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Die Unverwesten

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Es soll ja immer noch Leute geben, die unverweste Leichname als „besonderen Beweis der Existenz Gottes“ bestaunen und pittoreske Webseiten zu diesem Thema gestalten.

Na ja, wenn man sonst nix zu tun hat. Sogar ganze (fromme) Bücher gibt’s darüber.

Dass die Angelegenheit in Wahrheit recht profan und allein in Deutschland einige tausend Mal zu sehen ist, kann man heute der Zeit entnehmen:

Sowohl für die Mumienforscher als auch für die Restauratoren gibt es derzeit viel zu tun in Deutschland. Die jüngsten Meldungen über neue Funde erhielt Rosendahl aus den Regionen um Ulm und Limburg. Es vergehen selten ein paar Monate, in denen nicht irgendwo ein Pfarrer die Entdeckung von unvollständig verwesten Gestalten in seiner Gemeinde meldet oder ein Burgherr im Untergrund auf getrocknete Ahnen stößt.“

Eben alles eine Frage der Deutung. Auf den Internet-Seiten der Steyler-Missionare stand mal zu lesen:

Das Phänomen, dass Leichname von einigen Heiligen nicht verwesen, obwohl andere Leichen auf demselben Friedhof nicht mehr wiederzuerkennen sind, kann man nur als außergewöhnlich bezeichnen. Man kann es als Zeichen Gottes deuten. Diese Menschen haben ihre Leiber und ihr Leben zu einem heiligen Dienst genutzt.“

Kann man – muss man aber nicht.

Dass eine Leiche, von der man fast sicher annehmen kann, dass sie nicht einbalsamiert ist, dennoch erhalten blieb, mag eigenartig sein – aber nicht unbedingt wundersam oder gar übernatürlich.

Wissenschaftler kennen eine Reihe natürlicher Vorgänge, die zur dauerhaften Erhaltung einer Leiche führen können. Ob Verwesung oder Fäulnis – beides passiert, wenn organische Substanz durch Pilze, Bakterien und Insekten in einfache, anorganische Verbindungen verwandelt wird. Alles, was diese Vernichtungsarbeit behindert, kann zu einer natürlichen Konservierung führen. Bestimmte Luft- und/oder Bodenverhältnisse können einem Leichnam zum Beispiel das Gewebswasser entziehen und damit für lange Zeit konservieren. Auch dicht geschlossene Eichensärge können natürliche Mumien entstehen lassen – oder ständig bewegte trockene Luft, was sehr häufig bei Selbstmorden auf zugigen Dachböden vorkommt.

Der Kriminalbiologe und Forensiker Dr. Mark Benecke, Mitglied im GWUP-Wissenschaftsrat, erklärt:

Die Austrockung ist deshalb so wichtig, weil dann keine bakterielle Fäulnis und auch kein Schimmel entstehen kann. Außerdem verhindert sie, dass Insekten den Körper schnell fressen, da die meisten wegen ihrer kleinen Beißwerkzeuge ledriges Gewebe nicht annagen können.“

Ein Fall von Austrockung ist auch Ötzi, die derzeit berühmteste Mumie Europas – das Eis entzog seinem Körper Wasser.

Häufiger als Trockenmumien sind in unseren Breitengraden die so genannten Fettwachsleichen. Vor einiger Zeit wurde zum Beispiel bei Balingen am Rande der Schwäbischen Alb das Grab eines Fliegers geöffnet, der in den letzten Kriegstagen abgeschossen worden war. Zum Schrecken aller Anwesenden war die Leiche mumifiziert. „Er hatte sich in mehr als 50 Jahren unter der Erde kaum verändert“, berichteten die Grabgärtner.
Kein Einzelfall – und selbst unter Insidern ein heikles Thema. Denn in manchen Regionen Deutschlands verhindern luft- und wasserdichte Tonböden sowie hoch stehendes Grundwasser den Verwesungsprozess der Toten auf den Friedhöfen. Wenn Gräber neu belegt werden sollen, bietet sich den städtischen Bediensteten häufig ein schauriges Bild:

Aus halbverfaulten Sarghölzern starren ihnen unverweste Tote entgegen, bleich und wachshart wie Figuren aus dem Kabinett der Madame Tussaud“,

beschrieb ein Journalist ein solches Szenario.

