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Verspulter Eso-Trottel? Wie die „Zeit“ sich mit dem Thema Astrologie blamiert

| 7 Kommentare

Der Zeit-Redakteur Alard von Kittlitz ist uns bislang als Autor der überaus lesenswerten Geschichte

Die wollen uns umbringen

über die seltsame Gedankenwelt von Chemtrail-Gläubigen (Nr. 41/2017) aufgefallen.

In der aktuellen Zeit (37/2020) äußert von Kittlitz nun die Befürchtung, „künftig als der verspulte Eso-Trottel der Redaktion dazustehen“.

Leider ist diese Sorge nur allzu berechtigt – aus welchem Grund aber der studierte Philosoph und Historiker sich diesen wenig schmeichelhaften Ruf widerstandslos umhängen lässt, ist beim besten Willen nicht nachvollziehbar.

Man könnte auch sagen: Herr von Kittlitz bettelt geradezu darum.

Im Jubiläumsjahr der Astrologie (1930 erschien das erste gedruckte Horoskop in einer Zeitung) will der Zeit-Redakteur herausfinden, was an der Sterndeuterei „dran“ ist – und zwar so,

… dass die skeptische Leserin Die Zeit nicht schon jetzt genervt zur Seite legt und der erwartungsfrohe Esoteriker nicht enttäuscht wird.

Ok, von der BBC-Initiative gegen falsche Ausgewogenheit bei wissenschaftlich eindeutig geklärten Sachverhalten hat von Kittlitz noch nichts gehört. Kann passieren.

Also wendet sich der Journalist an eine „vom Deutschen Astrologen-Verband geprüfte Astrologin“, was seiner Auffassung nach heißt, „dass sie an einem Hamburger Institut eine dreijährige Ausbildung absolviert hat“.

Äh nein – das heißt schlicht gar nichts, weil es überhaupt keinen Unterschied gibt zwischen der sogenannten Vulgärastrologie und der angeblich „seriösen“ Astrologie von „geprüften“ Astrologen, wie wir sowohl am Beispiel Astrologie wie auch der im Grunde identischen Wahrsagerei schon ausführlich erklärt haben.

Kittlitz weiter:

Bevor ich mit ihr eine »persönliche Beratung« (140 Euro) verabredete, ließ ich mir erst einmal eine »Astrologische Persönlichkeitsanalyse« erstellen (29 Euro). Der Text, den sie mir zukommen ließ, war 35 Seiten lang und größtenteils aus Fertigbausteinen zusammengesetzt.

Wenn ich Ihnen nun sage, dass ich mich von diesem 29-Euro-Fertighoroskop erschreckend gut getroffen fühlte – nützt Ihnen das etwas? Oder zeigt sich darin bloß, dass der Autor leichtgläubig und spökenkiekerisch unterwegs ist?

Nein, das zeigt nur, dass der Autor seine Recherche-Hausaufgaben nicht gemacht und sich nicht mal über die simpelsten Grundlagen solcher „Evidenzerlebnisse“ informiert hat, etwa hier.

Oder verwechselt der Autor einfach Unvoreingenommenheit mit Naivität? Weiter liest von Kittlitz über sich:

Der Austausch von Informationen oder Gütern dürfte ein wichtiger Aspekt bei Ihrer Berufswahl sein. So mag Ihre berufliche Tätigkeit im weitesten Sinne Wissensvermittlung, Medienarbeit, Handel oder Transport beinhalten.

Die Reaktion des Zeit-Redakteurs:

Nun ja, ich bin Journalist. Also total korrekt. Nur, »im weitesten Sinne« lässt ja ordentlich Spielraum. »Im weitesten Sinne« hat auch ein Bäcker mit Informationsaustausch und Transport zu tun.

Richtig erkannt – löst aber bei von Kittlitz keinerlei kritische Reflexion darüber aus, im Gegenteil. Der Barnum-Baukasten, der sich hochtrabend „Horoskop“ nennt, geht weiter:

Sie verfügen über viel Idealismus, Optimismus und die gefühlsmäßige Überzeugung: Ich schaffe das schon! Das geht schon gut!

Und von Kittlitz ist schwer beeindruckt:

Ja. Das sagt auch meine Frau, nicht ohne Irritation. Am meisten traf mich, dass mir in dem Text ein seltsamer Spagat attestiert wurde, einer, dessen Anstrengung mir erst im vergangenen Jahr bewusst geworden war.

Da stand also, in mir bestehe einerseits ein »grenzauflösender Zug«, der eine »Auseinandersetzung möchte mit dem, was jenseits der Realität liegt«. Gleichzeitig sei da aber auch ein Hang zum Skeptizismus […]

Oh ja. Ich zweifle an jeder Überzeugtheit. Ich bin absoluter Relativist und offen für alles. Trotzdem will ich mir keine Märchen erzählen lassen, von Gott, den Sternen, dem Weltgeist, bloß, weil ich es im Dunkel unerträglich finde.

