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„Die Känguru-Verschwörung“ von Marc-Uwe Kling im Kino

| 7 Kommentare

Ich bin froh, dass ich kein Kleinkünstler bin,

sagt das Känguru in einer Szene:

Denn wie soll man das hier noch überspitzen?

Dieser Satz bringt im Grunde die ganze Problematik des Films „Die Känguru-Verschwörung“ auf den Punkt, der morgen (25. August) in die Kinos kommt.

„Das hier“ – das ist die Szene der „Verschwörungsdeppen, Klimawandel-Leugnerinnen, Reichsbürger oder Russlandfreunde“ (SZ), die in der Komödie von Autor und Regisseur Marc-Uwe Kling durch den Kakao gezogen wird.

Aber wie soll das gehen, wenn die Realität kaum zu toppen ist, wie man tagtäglich bei Professor Schwurbelstein, Schwurbelwatch und auf vielen anderen Seiten nachlesen kann?

Bei „Don’t Look Up“ hat das einigermaßen funktioniert, weil Adam McKay den grassierenden Social Media-Unfug, die Verschwörungstheorien, die populistische Politik und die Gier der Megakonzerne gewissermaßen abgefilmt und zu einer stimmigen Story verwoben hat.

„Die Känguru-Verschwörung“ zerfällt dagegen in viele Episoden von sehr unterschiedlicher satirischer Qualität und Überzeugungskraft.

Ausgangspunkt der Handlung ist eine riskante Wette zwischen dem Film-Marc-Uwe (Dimitrij Schaad) nebst Känguru und seiner angeschwärmten Nachbarin Maria (Rosalie Thomass).

Er verspricht, Marias Mutter „aus dem Kaninchenbau zu ziehen“, wie das Känguru es ausdrückt. Diese Lisbeth Schlabotnik ist nämlich „im Internet falsch abgebogen“ und betreibt unter dem Kampfnamen „Diesel-Liesel“ einen Youtube-Kanal, auf dem sie leidenschaftlich den Klimawandel leugnet.

Der erste Zusammenstoß zwischen Marc-Uwe, Känguru und Diesel-Liesel bei einem öffentlichen Vortrag in Köpenick verheißt zunächst amüsante und lohnende Anderthalbstunden – die Dialoge könnten wörtlich hier aus dem Blog oder aus einem kritischen Buch über Verschwörungstheorien stammen.

Doch die vielen vergagten Intermezzi auf dem langen Weg nach Bielefeld (har, har), wo Marc-Uwe, Känguru und Lisbeth an einer großen „Conspiracy-Convention“ teilnehmen wollen, bremsen die „wortwitzige Kernkompetenz“ (epd) des Films immer wieder aus.

Am Ende – Spoileralarm – gewinnen die beiden Protagonisten natürlich ihre Wette. Allerdings nicht, weil sie „Diesel-Liesel“ mit ihrer Sprachakrobatik überzeugen konnten, sondern weil Lisbeth am eigenen Leib die Niedertracht und den gewalttätigen Fanatismus ihrer Fans erlebt.

Mag sein, dass die Zuschauer in den knapp 100 Minuten ein bisschen was darüber erfahren, wie leicht man Verschwörungstheorien („Die Erde ist ein Würfel“) in die Welt setzen und damit Kohle machen kann. Aber letztendlich geht es in „Die Känguru-Verschwörung“ kaum um mehr, als über irgendwelche Aluhut-Typen abzulachen.

Und das ist eigentlich zu wenig für das brisante Thema des Films.

Andererseits aber vielleicht genug für alle diejenigen, die vom ersten „Känguru“-Film 2020 unter der Regie von Dani Levy enttäuscht waren und nun sehen wollen, dass Marc-Uwe Kling (der auch das Beuteltier spricht)

… wie in den Känguru-Büchern messerscharfe Parodie, intelligenten Sprachwitz und pure Albernheit miteinander verbindet.

Enden wir daher mit einem der vielen guten Zitate des Films (das original allerdings aus den „Känguru-Apokryphen“ von 2018 stammt):

Was ist eigentlich Ihr Problem mit dem Klimaschutz? Selbst wenn wir in 50 Jahren feststellen sollten, dass sich alle Wissenschaftler komplett vertan haben und es doch keine globale Erwärmung gibt, dann was?

Dann hätten wir völlig ohne Grund dafür gesorgt, dass man selbst in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und deren Öl-Vorkommen.

Da würden wir uns schön ärgern.

