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Skeptiker 2/2012: Ins Gesicht geschrieben?

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Selbst mit einem guten Anlageberater ist jeder Aktienkauf ein Risiko. Ein Unternehmen, das derzeit gut dasteht, muss eventuell schon in einigen Monaten ums Überleben kämpfen. Aber gibt es denn gar keine einfache Methode, erfolgreiche Firmen zu erkennen? Doch, halt! Wenn man aktuelle Studien weiterdenkt, braucht es dazu wenig mehr als ein Foto vom CEO und ein Zentimetermaß. Denn Männer mit breitem Gesicht sind unter bestimmten Bedingungen die besseren Manager – soweit jedenfalls die Studien.

Bedeutet dies den wissenschaftlichen Ritterschlag für die Psycho-Physiognomik, die aus Körpermerkmalen den Charakter ableiten will? Ihre Verfechter müssen sich bekanntlich immer wieder den Vorwurf der Pseudowissenschaftlichkeit gefallen lassen. Warum es auch nach den neuen Studien nicht besser aussieht für die Schädeldeuter, erklärt Prof. Uwe Kanning, Wirtschaftspsychologe von der Hochschule Osnabrück, im neuen SKEPTIKER 2/12

Worum geht es? Zunächst einmal um das Verhältnis von Gesichtsbreite und –höhe. Michael P. Haselhuhn und Elaine Wong  (2011) gaben im Versuch ihren Probanden die Möglichkeit, bei einem Rollenspiel die Verhandlungspartner übers Ohr zu hauen. Tatsächlich neigten unter den Männern diejenigen mit einem breiten Gesicht besonders häufig zu solch unethischem Verhalten. In einem zweiten,ähnlichen Versuch verschwand der Effekt zwar wieder, dafür zeigten sich Zusammenhänge zwischen Gesichtsbreite und Machterleben. Kanning:

Zusammenfassend konnte mithin gezeigt werden, dass männliche Probanden sich selbst umso machtvoller erleben, je breiter ihre Gesichter sind und dass sie umso eher unethisches Verhalten zeigen.

Nicht zu vergessen die Sache mit den erfolgreichen Managern. Wong und Haselhuhn fanden gemeinsam mit Margaret Ormiston einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Gesichtsbreite des Vorstandsvorsitzenden und dem Umsatz. Zumindest in Unternehmen mit intellektuell weniger anspruchsvollen Führungskräften, denn die lassen sich angeblich leichter von einem dominanten Chef beeinflussen.

Nur: Wie findet man den  intellektuellen Anspruch von Führungskräften überhaupt heraus? Durch eine sprachliche Analyse von Briefen an die Aktionäre, wie Wong, Ormiston und Haselhuhn sie versucht haben? Wohl kaum, merkt Kanning an, schließlich hat bei solchen Schreiben die PR-Abteilung ordentlich mitzureden. Auch die Sache mit den Fotos weckt sein Misstrauen: Wer weiß schon, wie realitätsgetreu die veröffentlichten Bilder sind?

Darüber hinaus meldet der Wirtschaftspsychologe generelle Zweifel an: 

Ist es tatsächlich realistisch anzunehmen, dass die Persönlichkeit einer einzelnen Spitzenführungskraft eines Großkonzerns die Geschicke der Organisation maßgeblich beeinflusst? Handelt es sich nicht vielmehr um ein sehr komplexes Geflecht aus Kompetenzverteilungen, situationsspezifischen Verhaltensweisen, Beeinflussungs- und Entscheidungsprozessen sowie wirtschaftlichen Fakten, in dem der einzelnen Persönlichkeit nur eine vergleichsweise geringe Bedeutung zukommt?

Überhaupt müsse es sich bei all dem nicht unbedingt um kausale Zusammenhänge handeln. Vielleicht hängen Gesichtsbreite wie auch Erfolg von weiteren, bisher noch nicht berücksichtigten Variablen ab. Auf jeden Fall seien noch umfangreiche Forschungen notwendig. Doch selbst wenn sich die Befunde dabei erhärten würden, sähe es für die Schädeldeuter noch immer finster aus:

Die Studien überprüfen nur ein einziges physiognomisches Merkmal – die Gesichtsbreite. Die Psycho-Physiognomik stellt demgegenüber für hunderte von Merkmalen Interpretationen auf. Pikanterweise wird die Gesichtsbreite dabei komplett ignoriert.

Den kompletten Artikel lesen Sie im neuen SKEPTIKER 2/2012. Dort finden Sie auch ein Interview mit dem Personaler Rouven Schäfer über die Rolle von Gesichterlesen und ähnlichen, unseriösen Auswahlmethoden im Recruiting.  

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Zum Weiterlesen:

 

Autor: Inge Hüsgen

Redaktionsleiterin Skeptiker - Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken

3 Kommentare

  1. Ich wundere mich!
    Worüber?
    Darüber, dass zu diesem interessanten Bericht noch nicht ein einziger Kommentar geschrieben wurde. Hat denn niemand eine Meinung zu dem Artikel?

  2. Wer sich für Gesichter und deren Ausstrahlung sowie Ausdruck interessiert (und wer tut das nicht), dem könnte auch die Dokumentation von sat3 „Rätselhafte Mimik – der menschliche Lügendedektor!“ zusagen. Wird zur Zeit mehrmals wiederholt. Oder einfach mal auf die Seite von sat3 gehen…

    Nicht immer trifft die Aussage von Oscar Wilde zu („Das Gesicht ist das Buch eines Lebens“), aber erstaunlich oft!

  3. Hier noch ein interessanter Beitrag:

    „Was steht uns ins Gesicht geschrieben?
    Mit künstlicher Intelligenz wollen Firmen und Forscher die sexuelle Orientierung eines Menschen, seine Emotionen und eine etwaige kriminelle Neigung am Gesicht ablesen. Doch gelingt das wirklich?“

    https://www.spektrum.de/news/emotionen-kriminalitaet-und-charakter-was-kann-gesichtserkennung-aus-dem-gesicht-lesen/1629144

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