Hat Recht, wer heilt?

Die Phrase “Wer heilt, hat Recht” haben wir schon einige Male kommentiert:

Jetzt hat auch der Schweizer Skeptiker-Blog “Eine kleine Streitschrift” zu diesem Thema veröffentlicht.

Der Autor Marko Kovic nennt fünf Gründe, warum dieser Satz “unplausibel” ist:

1. Die Problemstellung wird ins Absurde geführt oder: Korrelation ist nicht Kausalität:

Das offensichtlichste Problem mit dem Wer heilt, hat Recht-Argument ist, dass es im Grunde gar keines ist. […] Wer heilt, hat Recht ist im Wesentlichen der Trugschluss, aufgrund von einzelnen Korrelationen zu wissen, wer oder was heilt, und bedeutet somit ein grundsätzliches Nicht-Verstehen der wissenschaftlichen Methode.”

2. Abgekartetes Spiel: Unrecht hat immer nur die Wissenschaft

Wer heilt, hat Recht ist auf den ersten Blick ein Fehlschluss, welcher nicht diskriminiert: Sowohl, wer wissenschaftliche Medizin verficht, als auch, wer nicht-wissenschaftlichen Heilverfahren anhängt, kann dieses Argument verwenden. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich aber, dass Wer heilt, hat Recht argumentativ nur in einer Konstellation zur Anwendung kommen kann, wo die wissenschaftliche Perspektive Unrecht haben soll. […]

3. Wer nicht heilt, hat Unrecht?

Konsequenterweise müsste Wer heilt, hat Recht bedeuten, dass, wer nicht heilt, auch nicht Recht haben kann. Dann stellt sich die Frage, wie genau jene, die Wer heilt, hat Recht verwenden, ihre Heilungserfolge messen, wenn doch gerade Wer heilt, hat Recht bedeutet, dass eine systematische Überprüfung allfälliger Heilungserfolge abgelehnt wird. […]

4. Egozentrismus

Wer heilt, hat Recht ist Synonym für Ich heile, also habe ich Recht. Eine gesunde Portion Selbstvertrauen hat in den meisten Fällen nichts Schlimmes zu bedeuten, nur hat das allzu große Selbstvertrauen in diesem Zusammenhang gewichtige Folgen. […]

5. Inkonsistenz: “Jemand” heilt – wo bleiben die “Selbstheilungskräfte”?

Im Zusammenhang mit dem Aspekt des Egozentrismus fällt schnell auf, dass Wer heilt, hat Recht oft, wenn nicht sogar immer, bei nicht-wissenschaftlichen Heilverfahren zur Anwendung kommt, welche behaupten, “Selbstheilungskräfte» anzuregen. […]

Die zwei Konzepte Wer heilt, hat Recht und Selbstheildungskräfte stellen oft ein argumentatives Tandem dar, sind aber inkompatibel. Damit holen sich Nicht-Wissenschaften den Fünfer und das Weggli, sichern sich nach allen Seiten ab, lösen den offensichtlichen Widerspruch zwischen den zwei Konzepten aber nicht auf.”

Kovics Fazit:

Wer heilt, hat Recht ist eine hohle Phrase, ein nichtssagendes Mantra. Wer es ausspricht, verkündet mit stolzgeschwellter Brust, kein Interesse an kritischer Wahrheitssuche zu haben.”

Zum Weiterlesen:

20 Kommentare zu “Hat Recht, wer heilt?”


  1. 1 r.o.p 3. August 2013 um 07:34

    “Wer heilt, hat Recht ist eine hohle Phrase, ein nichtssagendes Mantra. Wer es ausspricht, verkündet mit stolzgeschwellter Brust, kein Interesse an kritischer Wahrheitssuche zu haben.”

    Kann man so sehen muss man aber nicht.

    Eine Deutung wäre auch Wirkmechanismus lässt sich heute noch nicht erklären.

    Soll es ja schon mal gegeben haben.
    Schaut euch mal die Erkenntnisse zu Psychopharmaka an.

  2. 2 Bernd Harder 3. August 2013 um 10:35

    @r.o.p:

    << Eine Deutung wäre auch Wirkmechanismus lässt sich heute noch nicht erklären. << Das ist richtig - darum geht es aber nicht unbedingt, denn dann ist zumindest die "Wirkung" belegbar, wenn auch nicht der Wirkmechanismus. Pseudoverfahren wie Homöopathie und Co. haben belegbar keine Wirkung - also erübrigt sich die Frage nach einem "unbekannten" Wirkmechanismus. Auf "Wer heilt, hat Recht" übertragen bedeutet das: Erst einmal müsste der Patient a) von einer wirklich vorhandenen Erkrankung b) tatsächlich geheilt worden sein, und zwar c) nachweislich durch das verwendete Verfahren. Meistens ist bei Pseudoverfahren nicht mal einer dieser Punkte erfüllt, geschweige denn alle drei.

