gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

Neue Studie bestätigt: Viele Apotheker empfehlen völlig kritiklos Globuli

| 17 Kommentare

MedWatch und apotheke adhoc berichten heute über eine neue Studie, die im aktuellen Skeptiker (1/2018) vorgestellt wird.

Eine Arbeitsgruppe um Professor Dr. Tilman Betsch von der Universität Erfurt wollte wissen, ob Apotheker beim Thema Homöopathie nach den Leitlinien der Bundesapothekenkammer (BAK) und damit nach aktuellen wissenschaftlichen Kriterien beraten.

Die Ergebnisse weichen deutlich von der viel diskutierten Selbstdarstellung einer PTA ab, die im Januar bei DocCheck über dieses Thema bloggte, und bestätigen frühere pessimistischere Einschätzungen.

In 14 von 100 Beratungen boten [Apothekenmitarbeiter] neben anderen Präparaten auch homöopathische Mittel aktiv an, ohne dass die Kundinnen hiernach fragten, schreiben die Wissenschaftler. Aber auch gut jeder zweite Apothekenmitarbeiter, der aktiv keine homöopathischen Präparate empfohlen hatte, erklärte auf eine anschließende Nachfrage, diese seien eine „Alternative“,

fasst MedWatch die Studie zusammen:

In lediglich 5 der 86 Fälle, in denen die Kundinnen von sich aus in Sachen Homöopathie nachfragten, wurden sie darauf aufmerksam gemacht, dass eine Wirkung von Homöopathika empirisch nicht nachgewiesen ist. „In 19 Fällen wurde sogar behauptet, dass die Wirkung homöopathischer Präparate durch klinische Studien eindeutig bewiesen sei“, schreiben die Forscher – in elf weiteren Fällen verwiesen die Apothekenmitarbeiter auf einen Nachweis durch „Erfahrungswissen“.

Die Studien-Autoren konstatieren einen „(Weiter)-Bildungsbedarf bei vielen Apothekern“.

Das gedruckte Skeptiker-Heft kann hier bestellt werden. Einzelseiten sind online hier verfügbar.

Zum Weiterlesen:

  • Das Geschäft mit den Globuli: Wird in deutschen Apotheken evidenzbasiert beraten? Skeptiker 1/2018
  • Homöopathie: „Bildungsbedarf bei Apothekern“, apotheke adhoc am 20. März 2018
  • Check zur Homöopathie-Beratung: Apotheken verschweigen Stand der Wissenschaft, medwatch am 20. März 2018
  • Ein Apotheker versucht, sein „Bachblüten-Dilemma“ zu erklären, GWUP-Blog am 14. Februar 2018
  • Globuli und Pharmazie – eine Liebesgeschichte? blooDNAcid am 4. Juni 2013
  • Homöopathie in der Pharmazie – eine Bestandsaufnahme; Teil 1 und Teil 2, blooDNAcid am 8. Oktober und 5. November 2012
  • Apotheken zwischen Gesundheit und Geschäft, Susannchen braucht keine Globuli am 10. März 2018

17 Kommentare

  1. als Betroffener kann ich euch sagen:
    DIE LEUTE WOLLEN ES NICHT HÖREN

    wenn man ausschließlich evidenzbasiert berät (wie ich es zumindest versuche) hat man deutliche wirtschaftliche Nachteile. Eine ganze Gruppe von Kunden kommt dann nicht mehr und holt auch ihre verordneten Medikamente wo anders. Breit verteilt über die Bevölkerung, so dass die schlechte Meinung über deinen Laden auch schön streut….

    Und nur besser fühlen zahlt auch keine Rechnungen.

  2. Mir ist auch schon öfter aktiv Homöopathie angeboten worden, obwohl ich ganz genau wusste, welches Medikament ich wollte. Ist das legal? Kann man sich da an einer zuständigen Stelle über die Apotheke beschweren?

  3. @ ApoMi:

    „wenn man ausschließlich evidenzbasiert berät (wie ich es zumindest versuche) hat man deutliche wirtschaftliche Nachteile. Eine ganze Gruppe von Kunden kommt dann nicht mehr und holt auch ihre verordneten Medikamente wo anders. Breit verteilt über die Bevölkerung, so dass die schlechte Meinung über deinen Laden auch schön streut….“

    Habe ich mit meiner Praxis alles durch. Hat mich auch an den Rand der Insolvenz gebracht. Und nun kommen immer mehr neue Patienten zu mir, die einen kritischen Arzt zu schätzen wissen.

