Skepkon: Globuli und Pharmazie – eine Liebesgeschichte?

Eine junge Mutter, deren zwei Jahre alte Tochter an wiederkehrender Mittelohrentzündung leidet, wird in der Apotheke vorstellig.

Der Arzt habe schon wieder Antibiotika verordnet, das wolle sie aber nicht – welche Alternativen es denn gebe?

“Keine”, müsste ein Apotheker jetzt redlicherweise antworten, und seine Kundin mit ihrem Kind zum Arzt schicken.

Denn vor allem wegen der Möglichkeit schwerer, auch lebensbedrohlicher Komplikationen ist die Gabe eines geeigneten Antibiotikums dringend zu empfehlen.

Als Claudia Graneis mit der oben skizzierten Legende in sieben verschiedenen Apotheken die Probe aufs Exempel machte, erlebte sie jedoch das nicht für möglich Gehaltene:

Nur in einer der sieben Apotheken bekam die Pharmaziestudentin die korrekte Auskunft zu hören. Dagegen legten fünf sofort ein Homöopathikum auf die Theke und eine auf gezielte Nachfrage.

Das berichtete Graneis bei der Skepkon 2013 in Köln.

 SkepKon2013 (115 von 157)-XL

Globuli und Pharmazie – Eine Liebesgeschichte?”

war ihr Vortrag überschrieben.

Doch die Liaison zwischen Apothekern und Homöopathen ist wohl weder Liebesheirat noch Vernunftehe, sondern schlicht eine Zweckgemeinschaft zum beiderseitigen Vorteil.

Die Homöopathie braucht die Apothekenpflicht für ihren Zauberzucker vor allem aus Imagegründen, denn diese umkränzt die wirkungslosen Hoch- und Niedrigpotenzen mit einer Art Gütesiegel.

Die Apotheken wiederum brauchen die Homöopathie aus kommerziellen Gründen, denn frei verkäufliche OTC-Produkte (“over the counter”) sind ein unverzichtbares ökonomisches Standbein.

Vor diesem Hintergrund ist unschwer zu verstehen, warum Claudia Graneis selbst bei ihren Kommilitonen im Studiengang Pharmazie kaum offene Ohren für Homöopathie-Kritik findet.

Überraschender ist da schon die Stellungnahme des Bundesgesundheitsministeriums auf Graneis’ schriftliche Anfrage, was denn das “Homöopathische Arzneibuch” im Bücherregal eines jeden Apothekers und des Weiteren Irrlehren wie Homöopathie, Anthroposophie und Spagyrik im staatsexamensrelevanten Gegenstandskatalog angehender Pharmazeuten verloren hätten?

Offenbar geht das BMfG ernsthaft (oder populistisch) davon aus, dass …

… das Homöopathische Arzneibuch als Sammlung von Regeln über die Qualität, Prüfung, Lagerung und Bezeichnung von homöopathischen Mitteln und die bei ihrer Herstellung und Prüfung verwendeten Stoffe, Materialien und Methoden Basis für das erforderliche Grundlagenwissen [ist], um Patientinnen und Patienten sachgerecht beraten zu können [...]

Über die Approbationsordnung für Apotheker ist sichergestellt, dass Apothekerinnen und Apotheker nach Beendigung der pharmazeutischen Ausbildung generell über die erforderliche Sachkenntnis bei Arzneimitteln, also u. a. auch bei Homöopathika, verfügen. Dies ist zur Sicherheit der Patientinnen und Patienten unerlässlich.”

Nun ja.

Die Realität jenseits der wohlfeilen Gebrauchslyrik aus der Ministerialschreibstube sieht anders aus, wie Graneis in ihrem Referat darlegte:

Erstens führt der gesetzlich verordnete Zuckerguss über der Apothekerausbildung in Deutschland keineswegs zu mehr Patientensicherheit, wie unser Eingangsbeispiel zeigt.

Das könnte unter anderem daran liegen, dass die esoterische Pharmaindustrie eine intensive Lobbyarbeit bei Apothekern und Pharmazeutisch-technischen Assistenten (PTA) betreibt, inklusive Werbegeschenken, Fortbildungsveranstaltungen und Informationsabenden für Kunden in der jeweiligen Apotheke.

Spätestens hier wird die Kritikfähigkeit mürbe gemacht.

Mit der Folge, dass selbst der eine oder studierte Pharmazeut, der es aufgrund seiner Ausbildung besser wissen müsste, irgendwann selbst überzeugt ist – und auch Skeptiker keine Kritik mehr äußern.