  3. 3 Clemens Maier 3. August 2013 um 10:40

    Das Problem ist ja, wenn die Heilungen zufallsbasiert sind, man nicht einschätzen kann, wer auf nicht fundierte Behandlungsweisen anspricht.

    Bzw. die Placeboeffekte, die durch Alternativbehandlungen hervorgerufen werden (außer bei einzelnen Beschwerden wie Schmerzen und manchen Sympthomatiken), doch zu gering sind, als dass sie zu verantworten wären.

    Dies “Heilen” bezieht sich auf Einzelfälle.

    Und die Konstrukte, die dahinter stehen sind bekanntlich dünn:
    Z. B.
    http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/paul-unschuld-ueber-kunstprodukt-akupunktur-naturarznei-qigong-a-909595.html#js-article-comments-box-pager

  4. 4 Daniel Tietze 3. August 2013 um 11:01

    Zumal “wer heilt hat recht” nur den Positiv-Fall der Zufallsverteilung anguckt und dann sagt “siehste! Sachichdoch”.

    Ich behaupte, wenn man eine Münze in die Luft wirft und fallen lässt, bleibt sie auf der Seite stehen.

    Dann werfe ich, und werfe, und werfe. Irgendwann bleibt die Münze zufällig auf der Seite stehen, und ich sag “Ha! Hab ich’s nicht gesagt.

    Münzen bleiben beim Werfen auf der Seite stehen! Wer einen stehen hat, hat recht”. Oder so.

    Ist ein bisschen euer Punkt 3.

  5. 5 Chris Müller 3. August 2013 um 12:28

    “Wer heilt, hat Recht ist im Wesentlichen der Trugschluss, aufgrund von einzelnen Korrelationen zu wissen, wer oder was heilt, und bedeutet somit ein grundsätzliches Nicht-Verstehen der wissenschaftlichen Methode.”

    Ich selbst kann darüber berichten, dass aufgrund statistischer Daten die Dosis an kurativer Strahlung für eine gewisse Krebsart über einen längeren Zeitraum gesenkt wurde, weil aufgrund der Daten belegbar war, dass der Umfang an Nebenwirkungen sank bei gleichbleibendem kurativem Erfolg.

    Sinn und Zweck der Studien war, ein theoretisches Gedankenkonstrukt an der Realität zu messen. Erklären konnte das zuvor aber niemand. Und nach den Studien sagt man “die Daten belegen…”.

    Es handelte sich dabei um klassischste Schulmedizin. Was also soll der pauschale und unbelegte Vorwurf, “wer heilt, hat Recht” werde ausschliesslich in Abgrenznung gegenüber der schulmedizin verwendet?
    In meinem Beispiel gilt das Argument exakt so für die Unterfütterung einer schulmedizinischen Behandlungsmethode.

  6. 6 Joseph Kuhn 3. August 2013 um 12:31

    Wer heilt hat Recht – falls er auch prüft, in welchen Fällen er nicht heilt und was das mit seiner Intervention zu tun hat.

    Sonst ist es wie mit dem alten Witz, bei dem einer in München in die Hände klatscht, gefragt, warum er das tue, antwortet, um die Elefanten zu vertreiben und auf den Hinweis, hier gäbe es doch gar keine Elefanten, sagt, na sehen Sie, klappt doch.

    Oder um es paradox zu formulieren: Misserfolge für sind für den Erfolgsnachweis unverzichtbar.

  7. 7 Bernd Harder 3. August 2013 um 12:37

    @Chris Müller:

    << Sinn und Zweck der Studien war, ein theoretisches Gedankenkonstrukt an der Realität zu messen. << Aber genau DAS geschieht in der Pseudomedizin doch eben nicht. Dort prüft niemand, worauf genau ein Heilerfolg zurückzuführen ist und ob es überhaupt einen gibt.

  8. 8 Michel 3. August 2013 um 12:39

    Der “Wettbewerb” zwischen Medizin und Paramedizin ist zutiefst unfair.

    Vom Mediziner erwarte ich, dass er mich heilt oder zumindest das leiden erträglich macht.

    Wenn der Scharlatan einen nicht heilt, dann bin ich selbst schuld und muss es nochmal bei einem anderen versuchen, mit einer Therapie, die besser zu mir “passt”. Das kann so weiter gehen bis zum Exitus.

    Wenn Mediziner Halbgötter sind, was sind dann Pseudomediziner?