    Man muss nur einen langen Atem haben, dann funzt das auch. Und das Schöne ist: ich kann immer noch jeden Tag in den Spiegel schauen, ohne zu kotzen. Kannst Du das auch von Dir behaupten?

  4. @Schnute
    Nein, beschweren kann man sich eher nicht – je nachdem, wie es ablief.

    Wenn Sie mit einem konkreten Wunsch kommen, dann ist es schon Aufgabe, diesen auch zu hinterfragen. Man darf auch Alternativen anbieten – auch unechte, wie Homöopathika; denn Homöopathika gelten rechtlich als echte Arzneimittel.

    Wenn Sie das Gefühl hatten, dass man Ihnen unbedingt etwas aufschwätzen wollte, können Sie sich natürlich entweder an den Inhaber wenden und sich über den Mitarbeiter beschweren oder aber, falls es denn der Inhaber selbst war, eine Beschwerde an die zuständige Apothekerkammer senden.

    Aber wie gesagt, wenn es nicht an Nötigung oder Belästigung grenzte, liegt die Empfehlung eines Homöopathikums im Ermessensspielraum der Apothekenmitarbeiter.
    Sie können natürlich auch durch einen Gang zur Konkurrenz selbst die Apotheke abstrafen.

  5. Was Schnute sagt, ist natürlich nicht zu unterschätzen. Aber wenn man den Mist wegkriegen will, muss überall angesetzt werden – auch in Apotheken. Aufklärung und Weiterbildung ist sicher ein Part, aber Freiwilligkeit funktioniert meiner Ansicht nach da nur begrenzt.

  6. @ noch’n Flo

    ich kann immer noch jeden Tag in den Spiegel schauen, ohne zu kotzen. Kannst Du das auch von Dir behaupten?

    Eine Portion weniger Selbstgerechtigkeit würde dir ganz gut zu Gesicht stehen.

    Meine Frau ist auch Apothekerin und ist entschieden gegen Homöopathie/Bach/Schüßler. Sie berät deshalb auch nie aktiv in diese Richtung, gibt aber auf Wunsch das Mittel her. Wenn jemand fragt, weist sie auf die fehlenden Wirksamkeitsbelege hin. Mehr geht nicht.

    Es ist im Apothekenalltag kaum Zeit, ausführliche Erklärungen zu liefern und Grundsatzdiskussionen zu führen, wenn in der Schlange dahinter zig Leute warten.

    Da tut sich ein Arzt bei einem Vieraugengespräch im Behandlungszimmer deutlich leichter.
    Außerdem unterliegen Apotheken dem Kontrahierungszwang.

  7. @ RainerO:

    „Eine Portion weniger Selbstgerechtigkeit würde dir ganz gut zu Gesicht stehen.“

    Warum? Sie hat mich schliesslich eine Menge gekostet.

    „Es ist im Apothekenalltag kaum Zeit, ausführliche Erklärungen zu liefern und Grundsatzdiskussionen zu führen, wenn in der Schlange dahinter zig Leute warten.“

    Wieso? Es schadet doch nicht, wenn die die Informationen auch mitbekommen.

    „Außerdem unterliegen Apotheken dem Kontrahierungszwang.“

    Was das einzige Argument ist, warum sich Kügelchen überhaupt in einer Apotheke befinden dürfen. Aber niemand verbietet Dir, auf die Fläschchen einen grossen Warnaufkleber (so à la Zigarettenschachtel) zu pappen, auf dem bspw. steht: „Warnung! Unwirksamer Müll! Sie als Patient werden damit vom Hersteller nach Strich und Faden beschissen!“

  8. @ noch’n Flo
    Ein Apotheker mit deinem Auftreten wäre entweder innerhalb kürzester gefeuert, oder als Besitzer pleite.

    Ich bleibe dabei: Als Arzt tust du dir mit Aufklärung viel leichter, als als Apotheker. Ich frage mich, wie viel Ahnung du vom Betrieb in einer Apotheke hast, wenn ich mir ansehe, was du dir vorstellst dort machen zu können. Warnaufkleber anbringen kann ja nicht wirklich dein Ernst sein. Hast du das eigentlich zu Ende gedacht, bevor du das hingeschrieben hast?

    In der Apotheke, in der meine Frau arbeitet, ist das Esozeug in eine Ecke verbannt und wird nicht aktiv beworben. Aber es ganz wegzuräumen wäre der Tod dieser Apotheke. Bis sich das bei den Esoterikgegnern (da überschätzt du vermutlich deren Anzahl deutlich) herumgesprochen hat und diese in eine Apotheke am Stadtrand pilgern, muss sich meine Frau einen neuen Job suchen.

