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Dankbarer Araber: Terror-Fake zur Wiesn

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Update: Aufgrund der derzeit hohen Medienresonanz, hier gleich der Kontakt zum Autor dieses Artikels: Bernd Harder, E-Mail: harder (at) gwup (dot) org

>>> Und hier die Wahrheit über den Oktoberfest-Hoax >>>

Ganz München strömt derzeit auf die Wiesn (hochdeutsch: Oktoberfest). Doch nicht Wenige mit einem unguten Gefühl. Polizisten an jedem Eingang, Taschenkontrollen, Spürhunde – sogar ein Flugverbot über der Theresienwiese hat Bayerns Innenminister durchgesetzt. Die aufgetauchten Videos der Taliban und von Osama Bin Laden mit wirren Terrordrohungen gegen Deutschland drücken auf die Stimmung.

Heute dann binnen weniger Stunden gleich zwei Anrufe bei den freundlichen Skeptikern von der GWUP: von der Münchner ABENDZEITUNG und von FOCUS-Online. Der Grund: Gerüchte und SMS geistern durch die Isar-Metropole. In Webforen kann man die zahlreichen Varianten nachlesen (siehe z.B. hier: „Sehr seltsamer Vorfall auf dem Oktoberfest“ oder auch da: „Terrorgefahr auf Oktoberfest ’09„).

In Grundzügen geht es immer darum: Der Freund eines Freundes findet in einem Wiesn-Festzelt die Geldbörse eines Mannes arabischen Aussehens und trägt sie dem Mann hinterher. Der dankbare Araber bietet ihm zunächst mehrere Tausend Euro Belohnung an. Als der ehrliche Finder ablehnt, revanchiert sich der Fremde mit der eindringlichen Warnung, an einem bestimmten Datum innerhalb der nächsten paar Tage den Festplatz unbedingt zu meiden …

Was ist dran an der düsteren Geschichte, die sich durch München wispert? Wenig – außer der Tatsache, dass die Angst einmal mehr tausend Zungen hat.

Vor sechs Jahren waren es zuerst der Münchener Christkindlmarkt, dann ein Schnellrestaurant und schließlich ein Einkaufszentrum, wo sich genau derselbe Vorgang angeblich ereignet haben sollte. „Reine Panikmache“, erklärte schließlich die von zahllosen besorgten Anrufen genervte Polizei. Der angebliche Finder der Geldbörse habe in keinem Fall ermittelt werden können. Davor kursierte die Fama bereits in Oberhausen („Centro“), in Saarbrücken („McDonald’s“), Trier („Weihnachtsmarkt“), Hannover („Kaufhaus Horten“), Köln („Karneval“) und Berlin („KaDeWe“).

Damals war die Schauer-Mär unschwer als erzählerische Reaktion auf die Ereignisse vom 11. September 2001 zu entlarven – und auch heute geht es wieder um die Angst vor einem Terroranschlag. Kein Wort von der Geschichte ist wahr – aber das diffus Bedrohliche der aktuellen Weltlage wird auf dem Weg der Kommunikation verarbeitet.

Die zahllosen Informationen, Halbwahrheiten, Gerüchte und Verschwörungstheorien um Al-Kaida, Osama Bin Laden, deutsche Islamisten und den Afghanistan-Krieg sind in Gestalt eines gesichtslosen „bösen Muslimen“ zu einem Phantom geronnen, das gesellschaftliche Befindlichkeiten personifiziert.

Derlei Flüsterpropaganda kennen wir auch von Pearl Harbour, vom Mord an US-Präsident Kennedy und vom Tod Prinzessin Dianas. Letztendlich geht es um die Furcht vor unklaren, nicht genau fassbaren Bedrohungspotenzialen. Das ist begreiflich. Aber wer solche „Warnungen“ vorschnell weiterleitet, steigert bloß die Unsicherheit.

Update vom 29.09.2009: Der Artikel der Münchner ABENDZEITUNG ist jetzt online: Gerüchte über Wiesn-Terror gehen um – Ein Experte erklärt warum.

Update vom 01.10.2009: Der Araber-Hoax dreht weiter seine Runden durch die Medien: Nach der ABENDZEITUNG berichten jetzt ebenfalls die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG und der FOCUS über die urbane Legende, die derzeit durch Münchner Festzelte geistert. Auch der Hoax-Info-Service der TU Berlin sowie der Blog der Münchner Journalistenakademie von Dr. Hooffacker & Partner verweisen auf die freundlichen Skeptiker von der GWUP.

Links zum Thema:

13 Kommentare

  1. … und ich erinnere mich deutlich, diese Wandersage Ende 2001 in bezug auf die Berliner U-Bahn gehört zu haben. („Fahr mal in den nächsten vierzehn Tagen lieber nicht durch die Innenstadt.“)

  2. Kleiner Hinweis: Hier gibt es mehr zum Thema moderne Sagen und die Gegenwart: http://besondersalltag.de/?p=77

  3. Dankbares Innenministerium!

    nicht nur die Islamisten kommen ihren Zielen näher, wenn wir unsere Freiheit „freiwillig“ immer mehr einschränken. Auch für das Innenministerium sind solche Meldungen sehr hilfreich, wenn es darum geht den Polizeistaat auszubauen und dafür Akzeptanz in der Bevölkerung zu finden.

  4. Auch die Medien spielen hier eine entscheidende Rolle und haben in meinen Augen dieses Jahr völlig versagt, was das Thema „Terrorwarnung Oktoberfest“ angeht. Man hat durch Übertreibung und Wortwahl geradezu eine Hysterie verbreitet, ohne konkreten Anlass und Berechtigung.

  5. Es ist mehr die Angst die Legenden schuf als die Kunst. Poltik und Medien wissen um den Einsatz der Angst und der Gerüchte – so wundert es mich nicht, daß ein derartiger Hoax die Gemüter antreibt.

  6. Immer wieder faszinierend was sich manche Leute einfallen lassen um andere zu verunsicher oder zu verarschen… :-/

  7. Was auch immer meine ganzen Vorschreiber kommentiert haben: Da ich 1980 den Bombenanschlag beim Münchner Oktoberfest hautnah miterlebte, bleibe ich „in gewissen Dingen“ misstrauisch.

    Niemals werde ich dieses Attentat vergessen!

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