Zum Weiterlesen:

  • Marc-Uwe Kling: „Ich bin halt auch ein kleiner Kontrollfreak“, Zeit-Online am 23. August 2022
  • Neuer Känguru-Film: Das Känguru kämpft gegen Verschwörungstheorien, Augsburger Allgemeine am 24. August 2022
  • „Die Känguru-Verschwörung“: Ein Riesenspaß, optisch und verbal, ndr am 19. August 2022
  • „Die Känguru-Verschwörung“ im Kino: Best-of aus dem Beuteltier-Universum, süddeutsche am 24. August 2022
  • Kritik zu „Die Känguru-Verschwörung“, epd-film am 22. Juli 2022
  • „Die Känguru-Verschwörung“ beim filmdienst

7 Kommentare

  1. Eine Alternative zu Film und Büchern: Die Känguru-Comics auf zeit.de mit Kuh Anon.

    https://www.zeit.de/serie/die-kaenguru-comics

  2. Mein Held in den Känguru-Büchern ist der Nachbar.

    Er erträgt es, dass seine chaotischen Nebenmieter ihn verspotten und ihren Müll vor seiner Tür abstellen, geht jeden Morgen unverdrossen und adrett gekleidet zur Arbeit und schreibt abends ein Lehrbuch zur Nationalökonomie. Er erwirtschaftet fleißig seinen Teil am BIP und zählt brav seine Steuern, mit denen der Sozialstaat Känguru und Genossen alimentiert. Also, meine Identifikationsfigur ist der Pinguin.

    Damit stehe ich vermutlich ziemlich alleine da.

  3. Ich fand die Bücher sehr unterhaltsam, aber eine Figur, mit der ich mich identifizieren konnte, fand ich nicht – is‘ halt Sati(e)re.

    Was den Film angeht: Wenn die Liesbeth tatsächlich aufgrund der Niedertracht ihrer Fans wieder auf den „rechten Weg“ zurückfindet, dann ist das ein weiterer Grund, diesen Film nicht zu schauen: So ein unrealistischer Unfug!

    Ich meine, wir erleben doch gerade, wie sich die Querdullies gegenseitig zerfleischen und auch Herr Reitschuster plötzlich nicht mehr everybodies darling ist. Hat das irgendwen von ihnen zur „Umkehr“ veranlaßt?

  4. Ich möchte hierzu wärmstens die aktuelle Filmanalyse von Wolfgang M. Schmitt empfehlen:

    https://www.youtube.com/watch?v=L6fYe-pYxjQ

    Er kritisiert den Film und die bürgerliche Begeisterung für das Verschwörungsmilieu, darüber die tatsächliche „Malaise“ auszublenden und bringt es meines Erachtens so gut auf den Punkt – da kann man sich als geneigter Skeptiker doch schon auch ertappt fühlen…

  5. Ene durchaus interessante Filmanalyse von Wolfgang M. Schmitt:

    https://www.youtube.com/watch?v=L6fYe-pYxjQ

  6. @Bluesmaker/Gitarrengoat:

    Danke für den Hinweis.

    Ich stelle erfeut fest, dass Herr Schmitt bei Minute 8:30 das Problem des Films mit demselben Satz umreißt, wie auch wir hier in unserem Artikel.

    Wenn auch offenbar aus anderen Gründen, kommt Herr Schmitt m.E. doch zur gleichen Einschätzung des Films wie wir auch, einschließlich unserer Kommentatoren.

    Das Einzige, was ich an dieser Kritik kritisieren würde, wäre, dass Herr Schmitt sich bei seiner eigenen Erklärung des Phänomens Verschwörungstheorien auf die s.g. „Malaise“ fokussiert.

    Auch das haben wir z.B. hier mal angedeutet, ist aber auch nicht der einzige Grund, weshalb Menschen an VT glauben.

    Recht hat Herr Schmitt aber damit, dass der Film nicht mehr leistet, als Verschwörungsgläubige zu veralbern (haben wir auch so geschrieben).

  7. Ich hab den Film mehr zufällig am letzten Wochenende mal im Kino geschaut, weil ich beruflich unterwegs war, früh aus dem Hotelzeimmer raus musste und einen verregneten Nachmittag rumkriegen musste – und da erschien es mir im Vergleich zur Alternative Bibi & Tina immer noch als die bessere Wahl.

    Klar; der große Wurf im Bezug auf Aufklärung über Verschwörungstheorien ist er sicherlich nicht. Aber er ist handwerklich ganz gut gemacht, das Känguru ist überraschend hochwertig animiert, und ich habe ein paarmal doch erkennbar lachen müssen.

    Ist vielleicht kein Pflichtbesuch, aber schon auch keine Zeitverschwendung.

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