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Tankenstellenmord von Idar-Oberstein: Lebenslange Haft

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Der tödliche Schuss auf einen 20-jährigen Tankstellenmitarbeiter in Idar-Oberstein am 18. September 2021 wird vom Landgericht Bad Kreuznach als Mord gewertet. Die Richter verurteilten den Täter heute zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Die besondere Schwere der Schuld hat die Schwurgerichtskammer dabei nicht festgestellt. Der Verurteilte könnte damit nach frühestens 15 Jahren auf Bewährung freikommen.

In der anderthalbstündigen Urteilsbegründung hieß es, der Tat liege ein politisches Motiv zugrunde, denn der Staat habe aus Sicht von Mario N. mit der Maskenpflicht Grenzen überschritten. Der Angeklagte sei der Überzeugung gewesen, dass er ein Recht auf Widerstand und auch ein Recht auf die Tötung von Menschen habe.

Das Gericht hält den 50-jährigen Softwareentwickler für voll schuldfähig. Der Prozess dauerte sechs Monate.

Nach Einschätzung der Amadeu Antonio Stiftung bewegte sich der Täter in Querdenken- und rechtstextremen Milieus, wie seine Profile auf Telegram und Twitter belegten. Der Fall mache deutlich,

… wovor wir und andere schon lange warnen: Wir haben es mit einer neuen Form rechten Terrors zu tun, die durch Desinformation und Verschwörungserzählungen befeuert wird.

Auch eine ARD-Doku vom April 2022 führte

… in die verstörende Parallelwelt der Corona-Leugner, in der sich Mario N. bewegte.

Im Zusammenhang mit dem Tankstellenmord in Idar-Oberstein wurde zudem auf das Phänomen des „stochastischen Terrorismus“ hingewiesen – auch hier bei uns im Blog:

Kurz gesagt geht es darum: Wenn man nur lange genug genügend Leute bearbeitet, wird es den einen Täter geben, der dann doch aktiv wird.

Zeit-Online schreibt heute zu dem Urteil:

Kritik an den Schutzmaßnahmen und Freiheitseinschränkungen in der Corona-Pandemie gibt es seit deren Beginn. Wer es dem Ordnungsamt anzeigte, konnte völlig legitim gegen das Schließen von Kulturhäusern, Hotels oder gegen die Maskenpflicht demonstrieren, mit der Maske vor Mund und Nase und dem Schutz der Polizei – nur vorübergehend war in der ersten Welle die Versammlungsfreiheit eingeschränkt.

Doch bald waren solche Demonstranten innerhalb der Corona-Gegenbewegung eine Minderheit. Bald hefteten sich erste Gegner der Schutzmaßnahmen Judensterne an die Ärmel. Sie erhoben sich selbst auf die Stufe jener zu Millionen von den Nazis umgebrachter Menschen. All diese Radikalisierung vollzog sich in der Öffentlichkeit, für alle sichtbar.

Bei Mario N. vollzog sie sich im Stillen. Die Tat von Idar-Oberstein ist der Tiefpunkt einer Entwicklung, die zeigt, wohin die Staats-, Demokratie- und Menschenverachtung der radikalen Corona-Gegner führen kann.

N. ermächtigte sich selbst, einen Menschen zu töten, weil er ein Problem hatte mit den von Regierenden und Parlamenten mehrheitlich verabschiedeten Corona-Regeln, die über Jahre eine Bevölkerungsmehrheit stützte […]

Der Fall verdeutlicht, wie gefährlich sich das enge Nebeneinander im Netz von verifizierten Informationen und Verschwörungsglauben auswirkt.

Wenn sich Desinformation und Falschnachrichten tausendfach weiterverbreiten, Meinungen so vermeintlich zu Fakten werden, eine Parallelgesellschaft des Nichtwissens entsteht, in der es kein Korrektiv mehr gibt, keine Diskussion, sondern nur noch gegenseitiges Bestärken im Falschen.

Zum Weiterlesen:

  • Voll schuldfähig: Lebenslange Haft im Prozess um Tankstellenmord in Idar-Oberstein, SWR am 13. September 2022
  • Erschossen wegen eines Stücks Stoff, Zeit-Online am 13. September 2022
  • Tödlicher Schuss nach Maskenstreit – lebenslange Haft für Angeklagten, spiegel.de am 13. September 2022
  • Lebenslange Haft in Prozess um Tankstellenmord von Idar-Oberstein, Zeit-Online am 13. September 2022
  • Ein Mord als Exempel, FAZ am 13. September 2022
  • Idar-Oberstein: Sind „Querdenker“ Terroristen? GWUP-Blog am 21. September 2021
  • Doku: „Mord an der Tankstelle – Vom Protest zur Gewalt?“ GWUP-Blog am 11. April 2022
  • Mord in Idar-Oberstein: Online zeigt sich der Täter rechtsalternativ radikalisiert, AAS am 6. Oktober 2021
  • Essen: Familiäre und Online-Radikalisierung des Schul-Attentäters, Belltower News am 12. September 2022

3 Kommentare

  1. Lebenslang? – Pünktlich zur Rente ist der wieder frei…
    Mein Verständnis für gerechte Justiz sieht da etwas anders aus, aber vielleicht bin ich auch deshalb kein Jurist ;-)

  2. @Ralf

    Ja, Recht und Gerechtigkeit sind zwei verschiedene Dinge, zumal Gerechtigkeit analog einer Moral ja auch sehr unterschiedlich gesehene Angelegenheiten sind.

    Zur Rente zwei Anmerkungen:

    1. Da er als jetzt 50jähriger wohl Jahrgang 1971/72 sein dürfte, trifft da wohl eher Rente mit 67 Jahren zu.

    2. Unverifiziert, aber nach Rechtsverständnis, hat er m.W.n. auch Anspruch auf die Rente, wenn er einsitzt. Was derzeit immer mal wieder diskutiert wird ist (lediglich), ob Gefangene auch für Arbeit im Gefängnis Rentenansprüche erwerben können (sollen).

  3. „Staatsanwaltschaft beantragt nach Urteil zu Tankstellenmord Revision“:

    https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2022-09/tankstellenmord-staatsanwaltschaft-revision

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