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Well und fit mit Scheiß und Dreck

| 8 Kommentare

Dass in Frauenzeitschriften Scheiß und Nonsens nicht einfach „Scheiß“ und „Nonsens“ genannt wird, darüber haben wir schon öfter berichtet.

Warum das so ist? Einen Einblick in die Branche mag dieses Zitat geben:

Offensichtlich sind die potenziellen Leserinnen so gestresst von der Mehrfachbelastung als Mutter, Ehefrau, Haushälterin und Werktätige, dass sie ganze Magazine brauchen, die ihnen erklären, wie man sich entspannt. Auf endlos langen Bildstrecken schaukeln Lampions auf Wasser, harken Zen-Mönche Kies, umarmen Frauen Bäume und ziehen sich Dünen bis zum Horizont [..]

Mal ehrlich: Dem Wind ein paar Minuten dabei zuzusehen, wie er eine leere Plastiktüte vor sich hertreibt, hätte den gleichen Effekt.“

Womit wir wieder bei meinem Lieblingsheft Wellfit wären.

Neben der grandiosen „Mein-Schnupfen-und-ich“-Saga finden sich in der Winter-Ausgabe auch noch „Energie-Kicks im Test“.

Redakteurinnen und Autorinnen probieren sieben „Power-Spender“ aus, darunter zum Beispiel die „Yantra-Matte“: „Blumenartig angeordnete Spitzen aus Plastik sollen beim Liegen Akupressurpunkte stimulieren und so helfen, die Rückenmuskulatur zu entspannen, Stress abzubauen und Schlaf zu fördern.“

Und, funktioniert’s?

Das wird aus dem Bericht der testenden Beauty-Redakteurin nicht recht deutlich:

Weh tat es nicht, es pikste lediglich ein wenig. Dafür wurde mein Rücken schön warm. Besser geschlafen habe ich deswegen nicht, aber leichte Verspannungen lösten sich im Laufe der vier Testwochen.“

Ah ja.

Dieses gefinkelte Statement erinnert von der Konstruktion her ein wenig an das, wie bei Stupedia die Fähigkeiten von „Horoskop-Deutern“ beschrieben werden, aber was soll’s.

Lesen wir also weiter, was nun die Chefredakteurin zum „Chitox Vitalpflaster“ sagt („Ein Mix aus Pflanzenextrakten in einem Gaze-Säckchen wird nachts auf die Fußsohlen geklebt.“):

Die Mühe ist gering, das Versprechen groß: Nach nur zehn Tagen soll ich regeneriert, vitalisiert und meine Lebensenergie, das Chi, aktiviert sein. Davon spürte ich nichts. Nach weiteren empfohlenen zwei Wochen Anwendung hatte ich dann aber plötzlich morgens immer extrem gute Laune. Was sehr ungewöhnlich für mich ist. Und allein dafür lohnte sich der Test.“

Extrem gute Laune? Womöglich hat das Unterbewusstsein bloß die absurde unfreiwillige Komik dieses Spökes realisiert?

Egal, denn als nächstes kommt das „Magnetarmband von Energetix“ an die Reihe. Zu dem „Muntermacher am Handgelenk“ fällt der Testerin Folgendes ein:

Ich fühlte mich gleich etwas fitter, nachdem ich das Armband angelegt habe. Nur weiß ich nicht, lag es an meiner Erwartung oder am Magneten? Nach einer Magnet-Woche war ich morgens schneller wach als sonst. Vielleicht verdanke ich das ja der Kraftwirkung? Irgendwie war auch mein Schlaf tiefer und erholsamer.

Ich werde das Band weiterhin tragen. Allein schon deshalb, weil mich viele auf den hübschen Armschmuck ansprechen und sich oft eine angeregte Diskussion über seine Wirkkraft entspinnt.“

Verstehe.

Geht ein Bus in eine Bäckerei und als er wieder rauskommt, ist der Stiefel weg.

Aber wer weiß, möglicherweise ist hier die Silbe „spinnt“ ja sogar mit Bedacht gewählt. Vielleicht als letztes, camoufliertes Aufwallen kritischer Rationalität inmitten dieses schwatzhaften Unsinns?

Nehmen wir es zugunsten der Wellfit-Mädels mal wohlwollend an, die schließlich nicht die Realität abbilden, sondern nur das zeigen dürfen, was in der Logik ihres Mediums als wichtig gilt. Und das sind: kommerziell orientierte, industriekompatible und wenig belastende Themen in positiver Perspektive.

Wer dagegen wirklich wissen möchte, was es mit angeblichen „Energie-Kicks“ wie etwa „Power-Balance“-Armbändern auf sich hat, dem raten wir eher zur aktuellen Ausgabe vom Skeptiker.

Wie sinnfällig die kritische Auseinandersetzung mit diversen entspannenden oder leistungssteigernden Pseudo-Schmuckstücken ist, beweist neben Wellfit auch ein Artikel bei Biathlon-online:

Biathleten vertrauen auf neue Arten der Entspannung“

Zum Beispiel „Phiten“. Oder „Su-Jok“.

