Skepkon 2013: Fakt und Fiktion in der Sexualität

Wenn man etwas über Sex-Mythen herausfinden will, gibt es mehrere Möglichkeiten.

Man kann zum Beispiel eine wissenschaftliche Studie konzipieren.

Oder einfach die eigene Großmutter fragen.

Jessica Bahr hat beides getan.

Für ihre medizinische Doktorarbeit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) vergrub sie sich in eine umfangreiche Literaturrecherche (“keine Feldforschung im Schlafzimmer”).

Parallel dazu wollte sie von ihrer Oma wissen, wie diese lebenserfahrene Dame aus einer anderen Generation bestimmte Mythen der Sexualität einschätzt.

Das Ergebnis trug Jessica Bahr bei der Skepkon 2013 in Köln vor.

SkepKon2013 (153 von 157)-XL

Dass Bahrs Doktorvater “Dr. Sommer” heißt, setzte das Thema aufs richtige Gleis – denn trotz vier Jahrzehnten Bravo, Sexualaufklärung im Schulunterricht und einem Internet voller Sex leben die Mythen rund um das Thema Sexualität weiter.

(“Dr. Sommer” ist in unserem Fall übrigens Frank Sommer vom Institut für Männergesundheit am UKE, der “weltweit einzige Mediziner mit einer Professur für Männergesundheit.”)

Exemplarisch stellte Bahr vier Sex-Mythen und deren wissenschaftliche Analyse vor:

  • Konsumieren Männer mehr und häufiger Pornografie als Frauen?
  • Ist die Libido der Frau in der Schwangerschaft abhängig vom Trimester?
  • Sind attraktive Menschen fruchtbarer?
  • Haben nur Männer sexuelle Fantasien mit zwei und mehr Partnern?

Zunächst wies die Skepkon-Referentin auf verschiedene Probleme bei der Untersuchung solcher Fragen hin.

Es gebe zum Beispiel nur wenige Studien mit einer ausgewogenen Anzahl von männlichen und weiblichen Probanden, außerdem sei das Probandenkollektiv häufig sehr jung – was möglicherweise einen Auswahl-Bias hervorbringe, also eine verzerrte Stichprobe, die nicht repräsentativ für die Gesamtheit ist.

Nichtsdestotrotz war Frage 1 schnell beantwortet: Ja, es gibt statistisch signifikante Ergebnisse dafür, dass Männer mehr Pornografie konsumieren als Frauen.

So weit, so wenig überraschend.

Und auch die Großmama ging damit völlig konform:

Na ja, Pornos machen Männern schon mehr Spaß als Frauen. Aber warum wollten wir daran keinen Spaß haben?”

Auch Letzteres bestätigte sich bei Bahrs Recherchen, denn sowohl Männer als auch Frauen berichteten über mehr positive als negative Effekte beim Konsum von pornografischem Material.

Ähnlich ging es bei Frage 2: Ist die Libido der Frau in der Schwangerschaft abhängig vom Trimester?

Eine Studie aus Brasilien erbrachte, dass im zweiten Trimester die wenigsten sexuellen Funktionsstörungen auftreten und jugendliche Schwangere generell in allen Trimestern mehr Sex haben als ältere.

In London fanden Forscher eine abnehmende Tendenz der Koitusfrequenz im Verlauf der Schwangerschaft heraus.

Und eine Metaanalyse deutscher Wissenschaftler kam zu dem Ergebnis, dass Befragte, die sich in ihrer Beziehung wohl fühlen, in allen Trimestern der Schwangerschaft mehr sexuelle Kontakte haben. Befragte, die sich attraktiv fühlen, übrigens auch.

Bahrs lapidares Fazit:

Das hätte mir meine Oma auf Nachfrage auch mitgeteilt.”

(Was tatsächlich passierte: “Oma verdrehte die Augen und wandte sich interessanteren Themen zu”.)

Erst bei Frage 3 kam die Großmama etwas ins Grübeln: Sind attraktive Menschen fruchtbarer?

In der Tat ist das nicht ganz leicht zu beantworten.

Denn “Attraktivität” ist schwer zu messen und “Fruchtbarkeit” nicht leicht zu definieren (Anzahl der Kinder?).

Dementsprechend widersprüchlich sind die Studien dazu.

Prof. Boguslaw Pawlowski (Polen), der laut Wikipedia von der “Women’s body morphology” über die “Female voice frequency” bis hin zur “Female breast size attractiveness” anscheinend das weibliche Wesen komplett vermessen und kartografiert hat, fand 2009 “keine Korrelation zwischen Attraktivität und Anzahl der Kinder”.