Zweitens verpflichtet die Politik damit Apotheken nicht nur zur Lagerung von hochgiftigen homöopathischen “Ursubstanzen” wie Quecksilber- und Chromverbindungen, sondern darüber hinaus auch die Mitarbeiter zu einer “entwürdigenden Tätigkeit”, wie Graneis aus eigener Erfahrung erklärte, nämlich:

stundenlang schütteln oder verreiben und dabei positiv denken.”

Abschließend formulierte Claudia Graneis einige Vorschläge, wie man diesem Treiben Einhalt gebieten könnte.

Dazu zählt vor allem die Aufhebung der Apothekenpflicht für Homöopathika.

Dieser Forderung schließt sich die GWUP vorbehaltlos an.

Zum Weiterlesen:

  • “Homöopathie in der Pharmazie” von Claudia Graneis (Teil 1), BlooDNAcid am 8. Oktober 2012
  • “Homöopathie in der Pharmazie” von Claudia Graneis (Teil 2), BlooDNAcid am 5. November 2012
  • “Heiße Luft für Hebammen” von Claudia Graneis, BlooDNAcid am 15. März 2013
  • Claudia-Graneis-Interview: “Homöopathie ist gefährlich”, GWUP-Blog am 15. Mai 2013
  • Zauberzucker aus der Apotheke, GWUP-Blog am 23. November 2012
  • Claudia Graneis: So war die Skepkon – für mich, Cloudpharming am 16. Mai 2013
  • Von der 22. GWUP-Konferenz in Köln, BlooDNAcid am 12. Mai 2013
  • Mit Alchemie gegen Heuschnupfen, skeptiker.ch am 11. Mai 2013
  • Anti-Aging-Kauderwelsch, skeptiker.ch am 1. Mai 2013
  • Wir Mediziner – weshalb viele von uns lieber nichts von Skeptikern wissen wollen, skeptiker.ch am 3. April 2013
  • Skepkon: Parawissenschaften als gesellschaftlich akzeptierte Parallelwissenschaften, GWUP-Blog am 19. Mai 2013
  • Skepkon: Nazis über uns? Der Mythos Neuschwabenland, GWUP-Blog am 19. Mai 2013
  • Die Homöopathie-Lüge oder Wie wirksam ist ein Buch? GWUP-Blog am 18. Mai 2013
  • GWUP-Konferenz-Rückblick: Vorsicht Seelenpfuscher! GWUP-Blog am 18. Mai 2013
  • GWUP-Konferenz-Rückblick: Pseudomedizin bei Autismus, GWUP-Blog am 18. Mai 2013
  • GWUP-Konferenz-Rückblick: Der Publikumstag 2013, GWUP-Blog am 13. Mai 2013

 

 

 

 

 

 

 

 

6 Kommentare zu “Skepkon: Globuli und Pharmazie – eine Liebesgeschichte?”


  1. 1 Volker 20. Mai 2013 um 11:29

    Wenn man nun poltrig-polemisch formuliert: “Wer mit homöopathischer Behandlung gesund wird, war nicht krank.” liegt man wohl definitiv FALSCH!

    Aber wie formuliert man das, was ich damit sagen möchte, richtig? Danke

  2. 2 Michael 20. Mai 2013 um 21:33

    ……, hätte sich das Geld sparen können?

  3. 3 blutfink 20. Mai 2013 um 21:56

    @Volker: Die Aussage ist analog zu einer Aussage wie “Wer an einem Dienstag gesund wird, war nicht krank.”
    Die Schlussfolgerung ist nicht zulässig. Der Dienstag steht mit der Gesundung nicht zwingend in kausalem Zusammenhang.

  4. 4 Marcel 20. Mai 2013 um 22:06

    @Volker: Dazu fällt mir folgender Tweet ein:
    https://twitter.com/GebbiGibson/status/295915568043810818

    „Haben Sie Mittel gegen Bindehautentzündung?“
    „Nur ein Homöopathisches.“
    „Das heißt, es geht auch von alleine weg?“
    *zwinker*
    „OK, Danke!“

  5. 5 Tobi 21. Mai 2013 um 08:22

    @Marcel: hahaha, geiler Tweet, danke dafür – mit einem Lachen in den Tag gestartet!

  6. 6 Pierre Castell 21. Mai 2013 um 10:38

    @ Marcel

    Jaja, ist schon lustig. Wenn´s nur nicht so traurig wäre…


Skeptiker-Konferenz 2013

Skeptiker-Konferenz 2013

NEU: Skeptiker 1/2013

SKEPTIKER 4/2012