    Glaub mir, der Traum meiner Frau ist eine esoterikfreie Apotheke. Derzeit könnte man sich das aber nur als Liebhaber- oder Abschreibungsprojekt eines Multimillionärs leisten.

  9. Der Kontrahierungszwang ist nicht der einzige Grund, warum Homöopathika in der Apotheke stehen dürfen.

    Sie gelten nach deutschem Recht (leider) immernoch als Arzneimittel und apothekenpflichtig (manche auch verschreibungspflichtig – wobei man sich fragen muss, ob das nicht eher (Phyto)pharmaka sind). Daher dürfen sie NUR in der Apotheke stehen.

    Weiterhin handelt es sich um apothekenübliche Waren – noch ein Grund, der es erlaubt, sie anzubieten.

    Dass das aus Sicht von uns Skeptikern eher suboptimal ist, ist geschenkt.

    Nun bin ich kein Arzt, aber ich habe immer das Gefühl, dass die in Deutschland zumindest nicht so mit der Konkurrenz zu kämpfen haben. Wenn man sich da bei Patienten etwas unbeliebt macht, wenn man aktiv was gegen Homöopathie tut, sollte das leichter zu verschmerzen sein, als wenn man Kunden vergrault, die dann eben in eine (der) andere(n) Apotheken vor Ort gehen oder halt im Netz bestellen.

  10. Anderswo sind die Apotheken auch nicht besser:

    Homeopathic code of ethics ignored

    https://www.newsroom.co.nz/2018/03/25/99243/homeopathic-code-of-ethics-ignored#

  11. @ Christian Becker

    Der Kontrahierungszwang hat erstmal gar nichts mit Homöopathie zu tun. Er zwingt Apotheker nur dazu, diese abzugeben, wenn ein Patient mit einem Rezept kommt. Das gilt aber auch für echte Medikamente.

    Es gibt nur sehr wenige, eng gesteckte Ausnahmen (Verdacht auf Missbrauch, offensichtliche Irrtümer), in der ein Apotheker eine Abgabe verweigern darf.

  12. @RainerO

    Schon klar. Wollte nur den Beitrag von Flo richtigstellen, dass der Kontrahierungszwang der einzige Grund ist, aus dem Homoöpathie in der Apotheke stehen darf.

    Kontrahierungszwang zusammen mit der Maßgabe, dass Rezepte innerhalb einer angemessenen Zeit ausgeführt werden müssen, ergibt fast zwangsläufig die Anwesenheit homöopathischer Mittel in der Apotheke, insbesondere wenn man Ärzte in der Nähe hat, die den Kram aufschreiben.

    Wobei ich mich gerade frage… wenn ein Homöopathikum aufgeschrieben ist, ist das dann nicht per se ein offensichtlicher Irrtum? :D

  13. Frage an einen Medizinrechtler:

    Wenn also ein Arzt ein Privatrezept über ein Homöopathikum ausstellt, dann hat der Apotheker zu liefern. Soweit, so eindeutig. Unmittelbar vorhalten muß der Apotheker es aber nicht (Verordnung über den Betrieb von Apotheken (Apothekenbetriebsordnung – ApBetrO: § 15 Vorratshaltung).

    Kann sich der Apotheker generell weigern, ein Homöopathikum zu bestellen, wenn ein Patient ohne Rezept zu ihm kommt und danach begehrt?

  14. Was hindert eigentlich eine Apotheke daran, sich einen Schrank mit braunen Fläschchen, in denen Zuckerkügelchen sind, zu füllen und nach Bedarf des Kunden bzw. des Rezeptes Aufkleber zu drucken und draufzubappen? Kann doch sowieso keiner nachweisen, was drin ist oder mal drin war.

  15. @ Doris Köhler: Hat es tatsächlich vor ein paar Jahren gegeben – leider ist mir die Quelle abhanden gekommen, war aber in Bangladesch im großen Stil. Keine Ahnung, wie es herausgekommen ist!

  16. @borstel

    Ich bin kein Medizinrechtler, nur Apotheker. :D

    Der Kontrahierungszwang gilt nur für Rezepte, wie du ja selbst beschrieben hast.

    Will jemand ohne Rezept ein Homöopathikum (oder was auch immer) haben und es ist nicht an Lager, kann man die Bestellung verweigern – da darf man ausnahmsweise ganz Kaufmann/ -frau sein.

    Es gibt keinen Anspruch darauf, dass man für Kunden Ware bestellt.

    Macht natürlich einen schlechten Eindruck und könnte dazu führen, dass besagter Kunde sich eine andere Apotheke sucht.

  17. @ Christian Becker: Danke!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.