Fettwachsleichen entstehen, wenn bei Sauerstoffmangel und Feuchte und Kühle die Fette des toten Körpers „verseifen“ (Saponifikation). Dabei wandelt sich das Unterhautfettgewebe unter einer immer fester werdenden Oberhaut in Ammoniakseife um. Diese seifenartige Substanz heißt Adipocire (vom lateinischen adeps = Fett und cera = Wachs).

Aber wie kann es sein, dass manche Körper unversehrt blieben, obwohl sie begraben wurden und direkt neben anderen Leichnamen lagen, die sich normal zersetzten? Gibt es also doch absichtlich Konservierte, auf natürlichem Wege Konservierte – und „übernatürlich“ Unverwesliche? Nicht unbedingt, meint Benecke:

So etwas ist durchaus denkbar, etwa wenn im einen Grab mehr luftiges Material wie trockener Sand auf den Sarg gefüllt wurde, und im anderen Lehm. Oder wenn das eine Grab aus irgendeinem Grund ständig mit Sickerwasser durchsetzt ist, das andere direkt daneben aber nicht. Oder wenn die eine Person im verlöteten Zinksarg liegt, die andere im billigsten Holzsarg.“

Leicht erklärlich also, dass die katholische Kirche durchaus kein Monopol auf Leichname besitzt, die der Verwesung trotzen. In diesem Zusammenhang sei auch nochmal auf die ZDF-Doku „Die Macht der Wunder“ heute Abend um 20.15 Uhr hingewiesen.

Zum Weiterlesen:

  • „Keine Spur vom Triumph des Todes“, Skeptiker 3/2001

4 Kommentare

  1. Wenn ich sehe, wie Leichen angebetet werden, dann frage ich, wie zivilisiert Europa wirklich ist, wenn viele Religiöse in solche primitiven Rituale zurückfallen.

  2. In diesem Zusammenhang bleibt es dennoch bemerkenswert, warum ausgerechnet so viele Katholische Heilige zu den „Nicht-Verwesenden“ gehören. Viele sind ja auch nicht mumifiziert oder so, sondern wirken auch noch nach Jahrhunderten weitgehend unverändert.

  3. @Gerhard: Man darf dabei nicht ganz vergessen, dass nicht wenige davon einbalsamiert worden sind. Das ist häufig verborgen geblieben, weil die frommen Leutchen sich nicht getraut haben, tote Heilige zu entkleiden und näher zu untersuchen. Auch der häufig zitierte „Wohlgeruch“, den unverweste Heilige verströmen sollen, lässt sich mit den dabei verwendeten Substanzen hinlänglich erklären.
    Bernadette von Lourdes z.B. wurde an Händen und Füßen mit einer Wachsschicht überzogen, was man auf jener besagten Webseite auch nicht erfährt. Sei es aus Unkenntnis oder bewusster Volksverdummung. Auch der eigentliche Vorgang ihrer „Unverweslichkeit“ wurde schon früh erklärt und dokumentiert:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Bernadette_Soubirous#Nach_Bernadettes_Tod

  4. @Gerhard: Geh doch mal zu einem guten Optiker, mit einer passenden Brille kannst dann auch Du die wenigen Mumien von den vielen offensichtlichen Wachs- oder Porzellanfiguren unterscheiden. Was da gezeigt wird, ist Geisterbahn für die Armen im Geiste – und dass sich von denen viele in den Kirchen (und anderen Tempeln/Synagogen/Moscheen usw.) finden ist ja nur logisch.

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