Paradigmen (“Neuro” und “Quanten”) publizistisch umsetzt?

Erst einmal erklärt Hergovich, was die Parapsychologie sich von dem Neurowissenschaftlichen Paradigma verspricht:

In der Hauptsache geht es darum, dass durch die neurowissenschaftliche Methodik der naturalistische Ansatz der Parapsychologie eingelöst werden soll.”

Dazu gehöre laut Hergovich sowohl die Suche nach einem neuroanatomischen Locus, um den genauen Mechanismus der paranormalen Interaktion aufzudecken, als auch die Untersuchung von “PSI” direkt auf der Ebene des Gehirns.

In einer Studie, die Hergovich nun darlegt, wurden dazu 16 emotional eng miteinander verbundene Personenpaare getestet: Der Sender sollte bestimmte Reize (Bilder) auf einem Bildschirm betrachten und sie einem Empfänger übermitteln.

Die Fragestellung war: Ist ein PSI-Stimulus (also etwas “Außersinnliches”) vorhanden oder nicht?

Anscheinend nicht, denn es zeigte sich bei der Analyse …

… auf der Verhaltensebene nix”.

die Trefferquote entsprach also dem Zufall.

Auch auf der Ebene der MRT (Magnetresonanztomographie) habe sich die Gehirnaktivierung bei den “PSI-Reizen” nicht von normalen (also gezeigten, nicht sensitiv übermittelten) Reizen unterschieden.

Nichtsdestotrotz schrieben die Autoren ihrer Studie große Bedeutung zu – nämlich dass es PSI nicht gibt.

Hergovichs erläutert dieses komplizierte Experiment und seine ebensolche Deutung an einem Beispiel:

Man stelle sich vor, eine Person lacht über einen Witz, aber auf der Hirnebene finden sich keine Unterschiede in der Gehirnaktivität:

Langweilt sich also das Gehirn, während sich der Mensch amüsiert?”

Oder ist es genau umgekehrt: Jemand lacht nicht über einen Witz, aber trotzdem ist dabei Gehirnaktivität messbar:

Amüsiert sich dann das Gehirn, obwohl der Mensch sich gerade langweilt?

Hergovichs Fazit: Das Neurowissenschaftliche Paradigma führe nicht weiter, denn:

Ob jemand sich amüsiert oder nicht, wird immer noch am besten auf der Verhaltensebene (Interaktion Mensch zu Mensch) festgestellt.”

Nicht aber in Form von Hirnmessungen mit bildgebenden Verfahren oder ähnlichem.

Oder ein anderes Beispiel:

Ein  Schüler löst eine Mathe-Aufgabe richtig, ein anderer Schüler löst die Aufgabe falsch. Kann man aufgrund der Bilder von neuronalen Prozessen entscheiden, ob die Lösung richtig oder falsch ist?

Nein, das sei nicht möglich. Und deshalb folgert Hergovich:

Die Frage nach der Existenz von PSI ist durch die aktuelle Einbeziehung der Hirn-Ebene durchaus nicht klarer zu beantworten.”

Nach einigen allgemeinen Kritikpunkten am Neurowissenschaftlichen Paradigma der Parapsychologie beziehungsweise den aktuellen Studien kommt Hergovich zu seinem Fazit, zunächst aus Sicht der Parapsychologie selbst:

  • Die Parapsychologie vollführe derzeit eine Abkehr vom Dualismus. Parapsychologen wollten ihr Fach zunehmend innerhalb der Mainstream-Wissenschaften etablieren. Das hätte den Vorteil, dass …
  • … PSI-Effekte dann mit bekannten und akzeptierten Methoden untersucht werden könnten.

Inhärente Probleme der Parapsychologie gebe es trotzdem nach wie vor zahlreiche, zum Beispiel:

  • In der Parapsychologie sei kein Geld vorhanden, und nur sehr wenige Parapsychologen könnten professionelle Forschung betreiben.

Dann erklärt Hergovich sein persönliches Fazit:

Die Parapsychologie sei “eine Schmetterlingswissenschaft”, die von einem Paradigma zum nächsten flattere.

An den wesentlichen Kritikpunkten der Skeptiker habe sich wenig bis nichts geändert, etwa an der Replikationsproblematik.

Hergovich:

Der definitive Nachweis von PSI-Phänomenen ist nicht gelungen.”

Dennoch sei eine Professionalisierung der Parapsychologie, zumindest “in Nischen”, festzustellen. Dies erfordere auch von den Kritikern eine höhere Kompetenz, um der Parapsychologie argumentativ begegnen zu können.

Das Ganze sei “keine triviale Angelegenheit mehr” – auch deswegen, weil Parapsychologen zunehmend “schwer durchschaubare Techniken und Methoden wählen”, wie etwa MRT und ähnliches.

Vor allem aus letzt genanntem Grund zeigten sich immer wieder signifikante Ergebnisse, die nicht leicht zu widerlegen seien.

Dessen ungeachtet kommt Hergovich zu dem Schluss: Auch die aktuelle Ansätze …

… führen in die Sackgasse.”

Die Parapsychologie könne wohl noch eine Zeitlang auf der Welle der Quantenphysik und der gegenwärtigen Begeisterung für die Neurowissenschaften mitschwimmen – dann aber gebe es “ein böses Erwachen”, ist Hergovich sicher.

