gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

Die Homöopathie hat mal wieder in vitro ihre Wirksamkeit bewiesen – nicht

| 9 Kommentare

Ach ja, die Homöopathen und ihre „Grundlagenforschung“.

Schon 2003 meinten zwei Professoren der Universität Leipzig, mit einem in-vitro Testsystem den Wirkungsnachweis ausgewählter homöopathischer Verdünnungen auf den Magen-Darm-Trakt einer Ratte erbracht zu haben.

Sie bekamen dafür den Hans-Heinrich-Reckeweg-Preis der Internationalen Gesellschaft für Homotoxikologie und der Internationalen Gesellschaft für Biologische Medizin – den sie zwei Jahre später zurückgaben, weil sie …

… aufgrund der Diskussionen in den letzten Monaten, der Auswertung unabhängiger Fachgutachten und nach einer nochmaligen Prüfung aller Daten Fehler bei der Gestaltung der Versuchsdurchführung und der Auswertung

einräumten.

Ein ähnlicher Fall macht heute Schlagzeilen (sogar – man mag es kaum glauben – bei Focus-Online).

Das INH hat bereits eine Analyse dazu veröffentlicht:

Einmal mehr verkündeten Teile der homöopathischen Szene […] den ultimativen Durchbruch in dem Bemühen, Homöopathie „wissenschaftlich“ zu beweisen […]

Ein erster Blick zeigt, dass es sich bei den in-vivo-Tests an den Ratten um insgesamt 40 Tiere handelte, die in fünf Versuchsgruppen (n=8) aufgeteilt wurden. Dies befremdet hinsichtlich der geringen Probandenzahl. Soll das „bahnbrechende“ Ergebnis der Studie ernsthaft auf die Daten einer Verumgruppe von acht Tieren gestützt werden? […]

Der Pharmakologie-Professor Silvio Garattini, der auf dem Portal sanita24 weitere methodologische Mängel aufgedeckt hat, zieht als Fazit der ganzen Sache: „Die Homöopathie bleibt eine Methode ohne wissenschaftlichen Beweis, daran ändert auch nichts die angebliche Wirksamkeit, die durch die in Scientific Reports veröffentlichten Untersuchungen behauptet wird.“

Dem schließen wir uns an – und fragen uns, wie eine solche Arbeit ein peer review für ein Journal überstehen kann, auch angesichts der Verantwortung, die ein Journal gegenüber der Wissenschaftscommunity und der Öffentlichkeit hat.

Zum Weiterlesen:

  • Die Legende von den fünfmal acht Ratten, Informationsnetzwerk Homöopathie am 10. Oktober 2018
  • Schummelei in Homöopathie-Studie? Streit um vermeintlichen Beweis für die Wirksamkeit der Homöopathie, scinexx am 11. Oktober 2018
  • Peer-reviewed homeopathy study sparks uproar in Italy, nature am 9. Oktober 2018
  • Preliminary findings on a highly publicized paper on homeopathy, resis am 3. Oktober 2018
  • GWUP-Thema: Homöopathieforschung an der Universität Leipzig
  • Belladonna und der Rattendarm, Laborjournal am 7. Dezember 2009
  • Pharmakologin räumt Fehler ein, Universität Leipzig am 2. Dezember 2005
  • „Wirkung ohne Molekül“, Deutsche Apotheker Zeitung 44/2005

9 Kommentare

  1. Im Beitrag vom INH steht es ja auch schon, aber man sollte immer wieder darauf hinweisen:

    Eine solche Studie kann maximal die Wirksamkeit von Toxicodendron in hohen Verdünnungen nachweisen, nicht aber von Homöopathie als solcher.

    Gerade bei extrem wirkungsvollen Stoffen (Urushiole aus Toxicodendron pubescens gehören zu den stärksten Kontaktallergenen), kann man sicherlich auch bei großer Verdünnung noch irgendetwas feststellen (wobei aber die Wirkung klassisch einer Dosis-Wirkungsbeziehung folgt), selbst wenn die Konzentration im Vergleich mit anderen Arzneistoffen, die teils im sehr hohen mg-Bereich gegeben werden (Amoxicillin – 3x tgl. 1000mg, Metformin 1x tgl. 1000mg, Fosfomycin – 1x tgl. 3000mg, etc. sind üblich), erstaunlich klein sind (aber auch hier sind Beispiele nicht-homöopathischer Arzneistoffe bekannt, die sehr gering dosiert werden: L-Thyroxin: 1x tgl. 0,025 – 0,2mg, Digoxin 1x 0,07 mg).

    Wie dem auch sei, wenn nun eine als extrem potent bekannte Substanz auch in Verdünnung noch eine Wirkung zeigt, dann ist das nicht weiter verwunderlich und hat mit Homöopathie erstmal nichts zu tun – zumal schon länger bekannt ist, dass Urushiole die Prostaglandinsynthese hemmen – ähnlich wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen, Diclofenac etc.; demnach wäre eine antientzündliche Wirkung weniger eine homöopathische, als vielmehr eine stinknormale allopathisch pharmakologische.

    Die Studie selbst widerspricht zudem einer homöopathischen Wirkung, da ja offensichtlich eine Verdünnung von 1×10⁻¹² (in diesem Falle also C6, da die Potenzierung in 1:100 Schritten erfolgte) diejenige war, die die beste Wirkung erzielt haben soll (zumindest wird ein dem Gabapentin vergleichbarer Effekt für diese Verdünnung berichtet).

