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Cargo-Kult: Sieht aus wie echt, hat aber keinen Effekt

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Bei der Beschäftigung mit „GWUP-Themen“ wird man immer mal wieder mit dem Begriff „Cargo-Kult-Wissenschaft“ konfrontiert, auch im Kommentarbereich oder in anderen skeptischen Blogs.

Aber was ist das eigentlich?

Eine ausführliche Erklärung gibt GWUP-Vorstand Dr. Florian Aigner in seiner futurezone-Kolumne „Wissenschaft & Blödsinn“.

Ein Auszug:

Auf der anderen Seite des Erdballs, auf einer Insel  im Pazifik, steht ein Flugzeug im tropischen Regenwald.

Während des zweiten Weltkriegs kamen dort viele Flugzeuge an, doch das ist lange her. Amerikanische Soldaten brachten damals wundersame Dinge nach Papua Neuguinea, die man dort vorher noch nie gesehen hatte. Sie kamen mit Zelten, Konservennahrung und Waffen.

Für das soziale Leben auf den Inseln hatte das fatale Folgen, aber die unbekannten Produkte, die mit diesen unerklärlichen lärmenden Flugmaschinen kamen, erschienen faszinierend und wertvoll.

Nach dem Krieg blieben die Flugzeuge aus, keine neuen Waren wurden mehr geliefert.

Und daher versuchten die Inselbewohner, genau die Handlungen zu wiederholen, mit denen die amerikanischen Soldaten früher die Flugzeuge angelockt hatten: Sie errichteten Funkhäuschen mit Antennenattrappen aus Bambus und schnitzten Kopfhörer aus Holz. Sie stellten sich auf die Landebahn und malten mit großen Gesten Zeichen in die Luft. Sogar Flugzeuge aus Stroh wurden gebaut und neben die Landebahn gestellt.

Alles sah beinahe aus wie früher, doch die echten Flugzeuge kamen nicht zurück.

Der Aura-Chirurg, der in Mitteleuropa die Luft mit dem Skalpell seziert, kann keine körperlichen Schäden heilen. Mit dem potemkinschen Aura-Schneiden kann man sicher mächtige Placebo-Effekte hervorrufen, doch am Ende heilt die Aura-Chirurgie genauso wenig wie des Kaisers unsichtbare neue Kleider im Winter wärmen.

Trotzdem bezahlen hoffnungsvolle Patienten eine Menge Geld dafür.

Auch die Handlungen der tropischen Flugzeugfunker mit ihren wirkungslosen Bambusantennen blieben ohne den Nutzen, den man sich erhofft hatte. Trotzdem gibt es diesen sogenannten „Cargo-Kult“ bis heute.“

Zum Weiterlesen:

  • Die Cargo-Kult-Falle, futurezone am 7. April 2015
  • Als Statist bei einer illusionistischen „Wunderoperation“ von James Randi, Skeptiker 2/2001
  • Psychische Chirurgie bei Psiram
  • Gerhard Klügl, der Aurachirurg im 3sat: TV Ver-Bildung pur! Ratgeber-News-Blog am 29. Juni 2010
  • „Wunderheiler“: Das neue Bühnenprogramm mit Eckart von Hirschhausen, GWUP-Blog am 1. Dezember 2013
  • Falsifikation als Aprilscherz? Planckton am 3. April 2015
  • Frontalangriff auf die wissenschaftliche Methode, spektrum am 7. April 2015
  • Aufruf gegen Scheinmedizin, derStandard am 4. April 2015

2 Kommentare

  1. Den Begriff „Cargo Cult Science“ hat ja Richard Feynman geprägt, aber als Skeptiker fragt man sich natürlich sofort, gibt es solch einen „Cargo Cult“ wirklich, oder hat sich Richard Feynman den nur ausgedacht um seine Pointe daraus machen zu können?

    Und die Antwort ist: Die Existenz von Cargo-Kulten wurde von unabhängiger Seite bestätigt, beispielsweise von dem Anthropologen Marvin Harris.

    Für eine ausführliche Darstellung siehe Marvin Harris: Fauler Zauber. Unsere Sehnsucht nach der anderen Welt, Klett-Cotta, Stuttgart 1993, ISBN 3-608-93132-5.

  2. Zitat

    …doch am Ende heilt die Aura-Chirurgie genauso wenig wie des Kaisers unsichtbare neue Kleider im Winter wärmen.

    Absolut großartiger Vergleich *hutziehe*

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