Früher – da hat man „Phiten“, „Su-Jok“, „Chitox“ und Co. ganz einfach „Scheiß des Monats“ genannt …

Zum Weiterlesen:

  • Placebo-Armbänder auf dem Grabbeltisch, Esowatch-Blog am 13. Februar 2011
  • Millionengeschäft „Power Balance“, Die Presse am 12. Februar 2011
  • Power Balance: Wie man ein billiges Armband teuer verkauft, Süddeutsche am 30. Januar 2011
  • Die Hasenpfote der Moderne, jetzt.de am 28. Januar 2011
  • Gefährliche Pseudowissenschaften – Weshalb Alternativmedizin und Co. nicht immer harmlos sind, Welt der Wunder am 25. Januar 2011
  • Sweet justice, Pharyngula-Blog am 4. Januar 2011
  • Placebo Bands, Ratio Blog am 3. Januar 2011
  • Biathleten vertrauen auf neue Arten von Hokuspokus, Ratio Blog am 30. Dezember 2010
  • Power Balance admits no reasonable basis for wristband claims, consumers offered refunds. Australian Competition and Consumer Commission am 22. Dezember 2010
  • Power Balance Australia
  • 24 Stunden mit dem Powerband Zentrom, Süddeutsche am 3. Januar 2011
  • Harmonie durch Plastik, Süddeutsche am 27. August 2010
  • Frauenmagazine: Echtheit ist überschätzt, FAZ-Blogs am 26. Februar 2010
  • Häppchen für den Hai: „Bella Luna“ ist da, GWUP-Blog am 23. Novemner 2010

8 Kommentare

  1. Was mich generell interessieren würde:
    – Warum sind Frauen eigentlich so anfällig für solchen Unsinn?
    – Lassen sich bestimmte Frauentypen klassifizieren, welche besonders aufnahmebereit für solche Angebote sind? Ich kenne Beispiele aus sämtlichen Einkommens- und Bildungsschichten.

    Ich habe außerdem den Eindruck, dass sich die ganze Eso-Homöopathie-Heiler-Dingsbums-Branche zum größten Teil durch Frauen finanziert! Auch glaube ich, dass die Anbieter von solchen „Dienstleistungen“ überwiegend weiblichen Geschlechtes sind!

    Natürlich lasse ich mich gerne eines Besseren belehren!

  2. Ich denke, verglichen mit der übrigen Frauen-Presse hat „Wellfit“ sich da noch halbwegs anständig aus der Affäre gezogen. Ich vermute mal, Blätter wie „Vital“, „Shape“ oder ähnliches hätten den Quatsch völlig unreflektiert hochgejubelt. Und natürlich lasse auch ich mich hier *gerne* eines Besseren belehren!

  3. „Ich habe außerdem den Eindruck, dass sich die ganze Eso-Homöopathie-Heiler-Dingsbums-Branche zum größten Teil durch Frauen finanziert!“

    Ich würde schon sagen, dass es immer noch überwiegend Frauen sind, die Männer in den letzten Jahren aber nachziehen.

    Frauen scheuen bekanntlich Risiken viel mehr als Männer (das wurde im Zusammenhang mit Finanzkrise, Bösen-Spekulanten und Bankern mehrmals thematisiert) Da der ganze Humbug immer mit sanft, natürlich, ohne Nebenwirkungen, beworben wird, könnte das ein Faktor sein. Frau schöpft eventuell auch schneller Vertrauen, da Beziehungen unter Frauen in der Regel emotionaler und näher ablaufen als unter Männern, was zur Folge hat, dass Sympathie über die Glaubwürdigkeit des Gegenübers stark mitentscheidet. Wenn jemandem geglaubt wird, braucht es auch kein Hinterfragen. Außerdem läuft der Verkauf des Krams doch viel über Mundpropaganda, von Frau zu Frau. Nach dem Motto: Was die Freundin empfiehlt, kann nicht schlecht sein. Es könnte auch noch ein generell geringeres Interesse an Naturwissenschaft eine Rolle spielen.

    Die Bildung spielt dabei m.E. keine Rolle, denn gerade in Akademikerkreisen findet man einen hohen Zuspruch von Quack, weil es so wunderbar zu Bio und Öko passt, man kann es sich schließlich auch leisten und hat das Gefühl, Gutes zu tun. Gerade in dieser Bildungsschicht sorgt Frau mit ihren Alternativ-Heilkenntnissen für die ganze Familie. Ich würde wetten, dass in solchen Haushalten die meisten HÖ-Hausapotheken stehen. Mann macht dann auch seine Erfahrungen damit und trägt zumindest zum Umsatz der Branche bei. Ich kenne außerdem niemanden, der auf Globulis steht und der nicht auch für andere Pseudo-Methoden und Produkte offen ist.

  4. Vielen Dank, Elke, für die ausführliche Darlegung.
    Schön zu lesen, dass es auch Frauen gibt, die der ganzen Sache auch skeptisch gegenüber stehen!