    Nach klassicher homöopathischer Lehre sollten die C7, C8 etc. aber mindestens mal genausogut, wenn nicht stärker wirken.

    Das heißt dann aber, dass selbst wenn hier eine Wirkung gefunden worden wäre, diese mitnichten auf einen homöopathischen Wirkmechanismus zurückzuführen ist und zudem spezifisch für den Extrakt aus Giftefeu wäre.

    Damit wäre nur der Beweis (großzügig ausgelegt) erbracht, dass Rhus Tox C6 eine Wirkung hat – nicht, dass Homöopathie wirkt.

    Zudem müsste man aufgrund des Studienergebnisses, wenn es denn für die gesamte Homöopathie von Bedeutung sein sollte, fordern, dass homöopathische Präparate, die ja offensichtlich doch der wissenschaftlichen Überprüfung zugänglich sind, nun jedes einzeln zunächst in solchen Studien auf eine potentielle Wirksamkeit getestet würde und dann die wirksamen Potenzen, so sich solche finden, dann im Rahmen einer klinischen Studie ihre Zulassung erhalten (oder eben nicht).

    Das würde den Herstellern dann aber wohl auch nicht gefallen.

    Persönlich gehe ich ja aufgrund der Tatsache, dass sich ein signifikanter Effekt offenbar nicht ab einer bestimmten Potenzierung finden ließ, sondern eher bei einzelnen Verdünnungen auftrat, eher davon aus, dass das Ergebnis eben doch Zufall war; oder Resultat von Manipulation.

  2. @Chrisitan Becker
    Sehr aufschlussreich. Danke schön für die zusätzlichen Erläuterungen.

  3. Wie eine solche Arbeit ein peer review überstehen kann? Wird wohl von den gewählten peers abhängen…

  4. Kollektive Strafarbeit für alle HP-Forscher – Ihr schreibt jetzt 100^200x:

    „Ich soll keine Probandenzahlen n<1'000 verwenden!"

  5. Scientific Reports ist zwar peer-reviewed, gilt aber in der Szene eher als „poor peer-reviewed“. Dieser Ruf dürfte sich nun weiter festigen. Selbst Nature, eigentlich die „Mutterzeitschrift“, übt in einem eigenen Artikel verhaltene Kritik.
    Aber gut, dass diese Geschichte mal so richtig populär wird, das kann man nur begrüßen. Hintergrund ist eigentlich, dass in Italien derzeit diskutiert wird, Homöopathie vom „Arzneimittel“ zum „Präparat“ zurückzustufen, da glaubte die Homöopathie-Lobby, jetzt aber mal genau im richtigen Moment punkten zu können und hat den Artikel in La Repubblica lanciert. Volltreffer…

    Wer sich auf die Aufforderung, seine Rohdaten zu veröffentlichen, auf Bockigkeit zurückzieht und sagt, der Praktikant habe beim Layouten was verwechselt, das wäre aber eh egal, der soll keine Studien machen.

    Ich könnte allein aufgrund der sichtbaren Auffälligkeiten noch weit mehr schreiben. Dabei kämen dann so putzige Sachen raus, wie, dass das Messen der Zeit, die eine Rattenpfote zum Zurückziehen von einer heißen bzw. kalten Platte braucht, wohl kaum ein Messkriterium ist, zumal nicht bei fünf Tieren. Über die Messmethode wollen wir gar nicht erst diskutieren. Stoppuhr? Schon die berühmte Schmerzskala bei Wirkungsuntersuchungen beim Menschen ist so eine Sache und nur aussagekräftig bei wirklich maximal standardisierten Rahmenbedingungen UND ausreichend großen Gruppen.

  6. @ Udo Endruscheit:

    „bei fünf Tieren“:

    Du hast das Prinzip solcher Studien nicht verstanden. Nach dem Ähnlichkeitsprinzip wird da auch bei der Fallzahlbestimmung nach homöopathischer Methode vorgegangen. Je weniger, desto besser. Richtig gut wäre die Studie bei hochpotenzierter Fallzahl gewesen: kein Versuchstier mehr nachweisbar. Erfahrungsgemäß behält der Versuchsleiter dann immer recht.

  7. @Udo
    Mit der kenne ich das auch nicht. Schwanz ist gängige Praxis:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Tail-Flick-Test

  8. @Joseph Kuhn:

    Das gibt mir jetzt schwer zu denken. Und ich dachte, ich wäre schon im Reinen mit den Viechern. Merke: Nur keine Ratte ist eine homöopathische Ratte!

    @Christian Becker:
    Tail-Flick anzuwenden, hätte zu sehr nach Wissenschaft ausgesehen.
    Aber dass die Leute keine vorhandene halbwegs standardisierte Erfassungsmethode (die auch massenhaft Probleme hat) anwenden, ist schon bezeichnend. Ich hatte vor geraumer Zeit eine Studie besprochen, wo es um die Messung von kindlichem Husten ging. Dort gibt es eigentlich nur eine einzige Skalenmethode, die bei außerklinischer Datenerfassung als halbwegs verlässlich gilt. Und genau die wurde nicht verwendet, sondern irgendeine, die weit unter ferner liefen rangierte und in den Reviews zu den cough scales gar nicht vorkam.
    Na, jeder wie er mag. Sollen nur hinterher nicht rumjammern.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.