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Besser als der deutsche? Dr. David Bardens über den schwedischen Corona-Sonderweg

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Letzten Mittwoch hat Stern-TV über den schwedischen Sonderweg in der Corona-Krise berichtet.

Nachschauen kann man die ganze Sendung bei TVNow und den Bericht

Freiheiten trotz Corona: Taugt der schwedische Weg wirklich als Vorbild?

einzeln bei Facebook (zirka zehn Minuten).

Darin kommt auch der deutsche Arzt Dr. David Bardens (der vom „Masern-Prozess“) zu Wort, allerdings nur kurz, aber deutlich kritischer als die übrigen Interviewpartner.

Auf Nachfrage hat Bardens uns dieses ausführlichere Statement zur Situation in Schweden geschickt:

Derzeit gibt es eine große Diskussion, welche Länder mit der derzeitigen Pandemie am besten zurechtkommen und welche Restriktionen man einführen sollte oder eben auch nicht.

Es ist derzeit noch nicht möglich zu sagen, welche Strategie nun die beste ist. Wahrscheinlich wird es noch Jahre dauern, bis wir das mit Gewissheit sagen können.

Eine restriktive Lockdown-Strategie kann natürlich enorme und teils existenzielle Folgen für Menschen haben, die beruflich davon betroffen sind. Aber auch privat stellt die Pandemie mit den Einschränkungen der persönlichen Kontakte eine große und statistisch nicht messbare Herausforderung dar. Jede Einschränkung der persönlichen Freiheit sollte daher mit Bedacht abgewogen werden.

Schweden, das Land, in dem ich als Allgemeinmediziner tätig bin, wird oft als positives Beispiel angeführt, was die Restriktionen und die Pandemie allgemein angeht. Hier mahne ich zur Vorsicht.

Auch wenn das Leben in Schweden fast ohne Einschränkungen möglich und derzeit die Zahl der Neuinfektionen relativ niedrig ist, so wurden wir dennoch sehr hart von der ersten Welle getroffen und haben mit Italien vergleichbare Todeszahlen.

Die hiesige Gesundheitsbehörde empfiehlt nicht die Anwendung von Mund-Nasen-Schutz. Auch wurde hier zeitweise in Frage gestellt, ob man überhaupt einen Mund-Nasen-Schutz tragen sollte, wenn man als Angestellter im Gesundheitswesen infizierte Patienten behandelt. Als Argument wird vor allem angeführt, dass die Datenlage zum Nutzen von MNS nicht eindeutig sei. Das ist meiner Meinung nach ein großer Fehler. Der potenzielle Nutzen des Tragens von MNS ist hoch, gleichzeitig bestehen praktisch keine Risiken.

Selbstverständlich ist es nicht gut für die Umwelt, wenn millionenfach MNS produziert und weggeworfen werden. Für Schwerhörige ist es schwerer, von den Lippen zu lesen, wenn das Gegenüber einen Mundschutz trägt. Auch Emotionen werden nicht auf gleiche Weise kommuniziert. Wenn man durch das Tragen eines Mundschutzes potenziell Infektionen verhindern kann, scheint dies jedoch lösbar.

Derzeit (Stand 19. September) deutet die Datenlage nicht darauf hin, dass der ”schwedische Weg” auf irgendeine Weise besser ist als der deutsche.

Wir haben hier mehr als fünf Mal mehr Todesfälle (576/Million) als Deutschland (113,2/Million), obwohl Schweden ein extrem dünn besiedeltes Land ist: Die Bevölkerungsdichte hier (23 Einwohner/km2) entspricht einem Zehntel der von Deutschland (233 Einwohner/km2).