  9. 9 Norbert Aust 3. August 2013 um 15:05

    Wer heilt hat recht – wenn er beweisen kann, dass er es war, der geheilt hat.

    Gerade letzteres will ja, trotz gegenteiliger Behauptungen, zumindest in der Homöopathie nicht klappen (wie man nachlesen kann, wenn man auf meinen Namen klickt).

  10. 10 Bjoern 4. August 2013 um 09:40

    Man muss nur ein Wort ergänzen, dann stimmt der Spruch…
    Wer _konsistent_ heilt, hat recht.

  11. 11 Petra Ebner 11. Juni 2014 um 08:14

    Man kann alles totreden – totdiskutieren.
    Aber die Natur lässt sich nicht austrichsen.
    Gott hat uns alles gegeben, was wir zur Genesung
    brauchen, lange bevor der Mensch mit chemischen,
    synthetischen Mitteln glaubte nachhelfen zu müssen.

    Gedanken sind Energien, die wirken wie ein Magnet.
    Zuviel Skepsis erzeugt demnach Verwirrung.
    Wer’s braucht………… ?!?!

    Ich kann mit Ihrerm Blog jedenfalls herzlich wenig
    anfangen.

    Eine überzeugte Optimistin.

  12. 12 Bernd Harder 11. Juni 2014 um 10:25

    @Petra Ebner:

    < < Zuviel Skepsis erzeugt demnach Verwirrung. << Bei denkfaulen Menschen, die nicht reflektieren können oder wollen. << Ich kann mit Ihrerm Blog jedenfalls herzlich wenig anfangen. << Das geht uns mit Ihrem Kommentar ähnlich. << Gott hat uns alles gegeben, was wir zur Genesung brauchen, lange bevor der Mensch mit chemischen, synthetischen Mitteln glaubte nachhelfen zu müssen. << Deshalb wurden die Menschen damals zirka 30 Jahre alt und heute über 80? Außerdem sind "chemische Mittel" zumeist nichts anderes als natürliche Substanzen, die durch pharmakologische Produktion in Reinform und in großen Mengen verfügbar gemacht werden, z.B. Aspirin: http://de.wikipedia.org/wiki/Acetylsalicyls%C3%A4ure

  13. 13 noch'n Flo 11. Juni 2014 um 10:53

    @ Petra Ebner:

    Gedanken sind Energien, die wirken wie ein Magnet.

    Lassen Sie mich raten – Sie haben deshalb Ihr Gehirn abgeschaltet, weil Sie sonst das Handy nicht mehr vom Ohr bekommen hätten?

  14. 14 Beobachter 11. Juni 2014 um 11:20

    @ Petra Ebner:

    Bsp.:

    Wenn Sie einen Unfall haben und lebensgefährlich verletzt werden – hilft Ihnen weder Ihr Optimismus noch Ihre “natürliche Selbstheilungskraft” noch der Homöopath noch “gedankliche Energie” noch der liebe Gott.

    Da hilft Ihnen der Notarzt und später der Anästhesist und der Chirurg im OP und auf der Intensivstation.

    Es hilft Ihnen also die “Schulmedizin” – und dass die bzw. unser Gesundheitssystem möglichst verbessert und “menschlicher” wird und nicht von Esoterikern, Pseudomedizinern und Scharlatanen unterwandert wird – u. a. darum geht es hier in diesem Blog (und um vieles mehr).

    Oder wäre es Ihnen lieber, wenn Sie der Notarzt mit unwirksamen homöopathischen Notfalltropfen erstversorgen/behandeln würde ?!

    (Für Pflanzen gibt es die schon …)

  15. 15 Beobachter 11. Juni 2014 um 21:28

    Nachtrag:

    zu “homöopathischen Notfalltropfen” für den Menschen:

    Etwas Ähnliches gab es schon, wie ich heute hier im Blog erfahren habe:

    http://s14.directupload.net/images/140611/fwsvpbxy.jpg

    https://blog.gwup.net/2014/06/10/impfgegnerin-bei-dr-house/comment-page-1/#comment-35436

    ” … im “Science Museum” in London habe ich in der medizinischen Abteilung mal ein homöopathisches Notfallset zur Wundbehandlung aus dem 2. Weltkrieg gesehen.” (noch`n Flo)

    Wenn die Entwicklung hin zur Homöopathie ungebremst und unhinterfragt so weitergeht, haben wir bald wieder “homöopathische Notfallsets” –
    sogar in Friedenszeiten und von den Krankenkassen bezahlt …

    Manchmal holt die Realität die Satire ein …

  16. 16 noch'n Flo 11. Juni 2014 um 22:48

    @ Beobachter:

    Manchmal holt die Realität die Satire ein …

    Das nennt sich dann “Realsatire”. ;)

    Aber dennoch vielen Dank für die (weitere) Verlinkung meines Schnappschusses.