Dagegen will Markus Jokela von der University of Helsinki ebenfalls im Jahr 2009 sehr wohl einen Zusammenhang entdeckt haben. Demnach hätten attraktive Menschen durchschnittlich mehr Kinder als weniger attraktive oder auch sehr attraktive Menschen.

Nun ja – wie gesagt sei auch Oma bei diesem Problem unschlüssig, erzählte Jessica Bahr. Sie …

… ist selbst eine attraktive Frau, mit drei attraktiven Söhnen, hat aber leider insgesamt nur drei attraktive Enkel. Wie konnte das passieren?”

Und wie sieht es nun mit den sexuellen Fantasien aus?

Hier verwies Bahr auf die Studie “Power, Desire, and Pleasure in Sexual Fantasies” von 2004.

Darin heißt es, die männlichen Probanden hätten in Fragebögen häufiger sexuelle Interaktionen mit mehreren Sexualpartnern und zusätzlich “explizitere Fantasien” beschrieben.

Aber auch bei Frauen …

… konnte eine Korrelation zwischen sexuell expliziten Vorstellungen und einer Interaktion mit multiplen Partnern festgestellt werden.”

Oma berief sich bei der Frage nach sexuellen Interaktionen mit zwei oder mehr Partnern übrigens auf ihr Recht zu schweigen.

Allerdings kann man dieses vermeintliche Mysterium auch bei der “Jungs- und Mädchenfrage” bei jetzt.de nachlesen, und zwar authentisch und detailliert.

Vollständige Aufklärung konnte Jessica Bahr den Skepkon-Teilnehmern also nicht zuteil werden lassen, was nicht zuletzt auch an den wenigen und zum Teil methodisch fragwürdigen Studien auf diesem Gebiet liegt.

In der Zeit wird Bahr zum Thema Sex-Mythen so zitiert:

Stimmen sie wirklich? Oft gibt es nicht nur die eine, klare Antwort. Denn im Sex gibt es viele Variationen – und die sind alle gut und normal. Es kommt darauf an, Verschiedenes auszuprobieren und herauszufinden, was einem Spaß macht. Das ist eine der Erkenntnisse meiner Doktorarbeit. Ihr Mehrwert ist also eher gesellschaftlich als wissenschaftlich.”

Update: Am 17. Juni 2014 gab es den Vortrag auch bei “Außer Sinnen” in Nürnberg:

Zum Weiterlesen:

  • Was machen Sie da, Frau Doktor? Zeit-Online am 11. November 2012
  • Skepkon: Nazis über uns? Der Mythos Neuschwabenland, GWUP-Blog am 19. Mai 2013
  • Skepkon: Parawissenschaften als gesellschaftlich akzeptierte Parallelwissenschaften, GWUP-Blog am 19. Mai 2013
  • Skepkon: Globuli und Pharmazie – eine Liebesgeschichte? GWUP-Blog am 19. Mai 2013
  • Die Homöopathie-Lüge oder Wie wirksam ist ein Buch? GWUP-Blog am 18. Mai 2013
  • GWUP-Konferenz-Rückblick: Vorsicht Seelenpfuscher! GWUP-Blog am 18. Mai 2013
  • GWUP-Konferenz-Rückblick: Pseudomedizin bei Autismus, GWUP-Blog am 18. Mai 2013
  • GWUP-Konferenz-Rückblick: Der Publikumstag 2013, GWUP-Blog am 13. Mai 2013
  • Skepkon 2013: Alle Vorträge

2 Kommentare zu “Skepkon 2013: Fakt und Fiktion in der Sexualität”


  1. 1 Ralf 21. Mai 2013 um 23:08

    Noch kein Kommentar zu dem Sex-Thema? – Dann stimmt es also doch, daß Skeptiker “Nerds” sind, die keinen Sex haben…;-)

  2. 2 Dalek 18. Juni 2013 um 07:39

    Also ich würde hier allzu gern etwas zum Thema Fantasien und Ähnliches schreiben, aber es könnte angesichts der Konterfeis der nicht unattraktiven Vortragenden vielleicht falsch gedeutet werden. Ergo: Stille im Sinne der Political Correctness :-)

Kommentieren




Sie können unsere Arbeit für Wissenschaft und kritisches Denken und gegen "alternative Fakten" durch eine Spende unterstützen:



Wir freuen uns auf Ihre Unterstützung und bedanken uns im Voraus,

Ihr GWUP Team

Neu: Skeptiker 4/2017

Archiv