Zum Weiterlesen:

  • Schwedens Staatsepidemiologe und die Sterberate, Spiegel-Online am 21. September 2020
  • Corona-Zahlen steigen in Schweden wieder schneller an, morgenpost am 22. September 2020
  • Corona: Herdenimmunität in Schweden? Pandemie „könnte für das Land vorbei sein“ – zu einem hohen Preis, merkur am 22. September 2020
  • Coronavirus: Schweden wird vom Prügelknaben zum Musterschüler, nau.ch vom 21. September 2020
  • Schwedens Sonderweg: Der hohe Preis des geringen Wirtschaftseinbruchs, tagesschau.de am 24. August 2020
  • Video mit Martin Moder: Zu viel CO2 durch Masken? GWUP-Blog am 21. September 2020

9 Kommentare

  1. „Mit “Corona-Irrsinn” und erfundenem Zitat: “Bild” fährt Kampagne gegen die Corona-Maßnahmen“:

    https://bildblog.de/124159/mit-corona-irrsinn-und-erfundenem-zitat-bild-faehrt-kampagne-gegen-die-corona-massnahmen/

  2. Also, ich bin mittlerweile komplett verwirrt.

    Niedrige Infektionszahlen in Schweden bei gleichzeitig mehr Toten als in Deutschland wie geht das?

    Und wieso erzeugt der Lockdown in Spanien nach seiner Aufhebung steigende Fallzahlen?

    Kann mir das jemand erklären?

  3. Zwei Ansichten zum Rausschmiss des blinden Schwerbehinderten mit Masken-Attest beim schwedischen Möbelhaus Ikea:

    https://www.express.de/koeln/masken-zoff-um-blinden-koelner-ikea-pocht-auf-die-pflicht–im-sinne-der-sicherheit-37385078

    Übrigens:
    Ich bin der Meinung, dass Ikea richtig gehandelt hat!

  4. @ Cosinus:

    Die angegebenen Todesfall-Zahlen verstehen sich nicht als absolut, sondern als pro rata 1 Million Einwohner.

    Und dass der spanische Lockdown Fallzahlen „erzeuge“, ist sowieso Unsinn, er geht damit einher (und ist seinerseits davon bedingt), das ist aber auch schon alles.

  5. @Cosinus
    Wenn die Todesrate höher als ca. 0,5-0,7% ist, kann man mit einer entsprechend hohen Dunkelziffer ausgehen. Nicht jeder Infizierte weiß von seiner Infektion oder läßt sich testen.

    SARS-CoV-2 ist ein „fieser“ Virus, der auch viele asymptotische Infektionen macht – auf der einen Seite ist das eine gute Nachricht, aber auf der anderen Seite sogar eine sehr schlechte Nachricht, da auch diese andere anstecken können.

    bzgl. Spanien, das ist doch selbsterklärend, wenn man den Lockdown lockert, daß dann die Infektion ansteigen können – ich denke hier spielt auch die Lebensart eine Rolle…auch wie man in einem Familienverbund lebt und das ist anders als hier in Deutschland…

    wir sind schon immer etwas mehr für „social distancing“ ;-)

  6. Heute bei „quer“:

    Schlafschafe“ gegen „Aluhüte“? Wie Verschwörungsglaube spaltet

    https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/quer/200923-quer-sendung100.html

    Das ist auch etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte, daß durch Corona, selbst so absurde Verschwörungstheorien, wie QAnon einen Aufwind bekommen…die nahe Zukunft wird noch „spaßig“…

  7. An alle Sprachwissenschaftler:

    Ich habe jetzt auf die Schnelle nichts im Internet gefunden, aber hat das deutsche Verb „lockern“ einen gleichen Wort-Ursprung wie das englische „to lock“.

    Beschämend muß ich zugeben, daß mir das jetzt zum ersten mal aufgefallen ist.

  8. @Ralf
    „Lockern“ und „to lock“ scheinen auch einen gemeinsamen Ursprung zurück zu gehen.

    https://www.dwds.de/wb/locker ←unser deutsches Adjektiv, von dem das Verb stammt

    https://www.etymonline.com/word/lock ←zur Herkunft des Verbs s. Etymologie n.1

  9. @ Cosinus:

    Wenn Sie die Fallzahlen in Schweden mit denen im viel bevölkerungsreicheren Deutschland vergleichen wollen, müssen Sie die schwedischen Zahlen mal acht nehmen. Bezogen auf eine gleich große Bevölkerung hat Schweden höhere Fallzahlen.

    Wie es dort weitergeht, ist so im Moment ungewiss wie bei uns.

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