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Die geheimnisvolle Zahl Dreiundzwanzig

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Dass sich um die Zahl 23 allerlei Mysteriöses rankt, wissen wir nicht erst seit Filmen wie „23 – Nichts ist so wie es scheint“ oder „Number 23“. Auch „Illuminatus!“-Autor Robert Anton Wilson widmet in seinem „Lexikon der Verschwörungstheorien“ dem „23“-Rätsel einen eigenen Eintrag – wenn auch in der erklärten Absicht, damit aufzuzeigen, „wie viel Merkwürdigkeit man dem Zufall in die Schuhe schieben kann, bevor es anfängt, hohl zu klingen und man den rutschigen solipsistischen Abhang hinab schlittert. Dorthin, wo man finstere Absichten hinter allem und jedem sieht“.

Als Beispiele zählt Wilson unter anderem auf:

  • Der Buchstabe W ist der 23. im Alphabet und hat zwei Spitzen, die nach unten zeigen und drei, die nach oben zeigen.
  • Das Amtsenthebungsverfahren gegen Richard Nixon fand gemäß Artikel 2, Absatz 3 der US-Verfassung statt.
  • Die Vereinigten Staaten zündeten 23 Atombomben über dem Bikini-Atoll im Pazifik.
  • Die erste Primzahl, in der beide Ziffern Primzahlen sind und eine weitere Primzahl ergeben, ist 23.
  • Die Adresse der Freimaurerloge in Stafford, England, ist 23 Jaol Road. In New York City ist sie in der 23. Straße.

Und so weiter, und so fort.

Dass die 23 auch als „magische Zahl“ der Illuminaten gilt, ist indes nicht mehr als ein Trivial-Mythos aus Wilsons Roman-Triologie. Als eigentlicher Erfinder der 23-Manie gilt der 1997 gestorbene Ex-Playboy-Redakteur und Autor William S. Burroughs („Naked Lunch“), der in seiner Kurzgeschichte „23 Skidoo“ erstmals die unschuldige Zahl mystifizierte.

Wie kam der Pop-Literat darauf? Angeblich durch einen kuriosen Vorfall. Burroughs lernte 1959 in der marokkanischen Hafenstadt Tanger einen Kapitän Clark kennen, der die Fähre von Tanger nach Spanien schipperte. Eines Abends erzählte Clark, dass er sich nun schon 23 Jahre lang unfallfrei auf dem Wasser bewege. Am selben Abend sank das Schiff. Clark kam dabei ums Leben. Am gleichen Abend soll Burroughs angeblich in den Radionachrichten vom Absturz eines Flugzeugs mit der Nummer 23 in Florida gehört haben – geflogen von einem Captain Clarke.

Seltsam? Erschreckend? Bizarr? Nun ja, was es so alles an seltsamen Zufällen gibt, kann man zum Beispiel unter dem Thread „Das Kartoffelsuppen-Mysterium“ bei unseren Freunden von Plazeboalarm nachlesen.

Und außerdem hat die exzessive Beschäftigung mit der Zahl „23“ eine viel ältere Tradition, wie der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke, Mitglied im GWUP-Wissenschaftsrat, im nächsten Skeptiker ausführlich darlegt.

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts erforschte der Berliner Arzt und Biologe Wilhelm Fließ hingebungsvoll vermeintliche „Biorhythmen“. Benecke:

Die stete Wiederkehr der Jahreszeiten, wie auch manches im Verlauf eines Menschenlebens, erwecken den Eindruck, als gäbe es in der Natur Grundrhythmen, in denen sich alle Vorgänge wiederholen. Blüten öffnen und schließen sich, Tiere ziehen in die Ferne und kehren zurück. Gibt es einen Taktgeber, der Lebensvorgänge dirigiert? Ist den kleinen Lebensrhythmen ein größerer übergeordnet? Erklärt dieser umfassende Rhythmus Werden und Vergehen? Diese Fragen stellte sich Fließ, der sie aus Naturbeobachtungen ableitete. Er verirrte sich aber im für ihn immer schwerer zu durchschauenden Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung seiner zwar rechnerisch richtigen, aber falsch an- und ausgelegten Ergebnisse.“

Wohin Fließ sich verirrte, beschreibt unser Skeptiker-Autor so:

Fließ durchkämmte medizinische Fachzeitschriften sowie persönliche Berichte von Freunden und Bekannten auf zeitliche Wiederholungen und Rhythmen. Immer ließen sie sich rechnerisch mit den Zahlen Dreiundzwanzig und Achtundzwanzig beschreiben. Jeder, wirklich jeder sich wiederholende, in Wachstum oder Vergehen ablaufende Vorgang des menschlichen, tierischen und pflanzlichen Lebens ließ sich anhand der beiden Zahlen zerlegen und verstehen. Dies begann mit den Abständen zwischen den Geburten der Kinder einer Mutter bis hin zum Todeszeitpunkt der Familienmitglieder.“

Kommt uns das irgendwie bekannt vor? Genau – auf diese Weise wird man zum Esoteriker. Oder zum Verschwörungs-Gläubigen. Oder zum Homöopathie-Fan. Oder alles zusammen. Und so lautet denn auch Beneckes Fazit:

Niemand sollte vorschnell über die Arbeiten von Fließ lachen, auch wenn sie unrichtig sind. Denn es ist auch heute noch für NaturwissenschaftlerInnen und PsychologInnen oft kniffelig und leider auch verlockend, aus einer rechnerischen Beziehung eine wahre Schlussfolgerung über Tod und Leben zu ziehen. Das gilt vor allem, wenn die Datenmenge – bewusst oder unbewusst – klein oder durch falsche Grund-Annahmen vorselektiert ist.“

Den ganzen Artikel „Dreiundzwanzig“ von Dr. Mark Benecke lesen Sie im Skeptiker 2/2010, der demnächst erscheint.

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