Denn es handele sich bei den neuen Paradigmen lediglich um Analogien ohne Inhalt.

Was würde er, Hergovich, als Skeptiker den Parapsychologen raten?

Paranormale Phänomene sollten als subjektive Phänomene betrachtet werden, denen am besten mit normalpsychologischen Mitteln beizukommen ist.”

3 Kommentare zu “GWUP-Konferenz: Quo vadis, Parapsychologie?”


  1. 1 Jakob Fiedler 23. Januar 2012 um 19:04

    Interessant finde ich diesen Absatz:

    “Vor allem aus letzt genanntem Grund zeigten sich immer wieder signifikante Ergebnisse, die nicht leicht zu widerlegen seien”

    Dann muss ich mich aber fragen, warum man (statistisch) signifikante Ergebnisse nicht ernst nimmt? In anderen Bereichen würde dies ja auch geschehen. Und warum ist Dr. Hergovich so sicher, dass auch die aktuellen Ansätze in eine Sackgasse führen werden? Ich verstehe schon dass es menschlich ist, Phänomene innerhalb der Grenzen des eigenen Wissens interpretieren zu wollen, aber vielleicht ist das nicht immer möglich oder kontraproduktiv? Vielleicht sind es ja gerade Ansätze unterschiedlicher Fächer zusammen (zB Physik, Psychologie, Chemie…) die bessere Erklärungen liefern könnten als nur eine Disziplin alleine? Ich spreche weniger von Dingen wie “Neuroquantology” oder anderen seltsamen Neuschöpfungen die vielleicht noch auftauchen, aber es spricht doch nichts dagegen diese Phänomene mit Methoden verschiedener Fachrichtungen zu untersuchen und aus deren Blickwinkeln zu betrachten? Keinesfalls möchte ich mich für eine kritiklose Akzeptanz aussprechen, ich würde auch gerne eine klare Abgrenzung zwischen dem was man landläufig “Esoterik” nennt und der methodisch professionellen Erforschung von Anomalien sehen. Ich vermisse aber bei den Skeptikern oft gerade jene Objektivität die man von der anderen Seite richtigerweise verlangt. Die Diskussion scheint sich mehr auf das Verteidigen philosophischer Standpunkte verlagert zu haben, anstatt auf den Versuch, ein Experiment zu replizieren und damit vielleicht zu falsifizieren.

  2. 2 Bernd Harder 23. Januar 2012 um 20:25

    @Herr Fiedler:

    Das Wedeln mit (sehr kleinen) Signifikanzen bringt uns nicht weiter, solange die Parapsychologie dafür kein diskutables Erklärungsmodell mitliefern kann.

    Wie kommen diese Signifikanzen zustande? Physikalisch? Psychologisch? Metaphysisch? Ganz anders?

    Solange die Parapsychologie nicht in der Lage ist, ihr Fach ausreichend und nachvollziehbar theoretisch zu fundieren und zum Beispiel einen plausiblen Wirkmechanismus oder eine minimale Erklärungskomponente aufzeigen kann, implizieren solche Signifikanzen erst einmal gar nichts. Zumal grundlegende wissenschaftliche (und keineswegs *philosophische) Prinzipien wie Raum, Zeit und Kausalität gegen die Vermutung sprechen, dass paranormale Phänomene im Sinne eines unbekannten Energie- oder Informationstranfers existieren.

    “Psi” steht bislang als Leerformel dafür, dass die Daten eines Experiments nicht hundertprozentig erklärt werden können. Statt dessen könnte man ebenso gut von “Fehlervarianz” oder ähnlichem sprechen, zumal die Effektgrößen so klein sind, dass eine praktische Anwendbarkeit von “Psi” nicht gegeben ist.

    Darüber hinaus geht die GWUP selbstverständlich interdisziplinär an Themen wie Parapsychologie heran – das ändert aber nichts am Resultat.

    Aus psychologischer Sicht zum Beispiel:

    http://www.gwup.org/component/content/article/999-von-schafen-und-ziegen

    Aus physikalischer Sicht zum beispiel:

    http://www.gwup.org/infos/themen-nach-gebiet/56-parawissenschaften/68-paraphysik

  3. 3 Ralf 24. Januar 2012 um 04:27

    Wie ich schon immer sage…die Quantenphysik muß für jede Spinnerei herhalten.
    Da die Quantenphysik scheinbar einige Dinge unserer klassischen physikalischen Welt durcheinanderbringt, läßt sich schön eine Theorie zusammenspinnen…hier wurde schon das Phänomen der verschränkten Quanten (spukhafte Fernwirkung) erwähnt…und toll ist auch Schrödingers “schwarze” Katze; sie ist (scheinbar) tot und lebendig zugleich.
    Einsteins Relativitätstheorie musste für “Zeitmaschinen” und “interstellare Reisen” durch “Wurmlöcher” herhalten.
    Aber die Quantenphysik ist dagegen eine eierlegende Wollmilchsau für Esoteriker.
    Besonders schön ist es zu sehen, wie die Radiästhesie sich mittlerweile noch der klassischen Physik bedienen um ihre Theorien zu untermauern…was passiert, wenn sie den hl. Gral der Quantenphysik für sich entdecken?…;-)

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