Nun ja – ein Skeptiker sollte eigentlich in der Lage sein, in diesen „Einerseits – Andererseits“-Ambivalenzen eine psychologische Manipulation zu erkennen, die Skalen der Befindlichkeit entstehen lässt, auf denen jeder Klient seine eigene Position finden kann.

Und oh Wunder, in der persönlichen (beziehungsweise Video-) Beratung setzt sich die durchsichtige Masche der Astrologin nahtlos fort – und verfängt abermals:

»Sie würden gerne steuern, was Sie machen. Frei sein, selbstbestimmt.« – »Es gibt ein Interesse an Themen, die mit Weltanschauung zu tun haben.« – »Ein intensives Bedürfnis, in die Tiefe zu gehen. Ausloten, was man nicht mit den Großeltern am Kaffeetisch besprechen würde.«

Eine Pseudo-„Persönlichkeitsanalyse“ wie aus dem Lehrbuch – und dennoch schaltet von Kittlitz offenbar einfach den Verstand aus:

Es ist irritierend, wenn etwas funktioniert und man nicht weiß, warum.

Der Clou an dieser schlechten Komödie in einer vorgeblichen Qualitätszeitung kommt allerdings noch. Herr von Kittlitz entschließt sich, gemäß seinem Horoskop in die Tiefe zu gehen und seine ach so mysteriöse Erfahrung bei der Sternseherin auszuloten. Er holt „ein Gegengutachten“ ein – allerdings nicht bei einem Psychologen, einem Mentalmagier oder Cold-Reading-Experten, sondern bei einem „Großmeister der Astrologie“ in Kalifornien.

Kein Witz, und spätestens ab da verliert sich der ganzseitige Text in romantisierten Schwafeleien über das Universum und das Schicksal und die Planeten und einen ratlosen Journalisten mittendrin.

Au weia. Sein „intensives Bedürfnis, in die Tiefe zu gehen“, sollte Alard von Kittlitz vielleicht noch ein wenig kultivieren.

Zum Weiterlesen:

  • “Mein Horoskop stimmt immer!” Ja und? GWUP-Blog am 4. Mai 2013 (mit zahlreichen Links zum Thema Astrologie und Wahrsagen)
  • ZDF heute-Fake-News: Es gibt so etwas wie seriöse Astrologie, GWUP-Blog am 6. Januar 2017
  • Wenn Astro-Fans Dinge hören, die gar nicht da sind, GWUP-Blog am 20. März 2020
  • Astrological Signs and Personality Differences, Journal of Psychology in Africa, Volume 21, 2011

7 Kommentare

  1. Ich hab mich beim Lesen auch gefragt, was in den Autor gefahren ist.

    Man kennt das ja leider auch von anderen Scharlatanen. Die lassen Journalisten ihre Pseudotests ausprobieren, und sind dann begeistert, weil es sich so gut anfühlt .

    Also ein bisschen mehr Rechercheaufwand hätte ich von der Zeit schon erwartet.

  2. Ich weigere mich täglich nach dem Aufstehen, anzuerkennen, dass unsere aufgeklärte Gesellschaft inzwischen in Sachen Ratio und Vernunft den Rückwärtsgang angetreten hat.

    Lese ich dann so etwas, weigere ich mich nicht mehr.

    Für mich fällt so etwas schon unter „journalistisches Fehlverhalten“.

    Auch deshalb, weil gewiss auch wieder andere Proponenten des falsch verstandenen „Es gibt zwischen Himmel und Erde…“ sich auf diesen Quark berufen werden. Ich höre schon die Tastaturen klappern.

  3. @Udo Endruscheit

    In Deutschland bestimmen Religiöse wo es lang geht. Da eine aufgeklärte Gesellschaft zu erkennen, ist im Grunde auch schon ein Aberglaube.

  4. @ Udo Endruscheit

    „Ich weigere mich täglich nach dem Aufstehen, anzuerkennen, dass unsere aufgeklärte Gesellschaft inzwischen in Sachen Ratio und Vernunft den Rückwärtsgang angetreten hat!“

    Ihre Kraft und Hartnäckigkeit hätte ich gern. Ich habe es inzwischen aufgegeben.

  5. Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein (C. Wallner)

  6. „Der ganze Beitrag wird von Bernd Harder auf seinem gwup-Skeptikerblog angemessen verrissen.“

    http://schwerglaeubiger.blogspot.com/2020/09/astrologie-und-theologie.html

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