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Die Fluorid-Verschwörung

| 7 Kommentare

Welt-Wissensredakteur Julian Aé zeichnet die jahrzehntelange Diskussion um fluoridhaltige Zahnpasta nach – auch als „Fluorid-Verschwörung“ bekannt.

Kurze Zusammenfassung:

  • Es sei extrem wichtig, bezüglich der Giftigkeit zwischen Fluor und den Fluoriden zu unterscheiden:

Denn allein diese Verwechslung führte in der Vergangenheit bereits zu Verunsicherung und wird in reißerischen Artikeln im Internet immer wieder aufgewärmt.

Das Halogen Fluor ist schädlich, das Spurenelement Fluorid nicht – bei sachgemäßer Verwendung:

Optimal ist eine Fluoridversorgung, die möglichst wenige Zahnfluorosen verursacht, aber trotzdem möglichst viele Fälle von Karies verhindert. Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass fluoridhaltige Zahnpasta die effektivste Methode ist, um dieses Ziel zu erreichen.

Laut Christoph Benz von der Bundeszahnärztekammer gibt es in der Zahnmedizin keine Substanz, die länger und intensiver auf ihre Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen untersucht worden ist. Bei vernünftiger Dosierung seien „eventuelle Schäden quasi ausgeschlossen“ […] Akut lebensgefährlich wird es erst, wenn Kleinkinder die Zahnpasta tubenweise essen würden.

Skurrile Beispiele von Fluorid-Überdosierungen schildern medizin-transparent oder das New England Journal of Medicine.

Sein Fazit:

Auf Basis der untersuchten Studien besteht bei der aktuellen Fluoridexposition in Europa kein Anlass zur Besorgnis.

  • Dass fluoridfreie Zahnpasta (wie sie wieder zunehmend propagiert wird) ähnlich gut vor Karies schützen wie Fluorid, sei nach Ansicht vieler Experten mehr als zweifelhaft.

Sowohl bei Ökotest als auch bei Stiftung Warentest werden entsprechende Zahnpflegeprodukte negativ bewertet […] Auch aus Sicht der allermeisten Zahnärzte ist es nicht sinnvoll, auf kaum untersuchte Wirkstoffe zu setzen, wenn man Fluoride hat, die seit über hundert Jahren und in zahlreichen Studien ihre Wirksamkeit und Sicherheit bewiesen haben.

Fun Fact:

Die Autorin Phoebe Courtney („How Dangerous Is Fluoridation“) ist der Ansicht, dass hinter der Fluoridierung die Süßigkeiten-Industrie steckt. Sie würde Mütter in der Sicherheit wiegen, dass Fluorid die Zähne ihrer Kinder ausreichend schützt. Dementsprechend seien die Mütter eher dazu geneigt, ihren Kindern Süßkram zu geben.

Andere Fluor-Verschwörungstheorien drehen sich um Bevölkerungsreduktion oder Gedankenkontrolle.

Zum Weiterlesen:

  • Das zweifelhafte Geschäft mit fluoridfreier Zahnpasta, Welt+ am 26. Oktober 2022
  • Die Fluorid-Verschwörung, zm-online am 23. Januar 2014
  • Die Fluorid-Verschwörung, DocCheck am 2. März 2018
  • Verschwörung auf weiter Fluor, DocCheck am 24. Juli 2018
  • Streit um Fluorid-Zahnpasta : Wo sich Forschung mit Verschwörung mischt, FAZ am 21. Februar 2018
  • Nicht allein die Zahnpasta macht es: es liegt im Gesamtsystem, mimikama am 15. Januar 2014
  • Zahnpasta: Sind Fluorid, Zink und Titan­dioxid gefähr­lich? test am 22. Juni 2022
  • Macht uns Fluorid in Zahnpasta krank? ökotest am 27. März 2019
  • Fluorid-Zahnpasta als Gesundheitsgefahr? medizin-transparent am 15. November 2017
  • „Fluor-Verschwörungstheorien“ bei Psiram
  • Video: Mai Thi Nguyen-Kim über die „Fluorid-Verschwörung“, GWUP-Blog am 11. Februar 2018
  • Video: „Fluoride verkalken das Gehirn“ mit Mai Thi Nguyen-Kim, GWUP-Blog am 16. August 2018

7 Kommentare

  1. Gut schon mal, dass hier deutlich zwischen den Fluoriden und Fluor unterschieden wird.

    Wobei Fluor dermaßen reaktiv ist, dass Fluor gar nicht in Zahnpasta enthalten sein kann, weil es mit irgendwelchen Bestandteilen zu irgendwelchen Fluorverbindungen reagiert hätte, bevor sie im Laden ankommt.

    Bei Fluoriden gilt wieder der alte Spruch von Paracelsus, dass die Dosis das Gift macht. Und die muss bei Fluorid wirklich sehr klein sein.