    Das Vertrauen eine große Rolle spielt, verstehe ich. Ich finde es aber erschreckend und gefährlich, dass viele ihr Vertrauen in dubiose Anbieter geradezu „verschleudern“ und keine anderen Meinungen mehr gelten lassen.
    Ich kenne Fälle, da gehen Geschäftsfrauen zu Wahrsagern/Hellsehern um sich die mögliche Entwicklung ihrer Firmen vorhersagen zu lassen, anstatt dass sie sich auf den gesunden Menschenverstand verlassen und die einfachsten betriebswirtschaftlichen Grundlagen zur Rate ziehen.
    Ich kenne auch eine Dame, die aufgrund psychischer Probleme regelmäßig zu Familienaufstellungen geht. Bis letzte Woche kannte ich das nicht einmal. Erst eine Recherche auf der Skeptiker-Seite konnte Aufklärung leisten. Meiner Meinung nach wird es hier aber sehr gefährlich, wenn man sich solchen Anti-Profis anvertraut! Ich bin zwar kein Profi, aber ich denke, dass man hier einiges kaputt machen kann!?

  5. @Tobias

    Es ist gefährlich, in der Tat und das in mehrerer Hinsicht.

    Im schlimmsten Fall bringen sich Menschen um, was auch schon nach einem Familienstellen bei Hellinger dokumentiert wurde:

    Selbsttötung nach Hellinger’schem Psychoterror

    Es wurde ein Fall eines Suizids einer Frau dokumentiert, die eine Show von Hellinger besucht hatte. Im Rahmen eines Großseminars in Leipzig holte er eine jungen Ärztin und vierfache Mutter auf die Bühne. Er wusste (außer von einer schlecht vertragenen Trennung von ihrem Mann) nichts von ihrer Familiengeschichte. Hellinger attackierte die Frau auf massivste Weise. Auf den Stellvertreter ihres Mannes zeigend verkündete er: ‚Dort sitzt die Liebe‘ und auf sie zeigend: ‚Und hier sitzt das kalte Herz‘; danach ins Publikum gewandt: ‚Die Kinder sind bei der Frau nicht sicher, die gehören zum Mann.‘ (Fiocke 1998). Obwohl Hellingers Unterstellungen völlig aus der Luft gegriffen waren, trafen sie die Betroffene emotional sehr stark. Sie verließ wortlos die Veranstaltung, schrieb ein paar Abschiedsworte auf einen Notizblock und nahm sich das Leben. Selbst wenn die Frau bereits vorher suizidal gefährdet gewesen sein sollte, wie Hellinger behauptet, entlastet ihn dies nicht. Im Gegenteil: Es zeigt, wie unverantwortbar es ist, in einer 10-minütigen Therapie-Show alle Ich-Grenzen des Rat- und Hilfesuchenden mit brutaler emotionaler Gewalt niederzureißen und ihn von oben herab mit selbstgestrickten höheren Wahrheiten zu konfrontieren.

    http://www.esowatch.com/ge/index.php?title=Familienaufstellung_nach_Hellinger

    Generell kann das Ganze leicht zu einer Sucht werden und man kommt ohne den entsprechenden Rat nicht mehr aus. Man ist nicht mehr fähig Entscheidungen selbst zu treffen, wobei dann die Antworten aus der unqualifizierten Eso-Szene in der Regel nicht konstruktiv ausfallen, wenn es um die Lösung der eigenen Probleme geht. Ein Handeln nach entsprechenden Ratschlägen kann ja auch in jedem Lebensbereich fatale Folgen haben. Z.B. „Ihr Mann betrügt Sie; investieren Sie Ihr Geld genau dort; verweigern Sie diese Operation“ etc. Mal ganz davon abgesehen, dass schon eine entsprechende Sucht allein in den finanziellen Ruin führen kann.

    Zu den weniger bekannten Problemen hatte ich auch mal einen Text geschrieben:

    http://ratgebernewsblog2.wordpress.com/2009/01/16/die-unterschatzte-gefahr-der-esoterik/

  6. Hallo Tobias!

    Du hast da zwar nicht ganz unrecht, aber das gleiche Phänomen zeigt sich z.B. bei der Zeitschrift „Men’s Health“ auch beim männlichen Geschlecht.

    MfG

  7. Ich meine, daß sich in der Esoterik die klassische Rollenverteilung wiederfindet.

    Frauen haben eher eine Affinität in Richtung Heilung, Erziehung, Pflege und Märchenmystik, deshalb die Beschäftigung mit Homöopathie, Yoga, Reiki, Elfen, Engel und Schamanen usw.

    Männer beleiben dagegen in ihrer Technikdomäne und entwickeln irgendwelche technische Gerätschaften im pseudo-quantenphysikalischen Bereich wie z.B. strahlungs-, schwingungs- und skalarwellentechnische Bioresonanz- und Photonen-Therapie-Gerätschaften, elektrodynamische nullpunksozzillatorische Magnetmotoren, sprich Perpetuum Mobili usw.

    Was für Frauen Hildegard von Bingen ist, ist für Männer Nicola Tesla.

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