  17. 17 Beobachter 11. Juni 2014 um 23:29

    @ noch`n Flo:

    Ihr “Schnappschuss” hat gerade so gut in den Zusammenhang gepasst …

    Was “Realsatire” ist, weiß ich – ich habe es mit Absicht etwas anders und deutlicher formuliert.

  18. 18 Ralf 25. November 2014 um 22:46

    In dem Artikel von trixis Link, wird auch wieder auf die Gefahr des “Nocebo-Effekt” eingegangen.
    Es ist schon interessant, daß Leute Medikamente meiden (wegen der “Chemie”), auf der anderen Seite aber bereit sind, allerlei ungeprüften “Eso-Dreck” auszuprobieren.
    Medikamente durchlaufen ein strenges Prüfungsverfahren und zuletzt muß auch der Nutzen, bzw die Wirksamkeit bewiesen werden.
    Viele Menschen erschrecken, wenn sie den Beipack-Zettel ihrer Medikamente lesen…unter sehr seltenen Nebenwirkungen, können schwerwiegende Folgen zu lesen sein.
    Aber was würden diese denken, wenn sie ein “Beipack-Zettel” zum “Bierkasten” bekämen oder auch zu vielen Nahrungsmitteln.
    Es gibt keine Wirkung ohne Nebenwirkung und das trifft auch für Naturheilmittel zu, die eine Wirkung haben; deshalb kann man nicht sagen “Pharma” böse und “Natur” gut.
    Besonders blöd ist, daß “Chemie” mit einem Malus versehen ist, das ist lächerlich, da auch Naturheilmittel auf bio-chemischer Basis wirken.
    “Chemie” ist in der Alltagssprache gleichgesetzt mit “Gift”.
    Wie auch in dem Artikel geschrieben ist, werden gerade in Pharma-Studien versucht, den Placebo-Effekt auszuschließen (nur dann habe ich eine reproduzierbare Wirksamkeit), während die “Alternativmedizin” auf diesen baut – man erkennt, das sind zwei verschiedene Welten.
    Das soll aber nicht heißen, daß auch die “Schulmedizin” nicht den Placebo-Effekt nutzen darf – dieser sollte aber “Patientenbezogen” sein und auf einer reflektierten Basis geschehen (sowohl als auch bei dem Patienten). Letztendlich heißt das: “Positiv denken und an die Heilung glauben”.

  19. 19 Kokolores 12. März 2015 um 07:49

    Na dass nenn ich eine “wissen”-schaftliche Annäherung… Da wird Wissen geschaffen, das sehr verstandorientiert gefiltert wurde. Zudem ist die Ansicht die gerne so sein darf dabei limitiert – vermutlich weil sie es nicht besser “wissen”. Hypochonder besteht auf seinen Symptomen. Immer und immer wieder und hält diese gerne für sich fest, führt sie vor und belegt ebenso “fundiert” die Nichtwirksamkeit? Wenn jemand sich begrenzt, seinen Verstand und vor allem seine einem jedem Menschen innewohnende “Selbstheilungskräfte” nicht zu nutzen weiss noch versteht und dadarüberhinaus alles weitere heilsame weit von sich weisst tja wie soll denn dann Heilung geschehen?

    In der Medizin und in der Pharma”zieh” wird ein komplizierter Mechanismus (Körper) wie durch einen Eingriff in das Werk durch schrauben an den Schrauben oder wegschneiden, schmieren, ölen “betrachtet”.
    In der (methodisch sauberen) Alternativmedizin werden die Selbstheilungskräfte mobilisiert und aktiviert.

    Es ist manipulierender Humbug – um deutlich zu werden – Schwachfug, auch der gesamte Film mitsamt heransgehenweise…wenig förderlich, nicht wirklich konstruktiv kritisch sondern einseitig und voller Selbstaussagen, für Jene die die Zwischentöne zu hören vermögen und verstehen wollen.

    Gekonnter Verkaufshokuspokus – es bräuchte Selbstkritik und Selbsterfahrung bzw Selbsterkenntnis, echte Heilung Selbstheilung zu aktivieren zu ermöglichen, unabhängig und frei zu entfalten.

    Dann wird Diskussion um Recht oder Unrecht flüssiger als Wasser nämlich überflüssig.

  20. 20 Bernd Harder 12. März 2015 um 13:52

    @Kokolores:

    << nämlich überflüssig. << So wie Ihr Kommentar?

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