    Damit kann man eben auch die Leute verunsichern. Wer schreibt, dass Zahnpasta Fluor enthält, macht das meiner Meinung nach oft aus Unwissenheit.

    Viele Zahncremes enthalten Natriumfluorid. Das ist ein als „Sehr Giftig“ kategorisierter Stoff; wie alle leicht löslichen Fluoride. Damit eignen sich tatsächliche Fakten (mit der Auslassung, dass die Dosierung eben so gewählt ist, dass es gut für die Zähne aber noch nicht ansonsten ungesund ist), die jeder nachprüfen kann, ebenfalls zur Verunsicherung.

    Denn mal ehrlich, sehr giftige Substanzen will eigentlich niemand in der Zahnpasta, Salz und Trinkwasser und es kann schwierig sein, Personen ohne naturwissenschaftlichen Hintergrund davon zu überzeugen, dass die Dosierungen so gering sind, dass eben keine Gefahr davon ausgeht (wenn man nicht tubenweise Zahnpasta futtert).

  2. @ Christian Becker

    sehr giftige Substanzen will eigentlich niemand in der Zahnpasta, Salz und Trinkwasser…

    Vielleicht hilft zu erklären, dass auch Salz und Trinkwasser – obwohl lebensnotwendig – mit entsprechender Dosierung ebenfalls tödlich sein können.

    1g/kg Körpergewicht bei NaCl reichen und 6-7l Wasser innerhalb kurzer Zeit ebenso.

  3. @RainerO
    Ich glaube nicht, dass das hilftt. Denn kein Mensch würde 70g Salz auf einmal essen (bei Erwachsenen führen solche Mengen ohnehin zu Erbrechen) und auch 6-7l Wasser trinkt niemand Vernünftiges (gut Unvernünftige machen solche Challenges und sterben dran).

    Ich habe ja auf den alten Paracelsus verwiesen.

    Es ist aber ein Unterschied, ob man von einem allgemein als lebenswichtiges Nahrungsmittel bekannten Stoff erfährt, dass er bei exzessivem Konsum giftig ist, oder ob ein Stoff den Totenkopf trägt.

  4. Chlor ist genauso ein Halogen, wie Fluor, und es ist ebenso giftig. Daher wurde es ja auch bei den ersten Giftgaseinsätzen im 1. Weltkrieg verwendet.

    Trotzdem hat irgendwie niemand Bedenken, Chloride zu sich zu nehmen, z.B. Natriumchlorid, bzw. Kochsalz.

    Zahnpasten enthalten z.B. Natriumfluorid, das Natriumsalz des Fluors.

    Genauso, wie man nicht zu viel Kochsalz zu sich nehmen sollte, wie jeder weiß, sollte man natürlich auch nicht zu viel Natriumfluorid zu sich nehmen.

    Aber die Mengen, die in Zahnpasta enthalten sind, sind bedenkenlos, insbesondere, wenn man die Zahnpasta nicht schluckt.
    Warum, wieso und weshalb erklärt Mai hier:

    https://youtu.be/yg3b8hcUDQs

  5. @ Christian Becker
    Ja, eben…

    Denn kein Mensch würde…

    … mehrere Tuben Zahnpasta auslutschen, die notwendig wären, um daran Schaden zu nehmen.

  6. @RainerO

    Ich denke halt, dass allein die Tatsache, dass der Stoff an sich als giftig deklariert ist, Leute dazu neigen lässt, den Fluoridverschwörern zu glauben.

    Die würden sicherlich auch kein Pilzgericht mit einer harmlosen Menge Fliegenpilz essen (von Ausnahmen abgesehen, die sich einen Rausch erhoffen), eben weil Fliegenpilze giftig sind.

    Das ist irrational, aber ich glaube nicht, dass sich viele Leute finden ließen, die nach der Erklärung, dass die Menge Fliegenpilz absolut harmlos ist, das Gericht essen wollen.

    Wenn die dann noch irgendwo gehört haben, dass der Fliegenpilz irgendwelchen bösen Zwecken wie Gedankenkontrolle, Bevölkerungsreduktion etc. dient, ist vorbei.

  7. @ Christian Becker

    Wenn Leute schon so weit im Verschwörungssumpf stecken, sind die ohnehin nicht mehr zu erreichen. Das gilt aber für viele Bereiche, nicht nur für Fluorid.

    Ich denke da eher an den Personenkreis, der sich wundert, warum es Hersteller gibt, die extra betonen, dass ihre Zahnpaste kein Fluorid enthält und sich diese Leute dann fragen, warum sie trotz jahrzehntelanger eigener Anwendung noch nicht tot umgefallen sind, wenn es gar so gefährlich ist.

    Also diejenigen, die grundsätzlich noch wissen wollen, warum etwas ist, wie es ist und denen in diesem Punkt der naturwissenschaftliche Background (noch) fehlt.

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